Text: dietmar dath aus De:Bug 16

Dietmar Dath: Der Minkowski-Baumfrosch Science Fiction-Fortsetzungsroman Für die paar, die jetzt erst zugeschaltet haben, und die ca. sechseinhalb Personen, die immerhin tapfer dabeibleiben, aber leider ständig alles vergessen, vor allem wenn es sowieso dauernd so aussieht, als ob das Ganze nirgends hinführt, hier also noch mal im ganz Groben: Froschleute (Kato, Hiro, Katja, Charles und Erasmus “Old Err” Darwin, Barbara, “die Chefin” Cordula Späth, John Archibald Wheeler und alle möglichen anderen OKen Leute, falls es so ein Adjektiv gibt) springen vor dem Hintergrund ihrer Annahme, daß anstatt absoluter Zeit diverse “Teiche” raumzeitlicher Mannigfaltigkeiten (“Bernsteiniken”) den Raum der Geschichte ausmachen, zwischen Parallelvergangenheiten-, -gegenwarten und -zukünften herum und liefern sich dabei die eine oder andere Schlägerei mit den Fischleuten (Cordulas Vater Martin “Merlin” Späth, irgendwelche Nazis, der Exdichter Dagon Gosch, Ritter, Räuber und Kinderfresser), welche “die” Zeit als mal fließendes, mal stehendes, insgesamt aber isotropes und zusammenhängendes Gewässer auffassen und nach Strömungen fahnden, mit denen man mitschwimmen kann. Außerdem gibt es noch eine Meinungsverschiedenheit über ein äußerst schwierig zu empfangendes, zu seiner Detektion auf eine komplizierte Quantenversuchsanordnung, die u.a. auch EPR-Effekte berücksichtigen muß, angewiesenes Signal, das scheinbar den Froschleuten recht gibt und vom Stern Procyon, a.k.a. Algomeysa, a.k.a. Antecanis nahe dem Sternbild des Hundes stammt. Das ganze übergreift miteinander verzahnte Ereigniskurven von zig Jahrhunderten und geht hier in de:Bug jetzt seit 9 Kapiteln so und läßt sich deshalb auch nicht mehr vernünftig zusammenfassen, aber in drei Folgen (untenstehende inklusive) ist eh Schluß. Backissues sind beim Verlag erhältlich. Kapitel 10: Dagon Goschs Himmelfahrt und andere Vierteltragik Eins: In absentia Die Ränder sind ein bißchen ausgefranst, und alles kann der Mensch ja sowieso nicht wissen. Manches ist außerdem einfach böse, und also gar nicht wert, daß man es extra anfaßt. Meistens so Zeug, was zum Beispiel nicht ganz so ist, wie es sein sollte. Zum Beispiel die Nadel, die Dagon Gosch das Leben gekostet hat- aus Joyces Waffe im Handgemenge und -gefrette abgefeuert, hätte sie im Prinzip nicht tödlich sein müssen, die reine Ruptur von Gefäßwänden oder wie man so eine Scheiße nennt (Gosch selber, die arme gesengte Sau, hätte das wahrscheinlich einen Zacken klarer erklären können, er hat selber mal erfolgreich Medizin studiert) an sich war wohl nicht unbedingt so schlimm lebensbedrohlich, aber das spezielle Gift, in das Joyce die spitzen Projektile seiner Waffe getaucht haben muß, hatte irgendeine ernste Auswirkung auf die gliöse Grenzmembran, die alle Blutgefäße des Gehirns umgibt, und die man in Fachkreisen auch als die “Blut-Hirn-Schranke” kennt, und zwar dergestalt, daß da irgendwas nicht mehr so richtig durchkam, eine Verschmutzung also, eine Unklarheit, ein versautes Hirn, das sich daraufhin beleidigt verabschiedete. So möchte wirklich niemand sterben. Man wird mich schon entschuldigen müssen, daß ich das alles ein bißchen gedrängt und knotig abschildere, aber es war ja wirklich knotig und gedrängt. Was ich eigentlich meine, ist: Der ganze schlimme Rest dessen, was diesen kataklysmensatten Abend bei Err zu einem, wie sie so schön sagen, unvergesslichen machte, trug sich zu, während ich nicht ganz da war. Ich : D.h. im Ernst eben nur: der Zweitkörper, dessen Finger jetzt auch diese Buchstaben hier in die von unten flimmergrün erleuchteten Keys hacken. Denn als Dagon Gosch, der wieselig-verkantete Agent des Ichthys, im Keller von Errs Haus unter den panisch um seine Rettung bemühten Händen unseres Medicus Seymour und des in