Text: Dietmar Dath aus De:Bug 18

Dietmar Dath Der Minkowski-Baumfrosch Science-Fiction-Fortsetzungsroman Zusammenbruch, ach was, Unsinn, vielmehr “Zusammenfassung”: Nachdem in den vergangenen elf Kapiteln die Froschpartei (Cordula und Katja und Barbara und Hiro und Kato und JAW und ich und Old Err und weißgottwer) und die Fischpartei (Martin Späth und Dagon Gosch und König Artus und dieser und jener Söldner und Albert Speer und lauter fiese Fratzen) einander mithilfe von Zeitreisetechnologie, Nadelwaffen, Nanomaschinen, NAL-Computern, fremden Hybriden, Signalen vom Procyon und alten Singles von POISON über diverse Jahrhunderte, Kontinente und Kriegsschauplätze hinweg um den richtigen Begriff von Zeit und die richtige Praxis des Verbrauchs derselben bezickt haben, scheint der ganze Kampf mitsamt seinen Todesopfern usw. auf einmal nicht mehr so wichtig, nachdem ihm ein bedeutender Abend im Hause von Erasmus “Old Err” Darwin eine entscheidende Wende verpaßt hat; weshalb die Froschleute stattdessen das zentrale Unternehmen eines Kontakts mit den Verursachern des Procyonsignals vorantreiben wollen. Der Kontakt gelingt, und der Rest, also das untenstehende letzte Kapitel, ist überraschend friedlich geworden. War nett hier. Danke an De:Bug für dieses kurze Jahr. Zwölftes und Letztes Kapitel: Auf Wiederlesen! Eins: Die Obstruktion der Verschriftlichung einer Geschichte durch diese selbst, oder: Wow! Wenn ich, was ich gerade gemacht habe, in Katjas braune Augen gucke, dann sehe ich da drin ungefähr dasselbe, was sie vermutlich in den meinen erblicken kann, und wir beide in den Augen des Kapitäns, in den Augen von Una, die am Linearen Tachyonenspurendetektor steht, in den Augen meiner Frau Dioneta und sogar in denen des Kleinen, und das ist:ÊWow! Kein einfaches Wow, sondern ein buntes, regenbogiges, Teilchenzoos versprühendes Wow mit Sahne, ein Wow, in dem wir alle, jede und jeder von uns, eine Ansammlung von Knoten, d.h. Vertices von Feynmangraphen sind, anstatt der simplen Minkowskiweltlinien, die wir bis jetzt waren, jeder Kopf eine Explosion, das eben Erlebte eine absolute Grenzmarke… wir waren drüben. Ich hatte gerade die Schiffe der Procyoner oder Procyoniden oder wie immer man sie nennen will geschildert, dann bin ich routinemäßig (das geht schon wie bei einem Gerichtsstenographen, ich mache das ja jetzt seit ein paar Jahren während der Wachperioden des Kälteschlafs, seit wir von der Erde aufgebrochen sind) mit meinen Fingerkuppen über den Teil des Kontaktfeldkeyboards gehuscht, der das ganze in ein sendefähiges, um einen Schritt in sich selbst versetztes Triplet aus drei Textportiönchen verschlüsselt, wobei die diesmal zwischengeschaltete Passage eine aus der Vorstartphase war und am Schluß die Schilderung stand, wie wir dem Kapitän das erste mal begegnet sind, und gerade als das fertig war, verrutschte die riesige Projektion der Procyonidenschiffe… verrutschte aus der Mitte des Raums in, ich weiß auch nicht: in meinen Kopf, und dann sind wir… wow. Dann sind wir rüber, sie haben uns rübergeholt auf ihre Schiffe…” Oder sie waren hier”, sagt der Kapitän mit seiner etwas verwaschenen Stimme, die immer ein bißchen klingt, als müsse sie, sobald sie seinen Mund in Form von lebendigem Atem verläßt, nach Pfefferminz riechen, und er sagt es, während er mir beim Tippen über die Schulter schaut, auf den Monitor, auf dem gerade diese Worte erscheinen, die ich tippe, ohne sie zu sehen, weil ich noch immer in Katja Benantes ehrlich gesagt ziemlich verklärt aussehendem Gesicht nach