Eigentlich hat er in Amerika Printdesign studiert, aber als er Mitte der Neunziger mit typospace.com im Netz startete, überraschte er alle mit seinem Cutting-edge-Online-Design. Mittlerweile kolportiert er im Netz kreativen Stillstand, hat Meta-Design Berlin und Method SanFranciso hinter sich gelassen und lebt bei seinen Eltern in Darmstadt. Der Zug der Zeit?
Text: björn hansen aus De:Bug 58

Realitäten des Webdesigns
Thomas Noller

DeBug: Wo befindest du dich gerade?

Thomas Noller: In Darmstadt, bei meinen Eltern.

DeBug: Als ich ca. 1997 das erste Mal die Version 1.2 von Typospace sah, war ich ziemlich beeindruckt. Die Site war gestalterisch und technisch sehr aufwändig. Wie gehst Du heute mit Typospace um? Was hat sich geändert?

Thomas Noller: Die Site hat sich in den letzten 2 Jahren kaum verändert. Einmal, weil ich von Grund auf ein fauler Mensch bin, zum Zweiten, weil ich ziemlich viel beruflich mit Method zu tun hatte, zum Dritten, weil ich in New York mein Powerbook mit allen Daten und Updates im Taxi liegenließ (und niemals wieder sah) und zu guter Letzt, weil ich mich gefragt habe: was soll das eigentlich alles noch?

DeBug: Wenn man heute Typospace besucht, gelangt man auf die Seite “taking a break”. Könntest du uns mehr darüber sagen?

Thomas Noller: Ich finde, dass das gegenwärtige Webdesign zu einem kreativen Stillstand gekommen ist. Man hat vor ein paar Jahren Flash entdeckt und jeder von Praystation bis Yugop schreibt immer aufwendigere Codes, die immer inhaltsleerer erscheinen. Joshua Davis, z.B., den kenne ich schon sehr lange. Wir haben 1995 zusammen in einem schäbigen Büro gesessen und für unsere damalige Schule gearbeitet (Pratt Institute in New York). Da waren wir beide noch völlig unbekannt. Das ist ein ganz interessanter Typ, mit einem sehr interessanten Lebenslauf. Ich fände es viel interessanter, wenn der mal was über sein Leben machen würde, als noch eine Version von sich überlagernden Farbflächen.
Was ich sagen will ist: je älter man wird (und mit 37 gehöre ich ja schon zum alten Eisen), um so mehr sucht man nach den menschlichen, persönlichen, emotionalen Aspekten und um so uninteressanter werden diese Code-Kindereien. Ich finde, dass das sogenannte Cutting-Edge Webdesign furchtbar langweilig, kalt, akademisch und in zunehmendem Maße uninteressant ist. Man kann zwar die technische Raffinesse bewundern, aber dahinter ist nichts. Keine Botschaft, keine Meinung, keine Gefühle. Das ist tatsächlich alles Oberfläche.

Thomas Noller: Ich habe einfach irgendwann den Sinn und Zweck von Typospace nicht mehr gesehen, obwohl die Leute mir ja nach wie vor Mails schicken und sich Sachen runterladen. Aber es gibt ja Hoffnung: Im Augenblick bin ich sehr angetan von dem, was Hires in London machen. Das ist konzeptionell und vom Design her sehr stark und die versuchen diesem Medium Emotion einzuhauchen, selbst wenn das vielleicht gar nicht möglich ist.

DeBug: MetaDesign und Method stehen ja durch den Wechsel einiger Mitarbeiter in einer gewissen Beziehung. Bei einem Neuanfang wirft man immer (wie bei einem Umzug) unnötigen Ballast über Bord. Was hast du über Bord geworfen als du zu Method gegangen bist?

Thomas Noller: Obwohl die zwei Jahre bei Meta eine tolle Zeit waren, hat mich am meisten enttäuscht, dass die Geschäftsleitung überhaupt keine Ahnung davon gehabt hat, was die da für ein Wahnsinns-Team haben. Mit diesen Leuten hätte man so viel bewegen können, aber das haben die nie geblickt, außer vielleicht Erik Spiekermann, der aber damals schon so gut wie ausgebootet war. Als Konsequenz hat sich dieses Team dann ja aufgelöst, weil da von der Geschäftsleitung zu wenig Anerkennung kam. Die andere Sache, die mich bei Meta immer total auf die Palme gebracht hat war, dass einfach zu viel gelabert und zu wenig gemacht wurde. Am “Ende” hatten wir fast mehr Projektmanager als Designer und 70% meiner Zeit ging für Meetings drauf, manchmal sogar Meetings, um Meetings anzusetzen. Da stimmte etwas fundamental nicht mehr.

Aber was “Ballast abwerfen” betrifft: Eigentlich nimmt man Erfahrungen eher mit, und dann stellt man fest, dass es woanders genauso ist. Bei Method gab es vergleichbare Probleme. Es kamen noch die unterschiedlichen Kulturen hinzu. In Deutschland ist man ja immer sehr ehrlich mit seiner Meinung. In Amerika, vor allem in Kalifornien, nicht so. Da waltet schon manchmal zu viel Vorsicht und eine falsche, weil vorgespielte, Achtung, und es ist eigentlich immer alles “great” und “fantastic”. Da fehlt dann schnell das Maß und wenn sowieso alles toll ist, strengt man sich auch nicht mehr so an.

