Clips und Visuals freunden sich im Medium Musik-DVD immer stärker an. Wie gut das aussehen kann und mit was sich das Medium sonst noch so alles verkuppeln lassen kann, zeigt das neue Isolated Projekt von Funkstörung: DVD, Buch und Album in einem.
Text: Silke Schnellhardt aus De:Bug 87

Funkstörungs Isolated Paket
Visuals und Clips verbunden

Heutzutage stößt man weit und breit auf Kooperationen. Künstler arbeiten mit DJs und Musiker mit Designern. So auch Funkstörung: Die haben sich gerade den Gestalten Verlag mit ins Boot geholt, um zu ihrem jüngst veröffentlichten Album noch ein Bilderbuch und eine DVD mit dafür maßgeschneiderten Clips herauszugeben. Angefangen hat das Ganze eigentlich mit der Covergestaltung ihres “Disconnected”-Albums, für die sie einen Wettberweb ausgeschrieben haben. Der brachte ihnen 1300 qualitätsvolle Einsendungen auf den Tisch – und damit den Anlass für das Buchprojekt, da die Ergebnisse nicht einfach in der Schublade vergammeln sollten. Um das Ganze abzurunden startete Funkstörung noch einen zweiten Aufruf, diesmal für Videoproduktionen zum Album und heraus kam das DVD/Buch-Projekt “Isolated. Funkstörung Tripple Media”. Viele namenhafte internationale Künstler finden sich auf der DVD. Darunter Pleix (Paris), Francois Chalet (Zürich), MK12 (Kansas City) und die Pfadfinderei (Berlin).
Man findet Handgezeichnetes, Hightech Grafik, Realfilm und auch LoFi. Michael Fakesch erklärt mir am Telefon ein Hauptkriterium: “Im Hinblick auf Bild und Musik war uns eine gewisse Synchronität wichtig. Ich finde es nicht spannend, wenn die Bilder einfach so laufen und du könntest irgendeine Musik darüberlegen.” Die Videoclips kommen aus zwei unterschiedlichen Lagern. Die einen sind im traditionellen Musikvideo verwurzelt, die anderen stark vom VJing inspiriert. Demontages Video zu “Mr. Important” repräsentiert die traditionelle Richtung. Es wurde ein gleichnamiges Brettspiel – eine Mischung aus Monopoli und Risiko – und die Situation eines Familienspiels, die im Desaster endet, in Realbildern gefilmt. Francois Chalets Clip zu “Chopping Heads” kommt eher aus dem Clubbereich. Seine Characters beispielsweise tauchen in den Videoclips genauso wie in den Clubvisuals auf. Die Wiederholungen und collagierte Verwendung von Bildschnipseln im Clip zu “Basic P.P.O. Blues” von Thomas Andritschkeer fordern nicht dieselbe Aufmerksamkeit, wie für ein narratives Musikvideo und verzeihen auch längere Phasen von Unkonzentriertheit. Natürlich gehen die durch das VJing beeinflussten Videos über das bloße Festhalten von Clubvisuals hinaus, bei einer DVD gibt es ja die Möglichkeit viel komplexere Visualisierungen zu entwerfen. Die DVD bietet also eine Plattform, auf der sowohl das traditionelle Musikvideo als auch die Kreationen des VJs in komprimierter Form Platz finden, die man zu jeder Zeit nochmal genießen kann. Und wenn sie dann noch durch ein Buch mit derart ansprechenden Bildern angereichert wird, kommt man nicht drum herum, sich diese mediale Mixtur sich Haus zu holen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Nach zahlreichen Remixen schicken sich Funkstörung mit ihrem erste regulären Album 'Appetite For Disctruction' an, der Digitalfrickelei mögliche Roots und Nischen anhand von HipHop exemplarisch aufzuzeigen. Tief und dunkel, rocken die Rosenheimer die PlugIns. Bitte anschnallen.