medizinischen Dingen auch so ein bißchen bewanderten Err selbst seinen wie gesagt an sich gar nicht so dramatischen Verletzungen erlag, war ein anderer Dath, den sie den echten nannten, weil er schon ich gewesen war, bevor ich in meiner ganzen beschädigten Kunststoffleiblichkeit ich wurde, gerade aus der an die seinerzeitige (d.h. vor Jahren meiner Lebens- , aber wenigen Stunden lokaler inertialsystemischer Eigenzeit) Betäubung angeschlossenen kryonischen Kurzzeitfuge erwacht und hatte sich, noch ein bißchen fröstelnd wohl, stell ich mir vor, zu den vor dem improvisierten OP wartenden Zweitkörpern meiner FreundInnen und ihren ebenfalls allmählich sich dort einfindenden “Originalen” gesellt. Nur Chefin Cordula war wiedermal nicht dabei- sie kümmerte sich mit einem von Errs und J.A.W.s Technikern zwei Räume weiter erstaunlicherweise um niemand Überflüssigeren als mich, d.h. jetzt wirklich mich, den ich-mich also, der hier jetzt schreibt. Kümmern, na ja… erst mal stand sie abwartend dabei, als man meinem demolierten Schädel die nötige Headgear aufsetzte, um meine NAL-Erinnerungsdateien auf transportierbare Steuerungskristalle zu transferieren, von wo aus sie dann in so einen Delta-M-Generator geladen werden sollten, der autosynchronisierte, neuralnetz-simulierende Nanosporen ins Empfängerblut aussenden würde, die elektrochemisch koordinierte Erinnerungsfelder in ein fremdes (in diesem Fall: meinem echten, meinem Erstkörper zugehörendes) ZNS disseminieren konnten. Das hätte dann (wenn es geklappt hätte, um hier schon mal dem Ausgang der Sache vorzugreifen) im Endeffekt bedeutet, daß die Imprints (oder, wie es bei Scientologen immer so doof heißt, Engramme) der Zeit, die ich in Zürich und in Moskau verbracht hatte, angefangen bei meiner Tiefseetaucherdesorientiertheit nach der schandbaren Bruchlandung, die ich als einziges Mitglied des Zankapfelteams damals hingelegt hatte, all meine “gemachten Erfahrungen”, gelesenen Bücher, gehabten Eindrücke etc. etc. von meinem zentralen NAL-chip abgelesen und als aufgewärmte Erlebnis- und Lerngeschichte auf das limbische System, den cerebralen Cortex, Basalganglien, Kleinhirn und die ganze andere feuchte Scheiße meines echten primären Körpersackgesichts gepfropft, ihm übergestülpt, oder wie immer man das metaphorieren kann, jedenfalls: angedreht werden sollten. Ich hatte da irgendwie was dagegen: diese Erinnerungen, so regte sich etwas sehr Dumpfes, Atavistisches, als ich auf dem Sitz, der zum Erinnerungslesegerät gehörte, Platz nahm, in meinem, ja, wo auch immer, und ich war ganz und gar nicht bereit, mit mir selbst als dem echten Eigenich an einem Strand zu ziehen, schon gar nicht an diesem doofen Faserstrang, dem Fasciculus uncinatus, der diese ganze Scheiße im Stirnhirn und den vorderen Schläfenlappen meines Ichoriginals miteinander verbindet und ihm zur Aktivierung von Erinnerungen dienen sollte, die mir gehörten, mir allein. Das man so eine Besitzgier entwickeln kann gegenüber verflossener Zeit! Aus den Langzeit-Memorybanks meldete sich, als diese Regungen mir flau bewußt wurden, gänzlich ungebeten der Hinweis aus einem Buch eines gewissen Rorty, das mein Persönlichkeitsspenderich offenbar vor dem Downloaden seines “er” auf mein mich irgendwo irgendwann gelesen haben mußte, worin die Rede davon ging, eine gewisse Abscheu vor Zeit und ihrem Verstreichen, Erinnerung und ihrer Unzuverlässigkeit, wie ich sie jetzt aus sehr konkreten Gründen in mir aufmucken hören konnte, sei sozusagen konstituierende Bedingung für den Dichter. Als der ich mich aber gar nicht fühlte, auf diesem Stuhl, unter den enigmatischen meergrünen Blicken der Chefin, die an einer ihr von Katja Benante geliehenen Mentholzigarette zutzelte, während ich auf die Enteignung meiner Erfahrungen wartete. Zwei: Eine gruslige Erscheinung Es