einem Widerschein des Erlebten, einem Wink für seine Bedeutung suche; der Kapitän aber fügt hinzu: “Schreib: Sie können auch hier bei uns gewesen sein. Aber es war jedenfalls ungeheuerlich,” ich kann nur zustimmend nicken und es hintippen, “es war, als ob das Universum wirklich in einem magnetischen Monopol gefangen gewesen wäre bis dahin, wie das ein paar durchgedrehte Theorien behaupten, und wir wären für eine kurze Zeit rübergesprungen auf das… eben nicht vorhandene… virtuelle Gegenüber dieses Monopols.” Das ist wieder genau so eine Bemerkung, wie man sie von unserem Kapitän erwartet: die naheliegende, uns allen in die Gesichter geschriebene Annahme, daß WIR drüben waren, einfach umkehren, immer auch das Gegenteil für möglich halten, die Gewißheit relativieren… ich käme damit nicht klar, so zu denken. Ich möchte lieber glauben, daß das wirklich das Innere eines der fremden Schiffe war, wo wir gewesen sind; diese merkwürdige Räumlichkeit, die wir eben erfahren haben, dieses Verwischen von Konkav und Konvex, als ob man zu tief in ein sich dabei langsam umstülpendes Glas schaut, und die daraus hervorschießenden Gestalten, diese schlanken Wesen mit den an Farne erinnernden… Sinnesorganen… oder Sprechorganen, oder was immer das war…dort schien irgendwie das Zentrum der… Persönlichkeit jedes der Fremden lokalisiert, so wie man es bei Menschen hinter ihrem Gesicht vermutet, warum eigentlich, na weil man es halt weiß, daß da das Gehirn ist, da oben irgendwo, stand da nicht auch was bei Jaynes drüber? Jedenfalls möchte ich doch hoffen, daß dieser Ort, wo wir waren, sich in einem der fremden Schiffe befand, und nicht… hier… was ja nur heißen könnte, daß die Anwesenheit der Fremden bei UNS unsere Wahrnehmung so verändert hätte, daß wir Eigenschaften der uns schon immer umgebenden Welt mit einem mal hätten erleben können, und auf so eine Umgebung, so eine Wirklichkeit, wenn sie nicht außerirdische Schiffsinnenarchitektur, sondern höhere echte Räumlichkeit ist, kann ich gernstens verzichten. Und dabei war diese fremde Topographie nicht mal das Seltsamste: das Kurz-vorher und Kurz-nachher war noch viel merkwürdiger, diese Brücke… also entweder der Weg, den wir hin und zurück bewegt wurden, oder die Erwartung und das Nachklingen des außerirdischen Besuchs, wobei ich noch nie davon gehört habe, daß sich “Erwartung” wie eine STRECKE anfühlt. Denn so war es gewesen: wie eine Strecke, die man zurücklegen muß, eine zu überquerende Brücke, auf der man sich mit zunehmender und erst am jeweiligen Ende wieder abgebremster Geschwindigkeit bewegt und wo die ebenfalls beschleunigte Anwesenheit der Mitreisenden (ich glaubte einmal, Dioneta deutlich auszumachen, rechts neben/hinter mir) einen gewissermaßen duftgleich, oder als ein optisches Glitzern, als superhelles Leuchtband, aus nächster Nähe anweht… diese Brücke, oder Brücken, das war… ganz anders als das Reisen durch die Zeit mit Twistormaschinen, viel gerichteter, nicht so strudelnd, nicht so wirbelnd, aber trotzdem nicht linear, mehr die Art von Gerichtetheit, die man “Absicht” nennt im Gegensatz zum absichtslosen Sichtreibenlassen. Oder um bei der Metapher von der Brücke zu bleiben: es waren Hängebrücken, und während man die Fahrbahn langschoß, sah man die Zeit, die dabei verging, wie lange Kabel oder Ketten von hohen schwarzen Türmen hängen und die Brücke tragen. Am jeweiligen Ende der Fahrt kehrte sich dann ALLES um, die Welt, das Ganze: man hatte, ICH hatte dann jeweils wirklich sowas wie ein anderes Ufer von allem erreicht, das