Jetzt wird' s ernst: Friedrich Kittler steuert mit seinem neuen Buch "Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaften" die Institutionalisierung seines Faches an. Und ganz nebenbei versucht er, die Cultural Studies über den Atlantik zurückzudrängen. Ob Hegel da mit macht?
Text: mercedes bunz aus De:Bug 45

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Dinosaurier gegen das Kulturmanagement
Friedrich Kittlers Kulturgeschichte

Kittler, Medientheoretiker und historischer Kulturwissenschaftler, zieht in “Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaften” die Linien durch die Namen und Positionen des Archives “Geschichte” und zurrt sie am eigenen Ansatz fest. Es sind drei Etappen, die er auf diese Weise verfolgt: Zunächst marschiert er von Vico bis Hegel und untersucht die Geburt der Kittlerschen Kulturwissenschaft aus der schroffen Trennung zwischen Kultur und Natur. In einem zweiten Schritt wird die Geschichtsphilosophie untersucht und von Nietzsche aus schließlich als letzte Etappe die Ansätze der Theorie freigelegt, die versuchen, Theorie als kulturpolitische Praxis zu fundieren. Der vierte Schritt, Technik und Kultur zusammenzubringen, wird mit dem Nennen von Autoren wie Harold Innis oder Marshall McLuhan angedeutet, seine Bearbeitung bleibt jedoch aus. Auf den ersten Blick scheint, dass die Vorlesungszeit, der wir dieses Manuskript zu verdanken haben, zu kurz war, doch die Grenze ist symptomatisch für einen Autor, der sich immer geweigert hat, die eigene Methode explizit auszuarbeiten. Und die besteht eben darin, Vico auf einem anderen Level wieder rückgängig zu machen und Naturwissenschaft/Technik und Kultur zu “Kulturnaturwissenschaften”, wie Kittler sagt, zu kreuzen.

Auch wenn die aktuelle Anbindung ausbleibt, der historische Teil des komplexen Unterfangens ist gelungen. Ein Grund dafür ist sicher Kittlers unterhaltsame und gleichzeitig fundierte Art, Verbindungen in Winkeln aufzuzeigen, die andere nicht beachten. Kittler beherrscht die Kunst, Wissen und damit komplexe Sacherverhalte zu vermitteln, ohne sich hinter den ausgeleierten und sicheren Wegen des universitären Jargons zu verstecken. Man kann dieses Buch guten Gewissens empfehlen. Gerade weil es im Kittlerschen Sound geschrieben ist, funktioniert es als Einführung ebenso wie als Wissens-Backup, wofür das Format bestimmt mit ein Grund ist – Vorlesung, deren Momenthaftigkeit auch netterweise sichtbar geblieben ist – inklusive Zigarettenpause. Die abschließende Frage, die aber doch offen zu bleiben scheint, wäre, wo das Update des abendländischen Wissens hinführt. Kittlers Bitte und Ziel ist, mit einer neuen Animation der abendländischen Dinosaurier nicht zuzulassen, dass dieses Wissen von dem amerikanischen Zweig der Kulturwissenschaften, den Cultural Studies, verdrängt wird. Fraglich ist jedoch: A) Ob es ausreicht, dass man dieses Wissen einfach nur aufruft und seine Komplexität zeigt, ohne es an aktuelle Debatten anzuschließen. B) Ob Kittler sich in den Cultural Studies überhaupt den richtigen Gegner ausgesucht hat oder nicht vielmehr ein wenig trickst, um polarisieren zu können. Denn einerseits ist Cultural Studies nicht Amerikanisch, sondern vor allem abendländisch – es beginnt seine Geschichte in Birmingham/England am Center for Cultural Studies. Andererseits blendet Cultural Studies den klassischen Kanon nicht aus, sondern bearbeitet ihn einfach auf einer anderen Baustelle: der politischen, auf der es vor allem darum geht, im Anschluss an Marx jene Trennung von Hoch- und Popkultur als politische Implementierung anzugreifen. Das Ganze vor die Tür zu kippen, indem man dem Fach vorwerfen würde, den stupiden und simplifizierend-soziologischen Begriff einer einheitlichen “Gesellschaft” zu benutzen, geht geradeaus daran vorbei. Denn es ist ausgerechnet Cultural Studies gewesen, die diesen Punkt immer angegriffen hat.
Fazit wäre also: Das Projekt, das abendländische Wissen zu bewahren, funktioniert nicht, indem man es einschließt. Einen Kanon rettet man nicht, indem man ihn einfach aufruft, sondern vielstimmig singt. Und das könnte gerade in dem Versuch bestehen, die ästhetisch-historisch ausgerichtete Kulturwissenschaft und die politisch ausgerichtete “Cultural Studies” zusammenzubringen. Das wäre dann die Aufgabe der nächsten Generation. Wahrscheinlich.

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Elektronische Lebensaspekte.