Von der Boomtown im regnerischen Norden, Glasgow, in die Boomtown des sonnigen Südens, Barcelona, hat es jetzt auch Lars Sandberg gezogen. Mit Familie und G4 erholt er sich vom Business-verseuchten UK und veröffentlicht als Funk D'Void sein neues Album "Volume Freak".
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 80

Mit Acid Dad auf den Ramblas
Funk D’Void

“Oldschool, I like Oldschool”, sagt mir Lars Sandberg aka Funk D’Void und lacht los, dass ihm fast die Schokolade aus dem Mund fällt. Nein, er meinte nicht seine Musik (vielleicht auch), sondern mein G3 iBook, das ich als Dictaphon benutze. Lars selber benutzt einen G4, der schon viel zu langsam ist. Kontern: “Es war ganz schön hart, deine CD zu hören.” “I’m sorry, man.” “Ich meine den Kopierschutz, da braucht es noch ältere Macs, damit sie den überhören.” “Sie haben die Technologie dazu, das ist schon unglaublich. Sieh dir das an: Copycontrol, tatsächlich. Die machen richtige Schafe aus uns, den Konsumenten. Das wird immer schlimmer. Ich bin froh, dass ich ein altes Logic habe. Ich stehe auf die gesamte technologische Revolution, aber die Oldschoolsensibilität mit diversen alten Kisten habe ich mir glücklicherweise trotzdem bewahrt. Ich war ja mal Musiker. Ich bin keine Drag-and-Click-Person.”

Lars kommt aus Glasgow, daher der Dialekt, den Namen hat er von schwedischen Vorfahren. Seine Mutter war Pianistin, sein Vater Bassist. Er ging mit 14 in die Disco und wusste, was er wollte: die Macht, die der DJ hat. Mit 16 war er DJ. Dann Plattenverkäufer im Konkurrenzladen der Somaleute, was ihm das Ohr für Jazz geöffnet hat, dann kam die Zeit als Producer und seit über drei Jahren ist er einer der Auswanderer nach Barcelona. Ein Experiment, in dem er sich lange mit Dave Tarrida eine Wohnung geteilt hat. Nigel Richards und Cristian Vogel sind auch da. Alle haben eine Residency im Nitsa. Jetzt ist er verheiratet, hat ein Kind und eine eigene Wohnung gekauft (“Eine Familie mit dem besten Freund zusammen, das geht nicht, Dave musste gehn”), nachdem er eine Bank gefunden hat, die schottischen DJs Geld leiht ohne nachzufragen. Geld für einen neuen Rechner blieb da nicht über (“Ich muss ja auch noch eine Familie durchfüttern!”).

Vielleicht ist Soma, sein Label, dafür verantwortlich, dass selbst der letzte Raver in England irgendwie noch weiß, was Detroit heißt. Relativ stilsicher releasen sie seit 10 Jahren wie sonst kaum ein UK Label Platten, die den schmalen Grad zwischen hart umkämpfter englischer Clubmusikindustrie und hymnischer Größe immer wieder mal hinbekommen wie kein zweites. Und Funk D’Void landet damit mitten zwischen 430 West und der großen Ibizaravetrancedrogenmaschine. Davon muss man sich erst mal freischaufeln, auch von Barcelona aus.
“Ich mag es, unter Funk D’Void und für Soma zu produzieren, aber ich hätte auch gerne Zeit, um z.B. mit Dave Musik zu machen, oder auch mit neuen Producern hier in Barcelona, wie z.B. die Leute von Factor City. Die drei Alben, die ich jetzt gemacht habe, sind doch alle etwas ähnlich. Detroit, techy. Ich will auch mal etwas anderes machen, klar, ich will ja den Rest meines Lebens Producer bleiben. DJ ist etwas anderes, das ist mehr Spaß, mehr Zuckerguss. Und es bezahlt die Rechnungen. ich komme mir zwar als DJ immer so vor wie Martin Sheen, überall Striemen und mein einer Arm ist viel zu lang, aber man lernt so auch viel mehr Leute und Producer kennen, die mit einem auf der gleichen Wellenlänge sind. Ich interessiere mich längst wieder mehr für diesen Austausch von Ideen. Eine Zeitlang war Musik in England sehr stark Business-beeinflusst. Fuckingsashaoakeyfuckingtongy und all der Bullshit. Ich erinnere mich noch an dieses Mixmag Cover mit der nackten Frau bedeckt mit Pillen, das aussah wie American Beauty: “Drug Britain: 10 new Drugs you should try!” In einem verdammten Musikmagazin. Es ist traurig, dass das meine Heimat ist.”

