Das Jenaer Kollektiv "Freude am Tanzen" ist der sonnig verspielte Teil der deutschen Deephouseszene. Um die Hausproduzenten "Wighnomy Bros." und "Marcho" wird zwischen NuJazz, Elektronika, 80er-Electro und eben Deephouse geforscht, was der ungebremste Entdeckergeist hergibt. Immer im Bewusstsein, dass fusionieren viel konstruktiver ist als separieren.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 61

Vor allem Eierkuchen

Freude am Tanzen

“Freude am Tanzen” ist ein Comic. Ein Comic mit sechs Comic-Helden. Und dem eigenen Wirtshaus im Spessart. Von dort, dem “Kassablanca” in Jena, schaltet man sich in die Houseszene der Region, die immer gern als Deephouse-Bermudadreieck zwischen Jena und Leipzig gefeiert wird, auf breiter Linie ein. Mit einer Comic-gerechten Farbigkeit, gutgelaunten Wuseligkeit und einer feurigen Neugier am Experiment, an Testsituationen, sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich, die Grenzen – wie z.B. Deephouse – einfach nicht akzeptieren mag. Man könnte die Haltung vielleicht kritische Unvoreingenommenheit nennen. Das führt zu einer sonnigen Produktivität, die Deephouse mit dem Balearischen versöhnt, Nujazz auf Open-Air-Raves bringt, mit HipHop-Techniken den Humor in House checkt und mit Protestelektronika “tierisch auf den Hosenboden fällt”. Dabei aber nichts hinwischt, sondern sich lieber zwei Nächte länger im Kellerstudio unter dem Kassablanca einbuddelt und Details poliert.

Zwischen Charlie Brown und Teletubby

“Freude am Tanzen” ist ein Glücksfall, ein Glücksfall an Gruppenchemie, wie mein Hippievergangenheits-Ich mir einflüstert. Bei “Freude am Tanzen” hält jeder jedem den Rücken frei für maximalen Spiel-(sic!)raum: Thomas “Spatz” Sperling (Headmaster des “Primaklimaclubs” im “Kassablanca” und Senior-Consultant), Sören Bodner (“Wighnomy Bros.”, “Fatplastics”-Plattenladen, systematischer Musikforscher), Gabor Schablitzki (“Wighnomy Bros.”, “Beefcake”, “Machiste”, “Robag Wruhme”, intuitiver Musikforscher, Hauptproduzent, ganz klar), Marko Büchel (“Marcho”), Delhia (Gabor: “Ich hörte Erykah Badu, sah aber Delhia”), Grit Sachse (Bürostrategin für Label und Booking).
Den bedenklerischen Charlie Brown teilen sie paritätisch untereinander auf, bis er unmerklich wegkrümelt, ohne dass man gleich zum Teletubby werden müsste. Denn Reflektieren muss ja nicht zu Zergrübeln führen.

Von Electric Boogie zu Eierkuchen

Thomas: FAT ist Musik für eine Party. Eine Party soll lustig sein und nicht in der Theorie verloren gehen. Das Motto der 91er Love Parade sagt eigentlich alles: Friede, Freude, Eierkuchen…
Debug: Vor allem Eierkuchen?
Thomas: Für wen, ist die Frage… In den Wurzeln ist es ein Lebensgefühl, das darauf orientiert ist zu feiern, exzessiv und intensiv zu feiern und sich auszulassen mit einem Lachen im Gesicht und mit Schweiß im Gesicht.

FAT ist also ein Zusammenschluss von Scheuklappenhedonisten? Ne, dieses “Eierkuchen”, das hat es konnotativ faustdick hinter den Ohren. Bei ihrer Musikinitiierung im Arbeiter- und Bauernstaat ist das Politische nicht wegdenkbare Hintergrundfolie jedes Radiomitschnitts, jedes Tanz-Steps, jeder leierigen C 60-Kassette mit Erklärungen und Hörbeispielen, was es denn jetzt mit dieser Untergrundmusik aus dem Imperialistenstaat Nr.1 auf sich hat. Denn die DDR hatte ihren eigenen Criminal Justice Act. Wollte man lieber Breakdancer statt Arbeiter oder Bauer werden, wurde es zwischen juveniler Nischenfindung und staatlicher Nischensprengung ganz schön irre.
Sören: Breakdance, ja, damit hat es angefangen.
Thomas: Seit Electric Boogie-Zeiten.
Gabor: Seit 1988, das war schön. Da hat man noch zum Abschluss mitbekommen, wie es ist, wenn etwas gar nicht zur Gesellschaft passt…
Thomas: …und man eine Szene dazu hat.
Gabor: Am Ende war die DDR-Gesellschaft ja selbst Schuld. Wir sind von der Schule aus in ein Lager gefahren. Da wurde abends ein Film gezeigt, was an sich schon spektakulär ist, aber es wird noch viel spektakulärer, wenn das dann “Beatstreet” ist… Wenn ich im Nachhinein betrachte, dass sofort die Polizei da stand, wenn die Leute sich wie Gummi zu Musik bewegt haben, und ab, sofort in den Knast, aber das Lehrerkollegium sich dafür entscheidet, solch einen Film zu zeigen, der einen zum Gummitanzen geradezu auffordert…
Thomas: Damit hat man sich schon früher beschäftigt, okay, ich weiß, ich bin etwas älter. Da hat man schon unter Strobogewittern zu Shannons “Let the Music play” Breakdance vorgeführt auf der Dorfdisco. Man konnte ja nicht viel sehen, auf ZDF “Robotdance-Workshops” und so. Musik hat im Osten eine ganz andere Wertigkeit gehabt. Bestimmte Musik überhaupt zu besitzen, darauf war man stolz. Das konnte Housemusik sein, die man aus dem Radio auf Kassette mitgeschnitten hat. Musik war ein ganz kostbares Gut im Osten. Man führte über die Musik einen Stellvertreterkrieg.

Die Erfahrungen aus diesem Stellvertreterkrieg mit Toprock-, Windmill- und Freeze-Steps haben sie glücklich in ihr Wirtshaus im Spessart gerettet, nur kriegerische Gesten brauchen sie nicht mehr.
Debug: HipHop ist eine viel selbstdarstellerische Musikszene als House?
Sören: Von uns stellt sich keiner hin und sagt: Hier, wir sind jetzt die ultimativen Typen mit der ultimativen Musik.
Debug: Kein Verdrängungskampf?
Sören: Mit Vermischung funktioniert es immer viel besser als mit Verdrängung.
Kompetenz, Kooperation, Kommunikation (Grits Parole) und Friede, Freude, Eierkuchen, der pragmatische Blick für die Möglichkeiten einer Mikrowirtschaft und die intensive Erinnerung an die Kraft idealistischer Kollektivierung, diese Vermischung sichert die “Freude am Tanzen”. Zwischen jugendlichem Revoluzzertum und adoleszentem Reformismus bleibt man entschieden unentschieden. Und kann Leben und Kunst als Comic zeichnen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.