war in den schattigen Gärten, um diese späte (oder frühe) Stunde der bald schon sich in neuem Tageslicht auflösenden Nacht voll zwielichtigem Zittern, daß eine junge Frau, die Old Errs Sicherheitskräften angehörte, der unheimlichen Erscheinung begegnete, deren plötzliche Materialisation aus dem Nichts der Waffenträgerin in Anbetracht der erst wenige Minuten zurückliegenden Katastrophe in Errs Studierzimmer einen solchen Schrecken einjagte, daß sie ihre Nadelwaffe zog und lauthals “Halt!” brüllte, obwohl sich die Erscheinung weder bewegt hatte, noch Anstalten dazu machte, dies zu tun. Hier, an diesem friedlich naturnahen Ort, wo der Hausherr seine Verse zum Lobe der Botanik und des Gelehrten Linnaeus geschrieben hatte- “Botanic Muse! Who in this latter age/Led by your airy hand the Swedish sage/Bad his keen eye your secret haunts explore/on dewy dell, high wood, and winding shore…”-sah ein “Gespenst” wie das, das der Leibwächterin (die übrigens von Katja Benante im 9. Jh. n. Chr. in Byzanz rekrutiert worden war, wo ihr Vater, ein Soldat in den Diensten des Basileides von Makedonien, dem Mädchen einige ziemlich heftige Kampftechniken beigebracht hatte) plötzlich erschien, ganz besonders gothic und gruslig aus. Zwar kamen sofort andere Bewaffnete herbeigerannt, aber die kurze Zeit zwischen Auftauchen und Stellen des Gespenstes reichte für die junge Soldatin der Froschleute nicht aus, sich an dessen Anblick zu gewöhnen. Selbst wenn man, wie diese Frau, für eine Truppe arbeitete, die die vielleicht arkansten Technologien aller Bernsteiniken und ihre durchgeknallten BenutzerInnen zu schützen hat, begegnet einem schließlich nicht jeden Tag eine von Kopf bis Fuß verdreckte weibliche Gestalt, die am Ende des ausgestreckten rechten Arm nichts Appetitlicheres als ausgerechnet einen menschlichen Kopf hält, der , wenn das schwache Licht der dünnen Stablampe in den Fingern der nicht mit Waffenhalten beschäftigten Hand der Leibwächterin nicht völlig täuschte, trotz seines vom Rumpf eines Menschen abgetrennten Zustands offenbar nicht tot genug war, nicht zu zwinkern. Der Kopf blinzelte, doch, das war sicher. Und das Gespenst, das ihn hielt, hustete, und sagte dann: “Bringt mich zu Err. Bringt mich zu dem alten Muskopf. Meine Fresse, was für ein Dreck wieder.” ”Indeed.” ergänzte der Kopf, es klang beinahe beleidigt. Drei: Inzwischen, im Keller Cordula blies Kräuselrauch gelassen aus der Nase und strahlte diese typische Dekadenz, Morbidezza und Überlegenheit aus, deretwegen (ganz zu schweigen davon, was sie GETAN hat) in siebzig Landstrichen in ebensovielen Epochen exorbitante Kopfgelder auf sie ausgesetzt worden sind. Dann sagte sie milde:” Sitz’doch nicht so verkrampft da, sweetheart pusscyat. Man könnte meinen, wir sind beim Zahnarzt. Du siehst aus wie dieser Roboter in dem Fritz-Lang-Film, wieheißternoch, Metropolis.” Ich maulte zurück: “Du mußt es ja auch nicht aushalten. Den Helm.”- der Kinngurt war tatsächlich ein bißchen zu fest gezurrt. J.A.W.s Techniker saß jetzt am Terminal bei den Kontaktfeldern und war dabei, die Routinen einzugeben. Ich dachte an vergleichbare Erfahrungen, die man hier unten, im geheimen Forschungskomplex unter Errs Hütte, mit allen Arten von Diagnostik und Gelesenwerden machen konnte: die blöde magnetisch abgeschirmte Kammer für die Magnetoenzephalographie, die EEG-Stühlchen, die PET-Zimmer, die elenden Röhren zum Reinlegen… und da fiel mir dann Dagon Gosch ein, und ich murmelte bruddeldumpf. “OK, so schlimm wie der Meuchelmörder aus Camelot hab’ich’s nicht getroffen. Wie steht’s eigentlich mit dem?”, ich wollte auf jeden Fall die Konversation am Laufen halten, denn jetzt fing die Maschine an zu summen, und das löste, befeuert durch Cordulas Bemerkung von eben, natürlich wirklich eine ganze Reihe unangenehmster Zahnarztassoziationen