Ornaments bewegen sich in der altehrwürdigen Technopolitik. Keine Gesichter, keine Namen, kein Rummel jeglicher Art. Kein Grund, nicht dennoch emotionale und sehnsuchtsvolle Housemusik in die Welt zu bringen.
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 128


Mit Kunst gegen Kommerz

Ornaments Records zählt sicherlich zu den heißesten Newcomer-Labels des Jahres, doch genauso interessant wie ihre Musik ist die erfrischend-orthodoxe Haltung der Betreiber. Keiner von ihnen würde sich in den Vordergrund rücken oder die MySpace-Promotion-Möglichkeiten ausreizen, nur um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sind sie doch so der Oldschool verhaftet, dass man ihre Attitüde am liebsten in ein Geschichtsbuch packen würde, um Jüngeren zu erklären, wie Techno einmal war. Dass dabei weder Herkunft noch Namen der Betreiber eine Rolle spielen, liegt auf der Hand. Schließlich geht es um die Musik und die Künstler. “Ornaments soll emotional sein und die Seele berühren. Man soll die Liebe zur Musik bemerken, die dahinter steckt.” Liebevoll gestaltetes, marmoriertes Vinyl, nur mit Logo und Katalognummer versehen, lassen darauf schließen. Um an Infos über Künstler und Titel zu gelangen, muss man schon tief in das Material eintauchen, denn diese sind direkt auf das Vinyl geritzt und nur unter günstigen Lichtbedingungen zu erkennen.

In erster Linie sehen sich Ornaments als Freundeskreis von Enthusiasten, die den meisten Wert auf die Musik und auf persönliche Beziehungen zu den Künstlern legen und das Label ohne großen Business-Masterplan angingen. “Wir hatten tolle Unterstützung vom Vertrieb Word and Sound und einem Freund, der uns unter die Arme gegriffen hat. Außerdem haben wir Beziehungen zu Presswerken. Es gibt so viel gute Musik, da lag es auf der Hand, ein Label zu gründen.” Dass es nicht um kommerzielle Absichten geht, wird während des Gesprächs schnell deutlich. “Kunst muss frei sein. Wir fänden es schrecklich, wenn man Kompromisse eingehen müsste, um die Wohnung zu bezahlen.” Lieber betreiben sie das Label als reines Hobby. Angebote von MP3-Shops wurden ebenso ausgeschlagen wie Ratschläge, die Sascha Dive mit einem dicken Moodyman-Remix-Stempel zu versehen. Und dass die Platten alle limitiert sind, ist für sie ein guter Grund, keine weiteren nachzupressen.

No Pain in the Ass
Genauso kompromisslos sind sie beim Mastering. “Für uns ist der Klang extrem wichtig. Wir lassen alles bei Helmut Erler (Dubplates und Mastering, Berlin) schneiden. Das hat zwar einen gewissen Preis, aber der ist es wert. Nicht nur wegen des Kults um Basic Channel. Es ist einfach das geilste Studio überhaupt. Man ist dabei, sieht genau, wie die Lackfolie angeschnitten wird, und dann vergleicht man und kann den Sound direkt korrigieren. Das ist ein Unterschied.” Diese Beziehung zum Vinyl ist komplementär zu der Richie Hawtins, für den Schallplatten ein “pain in the ass” sind, wie er neulich (auf der Slices-DVD) bemerkte. “Wir betreiben Ornaments als reines Vinyl-Label. Das ist auch als Statement gegen die leider immer mehr voranschreitende MP3-isierung in der Musikkultur gemeint. Nicht dass wir etwas gegen MP3s hätten. Aber Vinyl ist für uns eine Kulturform, die wir einfach lieben.” Leute, die keine Möglichkeit haben Vinyls abzuspielen, kommen dennoch auf ihre Kosten. Auf der Hompepage kann man den kompletten Katalog hören. Das ist ihre Art des Entgegenkommens.

Soviel Oldschool-Habitus und Understatement erinnert schnell an Underground Resistance, ohne die politischen Kampfansagen. Da kann einen schon der Verdacht kommen, dass die Musik dementsprechend orthodox klingen muss. Doch spätestens nach dem ersten Durchhören verflüchtigt sich dieser Verdacht. Ornaments klingt auf verschiedene Arten frisch. Mal schwer dubbig, dann wieder nach straightem Techno oder klassisch housig. Diese Vielfalt passt zur gesamten Haltung, ist aber aus Corporate-Identity-Sicht nicht Image-fördernd. Oder vielleicht gerade deswegen? “Wir würden es langweilig finden, nur einen Corporate-Sound zu haben, bei dem man an jeder Platte erkennt, dass es das Label ist. Wir sind uns schon bewusst, dass wir manche Käufer der letzten Platte mit der nächsten vor den Kopf stoßen. Aber das ist für uns spannender.” Mit derselben Philosophie startet im Dezember das Zweitlabel Polymorph, dass etwas eckigeren, kantigeren und verspielteren Techno veröffentlichen wird.

Demnächst: Sven Tasnadi EP (Ornaments 005)

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Elektronische Lebensaspekte.