Areal goes Acid a la El Arenal? Manchmal zumindest. Und selbst Daniel Wang setzt auf diese Karte – natürlich anders. Erinnert das Acid-Zitat im heutigen Sound-Design wirklich noch an eine vergangene Epoche, oder worum geht es eigentlich im Acid-Revival-Tratsch? Martin Osti und Aljoscha Weskott trafen sich in einer extra arrangierten Cryptic-Disco zum Acid-Klatsch um Mitternacht.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 67

Acid-Tools der Jetzt-Zeit
Rausgeschmiert, angeschmiert oder abgeschmiert?

M: Oh, Backflash. Davor? Mittendrin? Danach? Eine nebulöse Zone. Die Säure brodelt unterschwellig in aktuellen Produktionen, doch darf sie nicht ausbrechen oder überschwappen. Die 303 kann heuzutage im Koffer bleiben, die Nervenstränge werden mit anderen Clonks, Sweeps, Bleeps gereizt. Just Gimmicks, die auf sauber produzierte Sequencen gestreut werden. Was einmal einen ganzen Track dominierte, dient nur noch als Effekt, ist EINE Portion Wahnsinn.
A: Das Acid-Zitat hat einen f(r)iktionalen Charakter bekommen. Das ist eigentlich großartig. Historische Wahrheiten werden ja nicht relativiert, weil Chicagahouse und Acid es wirklich gerissen haben. Wer will den Wahnsinn leugnen oder davon noch hören? Jetzt klingt das Gestern ein bisschen frischer, weil von heute. Oder?
M: Als sich während der Ur-Acid-Phase stoisch monoton und in Lowbudgetqualität die selbe Sequenz verschob, quietschte, penetrierte und brutzelte… Da wurde noch allet mit minimalem Equipment hergestellt und eine Konzentration durch eingeschränkte Produktionsmittel erzwungen, durch Filtermodulation Sounds an das Limit getrieben. Acid darf auch Electro (spankspank) oder Techno/House sein, denn Absurdität ist ein Stilmittel der Dancefloormusic – und das schon lange. Ein Verstärker wie die heulende Disco-Sirene.
A: Und weil nun die neu angerührte Vinylsuppe der TRAX-Klassiker ihre leisen, manchmal dumpfpulsierenden Momete eingbüßt haben, was nur teilsweise schade ist – am meisten wohl für nostalgische Sound-Puristen – scheppert und knistert es nicht mehr im Schellack-Authentizitäts-Mood einer Swingplatte der späten 20er Jahre. Hat das zur Folge, dass sich auch das analoge Musikarchiv erneuert, altes aussortiert und neu ersetzt wird, demnach eine aktualistische Ausprägung erhält? WOM der beste Vinyl-Laden wird? Jetzt wird jedenfalls knallhart historisiert, und es enstehen damit neu Probleme. Niemand kann sich mehr so einfach einen Hauch Chicago imaginieren. Endlich. Jetzt fehlt nur noch das mythenbegrabende Chicago-House-Game, im modifizierten Modus natürlich. Die Kulissen könnten (nach)gebaut werden und Club-Ereignisse angeklickt, neu ausgemessen werden, auch mit sozialen und politischen Effekten angereichert werden (sic?) und vielleicht den Reiz der Nicht-Wiederholbarkeit auslösen – das etwas andere Deleuze-Ereignis-Training, um fit zu bleiben, an noch unbestimmten Orten, zu einer noch unbestimmten Zeit Ereignisse anzunehmen. Einfach ganz spielerisch Acid-House-Tools der Jetzt-Zeit kreiieren!
M: Das könnten die Dj Pierre’s, Ron Hardy’s, Phuture’s, Mr. Finger’s und Marshall Jefferson’s gedacht haben, als sie spontan chaotisch in der Umsetzung Sounds als Emblem einer neuen Musik auf Platten pressten, deren Qualität auch in Jamaica nicht unterboten hätte werden können.
A: Geil ist, dadurch dass Marshall Jefferson und Mr. Fingers Platten NEU erstrahlen – man ungläubig 1986 auf der Platte liest – eine heimliche Hoffnung dieser Musikliebhaber zerfällt, dass ihre Sammelleidenschaft sich als kultureller und symbolischer Merhwert gelohnt habe. Jetzt klingt die 2002-Pressung einfach besser. Nie wurde es deutlicher, dass Vinyl nur einen Gebrauchswert besitzt. Das war die Botschaft des Hip Hop, die Techno und House zu selten aufgenommen hat. (Oder wurden etwa nicht Horden von Spießern in dieser Szene produziert)? Nach einer Auflegesession kann das Vinyl zersprungen sein, also gleich im Club zusammengekehrt werden, weil KAPUTT. Das gilt nicht für den Sound, der auch 2030 in Lounges, in noch nicht zu definierenden Räumen erklingen wird. Wie wird es dann erklingen?
M: Acid-Interpretationen wie von Mark Hawkins oder Michael Forshaw, Automatic&Co, eigentlich die der ganzen UK-Krasstechnodisco-Posse, will hingegen diesen Effekt auf das ganze Klangbild übertragen. Das Gerüst steht, wird zerhackt, fixiert, zerhackt, mal zusammengebaut, dann verpitcht – rückwärts, vorwärts. Und: Der Hörer wird überrascht, auch gedemütigt und mit Sound-Attacken am Rande des Kontrollverlustes bearbeitet. funny&ill.
A: Ok, da bin ich dabei. Sie auch?
M: Schon lange Zeit.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.