So wie Jazz, nur anders
Text: Eike Kühl aus De:Bug 170

05_function1

Knapp zwanzig Jahre hat Dave Sumner gebraucht, um seine Technoentwürfe in ein eigenes Album zu packen. Dafür hat er nach dem Ende von Sandwell District auf Ostgut Ton eine neue Heimat gefunden – und seinen Sound noch einmal ausgebaut.

Text: Eike Kühl

Dave Sumner ist müde. Dabei ist es erst Nachmittag und er noch gar nicht so lange wach. Gerade hat er am Telefon ein Interview gegeben und jetzt folgt schon das nächste. Eigentlich wollte er dazu ins Café um die Ecke gehen, doch Sumner bevorzugt nach einem Blick aus dem Fenster und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt dann doch sein Wohnzimmerstudio. “Dass ich zwei große Projekte in so kurzer Zeit habe, kam auch noch nie vor”, sagt der New Yorker, der seit fünf Jahren in Berlin wohnt und vor allem als Function bekannt ist. Nächtens brütet er gerade über einem Mix für die “Fabric”-Reihe, der unter dem Namen Sandwell District erscheinen wird, sein gemeinsames Projekt mit Karl O’Connor alias Regis und John Mendez, besser bekannt als Silent Servant. Ihr gleichnamiges Label beendete das Trio vor etwas mehr als einem Jahr überraschend auf dem Höhepunkt des Erfolges. Eine Entscheidung, die Sumner bis heute nicht bereut: “Das hat uns alle befreit”, sagt er auf seine nachdenkliche Weise, “es begann sporadisch und hat sich dann immer mehr zur Routine entwickelt, bis wir am Ende das Gefühl hatten, zwingend etwas abliefern zu müssen. Sobald die Dinge eine bestimmte Form annehmen, erwarten die Leute immer etwas. Aber so geht das nicht, für uns sind Spontaneität und ein gewisses Chaos wichtig. Und überhaupt wäre mein Album auf Sandwell District gar nicht möglich gewesen.” Womit wir beim zweiten angesprochenen Projekt wären, das Sumner gerade etwas den Schlaf raubt: sein Album. Das ist zwar inzwischen längst fertig, aber mit der ganzen Situation muss sich Sumner bei aller Erfahrung erst noch vertraut machen. Es ist schließlich nicht nur sein erstes Album als Function, sondern überhaupt sein erstes richtiges Soloalbum. Ein Debüt also im Alter von 39 Jahren – da ist klar, dass der Titel “Incubation” auch irgendwie Programm ist, das Destillat einer fast zwanzigjährigen Karriere quasi, die 1990 in New York begann, als Sumner zum ersten Mal das legendäre Limelight betrat. Der Zeitpunkt war gut gewählt, schließlich emanzipierte sich Techno gerade von Detroit und kehrte in die New Yorker Clubs ein. Der junge Function war vorne mit dabei. Zunächst als DJ, ab Mitte der Neunziger auch als Produzent auf Damon Wilds Label Soundwave, wo er klare, bleepende Technotracks veröffentlichte, die erstaunlich gut gealtert sind. Ganz anders als die New Yorker Technoszene, die von den Behörden und der Gentrifizierung nach und nach aufgelöst wurde, weshalb Sumner sich in Richtung Europa orientierte. In Birmingham fand er mit Karl O’Connor einen neuen Partner, der eine ähnliche Auffassung von Techno hatte: Präzise musste es sein, treibend und energetisch. Funktional eben. Mit der Gründung von Sandwell District und dem anschließenden Umzug nach Berlin begann schließlich die vielleicht erfolgreichste Phase in Sumners Karriere.