Erlebnis eines Umschlagens von etwas in sein sehr Anderes. Das, was der Kapitän gesagt hat, das mit dem magnetischen Monopol und dessen nichtvorhandenem aber trotzdem erlebten Gegenüber, in das unsere Wahrnehmung dabei plötzlich gekippt ist, ist jedenfalls ein wahnsinnig guter Vergleich, ja, das fühlt sich völlig richtig an, denke ich, unermüdlich weitertippend, oder um einen eigenen zu wagen: es war gewesen, als ob Deine Augen auf einmal zur Zunge würden, die das Licht um sie, und was es bescheint, eher schmecken als sehen. “Synästhesie” murmelt Catherine, die sich von rechts zum Kapitän gesellt und jetzt auch liest, was ich geschrieben habe, und ich kann immer noch nicht aufhören mit Tippen, dabei würde ich so gerne darüber nachdenken, was es genau war, was sie uns gesagt… nein… gezeigt haben, bevor sie uns aufforderten, beizudrehen und ihnen dann zu folgen, ihnen zu folgen zu jenem Stern, den wir seit Jahren anvisiert, den wir zuvor, auf der Erde, über eine noch erheblich längere Zeitspanne abgehorcht hatten, wobei nur einige Leute aus der Froschpartei im innersten Kreis um Cordula wußten, daß dem von uns damals aufgefangenen Signal der Procyoniden noch ein zweites Huckepack aufsaß, eben just der Text, den ich hier schreibe, immer noch, fortlaufend, in nimmermüden Zeilenfallskaskaden, und auf einmal bin ich müde, ich kann Euch sagen, sowas von müde, hoffentlich rechtschaffen müde, ich meine, man möchte sich so etwas ja immer gerne redlich verdient haben… ich sehe, jetzt, da sich mein Blick doch noch aus der vielleicht ja insgesamt eine Spur ZU transzendenten Versenktheit in Katjas (in dem ich, ganz entfernt, auch einem Rest von Cordulas Blick begegnet zu sein glaube, aber wen wundert das?) zu befreien vermag und langsam mit meinem sich in Zeitlupengeschwindigkeit nach rechts bewegenden und nach unten nickenden Kopf zum Keyboard und zum Bildschirm wandert, daß die Hand des Kapitäns meinen inzwischen schon wie rasend auf die Buchstabenkeys einhackenden Fingern die Aufgabe abzunehmen im Begriff ist, zu der ich mich absolut nicht mehr in der Lage sehe, die ich fürchte, weil ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch alles, was zu erzählen ist, in diesem Textfluß hier werde unterbringen können, aber es macht nichts, es ändert nichts, die Hand des Kapitäns wandert auf das Feld zu, das die Verschlüsselung und Triplet-Verschachtelung auslösen wird, wodurch auf diesen Textblock hier im schließlich auf der Erde ankommenden Zeichenkettenarrangement ein früher getippter Text folgen wird, ein Abschnitt, der das Ende meiner ersten Begegnung mit dem Kapitän schildern wird, und welchen Namen unser Schiff hat, aber ich muß doch noch aufschreiben, was es gewesen ist, das uns die Procyoniden haben wissen lassen, warum wir ihnen folgen sollen, obwohl das Procyonsystem keine Planeten hat, wie es sein kann, daß dieser Ort hier dennoch ihre Heimat ist, wohin wir also WIRKLICH unterwegs sind, jetzt, im Gefolge der ersten echten Außerirdischen, die je ein Mensch, naja, ein Zweitkörper jedenfalls, gesehen hat, aber die Hand des Kapitäns hat ihr Ziel erreicht, und dieser Text wird abreißen. Zwei: Unser schönes Schiff Ich wollte Dioneta, der ich eben erst auf dem Froschraumflughafen wiederebegegnet war, eben nach dem Jungen fragen, nach unserem gemeinsamen Kind, da stieß mich Katja von der Seite sanft an: “He, Verliebter. Darf ich dir unseren Kapitän für diese Reise vorstellen?” Ich drehte den Kopf zur Seite, um den Mann anzuschauen, in dessen Richtung sie genickt hatte, und