Text: Dietmar Dath aus De:Bug 17

Dietmar Dath Der Minkowski-Baumfrosch Science Fiction-Fortsetzungsroman Hoffnungsloser Zusammenfassungsversuch: Das Ganze ist eine von diesen “wir-gegen-die”-Geschichten, und zwar diese Spielart, wo man nicht mal sicher ist, wer nun eigentlich wir und wer die sind bzw. ob bei denen welche von uns, bei uns welche von denen mitmischen. Nur daß in diesem Fall auch noch beide, wir (“Froschpartei”, Häuptling: Cordula Späth, genannt die Chefin) und die (“Fischpartei”, Häuptling: Cordulas Vater Martin Späth, genannt Merlin) Zeitreiseapparaturen besitzen u. benutzen, während der fruchtbar komplizierte Streit im Grunde darum geht, was Zeit ist: entweder ein Fluß, absolute Zeit also, wie sich das Newton, Laplace, Galilei dachten und die Fischleute es beweisen/implementieren wollen, oder ein System von vielen “Teichen” (auf denen dann Frösche wie wir rumhüpfen können), ein non-apriorisches Konstrukt diverser pocket universes, Minkowskischer Raumzeiten, krummer Einsteinräume, also, wie wir das nennen: “Bernsteiniken” (von Bernstein, altgriech.: “Elektron”, weil einer der unseren, John Archibald Wheeler, genannt JAW, einmal in einem Gedankenmodell vorgeschlagen hat, den Frosch-Raumzeitbegriff damit zu illustrieren, daß man sagt: alle Elektronen, die beobachtbar sind, sind eigentlich dasselbe Elektron, das vor und zurück durch die Raumzeiten hüpft, rast und kickt). Aber der Stern Procyon, die Aussterberate der Weltfroschpopulationen etc. spielen auch mit rein, es gibt Doppel- und nochmehr-AgentInnen, bei den Froschleuten biologische Erst- und synthetische Zweitkörper der wichtigsten HandlungsträgerInnen, einen Haufen ungelöste Rätsel, und das hier ist schon die vorletzte Folge. Tja. Kapitel 11: Absetzbewegungen, seitwärts Eins: Right here, right now Die regenbogenprismatischen Leuchtfäden, die von den konisch-buckligen Schiffen der Fremden ausgehen, reichen dutzende Kilometer weit ins All, zittern dabei wie lumineszente, durchsichtige Grashalme (GLAS-Halme, fällt mir ein), stehen nach allen Seiten bebend ab, sind wunderschön- der Kapitän unseres eigenen Schiffs nennt sie mit der ihm eigenen taxonomischen Poesie “Jets”, und tatsächlich erinnern sie ein bißchen an diese alten Abbildungen elastischer Bänder zwischen Quarks, als die man früher die Gluonenbindungen veranschaulicht hat. Kilometerlang, und nur wenige dutzend Meter breit, tanzen und weben sie durch das kalte Vakuum, und ich muß an eine kitschige Zeile aus einer Gedichtinterpretation denken, die ich als Vierzehnjähriger aus dem Schulheft einer Gleichaltrigen abgeschrieben habe, etwas davon, wie bunte Boote eine Bucht heller machen, lebendiger, und das war damals, in dem Deutschaufsatz, als Vergleich gemeint, Vergleich mit etwas, das “Liebe” genannt wurde. Die Schiffe in ihrem Farbenkleid, von ihren bunten Bändern umwoben, sehen aus wie Pfauen, oder wenn man ihr lautloses Schweben in Rechnung stellt: wie ungeheuer langsam durchs Wasser gleitende Strahlenfeuerfische in einem schwarzen, endlosen Aquarium. Und mein Herz, denke ich in Erinnerung an einen albernen Song, setzt auch die Segel. Katja Benante, neben mir, d.h. KBs Zweitkörper, bläst einen Mentholzigarettenrauchkringel in die regulierte Luft und sagt leise, wie gehaucht: “Das sieht… so… wahnsinnig… COOL aus. Wie die Stroboskop-Nudeln Gottes oder so. Im Ernst. Sowas Geiles habe ich… überhaupt noch nie gesehen. Es erinnert an… naja… Strings.” Ich weiß, was sie meint: die Fühlerfäden der Alienschiffe. Es ist eine Metapher, natürlich, wie der Einfall mit den Gluonen, denn echte kosmische Strings kann man ja nicht sehen, weil sie noch viel