Gomma legen den Gang ein - und schon wird´s turbulent: Digi-HipHop darf mit Disco, PunkFunk mit König Ludwig. So gut geht's also München. Mathias Modica und Jonas Imbery schicken die zweite Gommagang-Compilation in die Kurve.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 79

Gomma rin!
Gomma `n´ Gang!

Die Hähnchen hängen von den Bäumen. Das Jugendhaus bebt, die Leggins zwicken, während sich die krächzend-kreischende Frontfrau dieser rotzigen Combo namens Carmen nach dem Schlaraffenland sehnt. PunkFunk. Irgendwo zwischen Pforzheim und Osnabrück, im Jahre 1981. Style-Heinis und City-Kinder sabberten von New York. Die deutsche Provinz kotzte derweil – abseits des Mythos – No-Wave-Perlen in den Landstraßengraben. Interessiert keinen, als die langbeinigen Colette-Modells zu den avantgardistisch-minimalistischen Beats von Leroy Hanghofer über den Catwalk stolzieren. Irgendwo in Paris, vor kurzem erst. Sweet Music, what are you doing for me.

Finde die Gemeinsamkeit, suche den Nenner oder bewege einfach deinen Arsch. Willkommen in der Welt von Gomma. Hereingehört, es gibt reichlich. Ein quietschender Discoboden, der die Pole zusammenführt. Hier treffen sich die oben Genannten und feiern zwischen Italo-House, Digi-HipHop, Rockgehabe, NY-Punk und Akustiksphären, als hätte ihnen eine Überdosis Attitüde die Genrezäune geklaut. Soeben geschehen auf “Gommagang 2”, der aktuellsten Fleischbeschau des Münchner Labels, die gleichzeitig exemplarisch für die letzten fünf Jahre Gomma steht.

Münchner Pflaster

“Unser roter Faden ist unser persönlicher Stand in Sachen Geschmack”, sagt Mathias Modica. Gemeinsam mit Jonas Imbery kam er 1999 auf die Idee, ihre als “Munk” oder “Leroy Hanghofer” produzierten Sounds selber zu veröffentlichen. Diverse Labels hatten zuvor abgelehnt. Und so traf es sich gut, dass Freunde der beiden ebenfalls an coolen Tracks bastelten. Es entstand die Gommagang. “Das steht für uns und die drei bis vier Leute, die hauptsächlich ihre Platten über unser Netzwerk veröffentlichen, die wir – wie man so schön sagt – entdeckt haben.” Also z.B. den Peaches- und Gonzales-Homie Mocky, der dank seiner süßen Beats kürzlich von FourMusic gesignt wurde. Oder den Zürcher Headman. Dessen funky Neo-Disco wollte vor drei Jahren niemand haben, Gomma wagte es. Nun hat er bei Trevor Jackson unterschrieben. Mut zur Lücke, der sich auszahlt. “Außerdem sind dann auf den Gommagang-Compilations auch Stücke mit Freunden von außerhalb, die wir über die Jahre kennen gelernt haben.” Diesmal sprechgesangt die NY-Rap-Göre Princess Superstar über die Munk-Grooves, auch die Chicken Lips oder Funkstörung wirkten schon mit. Gommagang 2 resümiert das Gomma-Jahr 2003 und macht klar: bei Gomma geht einiges und alles. Kein Wunder, dass die internationale Presse da ganz wuschig wird. Von einzigartiger Frische ist die Rede. Mathias Modica und Jonas Imbery legen auf DFA-Parties in New York auf, vertonen Modeschauen von Mailand bis Paris und Laurent Garnier hat immer ein paar Gommas in seinem Koffer. Modica fasst das Leben zwischen Hudson River und Isar zusammen: “Haufenweise Spaß, viele neue Freunde, die halbe Welt gesehen und dann immer wieder Heim nach München, zum Frühstück ‘ne Weißwurst!” Oazoapft ist’s, die große Gomma-Sause. Wäre da nicht der kleine Makel, dass man zwar weltweit nach dem FC Gomma München schreit, das Renommee zu Hause aber etwa dem des TSV 1860 entspricht. Warum? Nun, Trash ist ein hässlicher Begriff. Er klebt an Gomma. Die viel gerühmte “No NY”-Reihe begann 2000. “Damals hat sich keiner für diese Mischung aus Rock, Disco, Electro und Punk interessiert. NYC war total out, alle waren auf London-, Köln- oder Paris-Sound aus”, erinnert sich Modica. Heute clasht halb Unterhaching 24 Stunden am Tag. “Meistens – so arrogant es klingen mag – gab uns der Erfolg später Recht, obwohl uns zum Release-Zeitpunkt oft von Projekten abgeraten wurde.”