verschluckte mein restliches Hirn. “Guten Tag. Schön, Sie jetzt auch dabeizuhaben.”, sagte Albert Einstein, nicht jung genug, um NICHT an die blöde Scientology-Postkarte bzw. -Anzeige (“Wir nutzen nur…”) zu erinnern, aber dafür gekleidet in eine Art Fantasie-Marineuniform, die mir sofort Assoziationen ˆ la “Käpt’n Nemo”, “L. Ron Hubbard und die doofe “Sea Org” und “Disneyland” einflüsterte. Ein Schock: das kann man so sagen. Und weil ich sein berühmtes Gesicht, mit dessen Verbreitung auf dem Planeten es zur Zeit meiner Geburt wirklich nur noch das abstrakte Konterfei von Micky Maus aufnehmen konnte, bis zu dieser Begegnung unter freiem Himmel ausschließlich von Fotos (bzw. sogar nur deren Reproduktionen) und Filmausschnitten (dito) her kannte, war das Unwirklichste an dem Augenblick die nervöse Erwartung, er würde mir jetzt sicher gleich die Zunge rausstrecken, ein Stück Kreide hinter seinem (oder meinem) Ohr hervorzaubern und dann eine Tafel aus dem Off hervorziehen, “E=MC im Quadrat” draufkritzeln (beiweitem nicht das Wichtigste, was er gefunden hatte, aber die Feldgleichungen der allgemeinen Relativität, die auf diesen Titel schon eher Anspruch erheben konnten, waren halt einfach länger, wenn auch schwerlich abstrakter, und paßten von daher in keine Legende) und sich dann in Rauch beziehungsweise den Werbeschriftzug von Müllermilch oder irgendeiner Energiedrinkpisse auflösen. Was jedoch nicht geschah. Stattdessen merkte ich auf einmal, daß ich lachte, und daß Dioneta mich besorgt anschaute, weil jenes Lachen offenbar nicht richtig ausgeglichen klang. Konnte es auch gar nicht, denn es war der Moment, in dem grenzenlose Anspannung, die mich seit Beginn des Abenteuers, spätestens aber seit der Bifurkation meines Bewußtseins in ein Erst- und ein Zweitkörperich, begleitet hatte, sozusagen elf Kapitel lang, und dann schlug es zwölf von der großen Turmuhr, und ich lachte. Und lachte. Anspannung, oder was man so Anspannung nennt, und was in Wirklichkeit eine Mischung aus konzentriertem Überlebenwollen und panischer Angst ist, berührt einen (und eine) nicht so sehr als ein furchtbares Gefühl als vielmehr eine eklige körpereigene Abwehrreaktion, die dann irgendwann zusammenbricht, wenn man merkt, daß man da, wo man sich in seiner Anspannung die ganze Zeit hingearbeitet hat, nicht nur endlich angekommen ist, sondern dann auch noch das Gefühl bekommt, man gehöre exakt da überhaupt nicht hin. Sondern lieber nachhause zur Mami. Der bekannte Popstar mit den wirren weißen Haaren sah mich an, als verstünde er relativ (!) gut, was mit mir los war. Und sagte dann, als mein Glucksen soweit ausgegluckst war: “Wollen Sie…” Ich winkte ab: “Ich dachte, wir Froschleute duzen uns…” “Stimmt.” lächelte er unter seinem Schnauz und setzte einschränkend hinzu: “Obwohl ich nicht so richtig zur… Partei gehöre.”, und ich mußte wieder daran denken, was ich von Cordula erfahren hatte: daß es mit Fischen und Fröschen, den uralten Feinden, inzwischen längst nicht mehr sein auskömmliches, wenn auch kriegerisches Bewenden hatte zwischen den Bernsteiniken, weil es inzwischen auch noch die “Enten” gab, und die “Salamander”, und weiß der Teufel wen sonst noch. Dieser hier schien am ehesten zu den Kranichen zu gehören, falls es so etwas gab. Jetzt jedenfalls räusperte er sich und setzte noch einmal zu dem Satz an, den er durch meinen Einwand gegen das Gesieze nicht hatte vollenden können, diesmal brachte er ihn durch: “Willst du unser schönes Schiff besichtigen?”, und seine knochige, aber schlanke und schöne Hand wies auf die große Conusmuschel, die mit ihren wie mit lebendigem Quecksilber lackierten, im hohen Sonnenlicht als feurige Feier ihrer selbst gleißenden äußeren Kammerwindungen ohnehin, auch ohne daß jemand extra auf sie hinwies, den gesamten Platz, die ganze große Anlage überstrahlte. Dioneta nahm meine Hand und sagte:”Ich fliege mit. Der Junge ist schon an Bord.”