Zugegeben: Ein bisschen Sorgen macht man sich schon, wenn plötzlich die eigene Freundin begeistert von einer Internet-Dating-Plattform erzählt. Nach allem, was ich wusste, war Friendster.com genau das: Ein Platz zum Anbändeln. Eine Mischung aus Besorgnis und Neugierde brachte mich dann im Frühsommer doch dazu, mir die Website mal genauer anzuschauen. Schon nach ein paar Stunden passierte es dann: Ich wurde Fan – von Friendster.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 76

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Six degrees zum Selbermachen

Mittlerweile weiß ich, dass es bei Friendster um viel mehr geht als nur Dating. Friendster ist der Prototyp einer sozialen P2P-Community, ist Six Degrees of Separation zum Selberausprobieren. Dabei ist die Idee der Plattform verblüffend einfach: Jeder Friendster-Nutzer legt ein Profil an, in dem er nach Belieben Informationen zu seiner Person bekannt geben kann. Als nächstes knüpft er Verbindungen zu Bekannten, die bereits Friendster nutzen, oder lädt einfach ein paar seiner Freunde ein. Diese knüpfen dann wieder ihrerseits Verbindungen zu Freunden – und so weiter, und so fort.
Schnell entstehen so komplexe und erstaunlich große Freundschafts-Netzwerke. Friendster zeigt jeweils an, mit wie vielen Nutzern man verbunden ist. Anders als die bekannte Um-sechs-Ecken-Theorie vernetzt das System nur bis zum vierten Grad. Was immer noch ausreicht, um in kürzester Zeit verblüffend große virtuelle Freundeskreise anzusammeln. Nach ein paar Stunden auf Friendster hatte ich bereits Verknüpfungen zu rund 900 Personen. Am nächsten Tag waren es dann schon ein paar tausend. Dann plötzlich 35.000 60.000, 100.000. Mittlerweile sind es rund 300.000.

Dem Herrn Hermann seine Freunde
Die meisten dieser Leute kenne ich natürlich überhaupt nicht. Beziehungsweise eben nur um ein paar Ecken. Das Spannende an Friendster ist jedoch, dass es diese Bekanntschaftsverhältnisse genau dokumentiert und mir zu jeder Person erklärt, wie und über wen sie mit mir verbunden ist. So stellte sich bald heraus, dass der Label-Betreiber aus Hamburg, die Anti-Sweatshop-Aktivistin aus Los Angeles, der Slashdot-Editor aus San Francisco und der Kollege Herrmann von der Debug tatsächlich um drei Ecken alle die gleichen Freunde in New Jersey haben – obwohl sie sich natürlich gegenseitig überhaupt nicht kennen.
Dazu gibt es dann noch eine ganze Reihe von Schnickschnack-Funktionen, die dem klassischen Sinn und Zweck der Website Tribut zollen: Leute kennen lernen und Freundschaften manifestieren. Wie etwa eine Art öffentliches Gästebuch auf jeder Profil-Seite. Außerdem lässt sich der persönliche Freundeskreis sehr einfach nach Gleichgesinnten mit ähnlichen Hobbys oder kulturellen Vorlieben durchsuchen. Schließlich gibt es für die ganz Schüchternen – oder Neueinsteiger ohne ausreichende Verknüpfungen – noch die Möglichkeit, Freunde um Hilfe beim Verkuppeln zu bitten.
All das mag simpel klingen, besitzt in der Praxis aber einen extrem hohen Suchtfaktor. Dies und die virale Verbreitung – jeder versucht sofort, all seine Freunde von Friendster zu überzeugen – haben die Plattform zu einem der schnellstwachsenden Internet-Angebote des Jahres gemacht. Friendster startete im März und befindet sich immer noch mitten im Beta-Test. Die Zahl der angemeldeten Nutzer wächst jedoch jede Woche um rund 20 Prozent. Während ich diesen Artikel schreibe, haben sich insgesamt rund 2,5 Millionen angemeldet – wenn diese Debug am Kiosk liegt, werden es wahrscheinlich bereits 3 Millionen sein.

Das soziale Netzwerk als Businessmodell
Bisher ist Friendster völlig kostenlos und verdient lediglich ein bisschen Kleingeld mit Bannerwerbung. Das Geschäftsmodell klingt denn auch bisher etwas nebulös – Geld verdienen will Friendster mit kostenpflichtigen Erweiterungen. So soll demnächst bis zu zehn Dollar pro Monat zahlen, wer Menschen außerhalb seines persönlichen Netzwerks kennen lernen will. Friendster-Gründer Jonathan Abrams versichert jedoch: “Das Veröffentlichen des eigenen Profils, das Durchsuchen des eigenen Netzwerks und das Kommunizieren mit Freunden wird immer umsonst bleiben.”
Friendster ist längst nicht mehr die einzige Website, die sich an einem neuen Modell sozialer Netzwerke im Web versucht. Schon bevor Abrams sein Freundeskreis-Imperium startete, schuf der ehemalige Napster-Investor Adrian Scott ein Business-Netzwerk namens Ryze. Anders als Friendster stehen bei Ryze nicht die Verknüpfungen selbst, sondern mehr oder weniger thematisch organisierte Netzwerke im Mittelpunkt des Interesses. So gibt es lokale Ryze-Netze, verschiedenste Branchengrüppchen und natürlich auch jede Menge Hobby- und Flirtnetze.
Ähnlich organisiert, bloß ohne Business-Schwerpunkt ist Tribe.net. LinkedIn wiederum hat sich wie Ryze ganz der Geschäftswelt verschrieben, setzt dabei aber eher auf das Friendster-Verbindungsmodell. Sogar die Politik hat der Trend bereits erreicht: Anhänger des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Howard Dean nutzen die Friendster-ähnliche Plattform DeanLink, um sich miteinander zu vernetzen und neue Mitglieder für ihre Kampagne zu gewinnen.
Wer am Ende das bestgeknüpfte Netz haben wird, ist längst noch nicht abzusehen – zumal die Entwicklung sozialer Netzwerke erst am Anfang steht. Friendster &Co. sind nur Blaupausen für etwas, das in Zukunft integraler Bestandteil zahlloser Internet-Angebote sein könnte. Kollaborative News-Websites wie Slashdot etwa setzen heute noch auf ziemlich rudimentäre Filter. Was die Masse mag, wird aufgewertet, alles andere verschwindet im Aufmerksamkeitsbrei. Wie wäre es, wenn stattdessen jeder das lesen könnte, was seine Freunde für lesenswert erachten? Kollaborative Filter, die nicht anonym im Dunkeln fischen, sondern auf ganz konkrete persönliche Verknüpfungen bauen, ließen sich mit Friendster-Modellen sehr einfach realisieren.

Tauschen? Nur unter Freunden!
Vom Friendster-Prinzip profitieren könnten auch Tauschbörsen-Angebote. P2P und Freundeskreis-Angebote stehen sich sowieso seit langem näher, als man glauben mag. So wollte der Soulseek-Entwickler Nir Arbel eigentlich unter dem gleichen Namen eine Dating-Community aufbauen. In Zukunft könnten Tauschbörsen-Programme ihre Netzwerkverbindungen nicht einfach um Server herum oder chaotisch-dezentral aufbauen, sondern Communities über thematische Nähen realisieren und Inhalte auf Vertrauensbasis empfehlen. Neben dem inhaltlichen Filter wäre dies dann gleich auch ein effektiver Schutz vor Copyright-Wächtern. Getauscht wird schließlich nur unter Freunden. : )
Manch ein Friendster-Kritiker wendet jedoch ein, dass sich dazu die sozialen Netzwerk-Technologien selbst erst einmal noch deutlich verbessern müssten. Anstelle von Quantität müsse Qualität im Friendster-Universum Einzug halten. Wichtig ist eben nicht in erster Linie, dass ich 300.000 Freunde habe, sondern wer davon meine besten fünf sind.

Cool, ich habe Marx als besten Freund!
Dass das Ansammeln massenhafter Verbindungen die Qualität der einzelnen Links deutlich beeinträchtigt, mussten auch die Friendster-Macher beobachten. Ihr gesamtes Konzept basiert darauf, Intimität durch Beschränkung zu erzeugen. Die Nutzer können eben nicht wahllos mit jedem kommunizieren, sondern nur mit den Freunden ihrer Freunde. Das wurde plötzlich in Frage gestellt, als im Frühsommer immer mehr so genannte Fakester auf Friendster auftauchten – Leute, die vorgeben, Karl Marx, George Bush oder Kylie Minogue zu sein.
Tausende von Nutzern fügten die angeblichen Promis zu ihrer Freundesliste hinzu – und sorgten so dafür, dass plötzlich dank Kylies Hilfe jeder jeden kannte. Friendster bemüht sich seitdem, die falschen Freunde rauszuschmeißen. Die kontern mit Manifesten, in denen sie das Faken als Identitäts- und Medienpolitk verteidigen: “Zum Preis des Ruhms gehört, dass Identität zu einer Art von öffentlichem Eigentum wird, das frei im Rahmen unserer Unterhaltungen und Interaktionen zirkuliert. Kunst und Medien sind Formen des öffentlichen Diskurses und damit freie und offene Foren zum ungehinderten Austausch dieser Identitäten.” Da sage noch jemand, es gehe bei Friendster nur um Dating.

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Elektronische Lebensaspekte.