Dabei geht es bei Funk D’Void eigentlich, selbst wenn man dazu die Arme in die Luft heben kann, ohne sich Sorgen zu machen, dass man das 7 Pfund Bier verschüttet, weil man eh nur viel Wasser trinken darf, um nicht zu vertrocknen, um Soul, Funk, Detroit. Immer, egal wie digital es wird. “Ich bin so eine Layerperson. Manchmal mache ich viel zuviel übereinander. Auf CD klingt das vielleicht noch, aber auf Vinyl!” Und er ist jemand, der Hits machen kann, die auch Jahre später noch halten, selbst unter den erschwerten Bedingungen des englischen Musikbusiness, das grade ein Jahr der Flurbereinigung (“The Pretenders”) hinter sich hat, von dem auch Lars noch ganz beeindruckt ist, denn Umschwungzeiten sind immer unsicher. Und das mit Familie …

Für “Emotional Content”, die 12″ vom Album, ist ein Italohouseproducer als Autor gelistet. Lars hatte ein Sample aus einem käsigen Italopianopella von 89 genommen. Er dachte, er käme davon. Die Promo kam raus, Pete Tong spielte sie jede Woche und jener Secci (best friends mit Pete Tong), mittlerweile nach Miami emeritiert, hörte es im Internetradio, ließ die Anwälte rotieren und gab sich nicht mal mit einem Samplecredit zufrieden. In der Version, die jetzt rauskam, ist nicht mal mehr das Piano drin. “Ich hätte sie am liebsten ‘Mozarella Free Mix’ genannt.” Und warum ist Secci immer noch der Producer? “Tja warum? Ich hab’s ihm doch gesagt, nachdem er mich erwischt hat? Sven Väth hatte die Originalversion schon auf seiner Mixcompilation. Da ging nichts mehr. Ein anderes Sample aus einer Fernsehshow über Pimps hat uns 1500 Pfund gekostet. Nur das bisschen Stimme. Das nächste Album wird keine Samples haben. Keine Loops. Nada. Nur eigene Ideen. Oh je. Wann hatte ich das letzte Mal eine eigene Idee? Deswegen mag ich doch Remixe auch so gerne. Vielleicht werde ich ja so wie Cristian Vogel einfach Producer für spanische Rockbands und portugiesische Ballette. Aber noch gefällt es mir. Außerdem hab ich grade ein neues Studio. Ich werde nicht so wie Larry Heard, der wieder zurück zum Computersoftwareprogrammieren gehen will. Schnarch. Ich hab ja eh nichts, wohin ich zurückgehen könnte. Im schottischen Quilt auf die Ramblas, mit einer MPC? Bin Technoproducer, bitte seid generös!”

Wohin soll es gehn? Weit nach draußen. Lars liebt Perlon, Kompakt, klar, aber Tim Wrights Pluginpushups oder Vogels Programmierwahnsinn interessiert ihn mehr. Kein Takt wie der nächste. Als DJ ist die Platte der anderen immer auch interessanter, aber was für ihn als nächstes kommt, ist ein “Clean Slate”. Von vorne anfangen. Aber wo genau ist vorne? “‘Volume Freak’ war so eine Art, das aus meinem System rauszubekommen, aber ob ich dann das nächste mal nicht wieder auf diese Chords reinfalle? Wer weiß. Ich bin ja ein Acidhouseguy. Möglicherweise heißt mein nächstes Album dann ‘Acid Dad’. Einen Sohn zu haben, hat mich aber sehr verändert.”

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Elektronische Lebensaspekte.