Jenseits der Achse des Trance von Ibiza bis England findet sich mit Music for Freaks eine kleine Underground-Nische für House-Produzenten der Marke verdreht bis minimal. Im britischen Mutterland des Raves produzieren die ”Freaks” Luke Solomon und Justin Harris konsequent an den langen Schlangen der Superlativ-Clubinfrastruktur vorbei.
Text: Sven von Thülen, Felix Denk aus De:Bug 68

Wenn man als politisch korrekter Raver manchmal über den Kanal blickt, entdeckt man mit einer gewissen Angstlust allerhand merkwürdige Dinge in der Clubszene: Da gibt es ein Gatecrasher, in dem verstrahlte Kids in fluoreszierenden Klamotten zappeln, dabei einen deutschen Trance-DJ anhimmeln (“PvD + E = God”) und Kiefer malmend ignorieren, dass der ihnen immer wieder versucht einzubläuen, keine Drogen zu nehmen. Man kann sich auch über Freizeitkultur-Konglomerate wie das Ministry of Sound wundern, das neben dem Club mit Ibiza Dependance, einem Label mit Germany Dependance auch ein Magazin betreibt, in dem man Statements lesen kann wie das von Roger Sanchez, der neulich meinte, dass sein Auflegen irgendwie spiritueller geworden sei, seit er bei seinen Auftritten immer Räucherstäbchen anzündet. Die Clubs präsentieren sich wie international operierende Großunternehmen, was damit zu tun haben könnte, dass sie in ihrer Wahrnehmung eben genau das sind. Alles scheint eine Nummer größer zu sein und muss irgendwie mit dem Präfix Super kombinierbar sein – Superclubs haben schon mal einen Aufzug und eine Tanzfläche mit einem ins Parkett eingelassenen Subwoover. Die Eintrittspreise sind superteuer (mal ganz abgesehen von den superbegehrten Tickets für die VIP-Empore) und die Schlange vor der Tür ist superlang, weil – man ahnt es schon – ein Superstar-DJ auflegt und Super-Drogenhunde sich an hin- und hertippelnden Raverbeinchen entlangschnüffeln. Superklein sind dagegen die Waschbecken auf den Toiletten, so dass man dem ehemaligen Rave-Volkssport des Nachfüllens der Wasserflasche nicht mehr nachgehen kann. Dies ist allerdings kein großer Verlust, da aus den Hähnen ohnehin nur warmes Wasser kommt und man stattdessen die Möglichkeit hat, sich gegen ein winziges Entgeld vom Eau de Toilette-Mann mit einem sonst superteuren Parfum seiner Wahl einsprühen zu lassen.

Runter vom Super-Planeten

Auch im Jahre 15 nach dem Summer of Love, dem mythischen Urgrund im Mutterland des Raves und entsprechend der Beginn der offiziellen Zeitrechnung, findet das mit dem Tanzengehen auf einem hohen Organisationsniveau statt. Und auch wenn Größenordnung und Hysterie der Clubszene irgendwie faszinieren und bei näherer Betrachtung ein wohliges Gruseln auslösen können, wird die Sache ungleich komplizierter, wenn man auf der Insel lebt, House der Handelsklasse “minimal und verdreht” produziert, auflegt und ein Label betreibt, das sich auch einen feuchten um die Heavy Rotation Shows auf BBC Radio One kümmert. Hat man keine Lust, bei dem großen Ringelreihen mitzumachen und insistiert stattdessen lieber auf seinem Nischendasein, fühlt man sich schon mal an den Rand gedrängt. Die ”Freaks” Luke Solomon und Justin Harris können ein Lied davon singen, wie ihr neues Albums dokumentiert. Es heißt “The man who lived Underground” und basiert auf einer Geschichte, die ein Freund der Freaks geschrieben hat. Sie handelt von Weaver, der sich in einer düster-apokalyptischen Welt von der Gesellschaft abgewendet hat und in einem Schacht lebt, wo er sich aus allerhand ausrangiertem Technikschrott ein merkwürdiges eigenes Universum zusammenbastelt. Justin erklärt den tieferen Sinn: “Die Geschichte ist eine Art Parabel. So wie dieser Typ lebt, sehen wir uns in der Musikindustrie.” Ein Konzeptalbum also? Luke drückt sich um das Wort etwas herum: “Es soll nicht zu sehr wie ein Konzeptalbum klingen, aber es gibt schon Parallelen zwischen der Story und den Lyrics auf dem Album.” Zur Illustration kann man auf der Website themanwholivedunderground.com die Story nachlesen und den siebenminütigen Animationsfilm einer befreundeten Künstlerin ansehen.

Funkadelic! Freakadelic!

Ob Konzept oder nicht, produktiv genutzte Randständigkeit kann sich eben auch als Kapital erweisen. Niemand weiß das so genau wie die beiden Chef-Freaks. Neben der Nabelschau ist “The man who lived underground” ein House-Album, das diesen Namen auch verdient, da nicht nur die Rahmenbedingungen des Formats sinnvoll genutzt, sondern die Formensprachen des Genres erweitert werden. Das hängt wesentlich damit zusammen, dass die Freaks, denen man immer schon ein Faible fürs Vertrackt-Detaillierte anhören konnte, jetzt eine Band gegründet haben, was ihre Möglichkeiten noch mal exponentiell steigert. Was Weaver sein mühselig zusammengesuchter Technikschrott ist, aus dem er sich seine kleine Welt zusammenbastelt, war den Freaks und deren befreundetem Umfeld schon immer die von der britischen Ravemafia wegen des Generalverdachts der Unfunktionalität sozusagen auf den Soundschrottplatz verbannten verdrehten Winkelgrooves, der spleenige Kleinteilfunk und ihr verspielter Humor (nicht umsonst wurden die ersten Maxis auf ihrem Label Music for Freaks (MFF) ausdrücklich Robotern gewidmet), und so präsentieren sich die Tracks der zur Band angewachsenen Freaks noch quirliger und dem Funk verpflichteter, als man es sowieso schon von ihnen gewohnt war. Luke: “Natürlich stehen wir auf Bands wie Parliament und Funkadelic. Vor allem wegen ihres Auftretens. All diese fürchterlichen Rockbands damals – und plötzlich schwebt diese fünfzigköpfige Band im Mothership vom Himmel. Ihre Musik war gleichzeitig weit vorne und verhandelte wichtige Themen. Mal ganz abgesehen davon, dass sie unglaublich unterhaltsam waren.”

