Freundinnen sind toll. Das findet auch ND Baumecker und hat sein Label, auf dem er poppige, eigenwillige Housetracks veröffentlicht, gleich so genannt. Die wiederum verdrehen einer illustren Runde von Ivan Smagghe bis Trevor Jackson den Kopf. Ein Portrait.
Text: Aljoscha aus De:Bug 86

Unter Freundinnen

Auf “Fashion TV” erkannte ich einst in einem Hotelzimmer in der grauen Vorstadt von Lissabon die Silhouetten von Models im Blitzlichtgewitter von Paris. Wie schön das war! Und wie zufällig darunter die Musik von Metro Area lag! Ein stimmiges Bild – ganz klar.
Mit diesem akustischen Bild vor Augen, fragte ich zwischen New Jersey und Manhattan unsere amerikanische Freundin Morgan Geist, tatsächlich an einem nördlichen Brückenübergang, warum Mode mehr als nur ein Motiv der Musik ist, warum Pink und Grün das Versprechen der Musik nicht nur vertärkt, sondern die Vollendung des Musikalischen ist – erster Metro-Area-Psalm.

Gefangen im anachronstischen Baudellaire-Pathos plätscherten Gedanken über das Schöne, die Mode und das Glück aus meiner romantisch-beseelten Grundstimmung bis der Musiker mich zu ermahnen wußte. Böseblickendes Auge vermochte Geist dieser schöngeistigen Geister zu vertreiben, indem er mir über den Mund fuhr und sagte: “It’s about becoming fashionable, stupid!” Ach so, dachte ich. Na klar. “It’s the economy, stupid!” Nie ist das Schöne, wenn es denn schön ist intendiert. Nie wird ein singulärer Modefetzen “En vogue”. Er wird reproduziert und konsumierbar (gemacht), indem alles in ein Verhältnis gesetzt wird. Auch wenn eine Boutique die Musik zum Verkaufsanreger benutzt, Metro Area mehr für Gucci getan hat als umgekehrt, gibt es da nicht eine Verwechslung von Moden und Mode? Wäre die erste Unterscheidung nicht demnach “In-Mode-kommen” ungleich “Mode”, die Moden überlebt und nicht an Zeit gebunden ist. Auch Andreas Baumeckers Label Freundinnen steht hoch im Kurs, einem kurzweiligen Modetwist verfallen zu sein, wie es in elektronischer Musik vermehrt vorzukommen scheint. Die Moden von gestern verglühen auch an einem Ort wie Mannheim nicht langsamer, wo nicht unweit, am lieblichen Ort Ludwigshafen die Arbeiterschaft von BASF “Friends will be Friends” intoniert – eine unheimliche Solidarität unter Freunden. Das Label Freudinnen vollführt einen anderen Spagat auf der breitgefächerten Elektrobank, vergleichbar nur mit der Kür Sofia Coppolas im Kunstturn-Video der Chemical Brothers. Neue und abgetragene Soundkorsetts werden in gehaltvolle 12ies eingewoben. Note: 9.75.

Nach Jahren, in denen Baumecker immer wieder ein Gespür für neue Musik und Moden entwickelte, hat er sich mit Freudinnen eine eigene Plattform geschaffen. Man könnte auch sagen: ND Baumecker ist aus der Anonymität eines unbekannten elektronischen Experimentierfreunds aufgetaucht. Ohne weiteres läßt sich behaupten, dass ND nicht nur Isolée entdeckte, sondern auch die Platten von Metro Area und Daniel Wang als einer der ersten auf den Plattentellern rollen ließ. Seitdem hält er zu ihnen engen Kontakt. 2003 gelingt ihm dann ein kleiner Geniestreich. Alles begann in einer Nacht in Barcelona. Trevor Jackson legt die letzte Platte auf. Abgeschirmt von einem Pulk von Begleitern, übergibt er Trevor Jackson mühsam 2 Platten seines Labels und verläßt fluchtartig wieder die Veranstaltung. “Drei Wochen später dann seine Antwort. Oh Mighty ND Baumecker, waren seine ersten Worte.” Output Recordings will Lopazz, wirft sich ihm zu Füßen mit Remixen und einem wundervollen Video zu “I need ya” Eine in rot getauchte, sterile Wohnkulisse, Teddybären, die zu Sexmonstern erwachen könnten, ein asiatischer George Michael-Imitator und Menschen, am Rande zur Geschmacklosigkeit, zum Häßlichen – in der Tat! – inszenieren ihren Liebesüberschuß, der etwas mit Sex zu tun haben könnte.

