Giegling aus Weimar hat sich vom abrissreifen Studentenclub zum DIY-Label gemausert
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 149

Giegling

Auf dem Land aufzuwachsen, kann extrem nervig sein. Um da nicht in Misanthropie abzudriften, braucht man vor allem: Freunde und Ideen. In den meisten Fällen schmeißt man dann im großelterlichen Schrebergarten kleine Partys für Klassenkameraden und deren Freundinnen, schmiedet viele Pläne und liegt am Ende des abends mit offenen Augen im Bett, weil sich sonst alles dreht. Bei Giegling lief das etwas anders.

Und trotzdem ist daraus entstanden, wovon vermutlich jeder, der aus einer Kleinstadt kommt und Musik bewusst konsumiert, schon mal geträumt hat. Weil die Geschichte so schön ist, muss sie auch von Anfang an erzählt werden, denn zu Beginn hieß Giegling noch Elektro Giegling und war kein Label, sondern ein Club im Weimarer Ilmpark, in dem eine Gruppe junger Studenten in zwei Generationen ganz selbstständig die Partys veranstaltet hat, auf die sie selbst gern zufällig gestolpert wäre und ihren Enthusiasmus zu Bar und Tanzfläche großzog.

2008 kam dann der tragische Abriss-Tod für Elektro Giegling. Aus dem Willen heraus, den Wind die Spuren dieser Zeit vor den Betonmischern nicht komplett davontragen zu lassen, ist dann der Plan gereift, die fröhliche, entspannte Atmosphäre des Clubs auf Vinyl zu konservieren. Und so kam eins zum anderen, bis alle festgestellt haben, dass mehr gemeinsame Nenner vorhanden sind, als man zunächst gedacht hatte. Da ergab es natürlich Sinn, dieses als Requiem vorgesehene Projekt weiterzuführen, statt den Output in den jeweiligen Köpfen zu bunkern.

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Der Weimarer Ursprungsgroove
Die besagte Atmosphäre, die das Label umgibt, bringt auch seinen Sound auf den Punkt: Man hört den Stücken von Kettenkarussell, Prince Of Denmark oder der Staub-Serie an, wie wahre Liebhaber an ihnen rumgebastelt haben, vor dem geistigen Auge kann man die Tapete von der Wand des Proberaums blättern sehen, auch wenn man dem mittlerweile vielleicht entwachsen – oder gar erst nach diesen Zeiten dazu gestoßen ist, wie zum Beispiel Edward.

Wie sehr die Neuzugänge aber zum Label passen, merkt man an den ständig und in jedem Stück neu zu entdeckenden Referenzen, die den Klang von Giegling besonders machen: Bei Edward beispielsweise klingt ständig der Jazz durch, bei Matthias Reiling HipHop, vom freundlich zur Gitarre vor sich hin ruckelnden Beat in “Bubble To Bubble” bis zu den zart gesampelten Vocals in “ZD2TIL”. Reilings zweites Album “Doppelgänger” versteht sich in diesem Sinne als Fortsetzung und es steht so gut wie in den Startlöchern. An analoges Feeling anknüpfend, klingt es etwas ernster als sein Vorgänger. Es bleiben die Unaufgeregtheit und liebevolle Produktion, die auch dem Weimarer Ursprungsgroove innewohnte.

Ebenso in der Zusammenarbeit mit Christopher Rau erkennt man die Detailverliebtheit, die in den Giegling-Gefilden an den Tag gelegt wird: Die kam erst durch einen Fehler zustande, der ihm beim Ø Festival in Dänemark unterlaufen ist. Den fanden die Fledermausohren des Labels so toll, dass er unbedingt auf Platte festgehalten werden sollte. Und da an ihnen mit so viel Leidenschaft gearbeitet wird, ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Artworks ebenso persönlich sind: Solang die Stückzahlen es zulassen, werden nämlich sämtliche Cover durch Siebdruck und obskurere Verfahren in der Werkstatt der Weimarer Uni handgefertigt. Man lässt sich in Weimar auch von der teilweise ernüchternden Realität des Business keinen Strich durch die Rechnung machen. Danke dafür!

Matthias Reiling, Doppelgänger, ist auf Giegling erschienen.

http://www.giegling.net
http://www.myspace.com/matthiasreiling

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