dünner und länger sind als diese Fäden da draußen, von denen ich im kribbelnden Rückenmark irgendwie das Gefühl empfange, als machten sie- was unmöglich ist- da draußen im Nichts und Nirgends eine ganz eigene Musik: Strings, tatsächlich. Violin- oder Harfensaiten… ich wende mich wieder der Tastatur neben dem NAL-Kontaktfeld an meinem Arbeitsplatz zu. Die meisten an Bord sind, obwohl insbesondere die tachyonischen Echos der energetischen Signaturen der fremden Schiffe uns schon vor Tagen erreicht haben und wir ihr Kommen also erwarten konnten, ein bißchen vors Hirn getreten von der Begegnung. Kontakt, immerhin. SICHTkontakt, und nichts ist ja schneller als Photonen. Sogar die paar geretteten Nichtmenschen von den Langerhansinseln, die Cordulas Evakuierungs- und Auskehrkommando damals sofort nach Barbaras und Chucks (nur noch als Kopf) Ankunft bei Old Err ausgesandtes Evakuierungskommando noch raushauen konnte, stehen aufrecht an der Reling ihres Arbeitsgürtels in der Brückenkuppel und starren gebannt auf die optische Synth-wiedergabe der Taster-Ergebnisse. Sehen schon toll aus, diese UFOs. Oder FVIFOS: Fast vollständig identifizierte Feuerfrosch-Objekte. Aber zurück zu meiner Arbeit hier. Ich kann mich kaum aufs Tippen konzentrieren (yup, diese Zeichen reihen sich vor Euch in zwar versetzter, aber flußrichtungsweise gewahrter Echtzeit aneinander, was immer das wert sein mag), das majestätische Hologramm füllt, im Brennpunkt der Kuppel schwebend, “aufgehängt an nichts”, wie’s in der Bibel und bei Giordano Bruno über die Erde heißt, die ganze Schiffsbrücke aus, und dahinter, hinter dem losen Verband der… Begrüßungsflottille, wenn man das so nennen kann… leuchtet Procyon, der Stern, zu dem wir all die Jahre unterwegs waren, meine FreundInnen und ich, der Stern, über den wir jetzt mehr wissen als vorher, und doch noch längst nicht alles, der Stern, von dem uns etwa die Partikulometrie unseres Fahrzeugs verrät, daß er genau dieselbe Merkwürdigkeit wie unsere irdische Sonne aufweist: er sendet weniger Neutrinos aus, als die Theorie für den Fall eines anhaltenden nuklearen Fusions-Feuers bei einem Stern seiner Masse, seiner Dichte, seines Volumens vorhersagt… ein Hinweis, der für JAW (d.h. den JAW-Zweitkörper, der da oben in der Laibung des Trägerbogens der Brücke an seiner Konsole) immerhin bestätigt, daß wir gut daran getan haben, hierherzufliegen, denn, hat er mir gestern morgen in der Schiffsmesse beim Frühstück auseinandergesetzt, eine durch den Marathonläufer noch kurz vor der Eroberung durch Merlins Piraten vorgenommene Extrapolation mit einem Umrechenfaktor, bei dem von den paar Jahren, die die solare Neutrinoausschüttung gemessen wurde, auf Jahrtausende geschlossen wird und diese dann wieder auf die paar Jahre, in denen wir Ende des 20. Jhs. den Rückgang der Froschbestände überall auf der Erde beobachten konnten, hat gezeigt, daß die Neutrinos aus der Sonne nicht nur weniger sind als vom Modell gefordert, sondern sehr, sehr langsam immer weniger werden, aber mit einer Rate, die interessanterweise der Aussterberate der Quakpopulationen (unter Veranschlagung d. besagten Umrechenfaktors) entspricht… und wenn nun dieser Stern ein ähnliches Neutrinoraten”problem” aufweist, dann heißt das… ja… was? Jedenfalls sind wir jetzt hier. Procyon, Antecanis, Algomeysa… der Zielpunkt… das System der Wesen, die uns hierher, an den vermutlich äußersten Randpunkt des Systems, das, soweit unsere Grav-Taster wissen, planetenlos ist, ihre Schiffe geschickt hat… Wesen, die die Chefin einmal aus einer Laune heraus “Frösche” getauft hat, was eine ganze Menge Schlingen, Schnurren, Schlaufen