Text: kerstin schäfer, kerstin@debug-digital.de aus De:Bug 35

/elektronika/bayern Gierig nach Feinheiten Funkstörung Nach dem vielbeachteten Release von ‘Additional Productions’, der Compilation ihrer hochgehandelten Remixarbeiten, standen Funkstörung viele Ohren und Türen offen. Das Remiximperium von Funkstörung und ihr eigenes Label ‘Musik aus Strom’ brachten frischen Wind in den musikalischen Ort, der als Intelligent Dance Music, kurz IDM, bezeichnet wird. Klassifizierungen sind natürlich unfein, aber im Fall Funkstörung waren sie schon hilfreich, zumindest wenn man die üblichen Analogien wie Autechre oder Aphex Twin scheut. Was dabei oft übersehen wurde und auf ihrem Album ‘Appetite For Disctruction’ transparent wird, ist die Faszination der beiden Rosenheimer für darke Grooves und grazile Melodien, deren Ursprünge im HipHop zu finden sind. Klar, wer einmal Funkstörung gehört hat, weiss das. Aber jetzt ist dieser Kontext durch MCs und Sängerinnen einfach so offensichtlich, dass man fast darüber stolpert. Bei ‘Additional Productions’ war noch eins auf den ersten Blick erkennbar: die Art, wie Funkstörung remixen. Das sprang ins Auge, also ins Ohr. Das war schon die totale Abstraktion und Übernahme des Ursprungtracks. Aber Anarchie war es dann trotzdem nicht. Eher klang es wie stundenlanges Legospielen mit Effekten. Die Vocals und Melodien flogen irgendwo darüber in Spiralen aus Kondenzwasser. Björk fand es jedenfalls super und alle anderen dann auch. Das war Rekonstruktion an der Basis und die Liebe zu zarten Melodien im Orbit. So wie Funkstörung spielt natürlich sonst keiner, aber darin liegt wahrscheinlich auch der Reiz, warum Menschen überhaupt Funkstörung mögen. Was ist jetzt anders? Funkstörung bekennen sich zur menschlichen Stimme. Deren Integration in ihren Sound, mit zerschredderten Beats und Störgeräuschen dazwischen, verändert alles. Man hört den Mensch, nicht nur den Rechner. Auch wenn alles nochmal durchs Effektgerät gejagt wurde. Eigentlich bräuchte man vier Ohren, um die Musik in ihrer Fülle aufnehmen zu können. Geht aber nicht. Was bei den früheren EPs wie ‘Funkentstört’ und ‘Sonderdienste’ (beide Compost) noch Breakbeatspuren trug und insgesamt harmoniebedürftiger wirkte, ist jetzt ins Unerkennbare verzerrt. Wie das kommt? Parken wir uns vorm Plattenspieler nebst Diktiergerät und lassen die Funkis selbst sprechen. De:Bug: Eure Remixe wirken sehr akribisch, exakt. Wollt ihr Musik für Mathematiker machen? Fakesch: Naja, es geht nur um den Spass. Es wäre einfach langweilig, wenn wir einen Track an einem Nachmittag fertig machen könnten. Da muss doch noch mehr gehen. Wir sind wie kleine Kinder, die von der Software und der Technik nicht genug kriegen können. Es ist nicht so, dass wir extrem perfektionistisch klingen wollen, um damit dann die Mathematiker anzuregen, das zu analysieren. Die sollen doch den gleichen Spass beim Hören haben wie wir beim Machen. Von einfach konstruierter Musik haben wir genug. Da muss dann noch eine Garnierung hin und da eine Feinheit. Wir sind einfach gierig. Je neuer die Software, umso besser sind auch die Möglichkeiten. De.Bug: Meint ihr, die Anzahl der Effekte ist noch ausbaubar? Irgendwann verschwinden doch die Feinheiten in der Masse und man hört sie nicht mehr. De Luca: Nein, die Anzahl der reinen Effekte ist wahrscheinlich nicht mehr steigerbar. Fakesch: Teilweise streikt unser Rechner auch schon (500 Mhz!!). Der will die ganzen Informationen nicht mehr aufnehmen. Vergleicht man die Additional Productions mit unserem neuen Album, hat sich die Detailarbeit und die Anzahl der Effekte mindestens verzehnfacht. Aber wir haben auch sehr viel in den Hintergrund verschoben. Man könnte denken, dass wir sogar ein bisschen minimaler geworden sind, aber Tatsache ist, dass wir komplexer geworden sind. Im Endeffekt geht es aber nicht um die Technik, sondern um die Musik. Es ist wichtig, dass die im Vordergrund steht. Dass du noch einen Song, eine Melodie oder einen bestimmten durchgehenden Groove hast. Es wäre für uns technisch kein Problem, einen extrem komplizierten Track zu machen – das macht der Rechner schon von alleine. Aber das ist ja dann keine Musik mehr. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, aus diesen komplexen Gebilden hinterher die Sachen rauszuziehen, die auch genau an die Stelle hingesetzt werden können, wo sie funktionieren ohne extrem zu stören. Natürlich haben wir da auch eine andere Auffassungsgabe als jemand, der nicht so in der Musik drin ist, der sagt: hört mir auf, ich ertrage das nicht. Vielleicht hat sich unsere Hemmschwelle aber auch schon extrem verschoben. De:Bug: Wie definiert ihr denn für euch Musik? Fakesch: Das wichtigste ist, dass der Groove passt, dass dich das einfach mitreisst. Und das kann auch genau so eine Melodie sein, die dich mitnimmt, einfängt und emotional berührt. Auch ein slower Beat oder der Klang einer Stimme sind wichtig. Aber wir haben da auch eine Reihenfolge: erst der Beat, dann der Groove, die Melodie, Stimme und Text. Diese Reihenfolge haben wir auch, wenn wir Musik hören. Auch dann sind wir Sezierer und Chirurgen. De:Bug: Je süsser die Melodie, desto extremer der Beat? Fakesch: Klar, aber für das Album gilt auch: Je humaner die Melodie, desto extremer der Beat, da wir mit MC und Sängerinnen gearbeitet haben. De:Bug: Ist das eine Abkehr von der reinen Digitalästhetik? Ein Bruch? Fakesch: Ein Bruch nicht, eher der nächste Schritt. Beim Björk-Remix haben wir gedacht, dass eine Stimme verdammt geil sein kann. So, als ob wir bis dato etwas verpasst hatten. Das Spannungsfeld wird grösser, es wird kontrastreicher. Auf dem nächsten Album wollen wir mit herkömmlichen Songstrukturen arbeiten. Das könnte ein Stilbruch werden, weil sich da noch niemand wirklich rangetraut hat. So richtig mit Strophe, Refrain… So einen Aufbau zu machen, genaue Radiolängen hinzubekommen. Das macht einfach Spass. De:Bug: Klingt nach Verarschung des Popprinzips…… Fakesch: Naja, vielleicht haben wir uns schon so weit freigestrampelt, dass wir unsere eigenen Regeln erfinden, in die wir uns dann einordnen. Verarschung? Ja, eigentlich schon. De:Bug: Seid ihr einen Schritt zurückgegangen, mit dem Einsatz der Stimme, mit den MCs? Fakesch: Ja, wir haben den Gesang aber eher vorausgenommen. Jeder hat seine Referenzen, bei uns ist es auch HipHop. Es geht ja immer wieder zurück, bis man bei Steinzeitmusik oder afrikanischen Trommeln landet. Sachen, die so klingen, wie alle anderen, langweilen uns. Deswegen samplen wir ja auch nicht. Aber wir werden auch mit Live-MC auf Tour gehen, das gabs ja bei dieser Art von Musik auch noch nicht. Die Verbindung von Hip Hop und Elektronik war so noch nie da. De:Bug: Vielen Dank für das Gespräch.