Skurril auf deutsch

So auch im Falle von “Teutonik Disaster”, dem Höhepunkt des Gomma-Hangs zum Skurrilen. Imbery und Modica als Geschichtsstöberer. Und wer wusste schon, dass die 80er-Jahre-Kinder auch feinsten No-Wave fabrizierten, ehe Nena ihre Gehirne enterte. “Das klang ja teilweise voll nach ESG oder nach dem, was jetzt eigentlich The Rapture und Konsorten machen. Nur auf Deutsch. Lustig für uns war, dass Teutonik Disaster in Paris, Australien und in den USA so gut ankam. Carmen lief auf gleich drei New Yorker Radiostationen in Heavy Rotation und die Pariser Fashioncrowd um das ‘V Magazin’ schrieb Lobeshymnen auf diesen deutschen ‘Retrofuturismus’. Dabei hatten wir ja nur unsere Lieblingsplatten aus Deutschland zusammengestellt und covermäßig ein bisschen rumgesponnen. Mit deutscher Flagge, Reichsfarben und so.” Skulpturen und Totenköpfe auf dem Cover. In einer Zeit, als das Cleane den Style beherrschte. Modica nennt das “bewussten Diletantismus”. Im Outback stampfte man auf “Oktoberfest-Events” und der französische Vertrieb sprach von faschistischen Tendenzen. “Das Spiel mit diesen Symbolen ist sehr schwierig und leider sieht man in letzter Zeit immer öfter gefährliche, unkritische Verwendungen von Fascho-Symboliken. Bei dem ganzen Electroclash-Dreck ist es besonders schlimm.” Heute im Grabbeltisch bei C&A, 2000 noch Provokation. Gomma hatte seinen Ruf: Trash-Spinnereien, nicht einzuordnen. Da wird man misstrauisch. Wurscht.

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Modica und Imbery sitzen im Tonstüberl, der eine spielt einen Basslauf oder eine Pianoline, der andere programmiert ‘nen Beat und vielleicht kommt noch jemand vorbei, der dazu singt. So geht das, seitdem sie fünfzehn sind. Seinerzeit veranstalteten beide auch schon eifrig illegale Parties, aus denen irgendwann Clubs wurden. Münchens Nightlife gestalten, mit Erfolg. Wenn sie heute jeden Donnerstag in der ersten Liga auflegen, dann ist das zu hörende Spektrum mindestens so breit wie auf Gommagang 2 und dem Viktualienmarkt zusammen: Elektronisch, Live gespielt, Statisches, Human Feel. “Musikstile mischen, die nicht zusammenpassen. Verschiedenste Szenen kollabieren lassen. Attitudes mixen, das entspricht eigentlich dem, was gewisse Jungs um 1980 in NYC gemacht haben!” No Munich 2004? Neben der Arbeit an den kommenden Releases (z.B. das von DFA produzierte Munk Album) wird am Postermagazin “Amore Mag” gebastelt, das als Forum für die befreundeten Künstler dient, die normalerweise für die Artworks sorgen. Ja, mei: Vielfalt! “Wir sind keine professionellen Labelbetreiber und werden es wohl auch nie sein. Das Label ist eher Mittel zum Zweck.” Und sonst bleibt Bavaria. “Seit König Ludwig dem Zweiten ist das hier wohl das spaßigste bundesdeutsche Pflaster. Die Extreme sind hart, Baby!” Und Carmen singt: Schlaraffenland, Schlaraffenland. Wie süß ist deine starke Hand.

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Elektronische Lebensaspekte.