Mit Dan Ghenacia in der Wiege der Pariser Afterhour
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 112


Nach dem French Touch kamen die Karat-Weirdos und die Pariser Headbanger. Daneben bleibt in Frankreichs Technoszene nicht viel Platz – zum Beispiel für Minimal. Darum kümmert sich Dan Ghenacia mit seinem Label Freak’n’Chic. Langsam dankt man es ihm auch im eigenen Land.

Die Wiege der Pariser Afterhour befindet sich auf einem alten Feuerwehrboot, das im Osten der Stadt, am Fuß der “Pont de Bercy“ vor Anker liegt. Noch zur Jahrtausendwende begann man den Sonntagmorgen dort, im “Batofar“, mit den “Kwality“-Parties von Dan Ghenacia. Der zunehmende Erfolg, neue Freunde und der steigende Bedarf nach einer Labelplattform für Releases führte schließlich 2003 zur Gründung von “Freak’n’Chic“. Die Veröffentlichungen belegen, dass Paris mehr zu bieten hat als Futter für den nächsten Elektrofashion-Trend. Inzwischen ist man in ein altes Theater in Belleville umgezogen.

Regelmäßig kommen für “Le Zebre“ mittlerweile internationale Gäste zu Besuch, wie zuletzt Guido Schneider, Magda oder Steve Bug. Hierzu haben vor allem Ghenacias DJ-Gigs in der ganzen Welt viel beigetragen. Seit mehreren Jahren ist er Resident auf Ibiza, zuletzt 2005 bei den “WeLove“-Sonntagen im “Space“. Nach fast vier Jahren geht es mit der Compilation “Rendez-vous“, einer Doppel-CD mit 12 Einzeltracks und einem Mix, nun darum, auch dem Nicht-DJ abseits vom Club einen Eindruck von herausragenden Newcomern wie Jamie Jones oder Marc Antona zu vermitteln. Überhaupt scheint Ghenacia ein Händchen für brachliegendes Talent zu besitzen.

De:Bug: Nach welchen Kriterien signst du neue Acts für “Freak’n’Chic“

Dan Ghenacia: Das geht vor allem über die Begegnungen. Ich glaube, ich könnte keinen Künstler auf dem Label haben, den ich nicht persönlich kenne. Es muss eine persönliche Beziehung bestehen, ein gemeinsamer Geschmack für die Musik und die grundlegende Idee, etwas gemeinsam machen zu wollen. Wir haben das Label nicht mit einem Business Plan gestartet, wenn du weißt, was ich meine. Vor drei Jahren ist unser Vertrieb “Venus” bankrott gegangen. Diese Katastrophe passierte ganz am Anfang, als ich mich gerade mit David Duriez von Brique Rouge zusammengeschlossen hatte. Bis dahin hatte ich mich allein um die Auswahl der Artists gekümmert. Wir haben uns dann auf Grund dieses Vorfalls getrennt, sind aber Freunde geblieben. Danach habe ich auch die Business-Seite in die Hand genommen, aber das war wirklich nicht das, was ich ursprünglich machen wollte.

De:Bug: Insbesondere eure neuen Veröffentlichungen gehen immer mehr in eine Minimal-Richtung. Dennoch haben alle Releases noch einen gemeinsamen House-Nenner.

Dan Ghenacia: Ja genau, die Wärme …

Modernisierter Anachronismus
De:Bug: Glaubst du, selbst die heutigen Releases kann man in dem Sinne immer noch als House bezeichnen

Dan Ghenacia: Es ist einfach die Fortsetzung davon. Wir versuchen ein bisschen unseren Anachronismus zu modernisieren. Es ist vor allem Musik mit Herz. Sicherlich existiert ein enormer Minimal- Einfluss. Ich spiele auch viel Minimal, aber ebenso spiele ich noch Deep House oder Techno. Wir mögen gerade diese Mischung. Es ist ein wenig “In den Tag hinein“-Musik. Trotzdem versuche ich aber den “style de la maison” beizubehalten. Als wir z.B. mit “Abusator” von Sweet Light einen Hit gelandet haben … das war eigentlich ein Scherz. Ich meine, das war ja fast Trance. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade angefangen, in den wirklich großen Clubs aufzulegen, und brauchte Musik, die ein wenig kraftvoller war. Ein Freund, Julien von Sweet Light, gab mir den Track und ich sagte: “Wow, genau richtig für die großen Clubs.“ Aber der damit einhergehende Erfolg war wirklich eine totale Überraschung. Schließlich ging es darum, die Zeit nach “Abusator“ zu managen. Denn es stand außer Frage, in diese Richtung weiterzumachen.