- mehr an Einladung brauchte ich nicht, um mich zusammen mit dem Kapitän, Una, Catherine, Dioneta und ein paar anderen zur großen Rampe am byzantisch ausladenden Leib des Schiffes zu begeben. Als wir das “Tor” ins Innere des leviathanischen Viechs durchschritten, flüsterte einer der ledergekleideten “Kadetten”, wie ich die Leute, von denen ich später erfahren sollte, daß sie zum Navigatorenstab gehörten, bei mir getauft hatte, Katja, die er offenbar von irgendeinem Früher her kannte, fragend ins Ohr: “Hat das Schiff eigentlich ‘n Namen?” Einstein, der die Bemerkung gehört hatte, blieb einen Augenblick stehen und wandte sich um, räsuperte sich kurz, um anzudeuten, daß die Erklärung, die er abzugeben hatte, ziemlich bedeutsam werden würde, und sagte dann: “Das Schiff hat einen Namen, ja. Es heißt nach einem verehrten Lehrer von mir, der…” “War ja klar.”, entfuhr es mir, nervlich zerrüttet, wie ich nach wie vor war. “Wie?” wollte Katja wissen, die offenbar noch nicht erraten hatte, was doch auf der Hand lag. Einstein nickte mir halbironisch zu, und ich zuckte mit den Schultern: “Naja, ich schätze mal, das Schiff heißt wie der deutsche Mathematiker, der 1864 geboren wurde und leider schon 1909 wieder starb, nachdem er aber immerhin noch…” “Die Bedeutung meiner speziellen Relativitätstheorie nicht nur als erster erkannt, sondern ihr die erste vernünftige mathematische Begrifflichkeit abgerungen und sie damit im Grunde sogar mir selber eigentlich erst erklärt hat.” ”Hermann Minkowski.” vollendete nun Katja, eher seufzend als im Tonfall von jemandem, dem ein Licht aufgeht. Als die Namensfrage beantwortet war, führte uns der Kapitän durch den Schiffskörper, und ich dachte: Schiff, ja, as in: Kirchenschiff, denn die maiskolbanertigen Trägersäulen einzelner “Säle” waren mehr Türme als Pilaster, der kleeblattförmige Grundriß der Brücke erinnerte eher an ein Fußballstadion als an die Kommandozentrale der “Enterprise”, und die mit Röhrenaufzügen verbundenen geneigten “Steilwände”, in denen die Kabinen (besser wohl: Quartiere, ja eigentlich sogar: Wohnungen) und die kryonischen Schlafkammern untergebracht waren, hatten was von erhaben-schroffen Felshängen an irgendeiner zackigen Küste eines unerfroschten Kontinents auf einer fremden Welt. Jede Halle war eine Eingangshalle, die Innenwände hatten Fassaden, als wären es Außenwände, und hoch oben unter den Kuppeldächern glaubte man einen Wind pfeifen zu hören. Unser schönes Schiff, hatte Einstein gesagt. Ja: diese ganze Größe war nur geschaffen worden, damit Menschen in ihr fuhren, in ihr arbeiteten, in ihr wohnten: Das war schön, tatsächlich. Und es wog die Anspannung, die allmählich, nach dem kurzzeitgen Ventileffekt des Lachens und Sichwunderns, wieder zurückkehrte, weil jetzt ein neuer Abschnitt begann, für mich wie für das Ganze, beinahe auf. Beinahe. Wenige Stunden später schon hob die HERMANN MINKOWSKI ab, verließ eine Welt der Zukunft, um zu einer Welt der noch ferneren Zukunft aufzubrechen, einem zeitlich entfernten Raum und einer räumlich ganz woanders gelegenen Zeit. Drei: Well, here we all are Auf der Brücke gibt es für mich nichts mehr zu tun. Hier, wo ich