Die Straße runterlaufen und summen, statt der Coolste zu sein. Ein Kanadier in Berlin bekennt sich: zum Funk, zur Ernsthaftigkeit, zu Fats Domino.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 102

“Dominic ist ein sehr talentierter Schüler”, schrieb die Musiklehrerin in das Grundschulzeugnis. “Aber er sollte verstehen, dass er nicht alles weiß.” Doch wer will es Dominic Salole, Mocky also, verübeln, dass er sich schon damals für allwissend hielt. Nannte ihn doch eine Montrealer Regionalzeitung im zarten Alter von sechzehn Jahren den Wunderjungen. So jung, dass er heimlich in jene Jazzclubs schleichen musste, in denen er mit Bands aufspielte. Dieser knabenhafte Drummer schlug seine Seele aus dem Schlagzeug und damit den Funk direkt in die Fresse der Zuhörer. “Ich wusste früh, wie ich die Leute zum Tanzen bringe”, sagt Mocky heute, längst in Berlin salonfähig geworden. Jeder weiß freilich, dass Mocky seit seinem zart-fröhlichen Debüt vor fünf Jahren nicht nur tanzen, sondern hüpfen lässt. Die schönste Sonntags-Ballade für Kaugummikauer, “Sweet Music“, brachte ihn aus dem Gomma-Schatten zu Fourmusic. Schnell war Mocky nicht mehr nur der Kumpel von Peaches und Gonzales, mit denen er einst in Kanada die nebulöse Band “The Shit” betrieben hatte und denen er nach Europa gefolgt war. Er wurde der tabulose Entertainment-Garant. Die Maske der Hemmungslosigkeit, aber auch der feinen Ironie. Sprang im Kostüm über die Bühne und was unter seinen Vocals klickte und witzte, das war ein hochwertiges Extrakt aus HipHop, Blues, Dreck und Milchschaum. Nun “Navy Brown Blues”. Der Name allein weist auf den vorläufigen Höhepunkt der Mocky-Neologismen hin, dazu klingt Mocky noch mehr nach Mocky, weil er dem Funk in ihm keine Grenzen mehr setzt. “Navy Brown Blues” ist eine einzige Session. Der engste Vertraute Jamie Lidell darf falsetten, Taylor Savvy schaut kurz vorbei, klar, Landsfrau Feist haucht dazwischen, eine einzige Verneinung von Zwanghaftigkeit. “Navy Brown Blues” dudelt und bricht so vor sich hin, fast vergessen zwischendurch, dann wieder tränenrührig präsent. Man hört, Prince beackere dieser Tage Neuzeit-Soul. Hat er vielleicht Mocky gemeint?

Der trommelt auf seinen Schenkeln herum. Er ist dabei, nachzuahmen, wie er einst jammte, mit Studienkollege Gonzales, nächtelang. Wummbummwummbummbumm. Zeit, zu reden.

Was ist Funk, Mocky?

Die unmittelbare Umsetzung von Energie. Ztschak! Das ist Funk. Mein Zeug allerdings ist kein klassischer Funk. Der funktioniert nur ohne Störgeräusche. Keine Vocals, keine Zusatzelemente. Meine Musik hat das aber. Funk ist ein Teil meines Sounds. Und der sorgt für Bewegung. Tschingtsching.

Trotzdem. Auf dem Cover des Vorgängers “Are + Be“ posiertest du mit Laptop. Jetzt wird es wieder schamlos instrumental.

Ich war Instrumenten schon immer näher als Computern. Als ich Kanada verließ und mit Mocky anfing, da wurden Samples und das Mikrofon mein Instrument. Ich wurde zum Songwriter. Ich wurde penibel, auch wenn es oft verspielt klingt. Ich mache nicht die fettesten Sounds, man spielt mich nicht im hippsten Club, ich bin nicht der Coolste, aber dank meiner Musik läuft man die Straße entlang und summt. Sweet Music, Mickey Mouse Motherfuck-ahhhahhh, bing, bing.

Wie ernst gemeint ist Mocky?

Ich bin ein zutiefst ehrlicher Musiker. Das ist mein Leben. Meine Helden sind Duke Ellington, Stevie Wonder oder Fats Domino. Ich komme an die nicht ran, aber ich suche Heart und Soul. Ironie ist dabei eine Waffe. Aber in jedem Song von mir steckt etwas Trauriges. Ich sage lustige Sachen, aber dann kommt dieses Keyboard. Jede Note hat ihren Grund.

Stopp. Zerstört nicht Berechnung den Funk?

Dieses Album ist nur ein Zwischenschritt. Ich will hin zur puren Live-Performance. Dann ist Musik am stärksten. Dann entwirfst du eine eigene Welt. Whoam.

Mocky musste sich erst als Figur ertoben, mit den pressetauglichen Konzerten vor Affengehegen, mit dem Übermut, der eher Trotz war, weil die Labels ihn ignorierten. Es war hart. Jetzt holt er Gospelsängerinnen ins Kreuzberger Hinterhofstudio und geht mit einer großen Individualisten-Band auf Tour. Einige produzierte Songs waren schon zu weit. Mocky hat sie sich für Kommendes aufbehalten. Er will ja niemanden überfordern. Und er hat Zeit: Funk kennt keine Termine. Mag sein, dass Dominic Salole nicht alles weiß. Aber er kann alles.

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Elektronische Lebensaspekte.