De:Bug: Bei „Freak’n’Chic“ kann man ja nicht sagen, dass es ein typisch französisches oder Pariser Label ist.

Dan Ghenacia: Weißt du, ich arbeite als DJ wesentlich mehr im Ausland als in Frankreich und bin gezwungenermaßen sehr beeinflusst von dem, was dort passiert. Sei es Ibiza, England, Italien – praktisch überall. Was ich ganz am Anfang vor allem mochte, war House aus den Staaten. Dazu kam dann die ganze Minimal-Bewegung aus Deutschland.

De:Bug: Wo solche Sounds aus Frankreich schon als außergewöhnlich wahrgenommen werden. Also eher ein “internationales“ Label

Dan Ghenacia: Voilà, kann man sagen, aber gleichzeitig bin ich eben auch Franzose (lacht). Das ist witzig, mein französischer Vertrieb hat mir genau dasselbe erzählt. Als sie die Compilation gehört haben, oder auch unsere 12″s davor, waren sie überrascht, weil sie etwas ganz anderes erwartet hatten. Dabei sind es im Wesentlichen französische Artists. Aber im Grunde genommen habe ich Frankreich für eine Weile schon ernsthaft abgelehnt. Ich habe vor allem auf Afterhours aufgelegt und das wurde hier nicht wirklich gerne gesehen. Diese Musik in der “Primetime“ zu spielen, hat aber nicht funktioniert. Ich habe mich damals einfach mit dem Rest von Europa zufrieden gegeben. Dafür wird Frankreich heute wieder interessant für mich und ich habe Lust wieder verstärkt hier zu arbeiten.

De:Bug: Nichtsdestotrotz stelle ich es mir schwer vor, in Paris Parties bzw. ein Label mit diesem musikalischen Schwerpunkt zu etablieren.

Dan Ghenacia: Meiner Meinung nach gibt es einfach nicht genug Clubs relativ zur Bedeutung und Größe der Stadt. Das funktioniert hier auch sehr periodisch mit sehr guten und sehr schlechten Phasen. Z.B. die Batofar-Epoche, das war fantastisch. Das Batofar wurde ja quasi als Reaktion auf den “French Touch”-Hype geboren, der uns nicht gefiel. Das Problem kommt am Ende von drei, vier Jahren; wenn man immer in denselben Clubs auflegt, fängt es irgendwann an, schlechter zu werden. Du legst woanders auf und dort wird es dann sehr schwer, weil die Clubs wenig flexibel und offen für Neues sind. Auf der anderen Seite hat man als musikinteressierter Partygänger auch nicht wirklich die Wahl. Trotzdem, wenn es hingegen mal eine starke Underground-Bewegung gibt, kann diese schnell sehr populär werden und die Leute zusammenbringen.

Man könnte sagen, ich habe irgendwann einfach reagiert, dagegengesteuert. Das ist ca. drei Jahre her. Meine Frau und ich haben damals gesagt: “Für uns existiert eigentlich kein Grund mehr, in Paris zu bleiben.“ Ich arbeitete jedes Wochenende woanders. Und wenn ich sonntags zurückkam, war es ein wenig deprimierend zu sehen, dass es nichts Derartiges in meiner Stadt gab. So waren wir kurz davor, nach Spanien zu ziehen. Aber dann haben wir gesagt: “Nein, wir geben Paris eine letzte Chance.“ Wir versuchten, eine “intimere“ Party am Sonntagabend zu organisieren, wo eben nicht die Musik aus der “Primetime“ gespielt würde, sondern das, was uns mehr am Herzen lag. So haben wir das “Le Zebre“ gestartet, von 7 Uhr abends bis ca. 1 Uhr morgens. Am Anfang habe ich meistens alleine gespielt. Aus dem Flugzeug raus und direkt in den Club zum Auflegen, manchmal sechs Stunden am Stück. Und Gott sei Dank hatte ich dann das Glück, Kollegen zu kennen, die große DJs waren und sind, wie Steve Bug und andere. Letztlich ist es ein großer Erfolg geworden. Das zeigt auch wieder: Wenn du hart arbeitest, schaffst du es auch!
http://www.freaknchic.com

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Elektronische Lebensaspekte.