DVD-Reviews aus der De:Bug 104 aus De:Bug 104

Freestyle Candies (Klang/100)
Wir wissen es alle, die Zeiten der Musik-Videos sind gezählt, dabei hätte Klang da einen Vorschlag. Auf dem 100sten Release des Labels sind zu jedem der exklusiven Tracks der CD Videos von diversen Schülern der HFG Offenbach. Eine Public-Private-Kooperation, die endlich mal Sinn macht, denn in Offenbach gibt es eine lange Schule von Zusammenarbeit von Video & Sound, die mit Martin Oschatz von Oval und Meso begann und schon öfter mal dazu führte, dass die Klang/Playhouse-Posse den ein oder anderen Videoclip-Preis bekam. Visualisierung von Sound durch diversestes Equipment und Animation mit einem guten Gefühl für die genauen Feinheiten der Sounds sind hier dann auch im Vordergrund und so ist es weniger klassisches Nebeneinandern sondern ein relaxtes Spiel mit dem auch räumlich zusammengewachsenen Medium, das die Clips vor allem auszeichnet. Fast würde man sich für so eine Bandbreite an Ideen wieder ein Musikfernsehen wünschen, aber, geben wir es zu, mit YouTube und Videoblogs braucht man so was längst nicht mehr. Wäre die DVD nicht, wäre Freestyle Candies nicht mal halb so gut.
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Ad Noiseam 2001 – 2006 (Ad Noiseam)
Ad Noiseam feiert 5-Jähriges mit dieser Sonderedition einer Doppel-CD-Compilation rein exklusiver Tracks und einer Bonus-DVD mit Videos zu wiederum anderen Tracks der Ad-Noiseam-Acts und ein wenig Zusatzmaterial. Breakcore-Masterpieces vom Feinsten also, auch visuell. Unter den Videos findet man einige Highlights, die es auch schon im Netz zu sehen gab, wie z.B. das grandiose Laserschwerter-Remake von dieser Kill-Bill-Szene mit dem wahnwitzigen Schwerterkampf von Uma mit den 100 Mafiosi, oder auch der Jason Forrest “War Photographer”-Comic mit den skurrilen Pseudowikingern. Zugegeben, Breakcore aller Arten eignet sich aber auch bestens für Videos, weil man nahezu gnadenlos Schnitte machen kann, wann immer man will, bei einer solchen Informationsdichte von Sounds passt das immer. Auch wenn Ad Noiseam in letzter Zeit allerdings vor allem immer mit Breakcore gleichgesetzt wird, kein Wunder bei einem steten Strom von Releases von Enduser, Bong-Ra usw., sollte man die Bandbreite des Labels keinesfalls unterschätzen. Denn hier finden sich ebenso auch expierimentell ambiente Tracks von z.B. Andrey Kiritichenko. Acts wie Air Inspector, Lapsed, Antigen Shift, Mago, Detritus, Submerged, Mothboy, Kirdec, Morc u.v.m. zeigen, dass der Untergrund, den Ad Noiseam beleuchtet, längst ein Massenphänomen ist. Damit macht es durchaus auch Sinn, die scheinbar irreführende Bezeichnung “2001-2006” im Titel zu haben, die auf eine Retrospektive hindeutet, denn obwohl alle Tracks neu sind, zeigt sich hier wirklich, was Ad Noiseam in all diesen Jahren bedeutet hat. Kompromisslosigkeit und konsequente Wahrung eines sehr subtil komplexen Lineups und keine Furcht vor gar nix, zuallerletzt vor Krach. Definitiv eine Sammlung nicht nur für Fans des Labels, sondern für alle, die bereit sind, ihren musikalischen Horizont um viele grandiose, technisch vertrackt kickende Bereiche zu erweitern.
••••• bleed

Drum
Zola Maseko
(Arthaus/Kinowelt) http://www.kinowelt.de
Zehn Jahre nach den ersten freien Wahlen in Südafrika und dem damit erfolgenden endgültigen Ende der Apartheidspolitik schildert ”Drum“ 2004 (in Deutschland selten dämlich mit ”Wahrheit um jeden Preis“ untertitelt) die Frühgeschichte der gleichnamigen Zeitschrift. 1951 von einem eingewanderten britischen Dandy als unpolitische Mode-, Sport- und Klatschillustrierte für Schwarze und liberale Weiße gegründet, wird die Zeitschrift ab Mitte der 50er Jahre durch die Enthüllungsreportagen des schwarzen Redakteurs Henry Nxumalo und des deutschen Fotografen Jürgen Schadeberg zur einflussreichen publizistischen Speerspitze gegen den Burenstaat und seine Unterdrückung. Da aber vor allem auf schöne Bilder mit gestylten Ghetto-Schönheiten und herausgeputzten Anzugträgern im Stile des Bebop gesetzt wird, wirkt die Arbeit beim Magazin ”Drum“ oft wie ein spaßiges Partyhopping durch Johannesburg, das nur durch den unweigerlichen Kater danach sowie einen brutalen weißen Polizeioffizier gestört wird. Als Politkino verkleidetes, dabei aber solides Unterhaltungskino.
••• joj