aus: Bohren, Weisheitszähne- mein Eigenich, also nicht dieser Körper hier, hatte mir da eine besonders heikle Erinnerungsspur ans Jahr 1996 vererbt, wo so eine fehlgeschlagene Wurzelkur am Ende zu einer fast einstündigen, zwar betäubten, aber säuisch blutigen operativen Entfernung eines Zahns durch einen Freiburger Superstümper seines Fachs geführt hatte, das war eine oberschweinische Geschichte gewesen, die OP-Assistentin hatte, kurz nachdem sie die Spritze gesetzt hatte, mich (urmich, echtmich) gefragt, was ich den für ein Sternzeichen wäre, echt vertrauenerweckend, von so Personal, also erst mal dieses Eindringen in die Privatsphäre, dann diese Imbezillität, ich meine Sternzeichen, sonst noch was… und dann wie gesagt die Operation selber, in diesem more brilliant than the sun-Licht von dem Scheinwerfer da, das Gehacke und Gereisse und Gezwicke… und dann wie in warme Eingeweide verpackt nach hause fahren, in der Straßenbahn, und dort auf einem langsam rotierenden Bett die Erfahrung machen, wie es ist, wenn die Betäubung langsam nachläßt, das Klopfen anfängt und das Ziehen, und die geschwollene Backe notdürftig mit einer im Kühlschrank kaltgemachten Gelsackscheiße gekühlt, und bluten tut es auch noch 6 Stunden… wahh. Daran ließ mich das Summen denken, und deshalb fragte ich nach Gosch, der es heftiger hatte als ich jetzt, heftiger als ich (er-mein-ich) damals bei diesem Arsch von Kieferchirurg. “Gosch? Gosch stirbt. Leider.” sagte sie ruhig, und ich wußte nichts darauf zu erwidern. Sie wandte den Kopf (der, mit diesen weißen quasi-Dreads, noch einen Zahn aristokratischer, majestätischer aussah als sonst schon) zu Wheelers Hiwi und fragte beiläufig: “Wie sieht’s aus? Hast du schon Delta-M-Readings?” Der junge Mann zog die Stirne kraus und murmelte was wie: “Ich weiß nicht… er wählt noch.. wählt den NAL-Speicher noch an. Komisch.”, und Cordula wandte sich wieder mir zu: “Ja, der eminente Drifter, Hobo, Hampelmann und Störenfried Dagon ‘Querdenker’ Gosch liegt in den letzten Zügen, während du hier deinen blöden Erinnerungen über irgendwelche Zahnarztscheiße nachhängst, sweetheart pussycat. ” Ich war baff. War sie inzwischen auch noch Telepathin geworden? “Woher weißt du, woran ich…” Sie winkte nonchalant ab: “Ach, ich hab’ halt deinen komischen Fortsetzungsroman gelesen, steht ja alles groß und breit und wortreich in Kapitel 10. Und da steht sogar drin, daß ich es gelesen habe, und so fort… das sind diese ewigen Varianten, die du schon in der Originalgeschichte ‘Bernsteinik’ hochgekocht hast, alles ein bißchen Hase-und-Igel-mäßig halt. Aber du hast ja keine Wahl, hattest keine, wirst keine haben und so. ich muß ja schließlich das letzte Wort haben, und alles gegenlesen, als deine Chefin. Also lese ich, das ist gar nicht so wild. Du würdest eh nicht glauben, wer das Zeug alles liest. Dagon Gosch zum Beispiel- also, nicht der Dagon Gosch, der nebenan grad das Zeitliche segnet, sondern eine andere, prismatisch-kaleidoskopisch innerhalb des Bernsteinikenfächers nach dem Everett-Wheeler-Graham-Modell abgezweigte Version, eine, die noch die Kurve gekriegt hat und sich nicht so in die Zeit verbeissen mußte wie der arme Patient drüben- jener dort hat rechtzeitig ein weichkeksiges Medium gefunden, seinen Echzteithorror zu überspielen, hat sich in so ein Internet-Tagebuch ausgegossen, das kam eigentlich ganz witzig. Also, ich meine, sowas ist natürlich im Nachhinein und Dorthinaus auch nicht mehr als eine, wie heißt das, pfiffige Idee, genau, aber wenn es ihn davor geschützt hat, sich von den Arschgeigen in meines Vaters bösem Troß anwerben zu lassen, more power to him… naja, so strebt eben dann doch alles wieder auf ein thermisches Gleichgewicht zu, global gesehen. Was allerdings alle Varianten von Gosch, sei es der Dichtergosch, der