Der Japaner Fumiya Tanaka taucht aus der Matrix Tokios direkt in die Produktionsmittel hinein und kurbelt an den Unterfacetten von Drive, bis Techno-Techno jede Verbindung zu 9-11 gekappt hat. Ein Medium und sein kommunikationsverweigernder Prezisionslärm.
Text: aljoscha weskott aus De:Bug 57

Das entkoppelte Selbst

James Dean hat sich auf seinem Motorrad selbst erfunden. Und auch wenn Tanaka die in vielen japanischen Subkultur-Strömungen wichtige Figur des getriebenen Rockers aufnimmt, träumt er doch davon, von Maschinen und Tänzern gesteuert zu sein.

Haben die Ereignisse des 11. September Einfluss auf deine Musik, sind sie hörbar zu machen? – “Nein.” – Tanaka legt allergrößten Wert darauf, dass seine Musik als immanenter Prozess behandelt wird. Kein äußerer Bezugspunkt darf angepeilt werden. Der folgende Track baut sich aus dem vorangegangenen auf. Die Stücke auf “Unknown Possibility #2” heißen alle Drive, da dieses Wort die selbstbezügliche Bewegung noch einigermaßen gut beschreibt. Natürlich liegen hier Produktion und Tautologie nahe beieinander. Aber dieses Konstruieren des neuen Ereignisses aus dem Gerade-Passierten ist auf dem Album und im Set gar nicht so wichtig. Es wird eine Geschichte erzählt. Die beginnt im avantgardistischen Nirgendwo aus Rauschen und einigen Toms. Und dann gibt es da noch eine Welt reiner Urbanität. Sorgfältig wird aus dem Nirgendwo und dem konkreten Ort eine 60 oder 180 Minuten-Abfahrt gebaut.
Nicht Tokio drückt Tanakas versetzten Technoebenen einen düster-paranoiden Stempel auf: Es sind die Produktionsmittel selbst, die in sich so beschaffen sind, um jene Atmosphären zu erzeugen, die nach Tanaka eine urbane Situation konstituieren können. An etwas ankoppeln, einem Gegenstand, und diesen modulieren, bis zersetzende Paranoia-Serien entfacht werden, die kein Widerspiegelungsgeflüster der Stadt mehr sind. Von diesem Etwas gibt es kein Bild, kein Wort, es muss allein über den Flow von Techno konstruiert werden. Daher verwehren sich Tanakas entkoppelte Maschinen den besonderen Eindrücken dieses einen Ortes. Nicht dem einen spezifischen Ort wird ein vibrierender Untergrund zugestanden, sondern seinen unendlichen Schaltkreisen. Und lieber wird das schon gekannte Bild flackernder, hochtechnisierter Urbanität eingesetzt, um zu schauen, wie es zerfällt, nichtig geworden ist, um schließlich doch Tokio – zwischen nirgendwo und letzter U-Bahn – eine akustische Signatur zu verpassen: Tokio, Sans Soleil? Denn allen Versuchen Chris Markers zum Trotz zu filmen, als ob sich filmen ließe, ist das akustische Bild der Stadt zugleich das geile Aktuelle, die es der “In Order To Drive”–Maxime Tanakas erlaubt, in die Matrix Tokios einzugreifen, gar hinabzusteigen. Das ist ein dunkles Vorhaben bisweilen. Aber genau darin bestehen “Unknown Possibilities”. Und Tanaka wirkt wie ein übriggebliebenes Subjektteilchen, das die kleinen sonderbaren Dinge des Urbanen in elektronische Serien zu verwandeln weiß, ohne in eine akustische Nostalgie auf die vergänglichen Bilder einer Stadt zu verfallen. Daher sind Zusammentreffen mit Menschen auch eher flüchtige, nichtssagende Momente. Vielleicht bedarf es auch deswegen eines Mitarbeiterstabs, der dem entkoppelten Technovirtuosen eine Art Tiefenorientierung verschafft.

URSPRUNG NOISE
Worte sind eben total daneben. Dass Drive #1, #2, #3 auf dem Album in einer anderen Reihenfolge angeordnet sind, verweist auf diesen nichtbeschreibbaren Prozess. Tanakas Sound ist knarzig und unkommunikativ. Kaum ist die Musik auf einen eingrenzbaren Raum zu beziehen. Früher hat Tanaka harten Techno aufgenommen und als einer der wenigen sein ganz eigenes Konzept daraus entwickelt. Jeff Mills was only the beginning. Noise ist nicht das Ereignis in der Musik wie bei den Brightonern, sondern die Grundverfassung. Tanaka ist der Avantgardistischste der großen Rocker. Alles entwickelt sich aus Noise. Auch die Dolmetscherin muss passen. Der freundlich-verbindliche Anknüpfungspunkt wird nicht geliefert. Auf “Unknown Possibility Part 2” sind kaum emotionale Qualitäten auszumachen. Die Musik ist hart, Lärm, nicht Lautstärke und trotzdem voller Präzision. Gegen Tanakas Strenge wirken Pascal F.E.O.S. und Carl Cox wie ein Humanistenzirkel. Diese Konsistenz hört beim Albumcover nicht auf. Eigentlich sollte das Cover eine unebene Oberfläche haben, die ein Muster oder einen Rhythmus schon erfühlen lässt, die winzigen Photos sollten sich diesem Rhythmus unterordnen und manchmal den Groove stottern lassen oder für Beschleunigung sorgen. “Es sollte weder wie ein Photo noch wie Design aussehen. Ich wollte ein Material mit einer haptischen Textur verwenden, so dass Material und Abbildung ununterscheidbar werden.” Und doch gibt es einen vertikalen Riss, der sich durch das gesamte Bild zieht. Völliges Vertrauen in den Groove ist doch nicht möglich. Der kommt aus Rauschen und wird aus diesem Rauschen erst mühsam ausgebaut. Aber dann ist alles möglich: “Nein, es ist eine Bewegung. Das Folgende ergibt sich aus dem Hervorgegangen. Bei den gelungensten Sets wählt die Crowd die Schallplatten aus, nicht ich. Meine Intention spielt dann überhaupt keine Rolle. Was die Crowd will, geht direkt durch mich durch.”

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Elektronische Lebensaspekte.