gebar, über die ich in bislang zehn Datenpaketen, in Mantelcodes zwischen die Aussendungen der Procyonintelligenzen interpoliert, da wir ja auf geradem Weg ihr System ansteuern, berichtet habe… aber ich greife wirklich vor, was? Das letzte Päckchen hat mit dem Augenblick kurz vor meiner endlich die letzten Schleier lüftenden Ins-Bild-Setzung durch die Chefin aufgehört, oder? Ja. Und jetzt falle ich hier so unvermittelt mit der Gegenwart ins Haus, verlasse die aus allen vorherigen Folgen den hypothetischen (und, wie ich ja als Zeitreiseerfahrener weiß, auch tatsächlichen) EmpfängerInnen meiner Depeschen vertraute Imperfektform… das muß einen kleinen Aussetzer gegeben haben, und ich entschuldige mich natürlich dafür. Aber der Anblick des Hologramms, das ehrfürchtige Schweigen und Staunen der andern hier auf der Brücke… für einen Augenblick… war ich… never mind. Wie also bin ich hierhergekommen? Zwei: Jungfrau zum Kinde, ich zu meinem Auftrag Ich saß bedröppelt auf meinem auch nicht gerade vor ergonomischer Körperkonturenangemessenheit schnurrenden Gedächtnisspenderstuhl, Cordula hatte soeben die Delta-M-Lesesitzung abgebrochen und mich mit zugleich weitschweifigem wie für meine stark zerfledderte Aufmerksamkeit einfach ein Fetzchen zu mitteilungssattem Gerede über irgendeine Schriftstellerei beschossen, die zu vollbringen angeblich irgendwie von mir erwartet oder auch gerade NICHT erwartet wurde oder werden konnte oder wie, da ging die Tür auf, und vor uns stand, den Kopf des Zweitkörpers von Charles Darwin unterm Arm, der von Barbara: die ziemlich angeschlagenen, rußverschmierten, schwer beschädigten Überreste des Ozeanteams. Cordula nickte mit dem Kopf, als wüßte sie genau, was jetzt geschehen mußte. Da trat von rechts auch noch old Err selbst in die Tür, mit Arztkittel, OP-Schürze und Chirurgenmaske, zog sich letztere vom Gesicht, blickte ernst in die Runde und sagte: “Dagon Gosch ist tot.” “Schon wieder.” seufzte Cordula. “Entschuldigung, aber interessiert hier eigentlich niemanden, daß die Fische den Marathonläufer besetzt haben?”, ereiferte sich Barbara, und nach einer scheiblettenkäsedünnen Kunstpause versetzte Cordula, die Hände theatererfahren in die Hüften gestemmt: “Interessieren ist zuviel gesagt. Wir sollten halt allmählich mal unseren act togetherkriegen, Kinder. Sonst wird das hier allmählich ein ganz schiefes Krippenspiel.” Sie wechselte einen Blick mit Barbara, der deren Alarmiertheit wohl vorübergehend besänftigte, winkte mich aus meinem Stuhl (ich folgte wie ein Esel: irgendeines Tages lernt sie noch, wie man durch Fingerschnippen Armeen zum Tanzen bringt, dann kann sie sich zur Ruhe setzen) und wir verließen, Cordula voran, Barbara, Err und als Schlußlicht ich, den D-M-Leseraum. Im Gefolge der Chefin eilten wir einen Korridor hinunter, der mir nur die ersten paar Meter weit vertraut vorkam: rechts und links öffneten und schlossen sich Türen, Menschen schauten raus, verließen auch manchmal Räume und wechselten nach Gegenüber oder begleiteten uns schweigend ein paar Meter, bevor sie auf derselben Seite, auf der sie rausgekommen waren, wieder hinter einer Tür verschwanden- ich erkannte James Watt und zwei Gesichter, zu denen mir zwar kein Name einfiel, die aber irgendwie ins Umfeld der Lunar Society, wie sie in den Geschichtsbüchern abgeschildert ist, zu gehören schienen, und einmal sah jemand aus einem Türspalt (und wurde knapp von Err gegrüßt), bei dem es sich (meine suggestive Bereitschaft, überall Berühmtheiten auszumachen, mal außen vor gelassen) ziemlich sicher um Benjamin Franklin handeln mußte. Eine Tür links stand ganz weit offen, dahinter war etwas wie ein Klassenzimmer, aber völlig verlassen, Neon-Deckenlicht erleuchtete eine Tafel, auf der die Familien der fundamentalen Teilchen in halb geschwungener, halb druckbuchstabendeutlicher Handschrift mit Kreide aufgelistet waren: links eine Spalte Quarks, das u-Quark, d-Quark, Anti-u-Quark und so weiter, rechts die Leptonen, also Elektron, Neutrino, Positron etcetera.