Befreien vom Prozess
Dass es trotzdem noch ein paar Jahre dauerte, bis das Album im Kasten war, lag nicht etwa am sumpfigen Berliner Nachtleben, sondern schlicht am Timing. Zum einen sollte es mit etwas Abstand zu der LP erscheinen, die Sumner 2010 mit seinen Kollegen als Sandwell District aufnahm. Zum anderen merkte er, dass der Erfolg als DJ in Europa bis dato unbekannte Probleme mit sich brachte: “Es ist ja eine schwierige Sache mit der DJ-Kultur, die mir erst kürzlich wirklich bewusst wurde. Bands haben den Luxus, ihre Zeit zwischen Tour und Studio klar einzuteilen und jeder akzeptiert, wenn sie ein paar Monate lang nicht auftreten. Die Produzenten von elektronischer Musik können sich das nicht leisten. Die müssen immer auf dem neusten Stand sein und ständig Bookings annehmen. Das macht es nicht leichter. Bis man nach einem Wochenende wieder in der Spur ist, ist es Dienstag und am Freitag geht es schon wieder weiter. Wir sind wie Jazz Musiker, die auch immer am Touren waren und nebenbei in kurzen Sessions dann die Platten aufnahmen”, fasst Sumner seinen Alltag zwischen Studio und Club zusammen. In einer dieser kurzen Sessions ist dann auch der Großteil des Albums entstanden. Im Januar vergangenen Jahres hat Sumner zwei Wochen intensiv daran gearbeitet, nur um es anschließend einige Monate wieder beiseite zu legen. “Der Abstand war nötig”, erklärt er, “denn es ist leicht, sich im Prozess zu verlieren. Dank der Technik kann man heute an dutzenden Tracks gleichzeitig arbeiten. Das ist zwar toll, aber man verliert schnell das Ziel aus den Augen.” Erst im Sommer machte er sich wieder ans Werk, feilte die bestehenden Skizzen noch einmal behutsam aus und fügte die letzten Tracks hinzu. Und er merkte, dass in diesem Prozess ein Album entstand, das weniger ein Best-of als vielmehr eine Momentaufnahme ist. Zwar hört man den auch für Sandwell District stellvertretenden Technoentwurf durch, bei dem der Futurismus mit peitschender Percussion und einem stets klaustrophobischen Grollen auf den Boden des Clubs zurückgeholt wird. Aber eben nicht nur. Denn “Incubation” löst sich immer wieder von diesem Dancefloordiktat und lässt ganze andere, überraschende Referenzmuster anklingen.

Ambient, Krautrock und Milli Vanilli
“Auf eine bizarre Art und Weise ist es ein Ambient-Album, also von der Atmosphäre her. Ich wollte dieses Element unbedingt aufgreifen, ohne in dieses Klischee von beatlosen Tracks mit Drones und Streichern zu geraten”,sagt Sumner. Diese Absicht hört man in Tracks wie “Voiceprint” und “Inter”, die mühelos zwischen Ambient- und Technoreferenzen pendeln oder bei “Counterpoint”,dessen pulsierende Synthesizer-Akkorde eher an Manuel Göttschings Klassiker “E2-E4” erinnern als an eine verschwitzte Nacht im Berghain. Darauf angesprochen, hellt sich Sumners Miene auf und ein Lächeln huscht über die angegrauten Bartstoppeln: “Ich sehe das als Kompliment, denn ‘E2-E4’ ist eines meiner Lieblingsalben, die ultimative minimalistische Technoplatte! Ich habe im vergangenen Jahr tatsächlich viel Ash Ra Tempel und Krautrock gehört,und wenn man diesen Einfluss auf dem Album heraushören kann, habe ich meine Arbeit richtig gemacht.” Den letzten Schliff bekam “Incubation” schließlich vom Ostgut-Label-Kollegen Tobias Freund, der sich um das abschließende Abmischen kümmerte. Ein echter Wunschkandidat, sagt Sumner, auch wenn es nicht leicht war, nach Jahren des Selbermachens einen wichtigen Teil der Arbeit in die Hände Dritter abzugeben. Aber wie auch die Musik, sei eben auch die Selbstreflexion des Künstlers über die Jahre gewachsen, erklärt er: “Ich habe über die Jahre gemerkt, dass Soundqualität meine Schwachstelle ist. Ich bin Perfektionist und ich muss inzwischen einfach zugeben, dass ich nicht die nötigen Skills besitze, um aus meinen Tracks den bestmöglichen Klang rauszuholen. Ich kenne Tobias schon seit einer ganzen Weile und weiß um seine Erfahrung. Da fällt mir eine Geschichte ein: Vor einigen Jahren saß ich betrunken mit Karl in einem Hotelzimmer und ich sagte zu ihm: Ich bin nicht zufrieden, bevor nicht der Typ, der Milli Vanillis ‘Girl You Know It’s True‘ gemacht hat, meine Platte abmischt!“

Function, Incubation, ist auf Ostgut Ton/Kompakt erschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.