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Text: felix denk aus De:Bug 23

Kleine Städte = kryptische Beats? Irgendwie scheint es, als ob strange Musik eher aus kleinen Städten kommt. Zumindest im Falle Funkstörung trifft die Formel Stadtgröße umgekehrt proportional zum musikalischen Weirdo-Faktor uneingeschränkt zu. Ob es die Natur und die frische Luft, die relative Knappheit an Ausgehmöglichkeiten oder einfach der Zeitgewinn, den man Dank der überschaubaren Größe verbuchen kann, ausmachen, daß die Beats immer komplizierter, die Effekte zahlreicher und die Strukturen vertrackter werden, ist natürlich hypothetisch. Klar ist jedoch, daß es im idyllischen Oberbayern diese Orte gibt, wo gleichzeitig die Kirch noch beim Dorf ist und trotzdem eine rege Szene an Musikern / Produzenten ansässig ist. Weilheim ist ein Beispiel dafür, Rosenheim, wo Funkstörung beheimatet ist, ein weiteres. Den Sound, den Funkstörung in den letzten Jahren entwickelt und verfeinert haben, akurat zu beschreiben, hat ungefähr die selben Erfolgsaussichten, wie einem Blinden die Farbe Rot zu erklären. Mit den herkömmlichen Stilbegriffen kommt man da sowieso nicht allzu weit, weswegen auf der Hardwax Mailorderliste Funkstörung Platten mit dem Attribut Kryptofunk versehen werden. Ein netter Versuch allemal. Und kryptisch passt auch irgendwie gut zu den komplexen Beats, die sich drehen und winden, aber sich nie zu wiederholen scheinen, so daß man es hier mit einem der seltenen Fälle von nonrepetitiver elektronischer Musik zu tun hat. Die Funkstörungsche Sound-Dialektik wäre aber nur zur Hälfte beschrieben, würde man die zuckersüßen Melodien und Flächen verschweigen, die komplementär zur Rhythmik funktionieren und dem Hörer immer wieder kleine Verschnaufpausen bieten. Spätestens seit letztem Jahr haben sich Funkstörung damit in den Köpfen der Liebhaber elektronischer Musik eingenistet. Produktionen wie die vielbeachteten “Sonderdienste” EP auf Compost, die Platten auf dem eigenen Label “Musik aus Strom”, aber vor allem die Remixen für so illustre Gestallten wie Björk, East Flatbush Project,Visit Venus oder Wu Tang Clan erregten allerorten viel Aufmerksamkeit. Local Heroes, Global Players Daß das jedoch erst der Anfang war und in Zukunft noch viel mehr von Funkstörung zu hören sein wird, zeigte die überraschende Nachricht, daß Funkstörung bei dem Berliner Label K7 untergekommen ist. Nun ist ja K7 nicht unbedingt die naheliegendste Adresse, wo man den Sound von Funkstörung einordnen würde. All das kam zustande, weil einerseits der Deal mit One Little Indian in letzter Sekunde geplatzt ist, andererseits die Connection zu Warp nie in eine Kollaboration mündete, der Wunsch nach einer CD Veröffentlichung seitens Funkstörung aber bestehen blieb. Und irgendwie, über die oft verschlungenen Pfade der Musikbranche, kam der Kontakt zu K7 zustande, wo man rege Begeisterung für Funkstörungs Weirdo Hop hegte. Und so kam es, daß die beiden flux nach Vertragsabschluß nach Miami zur “Winter Music Conference” geflogen wurden und Props von allen Seiten bekamen. Die Begeisterung von K7 über das neue ÔPferd im StallÕ sorgt beizeiten auch für Verwirrung: “Man realisiert gar nicht mehr, daß man doch eigentlich ziemlich weirde Musik macht. Ich finde es aber schön, daß solche Musik gefeatured wird.” kommentiert Michael und Chris ergänzt: “Wir müssen uns ja nicht verbiegen.” Überhaupt, die Rahmenbedingungen des Vertrags läßt Fakesh und DeLuca ins Schwärmen geraten: Eine super Promomaschine, klasse Vertrieb, volle künstlerische Autonomie (was auch das Coverdesign, das von den Sheffieldern Designers Republic stammt, miteinschließt ) garantieren perfekte Arbeitsbedingungen. Auch eine Tour ist schon in Planung, ein Video angedacht. Als erstes Release der neuen Allianz werden die gesamten Remixe von Funkstörung auf einer CD mit dem Titel “Additional Productions” kompiliert. Ein Funkstörung Album wird dann Anfang nächsten Jahres folgen. Etwaige Vorurteile gegen die Releasepolitik von K7 sehen Funkstörung auch gelassen: “Sicher, die haben auch musikalisch teilweise nicht so die Highlights gehabt, aber Warp hat auch schon furchtbare Platten gemacht.” Stichwort England. Eine Geistesverwandschaft zu dem Sound aus Sheffield ist im Falle Funkstörung nicht von der Hand zu weisen. In der plagiatorischen Ecke aber haben Funkstörung sicher nichts zu suchen. Das zeigt schon der lockere Umgang mit den einstigen Vorbildern: “Es wird uns immer vorgeworfen, wir hätten Probleme mit Namen wie Aphex Twin oder Autechre, was nicht stimmt. Klar, wir sind beeinflußt von denen, und das ist ja auch nichts Verwerfliches. