Nachdem Dasha Rush jahrelang als Model gearbeitet hat, sattelte sie auf Techno-Produzentin um. Ihr Label Fullpanda wurde mit offenen Armen begrüßt. Jetzt findet sie zu ihrer persönlichen Handschrift.
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 128


Zweite Heimat Techno

Von den Laufstegen der großen, bunten Modewelt in Paris, London und Tokio ist es ein weiter Weg bis zu dem schmucklosen Bürokomplex, der dunkelgrau in den herbstlichen Großstadthimmel nahe der Jannowitzbrücke in Berlin-Kreuzberg ragt. Dasha Rush schmunzelt, als wir durch die labyrinthartigen Gänge zu ihrem Studio im fünften Stock des Betonriesen gehen. “Meine Freunde erlauben sich immer den Scherz und fragen, ob ich jetzt in einem Krankenhaus arbeite. Schön ist es hier wirklich nicht, aber hier habe ich meine Ruhe und kann mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren.“ Die Konzentration ist auch absolut nötig, denn derzeit arbeitet Dasha unter Hochdruck an der Fertigstellung ihres zweiten Albums, das für Ende Januar 2009 angekündigt ist. Damit möchte sie sich deutlich vom Sound des 2006er-Debüts “Forms Ain’t Formats“ auf ihrem eigenen Label Fullpanda Records entfernen. “Beim ersten Album habe ich eher einen sehr abstrakt-konzeptuellen Ansatz verfolgt. Es ging um die Übersetzung von geometrischen Formen in Klang. Ich habe das Album in drei Teile geteilt – Kreis, Quadrat und Dreieck – und mir zu jeder Form die passende Musik überlegt. Jetzt ist alles sehr viel persönlicher.“ Die ersten fertigen Tracks klingen dann auch gar nicht mehr nach dem rohen, Industrial-beeinflussten Techno der ersten Platte, sondern eher nach knuspriger Elektronika, die den Spagat zwischen abseitigen Soundexperimenten und charmantem Pop wagt. Nicht nur weil Dasha erstmals selbst einige der Vocalparts übernimmt, erinnert das ein wenig an die Kölnerin Ada. Folgerichtig erscheint das kommende Album auch nicht auf Fullpanda, sondern auf Hunger To Create, Dashas Label für weniger Dancefloor-orientierte Projekte. Nur in die Techno-Schublade möchte sie sowieso schon mal gar nicht gesteckt werden. Zwar wurde sie bereits Mitte der 90er vom damals auch im anarchischen Postwende-Moskau aufkeimenden Rave-Virus infiziert, ihren ersten Auftritt hinter den Plattenspielern absolvierte sie aber mit einem Ambient-Set. “Ich konnte noch keine Beats mixen. Sounds aufeinander abzustimmen war einfacher für mich. Meine Eltern hatten viel instrumentale Elektronik, so etwas wie Jean-Michel Jarre aus Osteuropa.“
Vor der Musik kam bei Dasha aber erst die Mode und die Arbeit als Model. “Ich habe bereits mit 16 Jahren angefangen und insgesamt zehn Jahre als Model gearbeitet. Am Anfang habe ich sehr viele Laufsteg-Shows mitgemacht, um Geld zu verdienen, später dann lieber Fotoshootings, weil das weniger Stress ist.“
Geblieben sind von dieser Zeit vor allem die Eindrücke von längeren Aufenthalten in London und Tokio und “eine gewisse Melancholie vom vielen Reisen“. Auch wenn ihr Lebensmittelpunkt derzeit in Berlin liegt, bezeichnet Dasha weiterhin Paris als ihre Basis. Parallel zur Musik begann sie dort auch mit Soundinstallationen, die sie meist im Verbund mit Malern und Performance-Künstlern präsentiert hat. “Das als Kunst zu bezeichnen, ist aber etwas schmeichelhaft. Es ist einfach eine andere künstlerische Ausdrucksform, die der Musik eine weitere Dimension gibt.“ Für die Zeit nach der Fertigstellung des Albums hat sie schon wieder einige Projekte geplant. “Eine Kombination von Visuals und Tanz, aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.“ Außerdem wird man sie bald wieder verstärkt als DJ erleben können. “In der letzten Zeit war ich etwas gelangweilt davon. Die Live-Acts haben mir neue Inspiration gegeben, aber jetzt möchte ich unbedingt wieder auflegen.“ An starren Konzepten wird sie sich auch dabei bestimmt nicht orientieren. Denn die Form ist als Ausgangspunkt immer nur die Möglichkeit eines künstlerischen Entwurfs, egal ob auf dem Laufsteg, im Club oder in Berliner Bürokomplexen mit Krankenhaus-Charme.

http://www.fullpanda.com

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Elektronische Lebensaspekte.