Text: dath aus De:Bug 10

Der Minkowski-Baumfrosch Science Fiction-Fortsetzungsroman von Dietmar Dath Was bisher geschah: Froschleute u. Fischleute, beide im Besitz v. Zeitreisetechnologie, führen einen diverse reale u. mögliche Weltlinien übergreifenden Krieg. Bei einem Treffen der Froschleute im Hause Erasmus Darwins tötet ein Fischkommando den Froschsympathisanten Georg Cantor u. stört so die “Matrix”, eine nichtlokale Raumzeitordnung, in die verschiedene “Bernsteiniken”(zeitförmige Mannigfaltigkeiten) eingebettet sind. Die neuentstandene Bernsteinik wird v. Froschteams erkundet. Dabei fallen ihnen Abweichungen im Ereignisgitter auf, die entweder auf die Matrixstörung hindeuten – oder aber die Arbeit der Teams wird v. Feinden, die ihnen stets einen Schritt voraus zu sein scheinen, behindert. Kapitel 4: Kann der Himmel warten? Eins: Von oben Trägheit, allseitiges Quellen, Luftvibrieren. Es war 10 Uhr 30, noch unverschwitzter Vormittag. Die heraufziehende Hitze wärmte Hiros bronzen glänzenden Brustkorb mit lasziver Langsamkeit, leckte über Beine, kitzelte auf seinem Nasenrücken. Fasern früher Farne wisperten, verwurzelt in Betontrögen nah an der niedrigen Mauerwerksumfassung, im steten Wuchs empor zur Sonne. Der ganze Dachgarten hüllte sich in süßsommerlichschwere Düfte. Über der Mainhauptstadt segelten vereinzelt Vögel, bei den wie ungespitzt ins Stadtbild gerammten Bankhochhäusern kreiste ein kleiner Hubschrauber (wahrscheinlich ein Fernsehteam des HR auf der Suche nach in Vogelperspektive gefaßten, wimmelnd urbanen Frühsommerimpressionen) unentschlossen um nichtvorhandene himmelwärts weisende Blickwinkelfluchtlinien und ließ seine Rotorblätter den alten Helikopter-Rhythmustrack metallschnattern: “Bittebittebittebittebitte……” Time is a face on the water. Die Zeit, im Ganzen, war furchtbar, aber die Zeiten manchmal doch erträglich. So dachten Hiros frontale Hirnlappen, oder was sonst sein Zweitkörper für die Abläufe des “in verzeitlichte Noesis eingebundenen Probehandelns mit kleinsten Energiequanten” ( vulgo “Denkens”) an stofflichen Dispositiven in Anspruch nahm, während Hiros Hand das in einer Kühlbox zwischen Trümmern zerstampften Eises eingepaßte Glas mit süffigem Cuba Libre aus seiner Kaltgestelltheit befreite und langsam, fast so träge wie das Sichrecken der Farne, zum Munde führte. Er lag auf einem Klappstuhl, den Oberkörper 40¡ zur Sonne hin geneigt und war “bekleidet”, wenn man das so nennen wollte, mit einem weißen Frottehandtuch, das er sich, nach dem Duschen im Bad seines Gastgebers, um die Hüften geschlungen hatte, um in der Sonne zu trocknen. Er setzte das Glas nach einem kleinen Schluck, eigentlich mehr einem Nippen, wieder ab, stellte es zurück in die Kühlbox und fuhr sich mit beiden Fingern durch nasses, schulterlanges schwarzes Haar. Die Kühlbox stand zu seiner Rechten. Links von der aus teurem Stahlrahmen und nicht minder teurer Stoffbespannung bestehenden Liegestatt lag auf dem Steinboden eine zerlesen-zerfledderte, durch Wasser und anschließende Sonnentrocknung gewellt-aufgeschwemmte Ausgabe des Nachrichtenmagazins “DER SPIEGEL” vom Januar des laufenden Jahres, auf dessen Titelseite stand: “Zeit: die große Illusion.” Hiro hätte was drum gegeben, den mit dieser Titelzeile angekündigten Artikel seinem Bruder zu zeigen, oder Old Err, oder Dietmar, Katja, Barbara… irgendjemandem von den Froschleuten. Das Elaborat war voller Fehler – die Darstellung des Zwillingsparadoxons in einer schlecht illustrierten Fassung mit Raumschiffen war verkehrt, Gödels