- “Cordulas Handschrift…” flüsterte mir Barbara, den vor sich hinschmollenden Charleskopf unterm Arm, im Gehen zu. Ich versuchte, den unterirdischen Gang, den wir langspazierten, mit dem Korridor im Kopf abzugleichen, den ich von meinen bisherigen (v.a. Erstkörper-) Besuchen hier erinnerte, und begriff, daß wir längst die Stelle passiert haben mußten, wo eigentlich an einer weißgestrichenen Wand ein großes Fresko angebracht war, das einen Korallenfingerfrosch (Litoria Caerula) zeigte. Aber die Wand war nicht dagewesen- beiseitegeglitten? Der Gang, den wir langgingen, verbreiterte sich jetzt merklich, und begann, leicht abschüssig nach unten zu führen: ein tieferer Komplex als selbst der uns allen bekannte Keller also? “Paß’doch auf, wo ich laufe!” raunzte mich da wer an, den ich mit der Schulter gerammt hatte, und natürlich war ich es selber, d.h. das Original, das in Begleitung von Thomas von Aquin (dem Ebenfallsoriginal?) und Aleksander (dito?) just aus einer der Seitentüren geschritten war. “Ent…Verzei..also, wie sagt man, wenn man sich selber?) Er (ich) verzog den Mund und winkte ab: “Schon klar. Husch, ich denke, du… wir… ich… müssen hinter Cordula her, dahin, wo die Gesänge enden und so..”, und nickte mir nochmal zu, der Höflichkeit halber (man soll ja immer nett zu sich sein, wenn man sich selber angerempelt hat, sagen die Buddhisten oder Schizonauten oder wer nochmal?), verschwand dann mit den andern drei in vier kurzen Schritten übern Gang in einer andern Tür, während ich noch über seine kryptische Moorcockanspielung (Wo die Gesänge enden? Na gut, war er eben Moorcockfan, d.h. ich, klar, bin ich ja auch, aber beziehungsweise, ach was soll’s…) nachdachte und zugleich schon von Barbara weitergezogen wurde, damit wir wieder zur sich keine Sekunde umdrehenden Chefin und dem ihr auf dem Fuße folgenden Err aufschließen konnten. Kaum hatten wir diesen Anschluß wiedergefunden, als sich schon wieder eine Tür öffnete, in der nun ein ziemlich martialisch aussehender, in etwas, das an schwarzes Leder erinnerte, gekleideter Soldatentyp stand und Barbara am Arm faßte: “Du und der Kopf, ihr wollt doch sicher mitkommen…” Barbara schüttelte seinen Arm unwirsch ab:” Wer bist… was soll die Scheiße?” “Ist OK”, sagte Cordula, sich diesmal doch umdrehend, mehr geistesabwesend als informiert, “Der gehört zum Evakuierungsteam. Langerhans. Verstärkung. Ihr trefft zwei Minuten nach deiner und Darwinkopfs übereilter Flucht ein und gebt ihnen, wie heißt das?” “Saures.” grinste Barbara, Cordula zwinkerte, und der Soldat (der mir jetzt doch ein bißchen bekannt vorkam… wo hatte ich den schonmal gesehen?) verschwand mit Barbara und dem Kopf im Strategiezimmer des “Evakuierungsteams”. “Sie hauen ein paar von unseren Lurchis raus und verpassen diesem Sir Garlon was auf die Glatze.”, erläuterte die Chefin wegwerfend, ich nickte zerfahren. “Wir sind da.” bemerkte Err und tupfte sich die Arztstirn mit einem zerknüllten Tüchlein. Tatsächlich standen wir jetzt vor so einer Wand wie der verschwundenen, nur daß kein Frosch drauf abgebildet war- und sie in der Mitte auseinanderglitt, wie zwei Schiebetürflügel, die eben noch durch keinen sichtbaren Türspalt getrennt gewesen waren. Die weichenden Türflügel gaben den Blick frei auf