Ravergosch oder der Agentengosch, nicht wahrhaben wollen, der spielt lieber den ewigen Maxwellschen Dämon. Was seine gegenwärtige Inkarnation grad den Arsch kostet. Schwamm drüber.”, sie hatte ihre Zigarette aufgeraucht, ließ sie aus dem Mund auf den Boden fallen und trat nochmal drauf, damit der Teppichboden nicht zu arg ankokelte. “Entschuldige bitte,” kriegte ich da wenigstens das Maul auf, “aber ich verstehe ziemlich ganz relativ total kein Wort von dem, was du da redest.” “Macht gar nix.”, gab sie lakonisch zurück, und fragte den Helfer nochmal. “Wie sehen die Readings aus?” Der Junge wirkte regelrecht unglücklich: “Ich… ich versteh’ das nicht, aber da… also, es kommen ganze Cluster von…ganze Pakete, die aber nicht in distinkte…” “OK. Schon recht.”, sie beugte sich zu dem Typen und als sie sicher war, daß er sie ansah und seine ganze Aufmerksamkeit ihr galt, die offenbar genau wußte, was sie redete, und genau das, was er nicht verstand, längst erwartet hatte, sagte sie nur: “Also. Du brichst das jetzt ab. Da kommt nix bei raus. Vergiß es.” Er wollte schwach protestieren: “Aber das kann… ich kann…”, aber dann schlug er die Augen nieder: “OK.” Der Cordula-Effekt. Nur Wahnsinnige widersprechen. Es muß ganz schön fies sein, sie zu sein. Aber sie trug es wie üblich mit schon unverschämt gutem… Style, könnte man sagen. Sie kam zu mir, löste den Kinngurt, nahm mir den Helm ab. Sah mich an. “OK, Kid. Und damit zu dir. Ich mußte nur sichergehen, deswegen hab ich den Versuch, deinen NAL-Speicher zu entern, noch abgewartet. Weißt du, ich komme aus einer Zeit, wo wir das alles schon wissen. Die Frösche, meine ich. Daß einer der Zweitkörper Fehlfunktionen hatte, wegen Joyces Intervention… nämlich du. Die Zürcher Bruchlandung. und daß das deinen NAL-Chip beschädigt hat. ” “Das…”, schluckte ich, “…das heißt, alles, was ich erlebt habe, ist nutzlos für euch. Weil nicht lesbar.” “Nicht unbedingt.” grinste die Chefin. “Du könntest es ja zum Beispiel aufschreiben. In Fortsetzungen vielleicht. So richtig als Geschichte, mit Titel und allem… du könntest es ja: ‘Cordula weiß alles’ nennen, oder ‘Der Minkowski-Baumfrosch’, oder ‘Abfall für zu wenige”, oder, äh… naja… aber vorher habe ich noch einen anderen Job für dich, und wenn du ihn annimmst…”- sie kam nicht dazu, den Satz zuende zu sprechen, denn in diesem Moment ging die Tür auf, und vor uns stand, den Kopf des Zweitkörpers von Charles Darwin unterm Arm, der von Barbara: die ziemlich angeschlagenen, rußverschmierten, schwer beschädigten Überreste des Ozeanteams. Cordula nickte mit dem Kopf, als wüßte sie genau, was jetzt geschehen mußte. Da trat von rechts auch noch Old Err selbst in die Tür, mit Arztkittel, OP-Schürze und Chirurgenmaske, zog sich letztere vom Gesicht, blickte ernst in die Runde und sagte: “Dagon Gosch ist tot.” “Schon wieder.”, seufzte Cordula. ”Entschuldigung, aber interessiert hier eigentlich niemanden, daß die Fische den Marathonläufer besetzt haben?” ereiferte sich Barbara, und zumindest ich fand diese Offenbarung annähernd die schlimmste, bis jetzt. Ich wußte ja auch noch nicht, was das für ein Job war, den Cordula mir gleich aufbinden würde. Vorletzte Folge folgt ________________________ ZITATE Die Ränder sind ein bißchen ausgefranst, und alles kann der Mensch ja sowieso nicht wissen. Ich : D.h. im Ernst eben nur: der Zweitkörper, dessen Finger jetzt auch diese Buchstaben hier in die von unten flimmergrün erleuchteten Keys hacken. ”Indeed.” ergänzte der Kopf, es klang beinahe beleidigt. Ich wollte auf jeden Fall die Konversation am Laufen halten, denn jetzt fing die Maschine an zu summen. Ich war baff. War sie inzwischen auch noch Telepathin geworden? Aber sie trug es wie üblich mit schon unverschämt gutem… Style, könnte man sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.