Kollektivimprovisation und Naturmystik
Text: Martin Büsser aus De:Bug 109


Folk ist der Lagerfeuer-Barde mit seiner Akustikgitarre? Im Free oder Weird Folk verschwindet das Individuum im Kollektiv und der Song in der Improvisation. Martin Büsser umreißt das sperrige Genre.

Die Bands haben Namen wie Sunburned Hand Of The Man, Six Organs Of Admittance oder Wooden Wand And The Vanishing Voice, deren Länge bereits auf die durchschnittliche Dauer ihrer Stücke verweist: Unter 10 Minuten geht da meist gar nichts. Zu den bekannteren Vertretern dieser eher losen Szene zählen inzwischen Jackie-O-Motherfucker und Animal Collective – Letztere haben sich inzwischen fast schon zu einer konventionellen “Song“-Band entwickelt -, weitgehend unbekannt ist dagegen die finnische Fraktion mit Vertretern wie The Anaksimandros und Päivänsäde. All diese Bands sind in den letzten Jahren unter den Begriff “Free Folk” oder “Weird Folk” gefasst worden, im deutschsprachigen Raum tauchte dieser wohl zum ersten Mal 2003 in einem Artikel von Olaf Karnik für die “Neue Zürcher Zeitung” auf. Wer halbwegs über die Veröffentlichungen dieser Gruppen auf dem Laufenden bleiben will, die eine wahre Flut an Vinyl und CDs auf den – nur bedingt vorhandenen – Markt bringen, muss mindestens “The Wire” abonniert haben und monatlich die Neueingänge bei “A-Musik” durchforsten.

All diesen Bands ist eines gemeinsam: Sie würden sich nie als Band bezeichnen, sondern als Kollektiv. Animal Collective haben dies nicht nur in ihrem Namen zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch die Pseudonyme der einzelnen Musiker, Avey Tare oder Panda Bear, die nicht mehr als klar umrissene Musiker-Identitäten auf der Bühne stehen wollen, schon gar nicht als Stars, sondern als Teil eines Rudels, einer Meute, eines Schwarms. Dies unterscheidet Free Folk vom herkömmlichen Folk-Ansatz, dem des Singer/Songwriters, dessen Musik unmittelbar mit dem eigenen Namen, mit der Musikeridentität verbunden wird. Formal sind diese Kollektive daher auch radikaler als die meisten Vertreter des Antifolk, die sich zwar ein vollmundiges “Anti” auf die Fahne geschrieben haben, meist aber dem konventionellen Songwriting treu bleiben und ihm höchstens ein paar Kanten oder lyrische Zoten hinzufügen. Und doch beerben beide die 1960er Jahre – “Antifolk” bezieht sich auf die New Yorker Folk-Boheme der Sixties, mal mehr auf Dylan, mal mehr auf schräge Vertreter wie David Peel und die Fugs, Free Folk knüpft dagegen an die Kollektivimprovisation des Free Jazz an. In den 1960ern fand sich beides einmal auf einem Label vereint: “ESP Disk”, das Plattenlabel des Rechtsanwalts Bernard Stollman, das vielleicht als eines der ersten ästhetisch kompromisslosen Indies gelten kann, veröffentlichte sowohl den Anarcho-Folk von Gruppen wie The Fugs und The Holy Modal Rounders wie auch den Free Jazz von Sun Ra und Albert Ayler.

Keine stilistischen Einschränkungen
Deshalb ist der Begriff eigentlich auch schon wieder nur ein journalistischer Notbehelf. Meist wird auf akustischen Instrumenten gespielt – es überwiegen Akustikgitarren und Percussions, gerne auch Flöten und Glöckchen -, Gruppen wie The Tower Recordings und Animal Collective benutzen allerdings auch Electronik bzw. spielen damit, so Animal Collective, “Gitarren so einzusetzen, als ob es sich um Loops handeln würde”. Charakteristisch ist eigentlich nur, dass sich die Stücke fast nie zu einem Song formen, sondern ausfransen, weitschweifig angelegt sind und stets ein wenig psychedelisch verzückt klingen. Als Vorbilder werden häufig Can, Faust und Amon Düül angegeben, weshalb es nur folgerichtig war, dass The No-Neck Blues Band im letzten Jahr eine Platte mit der alteingesessenen Ethno-Psych-Band Embryo aufnahm. Diese Kollaboration gehört nicht zum Stärksten, was die von Thurston Moore (Sonic Youth) zur “besten Band des Universums” erklärte No-Neck Blues Band aufgenommen hat, sondern klingt eher nach einem zaghaften Abtasten der Instrumente. Doch auch das ist typisch für die Szene: Tonträger dokumentieren einen Prozess, sind eine Art Momentaufnahme, der nicht der Charakter eines klar umrissenen Werkes zukommt – aus diesem Grund gibt es Platten voller magischer Momente und solche, die eher vor sich hinplätschern.

Manchmal allerdings hat gerade die Beiläufigkeit des Plätscherns auch ihren besonderen Reiz. “Puhalluspelto” des finnischen Kollektivs Päivänsäde (Eclipse Records) besteht fast nur aus dem Klingklang von Flöten und Glocken, das sich mit Naturgeräuschen vermischt und der Musik eine fast philosophische Dimension von Schönheit verleiht, die John-Cage-Konzepte in den finnischen Wäldern fortschreibt. Auch das hat es im Free Jazz schon einmal gegeben: Für die Aufnahmen zu ihrer LP “Schwarzwaldfahrt” (FMP Records) waren Peter Brötzmann und Han Bennink 1977 in die Wälder gereist und musizierten mit allem, was sie dort vorfanden, von knackendem Holz bis zum Wasserrauschen.

Folk-Star Deleuze?
Natur und Naturgeräusche spielen bei vielen Free-Folk-Aufnahmen eine wesentliche Rolle, denn hier geht es um Elementares, um ein Deleuze’sches “Zum-Tier-Werden” ebenso wie um einen gewissen Essenzialismus, der an “eigentliche Werte” jenseits von Konsum erinnern will und Musik als Ritual auffasst. Natürlich ist damit auch ein gewisser Hippie-Spirit verbunden, der sich im Aussehen vieler Musiker niederschlägt: wallende Gewänder, Stirnbänder und wuchernde Bärte. All das birgt die Gefahr des Reaktionären, die einer antizivilisatorischen Haltung, wie man sie auch bei der Neuen Rechten findet. Mittels der musikalischen Form jedoch machen diese Musiker unmissverständlich klar, dass hier kein Eskapismus am Werk ist: Das Material ist zu sperrig, als dass es zum weltabgewandten Träumen einladen könnte. Im Gegensatz zu offen oder latent rechten “Neofolk”-Bands wird hier keine “Reinheit” propagiert, denn die Musik ist stets verunreinigt, von unzähligen Geräuschquellen und Field Recordings durchsetzt, innerhalb derer sich Folk nur als ein Ansatz unter vielen wiederfindet. Ähnlich wie im Free Jazz geht es um die Befreiung der Form und um die Hoffnung, dass diese auch auf das Bewusstsein wirkt, also als Politikum begriffen wird. Und wie im Free Jazz haben die Musiker keine Berührungsängste damit, diesen Prozess mit dem Begriff der Spiritualität zu verbinden. Das mag man als esoterisch empfinden, es sorgt allerdings dafür, dass der Musik stets die Balance zwischen Atonalität und rauschhafter Schönheit gelingt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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