Name fehlte, Thorne wurde inkorrekt zitiert… Hiro fragte sich, ob das die kalte Reptilienzunge der Paranoia war, die da durch seine Gedanken züngelte, wenn er dachte, daß der Artikel vielleicht eine Folge der Matrixperturbation war… oder ein Desinformationsversuch der Fischpartei? Thomas, der sich gerade unten zwischen den hohen Häusern herumtrieb, würde hoffentlich bald mit ein paar verläßlichen Fakten anrücken, die Hiros Verdächtigungen konkretisierten oder entkräfteten. Bis dahin hatte er nur die Handreiche dieser dummen Zeitschrift, die er auf dem Wäschekorb neben der Badewanne des Menschen gefunden hatte, dem das Penthouse, der Dachgarten, die Sonnenkollektoren auf dem Dach des glaswandumstandenen “Wohnzimmers”, eben die ganze Anlage gehörte. Aus dem kleinen Radio bei den Blumentrögen sang einer röhrend: “Standing on top of the World”, und Hiro schmunzelte – Dach der Welt? Nicht wirklich. Manchmal mußte das Dach von Frankfurt/Main am zerklüfteten Küstenstreifen des 20. Jhs. genügen. Die Rockmusik verklang, ein Dancefloor-Stampfer hub an, komisch verzerrt in seiner Wirkung durch die kleinen Boxen des Geräts. Die Rotorgeräusche des Hubschraubers schienen nähergekommen zu sein (Bittebittebitte….), aber Hiro sah nicht nach der Flugmaschine, denn er hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, um zu spüren, wie neugierige Sonnenstrahlen seine Stirn untersuchten. Die Schiebeglastür rechts von Hiro öffnete sich, und sein neuer Bekannter, Freund und Lover betrat den ausladenden Balkon. Im Gegensatz zum Zeitreisenden, der sich jetzt einen weiteren Schluck aus dem kaltgestellten Glas gönnte, machte Paul, der hier zu Hause war, wenigstens den Versuch, angezogen herumzulaufen: weiße, weite Hosen, und ein hellbeiges Sakko, unter dem er aber weder Hemd noch T-Shirt trug, nur Bauchmuskeln und andere gemeißelte, schöne Flächen, die Hiro vor einer Stunde noch geküßt hatte. Der Ortsansässige lächelte ein unverschämtes Lächeln (Gigololächeln !, grinste Hiro, wortlos tadelnd, zurück) und setzte sich im Schneidersitz neben die Kühlbox. “Und, wie schmeckt das… antike Zeug?” zwinkerte Paul. Seine braunen Augen, dachte Hiro, waren die einzigen Versprechen und Zukünfte, in die Hiro jetzt sehen wollte – aber obwohl er alle je von seinem Bruder Kato für die transtemporalen Unternehmungen der Froschleute aufgestellten Gesetze gebrochen hatte, als er gestern abend, nach dem Besuch in dieser Bar, diesem Mann in seine Wohnung gefolgt war, war er sich dennoch seiner diversen Verantwortungen bewußt. “Du glaubst mir immer noch nicht, daß dieses Getränk für mich… altertümlich ist?”, fragte der Zeitreisende ruhig. Paul, der sich als Journalist vorgestellt hatte (daß man damit in dieser Epoche so viel Geld verdienen konnte, hatte Hiro nicht gewußt), ließ Hiro seine berufsbedingten Zweifel nicht zu deutlich spüren, als er lächelnd den Kopf schüttelte: “Nein, also … diese Geschichte … mal sehen, ob ich’s noch zusammenkriege.” Er sah Hiro fragend an, so als würde der jetzt abwinken, lachen und einfach zugeben, daß alles, was er Paul heute morgen beim Frühstück erzählt hatte, nur eine spinnerte (und romantische) Lügengeschichte war. Aber Hiro sah seinen Gastgeber nur offen an, abwartend, aufmerksam. Paul runzelte nachdenklich die Stirn (ja: da waren auch sonst ein paar hübsche Falten – der Mann war Ende 30, schätzte Hiro), dann bewegte sich seine Hand, ohne daß er den Blick dieser braunen Augen von Hiro abwandte, zu dem kleinen Radio, und schaltete es ab. Ein letztes leises Knacken knisterte