Dunkle Strobogänge, ultralaut dröhnende Basskammern und Sinuswellen-getränkte White Cubes erwartet die Besucher von "Frequenzen". Die Ausstellung befreit elektronische Musik aus ihrer Rolle als Dienstleister, die sie in der Kunst meistens gespielt hat. Vorbei mit loungiger Ambientuntermalung und dem Partyhintergrund auf Eröffnungsfeiern. Ein Verhältnis wird erwachsen.
Text: aram lintzel aus De:Bug 58

Frequenzen [Hz] in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle

Längst ist es nichts Sensationelles mehr, wenn im Museum Kunstformen präsentiert werden, die nach traditionellem Verständnis dort nicht hingehören. Auch clubkulturellen Alltagshedonismus, schluffig-ambientöse Sitzkissenästhetik, Partysituationen – also “Sounds” im Allgemeinen – hat man in Museumsräumen schon erlebt. Da musste sich Max Hollein, der neue Direktor der Frankfurter Schirn-Halle, schon etwas einfallen lassen, wenn er und seine Institution auf der Hipness-Skala nach oben gelangen wollten. Sein Debüt “Frequenzen [Hz]” ist ein nicht uninteressanter neuer Versuch, “das Andere” des Museums, das Ephemere, Vibrierende und Popkulturelle einzuladen. Gemeinsam mit seinen Co-Kuratoren/Beratern Jesper N. Jorgensen und Carsten Nicolai verlässt Hollein die gängigen Pfade des Museum/Pop/Musik-Trialogs: Weder Club- noch Ambientästhetiken gewinnen die Oberhand. Statt wohliger Synästhesie definieren Störgeräusche und Irritationssignale die von (vorwiegend männlichen) Künstlern gefüllten “audiovisuellen Räume” der Schirnhalle. Bis zum 28. April läuft die internationale Ausstellung, die sich im Spannungsfeld von Versuchsanordnung und Verstörung, Technik und Terror, Physik und Punk bewegt.

Blinde Kuh im Strobogang
Bei der Eröffnung Anfang Februar dürften sich die zahlreich erschienenen Besucher zunächst wie das Material eines wahrnehmungstheoretischen Großversuchs gefühlt haben. Wie passive Elementarteilchen wurden sie durch dunkle Strobogänge, ultralaut dröhnende Basskammern und sinuswellen-getränkte White Cubes geschoben. Wohlfühliges Flanieren ist in “Frequenzen” offensichtlich nicht vorgesehen. Wie beim Blinde Kuh-Spiel fühlt man sich desorientiert und isoliert. Beim Eintreten in Ryoji Ikedas dunklen Korridor “spectra II” gerät man zum Beispiel ins Blitzgewitter des Stroboskops; rote Laserstrahl-Linien durchkreuzen hier den Raum und stören die Orientierung. Wie nachts um 5 im Drogenrausch wankt, schwankt und krankt der Körper durch Ikedas Terrorzone. Nebenan lässt Franz Pomassls Rotunde tief brummende Sinustöne auf den menschlichen Organismus los, in einer zweiten Installation erprobt er dann die Effekte hoher Frequenzen auf die körperliche Befindlichkeit. Unwohlsein stellt sich auch bei Tommi Grönlunds und Petteri Nisunens Installation “Ultrasonic” ein, in der die Spiegel zweier Suchscheinwerfer hohe Tinnitus-Frequenzen reflektieren und ein fiependes Klangflimmern generieren.

Klangterrorismus & Psychotollheit
Summa summarum entsteht durch solche und ähnliche Werke ein enervierender Stimulus-Response-Parcours. Wahrnehmungsschwellen werden ausgetestet und abgetastet; in den besten Momenten gerät man in den Zustand jener “Psychotollheit”, die der Futurist F.T. Marinetti einst in einem seiner Manifeste visionierte. Co-Kurator Carsten Nicolai betont hingegen die wissenschaftlich-analytische, fragmentierende Vorgehensweise der Ausstellung. Tatsächlich ist es in den Räumen der Schirn gut gelungen, die einzelnen Elemente, die Sounds und Impressionen auseinanderzuhalten, anstatt sie in einem großen Gesamtkunstwerk zu versöhnen.
Die Ästhetik der Ausstellungsräume tut ihr Übriges, dass Behaglichkeit gar nicht erst aufkommt: die hyperweißen, wissenschaftlich-kühlen und somit schattenfreien Räume und Flure schaffen eine aseptische, oft auch klaustrophobische Atmosphäre. Der Besucher wird zur Funktion des Raumdesigns und wandelt wie ferngesteuert durch die eigens für die Ausstellung installierten Schaumstoffwände.
Neben dem dominanten Klangterrorismus gibt es aber auch Ausnahmearbeiten, die sich schonender dem Thema der Ausstellung nähern. So etwa Carl Michael von Hausswolffs “Parasitic Electronic Seance”, die elektronische Frequenzen aus dem Stromnetz des Gebäudes in Sound-Signale und visuelle Klangkurven verwandelt. Auch Carsten Nicolais Installation “Frozen Water”, in der niederfrequente Bässe Wasser in Schwingung versetzt, und Angela Bullochs Arbeit “Geometric Audio Merge” sträuben sich gegen den vorherrschenden Nerv-Imperativ. Bulloch zeigt ein minimalistisches Podium mit fluoreszierenden TV-Bildröhren, die das Mischen von bis zu 1,6 Millionen Farbtönen erlauben. Statt trickreicher Störgeräusche gibt es in dieser Soundplastik ein amtliches Chic-Loop zu hören.

Ausdehnung der Techno-Zone
Nach dem ansonsten befolgten Motto, dass in der Kunst “Ambient am End'” sei, verlief dann auch das Eröffnungskonzert von Russell Haswell. Als er die Empfangshalle aus der “Am-Boden-mit-dem-Laptop-Liegeposition” mit Noise-Frequenzen beschallte, stürzten einige der in Frankfurt/Main noch in Fleisch und Blut existierenden Kunst-Großbürger schockiert hinaus. Das von Carsten Nicolai zusammengestellte Musikprogramm (bis zum 8. März waren 31 Acts zu sehen, darunter Ekkehard Ehlers, Monolake und Senking) bildete aber sicherlich die eigentliche Attraktion der Show. Für all jene, die den Weg nach Frankfurt/Main auch bis zum Finale am 28. April nicht finden, steht zudem ein üppiger Katalog mit Texten von Diedrich Diederichsen, Daniel Birnbaum und Will Bradley u.a. bereit. Darin werden beachtliche historische Referenzbogen aufgespannt und die in “Frequenzen” vertretenen Künstler in die Fortschrittsgeschichte der Avantgarde eingemeindet. Vielleicht ist genau dies der Grund, weshalb das deutsche Feuilleton umfangreich und wohlwollend auf “Frequenzen [Hz]” reagierte…

Wohlfühliges Flanieren ist in “Frequenzen” offensichtlich nicht vorgesehen.

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Elektronische Lebensaspekte.