eine Art von unten bläulich illuminierte Tafelrunde-cum-Laboratorium, in der Mitte eines kreis- bzw. ringförmigen “Tisches” standen Katja, zwei mir unbekannte Frauen, ein älterer Mann mit halblangen Haaren und JAW und fummelten an irgendeinem Verschalungs- und Drähtegewirr, das wie der überladenste Twistorapparat aussah, den ich je erblickt hatte. Das Ganze erinnerte, als wir den Raum betraten und die “Tür” wieder hinter uns zuglitt, auch wegen des langhaarigen Burschen in der Mitte an Joseph Wright of Derbys berühmtes Bild “Experiment mit einer Luftpumpe”, mal abgesehen von dem blauen Licht. “Das da”, erläuterte die Chefin, die auf den Langhaarigen wies, mir flüsternd- und wenn selbst sie flüsterte, dann mußte das, was da zusammengebaut wurde, nicht nur viel Konzentration erfordern, sondern auch bombastisch wichtig sein- “ist Richard Feynman.” DER Ri—” “Klar. Katja kennst du ja. und das andere sind Una Persson und Catherine Cornelius, die…” “Moment.” wedelte ich mit der rechten Hand. “Auszeit, Cordula. Stop. Moment, Moment, Moment. Catherine Cornelius und Una Persson sind nicht echt. Die kommen auch nicht aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft. Das sind ROMANFIGUREN, von Michael Moorcock ausgedacht, ich hab’ die Dinger mit 13 gelesen, die Corneliusromane…” “Wie kommst du drauf,” erwiderte die Chefin ehrlich erstaunt, “daß man sich irgendwas ausdenken kann, was nicht irgendeinem Eigenzustand entspricht, was nicht irgendwanneinmal durch den Kollaps der Wahrscheinlichkeitsamplitude…” Du meinst, JAW hatte recht? Unendlich viele Welten?” “Sure, Kleiner. Deswegen bist du jetzt hier. Es gibt… neuralgische Punkte, verstehst du? Wichtig ist, daß die… Teiche kommunizieren. Info-Austausch, verstehst du? Daten. Sie dürfen nicht verloren gehen. Deshalb wirst du diese Leute hier begleiten, wenn der Apparat da in ungefähr…” sie linste auf ihre Armbanduhr, ein sauteures Silberteil, “…zehn Minuten fertig ist. Sie reisen zu unserer Raumbasis. Zum Schiff, das wir Richtung Procyon schicken werden. Und zu dessen zentraler Steuereinheit. Ich nehme an, du weißt, was das für eine Einheit ist.” Ich schluckte: ich hatte verstanden. Es ging zum gewissermaßen transtemporalen FroschHQ. Zum zentralen NAL-Prozessor, dem Gegenstück des Marathonläufers in der Zukunft. Wo die Gesänge enden, indeed. Ich begriff zum ersten mal, was unsere Teiche eigentlich waren, all die Bernsteiniken, wie groß das war, was für ein Chaos, wie unkontrollierbar… die Fischleute taten mir beinah (aber nur beinah) leid, wenn DAS die Konsequenzen der Tatsache waren, daß sie unrecht hatten. Cordula flüsterte mir noch ein paar andere Sachen zu, bevor die Reise losging, aber diese anderen Sachen hätte ich mir fast schon denken können. Ich erfuhr, was das für eine Kiste war, die sie da bauten: ein Ding, das Twistormaschinen aufeinander abstimmte, eine Art Lorentztransformator für die höhere Raumzeit, damit nicht nochmal sowas passieren würde wie damals in Zürich, als ich vom Zankapfelteam getrennt wurde. Ich erfuhr, daß die Frosch- und die Fischpartei längst nicht mehr die einzigen waren, die mitmischten in diesem Riesenirrsinn: “Weißt du,” sagte die Chefin versonnen, “da gibt es inzwischen noch die Enten, und einen Salamander, und… also, es wimmelt ganz schön zwischen den Bernsteiniken. Aber, naja… ist ja genug Platz für alle da, nicht?” Sie lächelte. Und dann sagte sie mir noch, daß von mir erwartet wurde, wenn ich an Bord des Schiffes sein würde, die ganze Scheiße zu verdaten, aufzuschreiben, zu verschlüsseln und als Beipacksignal Huckepack den echten Procyonsignalen beizumengen… entschlüsselbar nur für unsere