Der Circus Krone der elektronischen Musik
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 110


Früher war der Kanadier so etwas wie der Circus Krone der elektronischen Musik, heute ist das alles Geschichte. Mehr Ernsthaftkeit im Funk und weniger Skelette auf der Bühne säumen den Weg zum Erfolg.

Das erste Mal habe ich Frivolous in Montreal live gesehen. Damals noch mit Kochmütze und einem Haufen kleiner Instrumente. Die kanadischen Mädchen liebten diesen Flohzirkus. Frivolous, der Name war schon immer auch Programm, war nicht ganz ernst zu nehmen, aber er brachte einen doch dazu unwillkürlich loslachen zu müssen. Irgendwie noch ein Kind. Vielleicht auch ein wenig naiv, denn er wollte nebenher auch noch kanadischer Lounge-Popstar werden. Albern, immer leicht verdreht, unerwartet, aber doch mit einer versponnenen Ernsthaftigkeit, die selbst strengste Minimalbuddys überzeugen musste. Das nächste Mal sah ich ihn in der Berliner Maria, diesmal mit im Skelettkostüm und mit großem rotem Telefonhörer als Mikrophon. Die Musik war etwas dunkler geworden, der Vorhang aus Samt. Aber immer noch war Frivolous so skurril, dass er auffallen, herausfallen musste. Kein Moment, in dem man nicht grinsen wollte, egal wie viele kleine Dämonen da heraufbeschworen wurden. Irgendwie war Frivolous wie ein Horrorstummfilm mit Musik, der einfach auf zu vielen Umdrehungen läuft. Letzte Woche dann hat Frivolous aufgelegt, immer noch mit Telefon, aber ohne Verkleidung. House, deep, unerwartet deep, und aus dem Grinsen wurde irgendwie Glück.

“Es ist eine bewusste Realisierung, dass Musik wie diese nicht in so viele Kategorien passen kann. Man kann Musik, die einen sehr melodischen, jazzigen Einfluss hat, nicht einfach in ein quadratisches Loch auf den Dancefloor pressen. Mir ist klar geworden, dass es verschiedene Charaktere in meiner Musik gibt und ich identifizieren muss, welches Stück wohin gehört. Vor dem ersten Album war ich noch nie in Europa. Die Umgebungen, für die ich Musik gemacht habe, waren alle eher imaginär. So dachte ich damals, geht das, das wird die Leute glücklich machen. Aber keiner der Plätze hat existiert.”

Jetzt funktionaler
Aber seine Musik schüttelt Funktionalität auch ab, wie einen Schatten. Seit knapp einem halben Jahr wohnt er nun in Berlin. Das beeinflusst einen. Auch darin, was man nicht werden will. Frivolous hat die Eigenart, sich verändern zu können, sich Dinge vorzunehmen, wie z.B. den straighten Dancefloor-Track, aber dahinter immer noch als Frivolous aufzutauchen. Eine Art von Autoren-Dancefloor, der einem die Einzigartigkeit, die Persönlichkeit nicht aufdrückt, sondern sie irgendwie nebenher aufblitzen lässt. Und selbst wenn es nur in den verwendeten, stellenweise selbst zusammengebastelten Instrumenten ist, die aussehen, als würden sie sich auch gut in einer Hinterhofband in Kenia machen.

“Midnight Black Indulgence” heißt das neue Album von Frivolous. Und es gibt viele Arten von Schwarz in Musik. Das Schwarz des vergessenen Kontinents, der puren Energie, das Schwarz, das hinter der Haut herrschen dürfte, das der Augen, in denen man sich verliert, das gruselige Schwarz, das Schwarz des Schmerzes, der Ungewissheit, des Unheimlichen, die Nicht-Farbe, die einem nicht wie andere Farben einredet, dass hinter allem, was man sieht, auch ein Ding sein müsste, das Schwarz der Schatten. Schwarz ist eine überraschend schillernde Farbe, wenn man sich drauf einlässt. Auf dem Booklet zum neuen Album sieht man Frivolous – vollständig, bis auf die Augäpfel – bedeckt mit schwarzer Farbe vor barocken Hintergründen, überzogen mit digitalem Goldbrokat. Wenn er immer noch ein Hauptdarsteller in seiner eigenen Inszenierung ist, dann ist er mehr als bisher in der Umgebung verschwunden. Eingebettet in Schwarz. Irgendwie kann man vermuten, dass er die Fäden zieht, als Puppenspieler die Fäden zieht, es könnte aber auch das Bild sein, das ihm seinen Platz zuweist. Vor allem aber muss man sich erst mal darüber klar werden, dass “dark” und “black” zwei völlig verschiedene Welten sind. Dark ist ein Mangel, ein Werden, Black ist der Nährboden für jegliche Substanz, das Zeug, was einem Spotlight erst die Möglichkeit gibt, überhaupt zu wirken. “Mein Album hat kein wirklich darkes Thema. Obwohl ich darken Romantizismus mag. Elektronische Musik ist ja irgendwie generell ein wenig dark. Allein schon die Umgebung, in der man sie hört. Dieser große treibende Bass. Das lässt keinen Raum für Gespräche, Kommunikation. Man ist irgendwie zusammen in dieser Leere. Meine Musik sticht da etwas heraus. Es ging auch darum, von dem Teil, den man nicht so gerne der Welt zeigt, überwältig zu werden, der Albumtitel ist nicht grade eine Emotion, die man sehr leicht darstellen kann. Die Bilder wurden in Budapest gemacht, und Budapest ist ja dafür bekannt, irgendwie grandios zu sein.”

