Die Hiphopper 5 Sterne Deluxe ziehen sich nach Flensburg zurück, um in aller Ruhe mit Disco-Veteran Supermax und Bikinimädchen ihre Vorstellung von 'geil statt cool' im Hip Hop zu pflegen. Danach kann man ganz abstrakt neben Scooter auf dem Kölner Ringfes
Text: Joachim Landesvatter aus De:Bug 41

Musik aus dem Waldhaus bei Flensburg
5 Sterne Deluxe

Im Booklet der neuen 5 Sterne Deluxe -CD “Neo.Now” sieht man das Hamburger HipHop-Quartett, bestehend aus Tobi, Bo, Marcnesium und Dj Coolman, in einem nebelverhangenen Wald allerlei Schabernack treiben. Was so aussieht wie der Blair Witch-Drehort war das Deluxe-Refugium zur Produktion der neuen Platte. Zwei Jahre nach der letzten LP “Sillium” war es an der Zeit, “das alte 5 Sterne-Gefühl wieder aufleben zu lassen”, wie Tobi erklärt, “deswegen haben wir uns für drei Monate nach Flensburg verzogen, in so ein einsames Waldhaus, dort unser ganzes Equipment aufgebaut und haben da zusammen gelebt. Das war so eine Art WG. Wir waren in der Woche da und sind am Wochenende nach Hause gefahren.” Analoge Synthies, Sampler, MPCs und Turntables türmten sich in der Hütte. Auch auf der von Tobi produzierten Ferris MC-Ep “Asimetrie” kam für HipHop-Verhältnisse schon relativ viel Elektronik zum Einsatz.

Einflüsse
“Das ist auch so eine Entwicklung. Marcnesium und ich können uns für elektronische Musik begeistern. Ich lege auch House und Techno auf in meinem eigenen Club, den ich mit einem Kumpel einmal im Monat mache. Und wir machen da immer so einen Querschnitt von HipHop bis House, Techno und BigBeat. Alles was geil ist. Das ist auch ein Einfluss, den ich als wichtig sehe. HipHop kann nicht aus sich selber entstehen. HipHop hat immer aus anderen Musikrichtungen gelebt und HipHop ist im Prinzip ein Konglomerat aus allem. Was gut ist, weil ich alle Einflüsse geltend machen kann, die ich geil finde, also auch mal elektronische Sounds. Bo hört eher viel Soul und Funk und findet elektronische Sachen nur teilweise gut. Coolman hat das Projekt “Visit Venus” gehabt. Jeder hat einen anderen Anspruch an die Musik, deswegen ist es auch immer das Interessante, wenn wir uns treffen. Dann zieht jeder in eine andere Richtung und es wird alles vieldimensional.” Heraus kommen dabei tighte Tracks, in denen die Raps von Tobi und Bo mit der Musik zu verschmelzen scheinen. “Ich sehe das als Einheit. Ich finde es zwar interessant, Sachen zu hören, die auf den Beat draufgerappt sind, für mich ist die Stimme aber auch ein Instrument. Ich mag´s am liebsten, wenn sich alles harmonisch zusammenfügt und wenn man einen tighten Flow hat. Dann funktioniert das auch ziemlich gut.”

Position
“HipHop ist nun mal Competition”, rappt Samy Deluxe auf der Dynamite Deluxe-Lp. Das sieht Tobi nicht unbedingt so. Vielleicht stehen die 5 Sterne deswegen am Rand der HipHop-Szene in Deutschland und sind eher Außenseiter, die nicht von ihrem Spaßmacher-Image wegkommen. Damit hat Tobi kein Problem. “Wir machen uns eher frei von Zwängen, die einem HipHop manchmal auferlegt. Ich höre sehr viele Sachen aus Deutschland, die sind gut gemacht, gut gerappt und geile Beats, aber es kommt immer die gleiche Attitude rüber. Das ist im Prinzip nur die Bestätigung von dem, was schon da ist. Hauptsache ich rappe genauso gut wie der und der, dann reicht das. Das ist kein Sport, wie gut man rappen kann. Wir wollen Songs machen, die die Leute bewegen, wir wollen Emotionen bei den Leuten hervorrufen. Deswegen ist die Außenseiterrolle vielleicht nicht gewollt, aber sie entsteht einfach, weil wir eben auch bereit sind, solche Sachen wie elektronische Sounds mit einfließen zu lassen. Oder ein Lied wie ‘Auf der Yacht nach Dr. Hossa’ zu machen. Oder Leute wie Supermax am Start zu haben. Das würden andere nicht machen, weil sie Angst hätten, die Leute würden sagen, ‘das ist kein HipHop.’ HipHop ist Freiheit, du kannst machen, was du willst, dafür ist HipHop da. Wir wollen lieber stylen und beweisen, dass wir geil sind, als uns irgendwo eine Bestätigung abzuholen, dass wir cool sind.” Trotzdem profitieren 5 Sterne natürlich vom gegenwärtigen HipHop-Hoch, als Carhartt-Werbeträger, mit 90 000 verkauften “Ja, ja ….deine Mudder”-Maxis oder durch Bo solo als Chartbreaker mit “türlich, türlich” und mit begleitendem Frauen-in-Bikinis-Video. Während der Popkomm traten 5 Sterne Deluxe beim Kölner Ringfest auf, das durch Bravobesetzung glänzte. Tobi hat dafür eine Erklärung: “Ich finde, so was ist immer ganz lustig, weil das immer eine Grenzwerterfahrung ist. Wenn man immer nur da bleibt, wo man sich zu Hause fühlt, dann wird das ja auch langweilig. Wohingegen so ein Konzert zwischen Scooter und ATC schon eine Herausforderung ist meines Erachtens. Das sollte man einmal ausprobiert haben. Das war natürlich herrlich abstrakt.” 5 Sterne Deluxe pflegen ihren ganz eigenen Humor, von dem auch der Track “Stop talking bull” mit dem 70er Jahre Disco-Held Supermax zeugt oder das Helge Schneider-artige Kurz-Hörspiel “Auf der Yacht nach Dr. Hossa”. Tobi beteuert: “Wir versuchen nicht auf Krampf was zu machen, was viele Leute haben wollen. Das will ich auch nicht, vielleicht wäre ich auch zu doof dazu.” Er stapelt etwas tief, natürlich verstehen die 5 Sterne die HipHop-PR-Mechanismen ziemlich gut. Dass sie beim Produzieren keine Kompromisse eingehen müssen, kann man ihren Platten durchaus anhören. “Die Leude wollen, dass Bass massiert.” Und das ist gut so.

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Elektronische Lebensaspekte.