aus den nichtmal handtellergroßen Speakern. Hiro hörte das Rotorblättertackern jetzt näher, voller (BITTEBITTEBITTE…), wandte kurz irritiert den Kopf, aber der Chopper war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Dann sah er wieder Paul an, der langsam, beinah jede Silbe kostend, sagte. “OK. Du kommst eigentlich aus der Zukunft, aber aus einer anderen Zukunft als der, die aus dieser Gegenwart hervorgehen … muß … kann -… und im Moment kommst du außerdem aus der Vergangenheit, weil deine Feinde … die Feinde deiner … Partei … die Vergangenheit verändert haben und dadurch diese Gegenwart geschaffen haben … in der …” Hiro hob die Brauen und setzte einen fast entschuldigenden Gesichtsausdruck auf: “Ja, ich weiß. Klingt … nun ja. Aber versuch’, dir vorzustellen, wie das, was ich hier erlebe, für mich klingt. Auf mich wirkt. Dieser Sommer 1998, in einer Welt, in der … die einen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson gekannt hat … eine Mondlandung schon in den Sechzigern … Kanzler Kohl … Wiedervereinigung … das alles … habe ich in meiner Kindheit, meinem 21. Jh., in Geschichte nicht so gelernt. Und meine Freunde, die von 1997 her zu Old Errs Abendgesellschaft gekommen sind.. Barbara, Dietmar… kannten das auch nicht… bei denen… in deren Herkunfstbernsteinik war Helmut Schmidt noch Kanzler bis 1990, als die RAF ihn getötet hat… wenn sie jetzt hier wären…” Paul lächelte und schüttelte den Kopf. Hiro gestand sich ein, daß er in dieses Lächeln vernarrt war… die Unterlippe… die Augenfalten…er dachte an Katos ewige Ermahnungen. Einmal hatte sein Bruder ihm aus dem quantenmechanischen Korrespondenzprinzip herleiten wollen, daß es nicht nur unethisch, sondern physikalisch unmöglich war, einem Zeitreisenden die emotionale Entscheidungsambiguität zuzuschreiben, die Liebesgeschichten überhaupt erst ermöglicht. Liebende, hatte Kato argumentiert, sind makroskopische Objekte. Im Rahmen der Korrespondenz zwischen klassischer und Quantenphysik sind verschiedene aber gleichstabile Prognosen über ein makroskopisches Objekt nicht zugelassen. In geschlossenen zeitförmigen Linien würden makroskopische Objekte, die “eine Wahl hätten”, das Korrespondenzprinzip verletzen. Hiro hatte nur gelacht – ihm war über Katos Ausführungen eine alte SF-Story von Robert Thurston, “Seedplanter” eingefallen, in der ein Mann über die Jahrhunderte sein Genom “säte”, indem er Frauen unterschiedlichster Epochen schwängerte … Heteromänner, grinste Hiro jetzt, etwas melancholisch, in Erinnerung daran: brave Von Neumannsche Reproduktionsautomaten … im Einklang mit dem Korrespondenzprinzip, wie? Aber er, schwuler Zeitreisender, der sich in Geschichten verlor, die nur einmal stattfanden, unwiederholbar, ein geliebtes Gesicht im Sand … nein: Time is a face on the water. Paul wollte eben dazu ansetzen, die Zweifel, die in seinem schönen Gesicht geschrieben standen, auszusprechen, als blitzartig drei Wahrnehmungen zugleich in Hiros NAL-Chip-gestütztem, artifiziellem Bewußtsein hell aufflammten wie explodierende Photonenbomben: 1.) Ein Sturmwind kam auf und zerwühlte Pauls dunkelblaues Haar, bauschte sein Sakko: Der Chopper war wieder da, er hatte sich, zwischen den Dächern abtauchend, in der Gebäudeschlucht heranbewegt und stieg jetzt hinter Paul auf wie eine schwarze Taube aus der Hölle, das Gegenteil des Heiligen Geistes, der sich auf das Haupt Jesu niedergelassen hatte. 