Das Freaks-Mothership umkreist die Erde und in ihm haben derweil Diz, Stella (beide Gesang), Rub (Bass) und Jonnie Rock (Gitarre) Platz genommen. Die Besatzung besteht aus Freunden und Bekannten, die sich entweder schon als Produzenten oder Vokalisten im MFF-Labelkatalog verewigt haben oder deren Debut kurz bevor steht. Scheinbar muss im Weltall Schwerelosigkeit nicht gleich zu Bindungslosigkeit führen, auch wenn das den Produktionsprozess organisatorisch nicht gerade erleichtert. Da Diz in Chicago lebt und Rub in Kanada, kann sich das Produzieren nicht immer wie ein Zusammenspiel wahlverwandter Musiker gestalten. Trotzdem wird viel Wert auf Interaktion gelegt, so dass von dröge routinierten Studiomucker-Style keine Rede sein. Luke und Justin bezeichnen ihr Studio auch passender Weise als “Spielplatz”. “Normalerweise haben wir erst mal den Titel, dann überlegen wir uns die Musik zu dem Thema und entscheiden, ob das eher was für Diz oder Stella ist. Dann schreiben wir den Backing-Track. An dieser Stelle kommen Diz oder Stella und fügen das Ganze mit ihren Vocals noch mal neu zusammen”, erklärt Luke den groben Entstehungsprozess eines Freaks-Tracks im Bandformat. Justin ergänzt: “Wenn die anderen ins Studio kommen, spielen sie, was sie denken, das zu dem Skelett des Tracks passen könnte. Es ist nicht so, dass wir denen sagen, was sie spielen sollen.” Luke: “Wir nehmen auch alles auf. Wir haben unglaubliche Soundarchive angesammelt, wir könnten eine Special Edition DVD mit Directors Cut, Outtakes und Making of herausbringen (lacht). Am Ende verwenden wir aber oft die Sachen, die nicht so richtig geklappt haben, weil sie trotzdem am besten klingen. Das sind dann meistens die ersten Versuche. Deswegen: Lektion 1, immer alles mitschneiden.” Justin: “Das Beste sind immer die Fehler.”

Waschtrommeln im Paralleluniversum

Was sich auf der letzten Maxi “Washing Machine”, einem wilden auditiven Trip durch einen pulsierenden Waschsalon mit vollautomatischen Waschassistenten, schon andeutete, zieht sich wie ein roter Faden durch das neue Album. Komplexer und verspielter sind die Tracks der Freaks geworden. Gleichzeitig aber auch kürzer und in sich geschlossener. So gleicht das Album fast einem hyperaktiven Hörspiel mit seinen dramaturgischen Brüchen, Tempiwechseln und Wendungen. Eine Tatsache, die die Stärken von “The Man who lived Underground” nur noch mehr unterstreichen. Man kann förmlich hören, wie sich die fünf im Studio ausgetobt haben zwischen ihren Bergen von Material. Der auf Loops basierte Track ist fast vollständig einem gut gelaunten Singer/Songwriter-Gestus gewichen. Justin: “Ein Loop ist ein gutes Tool, so lange du nicht das Glück hast, Musiker zu kennen, die verstehen, was du willst, und die kurz vorbeikommen und ein paar Bassläufe für dich einspielen.”
Offensichtlich ist er sehr zufrieden mit der Entwicklung, die sich bei ihrem Label abzeichnet:

“Es gibt schon Leute hier, die unsere Sachen verfolgen, aber im Vergleich zu Classic sind wir Underground. Mit dem Label war es wirklich hart. England ist das letzte Land, das mitbekommt, was wir machen. Wenn wir die Hits auf unserer Website checken, dann kommen die hauptsächlich aus Europa, vor allem Belgien, Frankreich und Deutschland, oder Amerika. England findet man auf der Liste gar nicht. Das ist schon sonderbar. Aber Dancemusic scheint sich hier gerade in einem großen Wandel zu befinden. Gerade die kommerziellen Sachen gehen den Bach runter.” Justin: “Hurra, wir haben gewonnen!” Luke: “Es gibt eine Menge Kids, die nach neuer Musik suchen, und das könnte diesmal uns zugute kommen.” Justin: “Das ganze Gatecrasher-, Cream- und Ministry of Sound-Ding kollabiert. Viele Kids aus der Ecke scheinen mitzubekommen, das Trance scheiße ist.”

Scheinbar ist auch weit weg vom Tagesgeschäft der Musikindustrie, im dunklen Schacht oder irgendwo im Orbit schwebend, das Bedürfnis, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, nicht völlig verloren gegangen. Und vielleicht erblickt der Mann, der unter der Erde lebt, ja in Zukunft öfter mal das Tageslicht, auch wenn er da sein schrulliges Paralleluniversum vermutlich vermissen wird.

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Elektronische Lebensaspekte.