Leute. Dieser Teil der Botschaft würde nur gesendet werden, solange unser Schiff unterwegs sein mußte… aber da wir zur Verschlüsselung tachyonische Digits benutzten, würde sich eine Zeitverschiebung ergeben, die ziemlich genau der bekannten… aber da war der Twistorsynchronisator fertig. Katja Benantes Zweitkörper, Teamgefährtin aus der Zankapfelepisode, grinste mich an: “Na, wollen wir?” Ich zuckte mit den Schultern: “Wenn’s nicht zu umgehen ist….” Drei: Der Froschraumflughafen Die Sonne schien. Der Platz war weit. Horizontweit. Maschinen ragten gebirgsgleich, in der Mitte die größte: das Schiff, wie eine urweltlich gigantische Conusmuschel. Menschen, viele hundert, wuselten zwischen den hunderte Meter hohen Säulen, den Reaktoren, Hangars… Genau so hatte ich mir eine Startbahn für Raumschiffe immer vorgestellt. Was heißt vorgestellt: wenn man ein paar Millionen PERRY-RHODAN-Titelbilder von Johnny Bruck gesehen hat, ein paar tausend amerikanische SF-Illustrationen von Chris Foss, Zeugs von Tim White und noch den einen oder anderen Comic, ein paar Filme, diverse Fernsehsendungen… trotzdem war es natürlich heftig, beeindruckend, ehrfurchtgebietend, was du willst. Die Normalität des Unglaublichen, und so. Ich ließ wohl die rechte Gestimmtheit auf das, was mich da umgab, vermissen, weil ich, etwas selbstbezogen herumschlurfend, so ganz bei mir noch mit der merkwürdigen Mission beschäftigt war, die man mir da nun aufgetragen hatte: wie war das jetzt, was hatte Cordula behauptet, die Wahrscheinlichkeit, daß der TEXT, der wortwörtliche Text, die Form der Verdatung, die ich wählen würde für das Ganze, irgendwoanders, in anderen Bernsteiniken, anderen Zusammenhängen etc. auftauchen konnte, müsse automatisch WACHSEN, wenn ich ihn erst aufgeschrieben hätte? “Wo ein Text, da Lesarten der Bernsteiniken.” hatte sie mir mit auf den Weg gegeben, als Merksatz. Ihre grünen Augen. Ihre merkwürdige Autorität. Dieses gesamte seltsame Leben. Ich wunderte mich sehr, und ging quer über den Startplatz, kaum achtete ich darauf, wo ich lief. Katja tippte mir auf die Schulter, rechts von uns, aus einer Art flunderförmigem Shuttlefahrzeug, das eben gelandet war, stieg eine kleine Gruppe von Leuten: Menschen, ein paar gerettete “Lurchis”, wie Cordula sie genannt hatte… und Dioneta war dabei. Es war nicht wie in diesen Käsefilmen, wo plötzlich auf Zeitlupe umgeschaltet wird und die Liebenden aufeinander zuschweben wie Fesselballons, einander in die Arme segeln und schmatz schleck streichli streichli küssi küssi, wir gingen nur ruhig aufeinander zu, nahmen uns bei den Händen, umringt von Dutzenden von Menschen, Nichtmenschen, Zeitreisenden, Wartungspersonal, Technik, Sicherheitskräften, unseren FreundInnen. Ich grinste sie an, und sie mich. “Eine Menge passiert, inzwischen, was?” sagte ich. “Soviel auch wieder nicht.” lächelte sie. “Hauptsächlich ein paar Absetzbewegungen, seitlich.” Ich nickte, sie hatte es genau getroffen. Sie nickte auch. Ich wollte nach dem Jungen fragen, dem Kind, da stieß mich Katja von der Seite sanft an: “He, Verliebter. Darf ich dir unseren Kapitän für die Reise vorstellen?” Ich drehte den Kopf leicht zur Seite, um den Mann anzuschauen, in dessen Richtung sie genickt hatte, und verschluckte mein restliches Hirn. Nein. Nein, das darf doch nicht… nach all dem Terror… er… “Oh, nein. Sag’, daß das ein Witz ist.” ”Ist kein Witz.”, lachte Katja, als ob es einer wäre. Ich starrte ihn bloß an, unseren Kapitän, und muß die Augen aufgerissen haben wie ein… tja… wie ein Frosch eben. Letzte Folge folgt!

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Elektronische Lebensaspekte.