2.) Der Chopper wandte ihnen die Flanke zu und seine Seitenklappe war geöffnet, trotz des Rotorenlärms hörte Hiro, dessen NAL das 20fache Geräuschwellenauflösungsvermögen des normalen Hirnrindenhörzentrums besaß, das Einrasten der Tür. 3.) Ein trommelförmiges, sechsläufiges, maschinengewehrähnliches Gerät lugte aus dem Bauch des Choppers, wo ein Mann in olivgrüner Uniform und mit verspiegelter Sonnenbrille hockte und mit schwarzbehandschuhten Händen zwei Griffe hielt, die nur Abzüge sein konnten. Was hatten Old Err und sein Enkel nicht für Wunderdinge über den Zweitkörper erzählt: seine Belastbarkeit, die Schmerzresistenz, die Unempfindlichkeit gegen Druck- und Temperaturschwankungen, die autonome Sauerstoffaufbereitung bzw. die Energiespeicher unter der Haut, die das Konstrukt wochenlang von regulärer Atmung unabhängig machten, und dann die Reaktionsgeschwindigkeit wegen der Menschenneuronen überlegenen Leitgeschwindigkeit der Kunstnerven – und doch war Hiro in diesem Moment zu nichts Gescheiterem imstande, als ein Schuljunge, den’s vom Fahrrad schmeißt, “Chikusho!” zu schreien, die Hand nach dem Unterarm Pauls auszustrecken, und dann, von den ersten um ihn herum einschlagenden Geschoßgarben geschockt, erschrocken zusammenzufahren – ein Blutsprühregen aus Hals und Brustkorb Pauls, der im Kugelhagel nach vorn fiel und sich leicht drehte, fast tanzte wie eine Lumpenpuppe, bedeckte Hiros Gesicht, Arme, Bauch, das Handtuch. Es waren keine Nadeln, wie die Fisch- und Froschleute sie benutzten, sondern ordinäre Bleigeschosse – aber die genügten, den Menschen, den Hiro gestern erst kennengelernt hatte, zu zerfetzen, das Radio zu zerschmettern, Hiro vom Liegestuhl zu fegen, die Fensterfront zur Wohnung einzuschlagen, die Sonnenkollektoren bersten zu lassen … Hiro schlitterte, von Kugeln in den Armen und im Rücken getroffen, etwa anderthalb Meter auf dem in breiten Schlieren schwarzblutverschmierten Steinboden bis zur zackig geborstenen Glaswand, dann setzte das Sperrfeuer aus. Hiro atmete stoßweise und begriff nicht recht, daß er noch lebte – er glaubte, aus drei dutzend Wunden zu bluten, und sein rechtes Auge sah nichts mehr (die Lider flatterten). Es waren nicht ganz so viele Wunden, und sie bluteten auch nicht. Das Handtuch hatte er verloren. Er hörte Stiefel auf dem “Balkon” aufsetzen, es waren zwei Paar. Er öffnete das flatternde linke Auge, und sah die Stiefel in Augenhöhe näherkommen. Und dann sagte einer der Männer auf deutsch zum anderen: “Da vorn liegt der Japser. Bist du sicher, daß sie den Kadaver wollen? Sieht nicht nach viel aus.” “Täusch dich nicht.”, antwortete der andere. “Und halt den Lauf auf ihn gerichtet, Blödmann.” Im Hintergrund schmetterten Rotorenschläge, die die sommerliche Luft in schmale Streifen säbelten. Zwei: Aus der Tiefe Wie lange ich am Grund des Zürcher Sees lag, gelähmt aufgrund derselben NAL-Funktionsstörung, die auch meine Twistormaschine falsche Koordinaten (wenn auch den richtigen Austrittszeitpunkt, Anfang 1910) hatte anwählen lassen? “Wie lange” in welchen Einheiten? Wer kennt Vergleichsgrößen, wer liegt schon zwei Stunden, zwei Tage, zwei Wochen unter Wasser, in Kälteschwärze, Nässestille? Dauer. Vergessen wir nicht die Hierarchie der Zeitwahrnehmung – ich meine, gut, Husserl, alles fein und recht, Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins, wunderbar, Bergson, prima, aber: Völlig lahmgelegt unter Wasser, im Bauch Leviathans sozusagen – da schrumpft die Verschmelzungsschwelle distinkter Reize oder Gedanken, und dehnt sich wieder, wie sie’s will. Wenn alle sensorischen Kanäle trockengelegt sind … wenn man keinen Unterschied mehr kennt zwischen