Frivolous hat eine Weile an dem Titel seines neuen Albums herumexperimentiert. Und “Indulgence” ist ein ebenso schimmernder Begriff. Zwischen Genuss, Schwelgen, Schwäche, Milde und Duldsamkeit sind die Übersetzungen mehr als unfassbar.

“Für mich ist es eine “Indulgence”, Musik machen zu können. Musik, die sich nicht danach richten muss, was in der Clubszene abgeht. Musik, die nur von meiner eigenen Inspiration angetrieben ist. Musik, die einfach für mich ist. Und wenn ich so etwas machen kann und die Menschen es immer noch mögen, dann ist es “Indulgence”, es macht mich wirklich glücklich. Indulgence ist wie ein Bruch im eigenen Willen. Etwas ist so groß, dass man es einfach machen muss. Selbst wenn es negative Auswirkungen haben könnte.” Eine gewisse Art von Indifferenz, von Selbstaufgabe mit dem Zweck, sich selbst glücklich zu machen, als Basis für die eigene Musik zu installieren, erklärt vielleicht, warum (dieser Begriff ist so blöd, dass ich ihn nur unter Schreien und Zetern hier noch mal hinschreibe) Autoren-Techno und Frivolous eine etwas merkwürdige Beziehung führen. Jegliche Angst vorm bösen Künstlersubjekt kann man bei Frivolous jedenfalls gern wieder in die Schublade schieben.

Weg vom Klamauk
Und dabei wird er dennoch erwachsen. “Vielleicht bin von den Leuten in der Szene beeinflusst, die nicht so seriös sind. Es ist eine ziemlich weit verbreitete Einstellung, dass Dinge, die eher albern sind, eine Farce, keine ernsthafte Aufmerksamkeit bekommen. Ich möchte, dass die Leute mich wirklich ernst nehmen. Die Aufrichtigkeit sehen, das Emotionale. Und nicht einfach denken, das wäre ein guter Witz, den man gleich wieder vergessen kann.” Deshalb verkleidet er sich auch nicht mehr auf der Bühne (aber das Telefon bleibt). “Der visuelle Aspekt stand viel zu sehr im Vordergrund. Ich wollte, dass es eine Erfahrung ist. Dass es wirklich Live ist. Da bin ich – vor allem in großen Venues wie Fabrik in London – auf einiges an Widerstand gestoßen. Ich habe sogar noch vorher gefragt, ob sie wirklich wollen, dass ich auf dem großen Floor Freitagnacht spielen soll, ob sie wirklich überhaupt wissen, was ich mache. Aber Risiko ist mit gutem Grund risky. Das kann gut enden oder schlecht.”

Sehen lenkt dann vielleicht doch zu sehr ab. Wie jeder, der aus dem Allgemeinen herausragt, kennt Frivolous ein paar Grenzen sehr genau. Spielt damit, arbeitet daran, versucht sich darin zu bewegen und sich darüber hinwegzusetzen. Er ist Individualist, aber ohne daraus eine Vorschrift oder eine Essenz machen zu wollen, er ist albern, aber ohne ein Komiker sein zu wollen, er liebt Schwarz, aber lässt sich beim besten Willen nicht in einer darken Suppe einkochen. Wann immer Frivolous etwas ist, er ist auch das Gegenteil. Und das betrifft seine Musik genauso wie seine Umgebung.

“Klar, in Amerika war ich gelegentlich auf Festivals, aber nachdem ich hierher kam, wusste ich, wohin meine Musik gehört, wo die Menschen sind, die diese Musik auch hören wollen. Dafür aber wurden auch meine Befürchtungen bestätigt. Es kann schon mal Abende geben, bei denen ich nicht einen einzigen Moment hatte, der wirklich anders war. Diese Art von Musik scheint ein riesiges Monster zu sein, das alles andere verschlucken will. Ich habe das Gefühl, es gibt einen sehr starken Druck, möglichst viel rauszubringen und mit dem Format konform zu gehen, das einfach funktioniert. Es macht die Leute ja auch glücklich. Aber dennoch will ich dem nicht so ganz folgen.” Und so gern er in Berlin ist, irgendwie will er auch wieder zurück. “Ich wäre ganz gerne auch wieder isoliert. Ohne Druck. Es gab da doch ein paar nette Sachen in Kanada. Die Freunde, dich ich damals in Vancouver hatte, machen jetzt sehr gute Musik. Irgendwie würde ich da gerne etwas hinzufügen. Mich nicht so zu fühlen, als hätte ich es – schon als ich nach Montreal gezogen bin – völlig aufgegeben. Mein Großvater hat diese historische Gesellschaft ‘Artifacts Society’ auf Vancouver Island aufgezogen. Ein Wald, in dem eine Menge industrieller Geräte aus den ersten Zeiten der Industrialisierung herumstehen. Verrücktes Zeug, riesige Dampftraktoren, die da verrotten und über die langsam alles drüberwächst. Eine wirklich wundervolle Landschaft mit so viel Kontrast. Und ich denke mir, mein Großvater hat das begonnen (er ist schon länger tot), und vielleicht würde er es mögen, wenn ich mich dafür interessieren würde. Das wäre ein perfekter Platz, um elektronische Musik zu präsentieren.”
http://www.scape-music.de

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Elektronische Lebensaspekte.