DeBug: Was ist deine derzeitige Position und Aufgabe bei Method?

Thomas Noller: Auf meiner Karte steht “Director of Innovation”. Das klingt erst mal ganz toll, ist aber eigentlich ein Witz. Die hochtrabenden Titel bekamen wir, als es anfing bergab zu gehen. Wie ein Verdienstorden sozusagen. Der Krieg ist verloren, aber da ihr euch so tapfer geschlagen habt… Wenn es nach dem Alltag ginge, könnte da auch “Flash Designer”, “HTMLer” oder einfach “Designer” drauf stehen.

DeBug: Abgesehen davon, dass die aktuelle Jobsituation sehr schlecht ist würde mich interessieren, was ein Grund wäre, Method zu verlassen?

Thomas Noller: Die Gründe, warum ich jetzt erst mal eine Auszeit genommen habe, sind rein persönlicher Natur und haben mit Method eigentlich gar nichts zu tun. Aber wie immer, so gibt es eben auch bei Method interne Machtkämpfe und Profilierungsgehabe und aufgrund der schlechten Marktsituation stimmte die Bezahlung auch nicht mehr. Man darf sich vor allem nicht einreden lassen, dass es in einem Geschäftsverhältnis so etwas gibt wie eine “Familie”. Das ist fatal. Wenn der Zeitpunkt kommt, so wie jetzt mit der Marktlage, hören solche pseudo-familiären Verbindungen sehr schnell auf. Method ist da wie jede andere Firma, selbst wenn sein Ruf anders ist, was mich immer amüsiert. Es gibt immer genügend Gründe, jemanden zu verlassen.

DeBug: Wodurch wirst du am besten inspiriert?

Thomas Noller: Meistens von persönlichen Erfahrungen. Es gibt eine Handvoll Leute aus meiner Vergangenheit von denen ich sehr viel gelernt habe und die mich durch ihre Arbeit und ihre Persönlichkeit inspiriert haben. Einer davon ist unser ehemaliger Kollege Alexander Baumgardt (Gruß, wenn er das liest). An ihm habe ich immer seine Disziplin, seine Leidenschaft und sein Talent bewundert. Und ein wenig auch sein Durchsetzungsvermögen. Ich habe selten einen Gestalter getroffen, der mich mit jedem seiner Designs so überraschte, der immer etwas Neues schaffen konnte, dabei aber doch immer unverwechselbar seine Handschrift mit einbrachte.

DeBug: Was prägte Deine visuelle Sprache am meisten?

Thomas Noller: Das wechselt. Natürlich war das erste Typospace von so Leuten wie David Small oder Earl Rennison vom MIT geprägt. Deren Arbeiten waren sehr abstrakt und wissenschaftlich, aber dennoch sehr poetisch. Jetzt würde ich zu einem eher persönlichen Stil tendieren. Ich habe jetzt seit langem mal wieder angefangen, Fotos zu machen, persönliche Bilder aus dem Alltag, die ich irgendwie noch verwerten will. Aber im Großen und Ganzen tendiere ich zu einer Art reduzierten, visuellen Sprache. Da geht es immer darum sich zu fragen: was kann man noch wegstreichen? Muss das wirklich da sein, oder sage ich nicht dasselbe, wenn ich das auch noch wegnehme?

DeBug: Gibt es freie Projekte, die du nebenbei schaffst? Welche sind das und mit wem arbeitest du dabei zusammen?

Thomas Noller: Konkret gibt’s eigentlich nichts. Ich habe halt so ein paar Ideen wie diese Tagebuch/Foto Site, die ich jetzt langsam angefangen habe. Das geht so in die Richtung: mehr Persönliches, mehr Erfahrungen, weniger Code Zauberei. Das wird eine DHTML Geschichte – völlig Flash-Frei, ganz einfach, mit großem Schwerpunkt auf die Fotos. Dann habe ich noch einige kleinere Sachen vor. Vielleicht sogar ein Update von Typospace in der nahen Zukunft.

DeBug: Wo würdest du am liebsten leben?

Thomas Noller: Barcelona. Das ist für mich die perfekteste Stadt, in der ich bis jetzt war. Weltstädtisch, aber doch intim. Viel Geschichte und dennoch modern. Liegt am Meer, es ist meistens warm, tolle Architektur, Bars, Restaurants und Museen. Die Katalanen, die ja ein wenig “Deutsch” sind: sehr fleißig, eher verschlossen, aber dann doch eben südländisch. Und immer sehr elegant gekleidet (sogar die älteren Menschen). In der Stadtverwaltung herrscht ein sehr ausgeprägtes Schönheitsverständnis. Alles von der Architektur, über Straßenschilder, bis zum Erscheinungsbild städtischer und staatlicher Einrichtungen, passt da zusammen. Und Nou Camp ist das größte Stadion in Europa und der FC Barcelona einer der geilsten Fußball Clubs.

DeBug: Wirst du zurück nach Berlin kommen oder bleibst du in NY?

Thomas Noller: Ehrlich gesagt: weiß nicht. Im Moment bleibe ich in Deutschland, aber es kann jeden Augenblick weitergehen. New York, San Francisco, Berlin, Barcelona… oder vielleicht Darmstadt, meine Heimat? Das wird nämlich immer wichtiger. Heimat.

DeBug: Vielen Dank für das Interview…

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Elektronische Lebensaspekte.