Freaklüb aus Barcelona bemalen Wände, als wären sie Folien für Comics. Was nicht heißt, dass sie ihren Wandcharakter ignorieren. Aber ihr kleiner orangehaariger Character kriegt meist eine komplett farbig verkleisterte Umgebung zur Seite gestellt, in der sie sich austoben kann. Neben der Wand bearbeiten sie T-Shirts, pflegen ihre Website und sitzen jetzt sogar an einem Film. Streetart erobert nach den Wänden alle Formate.
Text: Karen Khurana aus De:Bug 83

FREAKLÜB / Mit der Umgebung verbünden

Freaklüb sind ein Junge und ein Mädchen aus Barcelona. Seit zwei Jahren malen G1 und Empty als Freaklüb Deebision zusammen. An ihrer ersten Wand entwarfen sie Aunara, den rothaarigen Character, der sie seitdem begleitet. Aunara ist ein Mädchen mit irre funktionalen Haarflächen, die sich mal dicht geschwungen, mal lianenförmig ausgelassen mit ihrer Umgebung verbünden. Mittlerweile arbeiten sie neben der Straße auch für Magazine, entwerfen eine Kollektion aus Trainees, T-Shirts und Jacken in Freaklüb-Farben und vernetzen sich digital auch weit über Barcelona hinaus. Für ihr Frinkluc-Project schickten sie Aunara beispielsweise an verschiedene Writer und bekamen Interpretationen und visuelle Remixe zurück. Die Ergebnisse lassen sich auf ihrer Website sehen, die wie viele andere Writer-Seiten und Streetart-Logs beweist, wie gut Graffiti auch im Netz aussehen kann. Debug sprach mit G1 übers Writerleben, ihr grafisches Konzept und ihr neuestes Projekt, einen Animationsfilm für ihre Master-Charactrice.

G1:
Das erste Mal, als Empty mich bat, was zu malen, dachte ich an einen Character mit einfachen Formen und flachen Farben. Nuancen und Übergänge sind ja nicht so leicht für einen Amateur-Writer. Also haben wir dieses rothaarige Mädchen für die erste Wand gemalt. Das Gesicht haben wir noch angepasst, es ähnelt jetzt stärker der Figur, die Empty früher schon um die Stadt gebombt hat. Sie ist also eine Art Mix aus zwei Charactern.

Debug:
Wie arbeitet ihr denn zusammen? Habt ihr eine Arbeitsteilung?
Freaklüb:
Nicht direkt, wir haben unseren Stil gemeinsam entwickelt. Die ursprüngliche Idee für die graphischen Umgebungen kam von Empty; das Set von Umgebungen haben wir dann aber zusammen entwickelt, also die Sterne, Vektoren, die Kombination von Farben …

Debug:
Worum geht’s euch beim Malen?
Freaklüb:
Wir machen das als Therapie. Wir mögen es einfach zu malen. Wir finden das gut, Dinge für andere zu entwerfen – die anderen mögen, was wir machen. Das ist irgendwie eine gute Sache.

Debug:
Was macht ihr neben Freaklüb?
Freaklüb:
Im Moment arbeitet Empty in einer Design-Agentur. An den Wochenenden oder nach der Arbeit macht er mit unseren Sachen weiter. Ich arbeite Vollzeit für Freaklüb. Wir verdienen auch Geld damit, aber das stecken wir immer gleich wieder in Material wie Farben, Leinwände und Marker, um weitermalen zu können. Unser Ziel für die Zukunft ist aber klar, davon leben zu können.

AUNARISM
Debug:
In fast all euren Pieces spielt Aunara eine Hauptrolle, manchmal erscheint das orangehaarige Mädchen sogar mehrmals in einem Bild …
Freaklüb:
Ja, Aunara ist unser Master-Character. Sie ist eine rothaarige Figur von acht Jahren, die sich ständig fragt, was um sie herum geschieht. Aber um das klarzustellen: Sie ist nicht wütend. Auch wenn viele Leute finden, dass sie so aussieht. Ihr Gesichtsausdruck ist vielmehr indifferent.

Debug:
Ist Aunara ein Einzelkind? Habt ihr euch schon überlegt, ihr ein paar Freunde zu malen?
Freaklüb:
Ja, wir haben uns schon einen Haufen Charactere um sie herum ausgedacht. Sie hat keinen Vater, aber einen kleinen Bruder namens NWortbert und eine Mutter. Sie hat auch einige Freunde wie Mizunia, ein dunkelblau-haariges Mädchen und Waxee, einen Freund, der in Singapur lebt. Wir werden denen allen auch mehr Zeit widmen und sie zeigen. Jetzt ist erstmal Mizunas Moment. Sie wurde schon mit vielen anderen Freunden gezeichnet, zum Beispiel mit Kid Acnes Warriors, Miss Vans Character, den Flying Fortress Bären und den sehr bekannten Bimbos von Boris Hoppek … Sie will mehr Freunde. Meldet euch!

Debug:
Ihr nutzt ja oft ein klassisches, nämlich rechteckiges Bildformat, in dem ihr euren Character noch mal über die äußere räumliche in eine gemalte Umgebung versetzt. Eure Pieces erzählen so oft eine Geschichte oder vermitteln eine Stimmung zum Mitnehmen. Entwickelt ihr eure Bilder schon vorab mit dem Ort dafür im Kopf?
Freaklüb:
Die ersten Pieces wurden mit Layouts gemacht, aber normalerweise malen wir ohne Entwürfe, wir machen das “freestyle”. Aber wir tragen immer ein Sketchbook mit uns herum, in dem wir ein paar Linien einzeichnen, damit wir das letztendliche Format des Piece besser einschätzen können.

