Jay Haze und Samim spulen auf LP-Länge durch die House-Geschichte: Hooklines für sommerliche Tanzflächen, Hustensaft-Missbrauch im HipHop und kleine Bleeps im Hallraum.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 104


Codein-Sirup im Haus
Fuckpony bauen ein Universum

Ein Glaskunstbläser aus Pennsylvania und ein Schweizer IT-Entrepreneur lernen sich bei einer gepflegten After-Hour-Orgie in Zürich kennen, Jahre und Zwischenstationen später finden sie sich in Berlin wieder, um gemeinsam Tracks zu produzieren: Was dann fast zwangsläufig auf den Namen “Fuckpony” hört und entsprechend eigensinnig tönt.

Tempo und Zitate des Longplayers “Children of love” sind eindeutig House, der allerdings in organisch verspielte Arrangements und große, aber feingliedrige Hallräume gesetzt wird. Zusammen mit den vereinzelt, aber regelmäßig gestreuten Knarz- und Raspelsounds ergibt sich eine irisierende Atmosphäre mit verzagtem bis gründlichem Schub, wobei die Stimmung nicht offensichtlich euphorisch ist, auch wenn im Club bei einigen Tracks ordentlich Euphorie aufkommt.

Der Begriff “Sisurp-House” bietet sich an, für dessen Erklärung ein wenig ausgeholt werden muss: “Auf dem Album sind vier Stimmen vertreten, Shaniqua singt ‘It´s only music’ und ‘Ride the pony’, also irgendwie die Hits”, erklärt Haze: “Ich habe ihren Freund, der als ‘Lil Dirrty Ghetto Bastard’ ebenfalls zu hören ist, in einer Kampfsportschule in Philadelphia kennen gelernt. North-Phillie ist eine der gefährlichsten Gegenden der USA – for sure! Da hörst du jede Nacht Schüsse – andererseits passiert dir auch nichts, wenn du dich nicht besonders blöd anstellst. Ich musste immerhin jeden Morgen Junkies aus meinem Treppenhaus schmeißen, vielleicht war das auch ein Grund dafür, dass ich mich 1999 in Zürich gleich zu Hause gefühlt habe: Vor Samims Fenster wurde prompt Crack geraucht.” In US-HipHop-Kreisen ist unterdessen ausgerechnet Codein-Sirup angesagt, der “Sisurp” genannt wird: “Der Drogenmarkt in Phillie ist wegen des Hafens generell groß. No-Go-Areas, für die Cops inklusive”, erzählt Haze, “und Shaniqua steht eben ziemlich auf Sisurp. Wahrscheinlich dealt sie auch damit, einen richtigen Job hat sie jedenfalls nie erwähnt, aber sie hat dauernd neue Klamotten. Die Wirkung von ‘Sisurp’ ist übrigens so ähnlich wie 20 Joints, die man gleichzeitig raucht. Auf Codein kriegst du aber noch mit, was im Club passiert, und hängst nicht einfach in der Ecke.”

Wirres Licht und Tofumüsli
Im Sisurp-House geht es demnach nie streng oder gar puristisch zu, eigentlich bleepen, klickern und rascheln permanent zwei, drei Sounds in der Kulisse. Faden wird dem Cut eindeutig vorgezogen, Stimmungen entwickeln sich eher untergründig, wobei der Energieverlust der herrschenden Verhaltenheit durch den omnipräsenten manischen Zug locker wettgemacht wird – leicht manisch wirken übrigens auch die Vocals, egal ob gesprochen oder soulig geheult, diese Stimmen haben mächtig etwas zu Laufen. Wie Sisurp-House auf das eigene Befinden wirkt, hängt unterdessen in weit größerem Maß als üblich davon ab, wo er läuft: In der Disko überraschen die Fuckpony-Tracks mit Kompaktheit, während sie im Wohnzimmer angesichts der Struktur- und Sound-Details manchmal auseinander zu fallen drohen. Zum Interview lotsen Haze und Samim auf einer Berliner Shopping-Meile für szeneaffine EasyJet-Touristen in den dritten Hinterhof, wo man auf alten Stühlen kippelt und Getränke auf alten Tischchen ausbalanciert. Der Nachmittagshimmel scheint eingeweiht und dem “Sisurp” gründlich zugesprochen zu haben, im 15-Minutentakt wechseln sich ungetrübte Sonne und Gewitterwolken mit Windböenbegleitung ab, ständiges Gefummel an Sonnenbrillen und Jacken. Haze ordert ein Gericht zwischen Müsli und Tofueiersalat, dazu gibt es große Gläser Himalaja-Tee mit Honig: Samim erklärt, dass Haze eigentlich ins Bett gehöre, etwas wie grippaler Ungemach mit Blutklümpchen im Auswurf. Haze, der eine lupenreine Whitetrash-Jugend in Pennsylvania verpasst bekam, scheint es nicht weiter zu kümmern.

