Wenn Andreas Greiner jun. nach einem langen Büroarbeitstag nach Hause kommt, verwandelt sich sein Wohnzimmer in Leipzigs entspanntestes Deephouse-Wellness-Hangout. Als Frankman hat er für sein eigenes Label FM und Draft schon so manche zuckersüße Perle aus seiner Wohnung in die Welt gesendet. Jetzt hat er sein Debutalbum fertig gestellt.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 64

Leipzig ist eine Insel, Genügsamkeit ist eine Tugend, ein 40 Stunden-Bürojob eine sichere Bank. Und Deephouse ist Feierabendzerstreuung? Nein, Deephouse ist Feierabendkomprimierung. Wenn man abends, nachts zwei drei Mal die Woche im Studio die Geister ruft, die einem wispernd die Tasten drücken, die Mouse führen und eine Sängerin herbeischneien, dann kann man das Lebensempfinden seiner Hörer viel fundamentaler verdichten, als wenn man – sagen wir mal – Zinnfiguren bemalen würde.

Andreas Greiner jun. aka Frankman ist als Produzent, DJ und mit seinem Label “FM” neben Gamat 3000 der berühmteste Deephousesohn der Stadt Leipzig. Gut, dass er Musiker ist, als Schriftsteller müsste er sich mit Goethe, Lessing, Klopstock und Jean Paul messen, die alle in Leipzig studiert haben. So kann er es ohne übermächtige Schatten ganz gelassen angehen. Vielleicht liegt die Gelassenheit auch daran, dass er diesen Bürojob hat? Zumindest redet er über seine Feierabendkunst so, als würde er doch nur Zinnfiguren bemalen.
Frankman: “Ich hatte angefangen, mit eigenen Produktionen rumzuwerkeln. Dann stand ich vor der Frage, was mach ich jetzt damit? Losziehen und Klinken putzen wollte ich nicht wirklich. Also das eigene Label. Das Label ist just for fun. Ich habe einen 40-Stunden-Job, im Büro. Ich habe den Rücken finanziell frei. Es hat für mich Freizeitentspannungscharakter. In vier Jahren sind zehn Eps erschienen …”
Macht er aber nicht, Zinnfiguren bemalen mein ich jetzt, sondern hat in dieser Zeit einen Reigen von Tracks veröffentlicht, die in ihrem knackigen Understatement Deephouse von allem Plüschigen befreit haben und gerade deshalb wieder glaubwürdig das Stimmungsdaunenbett ausbreiten können. Eintragsverdächtig in Meyers Kulturlexikon zumindest die “Unterzucker”-EP (FM 3) und der Remix von Lorenzos “Love is dangerous” (Draft 020).

Zahlenalchemie

Jetzt hat er ein Album gemacht: “Different Divides”. Und da verkehrt sich die stilistische Mengenverteilung, die für seine EPs gilt. Auf den EPs stehen sich House und Downtempo 2 zu 1 gegenüber, auf dem Album 1 zu 2. Das bedeutet weitaus mehr als Statistikhuberei. So nah sich House und Downtempo im Frankman-Universum sein mögen – stupende belegt durch die Instrumentalversion des Vocaltracks “My Inspiration” als FM-EP, der allein durch den Wegfall des Gesangs über die Stilgrenze hopst – , so sehr rufen sich beide Genres differente Hörer herbei. Downtempo ist gesetzte Musik für gesetzte Gemüter. Deephouse ist gesetzte Musik für labile Gemüter. Das ist eine diametrale Gegenüberstellung. Downtempo ist illustrierende Tapete, Deephouse die fürsorgliche Mutter. Frankman ist mit dem Album also schwerpunktmäßig bei der illustrierenden Tapete angelangt. Aber wenn man in einer gesetzten Stadt mit einem gesetzten Job gesetzte Musik für gesetzte Gemüter produziert, dann ist das in der Potenzierung schlicht: radikal. Leipzig kann man sich nur vorstellen als Puppenstadt aus Kopfsteinpflaster und Fachwerkgiebeln. Gemüt stabreimt sich gar sehr auf Gemütlichkeit. Aber die vierfache Zuspitzung von “gesetzt” reißt Löcher in die Tapete, hinter der das somnambule Ungewisse greifbar wird, und die Gemütlichkeit fängt an zu frieren (danke, Franz Josef Degenhardt). Dagegen ist jede großstädtische Hysterieprovokation (Electroclash; die allerletzte Erwähnung) plumpes Affentheater. Man muss erst mal so viel nonchalantes Treiben in genügsamer Schönheit, der nichts ferner liegt als glam-iges Schillern, aushalten können. Und wenn erst Patricia “Zita” Sommer, das herbeigeschneite Sangeskristall, die Stimme fließen lässt in all dem Anti-Gemütlichkeits-Gemütsfluss, dann ist Frankman da angekommen, wo er im Houserahmen nur ahnend sich nähern konnte: Die Welt schaudernd im Bannstrahl der Schönheit an den Abgrund zu zerren, hinter die Tapete, die perfekte Umsetzung von Franz von Stucks “Die Sünde”.
So viel teuflische Verführung hat es an der Schnittstelle von House und Downtempo nie gegeben. Seid verloren – oder rettet euch hinter die Zinnfiguren.

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Elektronische Lebensaspekte.