ND sagt, jeder Mensch habe seinen eigenen Stil. Aber Mode, nein, Mode sei für ihn nicht entscheidend. Dabei müßte er zumindest einschränken, dass Freundin sich gerne Moden unterwirft. Nicht in Fashion Victim-Manier, sondern als gemeine Bitch, die mit Hypes und Moden artistisch jongliert und nicht in einen Taumel gerät. Das schlägt sich musikalisch nieder. Der “Klang der Familie” wird demnächst als Acidkracher Freundin werden.

In letzter Zeit zieht ihn Paris magisch an. Sein Freund lebt dort und veranstaltet eine Partyreihe namens “Outre Outre”, ein Gay-Lesbian-Hetero-Melting-Pot mit Paradise Garage Reminiszenz. “In Paris bestimmt Musik das Modegeschehen. Ein Mann wie Michel Gubert kasiert geschätzte 30000 Euro, um ein Mode-Event mit Phönix zu gestalten. Außerdem hat er Phönix durch Chanel-Spots gepusht. Das ist hier schon unvorstellbar.” Vergessen wir nicht auch im New Yorker Clubparadies der 1980er Jahre, ging es um den Mythos der Präsenz: “Dahinten, Calvin Klein!” soll Lerry Levan aufgeregt gerufen haben, während Calvin Klein schrie: “Schaut! Da vorne Larry Levan!”
Alle können Freundinnen werden. Die Überschreitungs-Disco samt gebrochener Sex-Manie von Khan und Snax genauso, wie sein alter Begleiter Move D aus Heidelberg. Verstärkt arbeitet ND zudem mit jungen Artists zusammen, die wirklich nichts mit 1980er Jahren zu tun haben können. ND sollte nicht verdächtigt werden. Nein! Warum in jeder Boutique – sog. Resterampen vielleicht ausgenommen – Sade läuft, erschließt sich durch die Funktionsweisen elektronischer Musik eh nicht. Die verhinderte Pophauptstadt Mannheim, in der Xavier Naidoo als Bürgermeister in spe über dem Rathaus thront und irgendwann die marode Stadt aufkaufen wird, um damit die Las Vegas-Idee von deutscher Popmusik mit Schwerindustrierelikt zu realisieren, passt eher zum modeinkompatiblen Bild eines Dancefloors mit Wasserflaschenträgern. Aber nicht deswegen geht ND nach Berlin. Es sind die Freundinnen. Vielleicht ist “I need ya” der gebrochene Spiegel des Freundinnenuniversums, durch den ein Vesprechen, das über Musik hinaus geht, aufflackert: Ein Versprechen von Performance und Mode, dass selbst dem Elektroclash-Monstrum etwas abzugewinnen weiß und trotzdem einen eigenen Stil sichtbar macht. ND bewegt sich zwischen den Moden, genau wie Freundinnen, seinem illustren Ensemble. Freundinnen ist ein Sammelsurium von Freundinnen – eine schöne Tautologie. So werden Moden in Musik unscheinbarer. Sie überdauern den Twist. Wie Kurt Kocherscheidts “Grün auf Orange” auf der Documenta 9, wie Metro Areas “Lila auf Orange” auf Metro Area 3, wie Freudinnen am Rande zum Lifestyle-Mode-Gestus anderer Freundinnen: Etwa DJ Hells, der Mann des Jahres 2003 (GQ), der “Quest” hätte retten sollen und damit eine Chance vertan hat, oder der Freundin Miss Kittin, die schlechte Laune verflucht, weil sie gerade on the top ist, wie in ihrem Web-Tagebuch nachgelesen werden kann. ND aber will mehr. Tatsächlich Freundin werden.

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Elektronische Lebensaspekte.