Liebe, ernsthaft
Haze: Im Sommer 99 hatte ich echt frei: Kurz davor war ich in “Woodstock 99” mit meiner Glasbläsernummer groß rausgekommen und hatte auch ordentlich verdient, da bin ich durch Europa gereist. Samim habe ich auf der Suche nach Gras angesprochen. Er hat mich gleich zu einer Party am selben Abend eingeladen, die heftig endete …
Samim: Obwohl mir dieser Typ eigentlich erst mal richtig suspekt war: amerikanischer Rucksacktourist mit vorlautem HipHop-Gehabe. Ich hatte zu der Zeit Teile einer Dotcom-Firma und bin im Anzug rumgelaufen. Wir hatten gerade 1,5 Millionen Venture-Kapital kassiert, ich war ein Pseudo-Entrepreneur … Die Geschichte ist dann aber mit dem Platzen der Börsenblase eingegangen.
Haze: Ich bin jedenfalls erst mal in Zürich hängen geblieben und zwei Wochen nach der ersten Party mit der Afterhour-Orgie hat eine Frau behauptet, dass sie von einem von uns beiden schwanger wäre.
Debug: Passt ja prima zum LP-Titel “Children of love”?
Samim: Nee – Am Ende kam raus, dass es doch keiner von uns gewesen sein konnte … Beim Album geht es vor allem um Liebe für die House-Musik der letzten 15, 20 oder meinetwegen 30 Jahre. Der Titel ist jedenfalls ernst gemeint: Heute gibt es jede Menge 25-jähriger Minimal-Produzenten, denen man sagen muss: ‘Netter Track, gab´s aber vor 15 Jahren schon mal.’ Die haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht, dabei gibt es so viel Fantastisches zu entdecken.
Haze: Das Album ist aber eher passiert, es gab keinen Masterplan für den Weg durch die Tanzmusikgeschichte. “Children of love” ist ein positives Album. Ausdrücklich. Die Leute sind ja heute eher verängstigt, die stehen alle auf beängstigenden Sound …

Unübersichtliche Zeiten
Während der Himmel weiter seine Borderline-Nummer abzieht, wird über die Unbillen des aktuellen Musikmarktes raisoniert, eine fertige LP ihres Bearback-Projekts, mit dem sich Samim und Haze weiter in Richtung HipHop und Funk bewegen, liegt seit Monaten auf Eis.
Haze: Das Bearback-Album ist wegen typischem Plattenindustrie-Stress noch nicht draußen, allerdings interessiert sich jetzt DefJam, was natürlich phantastisch ist. Im HipHop bewegt sich gerade generell etwas, nachdem sich das Genre lange verschlossen hatte: Jetzt ist plötzlich der Missing Link zwischen HipHop und House gefragt, nachdem sich das in den 80ern getrennt hatte.
Debug: Was ja auch erst mal eine historisierende Angelegenheit wäre?
Haze: Mal ehrlich: The time of now sucks! Ich muss 100 Platten durchhören, um eine zu kaufen. Nachdem Minimal zum Genre ernannt wurde, fehlt frischer Kram. OK: Unsere Sachen sind auch nicht bahnbrechend neu, aber wenigstens frisch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.