Debug:
Durch dieses ausgefeilte Drumherum gewinnt man den Eindruck, Aunara lebt gar nicht so sehr in Barcelona, sondern in einer Art Parallelwelt.
Freaklüb:
Ja, genau. Darüber ist der Kurzfilm, an dem wir gerade arbeiten. Er ist eine Erklärung dieser parallelen Welt, in die sie eintritt.

Debug:
Wie ist denn die Storyline?
Freaklüb:
Das Drehbuch ist noch geheim. Es geht um die erste Erfahrung von Aunara in ihrer eigenen Welt. Da gibt es viele Fragen, die der Film zu lösen hat. Wir zeigen darin, wie man in unsere Graffitis hineinkommt, nämlich über eine Kamera. Mehr kann ich dazu aber nicht sagen. Noch nicht.

Debug:
War es denn schwierig, sich zu überlegen, wie Aunara sich bewegen muss? Ihr kennt sie ja eigentlich nur als Still.
Freaklüb:
Ja das stimmt, aber für uns ist das einfach: Wir vertrauen da komplett auf die Jungs vom Quert Team, die Aunara für den Film modellieren und animieren. Wir haben eine Menge Dinge von ihnen gelernt, z.B. wie schwierig es ist, unsere Umgebung dreidimensional werden zu lassen. Wir haben denen einige elektronische Strukturen aus Vektoren vorgegeben, die Quert dann aufgeblasen haben, um ihnen das richtige Volumen zu geben.

Debug:
Kennt ihr euch gut?
Freaklüb:
Wir kennen die zwei von der Straße. Ein Typ hat uns mal vorgestellt und wir waren sehr beeindruckt von ihren Arbeiten. Die zwei arbeiten viel in 3D, also auch für Architektur oder Industrie-Geschichten. Wir sind jetzt schon im 8ten Monat – solang haben wir noch nie mit jemandem an einem Projekt gearbeitet. Wir haben dabei viel Disziplin geübt – in Kreativität und Kopfschmerzen! Aber Quert sind wirklich absolute Genies. Wir mögen die sehr gern.

Debug:
Obwohl ihr mit bunten Farben arbeitet, sieht das orangehaarige Mädchen immer ein wenig traurig aus. Ihr Mund besteht ja aus einer mehr oder weniger geraden Linie, ihre Augenbrauen aus einer Parallelen dazu mit zwei kleinen Strichen von dort hinunter für ihre Augen, was diesen neutralen, mal minimal nuancierten Ausdruck in ihr Gesicht zaubert. Wie macht ihr das in eurem Kurzfilm? Wird Aunara anfangen zu lächeln?
Freaklüb:
Vertrau uns: Sie ist nicht wirklich traurig. Sie ist indifferent. Aber es stimmt, in manchen Arbeiten haben wir ihr Gesicht etwas verändert. Im Kurzfilm wird es einige Frames geben, in denen es tatsächlich aussieht, als würde sie lächeln, aber wir wissen es besser. Das sind nur Kamera-Effekte.

Debug:
Graffiti und Street Art scheinen immer stärker auch Leute adressieren zu können, die nicht unbedingt aus dem HipHop-Kontext kommen.
Freaklüb:
Das stimmt. Das hat sich in den letzten Jahren noch mal verstärkt: Sehr viele Leute, die nicht vom HipHop kommen, arbeiten jetzt auf der Straße. Empty kommt zum Beispiel auch nicht aus dem Umfeld. Es gibt mittlerweile viele bekannte Writer weltweit, die nicht mit einer bestimmten Subkultur verbunden sind. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht weniger um ein Label wie HipHop, es geht einfach darum, seine Arbeiten zu zeigen und sich auszutauschen.

Debug:
Dazu passt ja auch, dass die Netzpräsenz stetig wächst. Die dokumentarischen Photos scheinen dadurch zunehmend eigenen gestalterischen Spielraum zu entdecken, betonen Blickwinkel, setzen wahlweise Licht, Tools und Writer für den eigenen Bildaufbau ein. Es gibt zum Beispiel dieses Photo, auf dem Aunara scheinbar aus ihrem Piece herausschaut auf einen Eimer und Pinsel, die vor ihr und der Wand herumliegen. Wie seht ihr denn die Netz-Entwicklung? Mit den Logs und verschiedenen Künstler-Websites lassen sich doch viel mehr Arbeiten in kürzerer Zeit sehen, als wenn man reist.
Freaklüb:
Das stimmt. Dank dem Netz und Logs wie Woostercollective oder Ekosystem haben wir neue Freunde in der ganzen Welt gefunden. Was wir an der Straße genauso wie am Netz mögen, ist: Es sind Orte, an denen jeder sich mehr oder weniger verwirklichen kann, ob mit Graffiti, Mode oder Malerei, und dass die in diesem Sinne frei sind. Das ist sicher das Beste daran. Auch wenn die Straße nach wie vor unser Lieblingsort ist – für uns ist es das Gleiche, ob man nun an Graffiti, Kleidung, Photographien oder auf Leinwand arbeitet. Wir wollen einfach immer neues Zeug rausbringen. Das ist unser Deal.

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Elektronische Lebensaspekte.