der Abfolge von elementaren temporalen Erlebnissen in der Wahnrehmung des akustischen Systems und des optischen, keinen Unterschied, obwohl das optische etwa zehnmal gröber, weniger sensitiv ist, wenn alles eins wird … ich hatte “Zeit zum Nachdenken”. Dies also war Dauer. Ein Phänomen, für das die Hirnphysiologie in meinem angestammten Lebenszeitraum immer noch keine Erklärung anbieten konnte. Dauer, so schlugen mir, als ich in tiefen Wassern reglos lag, meine Datenbanken vor, hängt im Wesentlichen davon ab, wieviel Information prozessiert wird. Wer sich langweilt, erlebt subjektive Zeitdilatation, unabhängig von Relativbewegungen, wie sie etwa im Zwillingsparadox vorkommen. Ich dachte an die Schulsamstage, Doppelstunde Erdkunde … aber was die Datenbanken da anboten, galt nur rückbezüglich. Es erklärte nicht, warum für mein … Emfpinden, wie für das der meisten Menschen, Zweitkörper oder nicht, “Dauer” eine Art höchste Stufe in der hierarchischen Taxonomie der Zeitempfindung bedeutet. Ich machte mich, da diese spekulativen Wege Sackgassen schienen, an die Lageabschätzung. Im kristallin biokybernetischen NAL-Speicher fanden sich ein paar Informationen, die mir erlaubten, meine Lage, unter gelegentlichen Abschweifungen ins Sentimentale (bin ich nicht eigentlich tot … werde ich meine CDs je wiederhören … das Leben zieht an einem vorüber.. die erste Freundin … bedeutende Essen … wichtige Reisen .. Ablehnungsbriefe von Verlegern …), einigermaßen in- und extensiv zu überdenken. An Katos Maschine konnte es nicht liegen: Was der NAL-Chip über Twistortheorie und Closed Timelike Curves ausspuckte, hielt der rechnerisch-logischen Überprüfung in jedem Falle stand. Es war bekannt, daß die Zeitmaschinen, die die Fischleute gebrauchten, Störungsanfälligkeiten und Macken zeigten: Rotierende, ereignishorizontfreie Tipler-Zylinder z.B. neigten zur “Ausdünnung”, und das Modell der parallelen und nonparallelen Strings bzw. deren Anwendung auf Massen in (2+1)-dimensionaler Raumzeit, mit dem sie angeblich neurdings spielten, war in seiner Anwendung auf große Objekte (wie Menschen) noch nicht mal vernünftig feldgetestet. Aber Katos Twistorkisten, von denen ich, wie alle Zweitkörper, eine in Brust und Kopf trug, waren frei von solchen Fehlern. Also lag Sabotage vor. Ich hatte diesen Schluß gerade zum vierten Mal auf einem alternativen Denkweg erreicht, als meine Augen, die während der “Dauer” ins Nassschwarze gespäht hatten, ohne anderes wahrzunehmen als gelegentliche Lichtschimmer von oben, etwas erblickten: ein … Glühwürmchen? Fünkchen? Etwas Leuchtendes jedenfalls. Es kam von oben und sank rasch zu mir hinunter. Hätte ich geatmet (was ich seit Tagen, vielleicht Wochen, nicht getan hatte), so hätte ich die Luft angehalten. Schließlich schwamm, trieb, tauchte es direkt vor meinen Augen, und ich war verblüfft, zu erkennen, was es war: ein leuchtender Frosch, der sich hier in Tiefen aufhielt, die absolut nicht artgemäß waren. Ich erkannte unter Rückgriff auf den NAL-Chip die Spezies: ein rotäugiger grüner Braumforsch, Litoria chloris. Er ruderte ein wenig mit den Extremitäten, schwamm noch etwas näher, und dann hörte ich eine Stimme in meinem Kopf: der SAL-Receiver des NAL-Chips sprach auf eine Sendung an, die nur von dem seltsamen Tier vor meinen Augen ausgehen konnte. “Hallo. Wurde auch Zeit, was? Ich tauche jetzt hinter deinen Kopf und öffne das Gehäuse. Dann repariere ich die Motorik. Und dann schwimmen wir hier weg, ans Ufer, wo du erwartet wirst.” Ich versuchte zu nicken, aber natürlich geschah nichts. Ich versuchte, wenigstens mit den Augen zu zwinkern, aber auch das ging ja nicht. Lähmung. Ich sah den Frosch aus meinem Gesichtsfeld verschwinden. Erneut: Dauer. Warten. Was das Tier in meinem Nacken … an meinem Hinterkopf tat, ob es schweißte, schraubte, lötete? Ich weiß es nicht. Aber nach einer.. Weile… Dauer… spürte ich meine Finger wieder. Beine. Konnte zwinkern, blinzeln … mich bewegen. Vor meinen Augen tanzte ein Licht – der Frosch? Schon wieder vor mir? Er entfernte sich, und ich versuchte, ihm zu folgen, wenn auch die Ungewohntheit von Bewegung mich zuerst mehr als unsicher einmal um mich selbst drehen ließ, bis ich die Koordination hinbekam. Ich tauchte ihm nach, er war sehr schnell. Dann Fetzen von etwas wie Alufolie über mir: Schimmer. Die Obefläche. Ich tauchte auf – und nahm ganz automatisch, “instinktiv”; einen großen schnappenden Luftzug. Der Frosch war nirgends zu sehen – aber dafür nahm etwas anders sofort meine Aufmerksamkeit in Anspruch: Da waren, zwischen schneebedeckten Bäumen, am Ufer, ein paar winkende, rufende Menschen in Mänteln, Stiefeln, Schals und Mützen, Atemwolken vor den Mündern. Es war heller Tag. Und auf den Hängen brannten Häuserdächer. Ein paar geborstene Eisflächen um mich. Von überallher Lärm: Detonationen. Schreie. Rumpeln, Donnern. Ich schwamm mit raschen, noch immer etwas unbeholfenen Zügen zum Ufer, wo mir eine in einen Mantel gehüllte Gestalt entgegentrat und mich am Arm packte, aus dem Wasser zog und stützte – es war ein junger Mann, der … nein: Es war Katja. “So, endlich, also, weg hier!” herrschte sie mich an, und zwei ihrer Begleiter traten zu uns, mir eine Decke über die kältedampfenden Schultern zu legen. Ich trug einen dunklen Anzug, der schwer war wie ein Panzerkleid, und teilweise mit grünem Film bedeckt. Verwirrt sah ich mich um – da stand Aleksander, eine Waffe … einen Karabiner in Händen. Er nickte mir ernst und knapp zu. Ich drehte mich um, sah zurück zum See, während Katja und die beiden anderen mich stützten und vom Ufer wegführten, zur Baumgruppe – einer der Männer aus meinem Begrüßungskomitee war am Rand des Wassers hingekniet und fischte etwas aus dem See, das er in Händen barg und nah betrachtete. “Was … wer …?”, fragte ich Katja. “Hermann Minkowski. Er gehört zu uns, jetzt. Oder wir zu ihm. Komm, wir müssen los.” In der Nähe krachten Schüsse. Ich wollte etwas sagen, aber da durchlief mich plötzlich ein Kälteschauer, mir wurde schwarz vor Augen, ich sackte zusammen. Es war zuviel gewesen. Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich auf einer harten Matratze, in einem fensterlosen Gewölbe, an dessen Wänden Fackeln brannten. Ein Keller, ein Versteck? Ich hatte warme Kleidung am Leib, und lag unter einer Decke. Katja saß neben mir auf einem Stuhl, den falschen Schnauzer hatte sie sich von der Oberlippe gezogen. Wortlos hielt sie mir ein Stück Papier hin. Ich nahm es mit zitternder Hand und las: “HAFTBEFEHL Der Universitätsprofessor Hermann Minkowski, geboren am 22. Juni 1864 in Aleksotas in Rußland, zuletzt wohnhaft in Göttingen, jetzt unbekannten Aufenthalts, deutscher Staatsangehöriger, ist wegen dringenden Verdachts des Mordes, des Raubes, der räuberischen Erpressung, der Brandstiftung, des Aufruhrs, des Landfriedensbruchs, der Nötigung, der Bildung bewaffneter Haufen, der Störung des öffentlichen Friedens und der Freiheitsberaubung, zur Untersuchungshaft zu bringen.” Eine Darstellung der Straftaten des Minkowski nebst Abschrift der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen folgt als Anlage. “Die Haft wird verhängt, weil Minkowski flüchtig ist. Zürich, den 12. April 1910. das Amtsgericht. I.A.: Baumgärtner” Ich schüttelte den Kopf und ließ ihn dann aufs Kissen sinken. Schloß die Augen. Seufzte. Katja nahm mir die Worte aus dem Mund, als sie sprach: “Schöner Dreck wieder, was?” Irgendwo draußen, außerhalb dicker Steinmauern, so schien es, wurde wieder geschossen. Drei: Ach du lieber Gott! Thomas stand im Aufzug des Hauses, in dem Hiros neuer Freund Paul wohnte und Hiro Thomas empfangen wollte. Ob das richtig war, einfach hochzufahren und an die Tür zu klopfen, überlegte der fromme Mann zweifelnd, schließlich hatte sich niemand über die “Gegensprechanlage”, wie das hier offenbar hieß, gemeldet, als Thomas eben die “Klingel” betätigt hatte – nichtmal ein Knacken im Lautsprecher, nichts … aber dann war diese junge Frau aus dem Eingang gekommen und hatte ihn gefragt, ob er reinwollte, und Thomas hatte genickt und war eingetreten … er wußte, daß Hiros Freund im obersten Stockwerk … nein, eigentlich: auf dem Dach wohnte, und hatte ohne zu überlegen den Knopf gedrückt, der den Fahrstuhl so hoch hinauffahren ließ. Wenigstens gab ihm die lange Fahrt Zeit, sich eine passende Begrüßung zurechtzulegen und die Informationen zu sortieren, die er Hiro nun präsentieren wollte, nachdem sie eine Woche in diesem Teil der Bernsteinik gewesen waren und Thomas Bibliotheken, Zeitungen und andere Informationsquellen (etwa das “Internet”, von einem halböffentlichen universitären Terminal aus) durchforstet hatten. Die Handschrift der Fischleute war überall, es war wirklich wie Zeichen an der Wand. Von der Abzweigung ca. 1911 an war “hier” so gut wie alles falschgelaufen – den Hitlerdreck kannte Thomas ja aus anderen Bernsteiniken. Aber danach … lauter “falsche Geschichte”: Der Mord an Kennedy, der Putsch in Ghana 1966, die sowjetischen Truppen 1968 in Prag (das heißt, die sozialistische CSSR wurde hier nie der Staat, der die 74 Revolutionen im Ostblock auslöste), der “Deutsche Herbst” – alles unwirklich, und doch für die Leute hier: Geschichte. Thomas dachte darüber nach, wie unwirklich nicht nur diese Welt, sondern der ganze Zeitreisewahnsinn ihm immer noch erschien. Daß er hier über sich Bücher lesen konnte, die ihn als lange toten, einflußreichen mittelalterlichen Theologen verhandelten…daß man ihn einen Kirchenlehrer nannte, “Doctor Angelicus” sogar … und dann wurde er mit einem Ruck im Fahrstuhl und einem Riesenkrach, der hörbar wurde, sobald die Türen auseinanderglitten, aus seinen Grübeleien gerissen. Maschinengewehrfeuer – er kannte das Geräusch von seiner Zeit in der klassischen 4/3-Bernsteinik, der Kashmirkrieg … zersplitterndes Glas, ein Schrei – seine feinen Zweitkörperohren hörten Hiro deutlich rufen: “Chiskusho!”. Noch bevor er dazu kam, zu überlegen, was er tat, hatte seine Hand bereits die Nadelpistole aus dem Holster unter seiner linken Achsel gezogen, die Waffe unter der Jacke hervorgeholt, und mit zusammengepreßten Lippen, einen Fluch unterdrückend, rannte er den kurzen Korridor auf die Tür zu, neben der der Name von Hiros neuem Freund überm Klingelknopf stand. Als der Geschoßgarbenradau eben abgebrochen war und sich eine Stille ausbreitete, hinter der wie wattiert ein seltsames Knattern (Bittebittebitte) hörbar war, prallten Thomas von Aquins breite Schultern mit voller Wucht gegen die Holztür und warfen sie krachend aus den Angeln. Fortsetzung folgt

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Elektronische Lebensaspekte.