jetzt bin, in meiner Kammer- nebenan schläft Dioneta, bei ihr ist der Junge, der auch schläft, einen warmgeborgen nochnichtwissenden Kinderschlaf- hier ist es still, und ich habe meinen altmodischen Computer vor mir. Auf dem lege ich jetzt die letzte Datei an, die das letzte Triplet vervollständigen wird, denn wo wir mit dem Schiff jetzt hinfliegen, wird es uns nicht möglich sein, Nachrichten zu versenden, die noch empfangen werden könnten. Das einzige wache lebende Etwas, das im Moment in meiner Reichweite west und lebt, ist der stöpselige kleine orangebäuchige Frosch im Vivarium (oder Terrarium? Froscharium halt) gegenüber, hinter der in die Wand eingelassenen Glasscheibe, ein Kind der soundsovielten Generation seit dem Abflug: wir halten sie in unseren Kajüten, sie merken ungünstige Klimaveränderungen an Bord schneller als die in die Luftrecyclesysteme integrierten NALs, und außerdem sind es immer noch unsere Wappentiere. Er döst auf seinem Stein, vom Licht der kleinen Kunstsonne beschienen: Hi, Geocrinia vitellina. Kommt aus Australien. Anderes Ende der Welt, Antipoden, wie man früher sagte. Erde. Ein Planet, der jetzt weit weg ist, weit weit weit weg. Erde. Geographie. Magnetfeld. Verrückt. Nordpol, Südpol. Ich muß wieder an die Sache mit dem magnetischen Monopol denken- inzwischen weiß ich’s ein bißchen genauer, weil ich es nachgelesen habe. Da sich die Information, vermutlich wegen zu großer Spekulativität, nicht auf dem Speicher meines körpereigenen NAL-Chips fand, mußte ich sie in den Bibliotheksdateien der HERMANN MINKOWSKI nachschlagen. Nach den Angaben, die ich dort gefunden habe, stammt die Theorie des magnetischen Monopols als Mantel des Universums von dem russischen Kosmologen Andrei Linde, der sie sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ausgedacht hat. Ausgangspunkt, erfahre ich aus dem Referat eines gewissen John Gribbin, dieser Theorie war das Problem, daß die meisten zu jener Zeit kurrenten Modelle einer großen vereinheitlichten Theorie der Kräfte und Geschichte des Universums die Existenz einer großen Anzahl magnetischer Monopole in unserem Universum implizierten, man aber nie eins davon gesehen hatte. Die “Ausrede”, auf die man rasch verfiel, war die, daß unser Universum aus einer Quantenfluktuation hervorgegangen sei, deren Geringfügigkeit dafür gesorgt hatte, daß in ihr nur ein einziger magnetischer Monopol zu finden gewesen sei. Dieser Monopol, behaupteten die Verfechter solcher Modelle, befinde sich immer noch irgendwo da draußen, aber die Wahrscheinlichkeit, ihm zu begegnen, sei einfach viel zu gering. Linde nun bot dagegen die fasziniernde und von den damaligen Theorien völlig gedeckte Wahnidee auf, daß die Bedingungen, die aus dem Urknall die “Inflation” hervorgehen lassen, die unser Universum erschufen, auch nach der globalen Inflation lokal bestehen bleiben würden, wenn der ganze Irrsinn sich INNERHALB eines magnetischen Monopols abgespielt hätte. So ein Monopol würde aussehen wie ein magnetisch geladenes schwarzes Loch, das unser Universum durch ein Wurmloch in der Raumzeit mit einer anderen Region der inflationären Raumzeit verbindet. In dieser Region der Inflation könnten Quantenprozesse Monopol/Antimonopolpaare hervorbringen, die sich dann exponentiell schnell trennten, als Ergebnis der Inflation. Dann würde die Inflation aufhören und ein expandierendes Universum zurücklassen, das unserem gliche. Das Ergebnis, wie Linde demonstrierte, wäre eine unendliche fraktale Struktur, in der inflationäre Universen ineinander