Sasori – Scorpion
Shunya Ito
Rapid Eye Movies/Nippon Classics
Das Exploitation-Genre und der B-Film beschränken sich in Japan nicht auf Godzilla und seine Mutantenkumpels. Anfang der 70er war Regisseur Shunya Ito mit der Adaption des Sasori-Mangas so erfolgreich, dass er gleich drei Teile drehte. In den 80ern nahm sich der große Disaster-Filmer Abel Ferrara mit ”Die Frau mit der 45er“ dem Grundmotiv an. So verlockend reißerisch wie in ”Sasori“ kann man Sex, Gewalt, Betrug und Rache auch kaum mit amazonenhaftem Feminismus zusammenpacken: Eine verliebte Frau wird von ihrem schweinischen Geliebten aus Karrieregründen erst einer Massenvergewaltigung ausgeliefert und per Verrat in den Frauenknast gesteckt. Aus ihrem blutenden Herzen wird ein stählerner Dolch. Im Gefängnis mit ordentlich Dusch- und Nacktkampfszenen und sadistischen Quälereien – sowohl von den männlichen Wärtern als auch den weiblichen Mitgefangenen – die sie alle ohne verwischtes Maskara übersteht, geht sie über verbrühte, verbrannte, niedergeschossene und augenausgestochene Körper, um schließlich zu entkommen und ihren ehemaligen Geliebten in schwarzer Zorro-Tracht mit dem Messer niederzuhacken. Das bringt ihr keine Befriedigung, aber den Zuschauern eine Menge groteske Unterhaltung mit hanebüchenen Unglaubwürdigkeiten.
•••• jeep

Dear Wendy
(Legend Home Entertainment / Universum)
Seitdem dieses Gipfeltreffen der beiden Oberdogmatiker Thomas Vinterberg (Regie) und Lars von Trier (Skript) letztes Jahr Premiere hatte, gehen die Meinungen immer noch weit auseinander. Besonders die Kinogänger und Filmkritiker in den USA sind zunehmend irritiert über die sarkastische Hartnäckigkeit, mit der die Dänen in ihren Filmexperimenten die dunklen Traditionen der amerikanischen Gesellschaft sezieren. Weniger statisch-bühnenhaft als von Triers “Dogville“, aber nicht minder allegorisch, mythisierend und konsequent inszeniert Vinterberg ein fiktives Provinznest, in dem jugendliche Außenseiter an Waffen geraten und darüber die schwärmerische Gang der “Dandies“ formieren. Sie sehen sich als bewaffnete Pazifisten mit einem sinnstiftenden Fetisch, doch schon bald durchsetzt die Kraft des Werkzeuges das Gruppengefüge, jede Pistole wird getauft, der Gang durch die Straßen wird breitbeiniger, die Hormone sprießen und der unweigerliche Kugelhagel lauert schon. Eine gut besetzte Initiationsgeschichte, die trotz ihrer distanzierten und artifiziellen Stilistik Wirkung erzielt. Amerikaner sind eben nicht gut mit Ironie und noch schlechtere Verlierer.
•••• Finn

Boogie Nights
(Premium Edition) (Arthaus)
In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Paul Thomas Anderson entstandene Auflage auf zwei DVDs, die neben dem Film geschnittene Szenen, Musikclips, Kommentare und zwei wirklich unterhaltsame Easter Eggs bietet, eine Dokumentation über John Holmes und die Probeaufnahmen zur Schlussszene mit Dirk Digglers Plastikschwengel. Der Film ist ziemlich gut gealtert. Die Idee, die letzten Tage von Disco mit den letzten Tagen des klassischen Pornos zu verbinden und dieses Joint Venture dann inszenatorisch wie Scorsese in Hochform dynamisch vorüberrattern zu lassen, ist einfach gut. Der Film funktioniert ebenso als “period piece“, der Soundtrack ist chronologisch und stilistisch kompetent und die Set Designs, Klamotten und Line Hustles auf der Tanzfläche werfen einen liebevollen Blick auf den Koks-Hedonismus der späten 70er und der Jahre danach. Der Plot verliert etwas an Fahrt, wenn Anderson den Kuriositäten-Charakter seiner Episoden damit überfrachtet, anhand seiner Figuren den Sündenfall der Ära aufzuzeigen. Der Niedergang und die Schattenseiten erscheinen etwas unmotiviert, mit unfreiwilliger Komik und im Verhältnis zum bunten Treiben vorher auch mit weniger Dichte und Konsequenz. Da entwickelt der Film Längen und leidet etwas unter der Fülle von Anliegen und Zitaten, die vor Torschluss noch in die zweieinhalb Stunden Spieldauer rein mussten, ohne dem Film einen wirklichen Mehrwert zu geben, die furiose Szene mit dem vollgedrogten Alfred Molina und seinem asiatischen Gespielen mal ausgenommen. Durchgehend gut und stimmig ist nach wie vor die Besetzung, mit einem angemessen tumben Mark Wahlberg, einem fulminanten Burt Reynolds, Julianne Moore als der tragischen Mutterfigur und den verlässlichen Loser-Nebendarstellern William H. Macy, Luis Guzmán, John C. Reilly und Philip Seymour Hoffman sowie zahlreichen anderen Lichtblicken. Sie geben dem Film den Habitus einer schrägen familiären Familiensaga in einer Branche, die in einem hermetischen sozialen Biotop mit allen dazugehörigen Querverbindungen und falschem Glam für die Befriedigung der Massen malocht, tabulos und spießig zugleich.
•••• Finn

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Elektronische Lebensaspekte.