eingebettet und miteinander durch magnetische Monopolwurmlöcher verbunden wären… Russische Puppen. Ich denke an Frösche, die einander Huckepack nehmen. Ich betrachte den kleinen chinesischen Steinfrosch auf meinem Schreibtisch. Es gäbe noch so viel zu erzählen- was Dioneta mir verraten hat, was Katja von Thomas und Hiro und Kato gehört hatte, bevor man sie mit mir, den Cordula von so vielem unterrichtet hatte, auf die Reise zum Froschraumflughafen schickte… und ich frage mich auch, was aus meinem Erstkörper geworden ist- hat man dem auch so eine vernagelte Mission verpaßt, oder hat der am Ende sogar irgendwo das gefunden, was immer so schön ein “erfülltes Leben” heißt? Anspannung und Erwartung sind einer merkwürdigen Gerädertheit, einer so trotz aller von mir ja schon ähnlich beschriebenen Durchängerphasen, die aber alle ein Dreck waren verglichen mit dem Wissen, die eigene Welt nun wirklich for good und unwiderruflich verlassen zu sollen, noch nie zuvor empfundenen Erschöpfung, einem “Hoffentlich haben sie’s dann bald” gewichen, und ich muß mich wohl bald mal kneifen, um mir klarzumachen, daß mir doch immerhin noch ein wie sagt man gleich, ja richtig, ein sogenanntes großes Abenteuer bevorsteht: das Eintauchen in die fremde Sonne, Procyon, Algomeysa, geschützt von den Kompressionsschilden der Fremden, im Windschatten ihres Schiffsverbands, und dort weiter in die Chromosphäre- in der sich dann, wie man uns angekündigt hat, nicht nur die “Städte” der Procyoniden befinden, sondern auch jene Anlagen, die zu ihrem Betrieb so eine große Menge der Neutrinos verbrauchen, die der Stern eigentlich aussenden müßte, aber eben nicht aussendet, ähnlich wie bei der Sonne, die wir kennen, um die unsere Erde nämlich kreist, wo, wie uns die Außerirdischen verraten haben, auch einmal solche Apparate, erbaut von der ältesten Spezies der Milchstraße, in Betrieb gewesen waren- die dann aber stillgelegt beziehungsweise auf (immer noch jede Menge Neutrinos fressenden) Standby-Betrieb umgeschaltet wurden, “und zwar cirka um die Zeit” (wie die Procyoniden sagen) “als bei Euch die ersten Amphibien aufgetaucht sind.”- was einen Zusammenhang suggeriert, der uns am anderen Ende der Reise, nachdem wir die Apparata oder Tore passiert haben werden, von jener uralten Spezies selbst verraten werden wird, denn der Weg führt in ihr Heimatsystem, das offenbar so weit entfernt ist, daß man es auf konventionelleren Wegen nicht erreichen würde. Unser Kapitän glaubt, Andeutungen der Procyoniden entnehmen zu können, daß der Ort, den wir ansteuern, sich in der Nähe des Zentrums der Galaxis befindet. Für mich ist das im Moment alles eine Größenordnung zu gigantisch gedacht. Ich höre Dioneta und dem Jungen beim Atmen zu und beobachte den mit offenen Augen beinahe reglos dahockenden Frosch hinter der Glasscheibe. Gleich werde ich diesen Text zuendegeschrieben haben. Dann wird er ins Triplet integriert. Dann werde ich ihn abschicken, kommt ein Vogel geflogen. Komisch, am Ende einer Geschichte angekommen zu sein. Traurig, erleichternd, beglückend, müde. Vor allem, weil man ja weiß, daß es gleich weiter geht, sobald man den letzten Punkt im Text gesetzt hat. Aber den Punkt muß man setzen, den Text muß man abschicken. Dann wird er eine Weile unterwegs sein, ein bißchen Zeit verbrennen. Und dann wird vielleicht irgendwer ihn lesen, diesen Text- wie es in dem dummwahren Nenalied so orientierunglos heißt: Irgendwie, irgendwo, irgendwann. ENDE

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Elektronische Lebensaspekte.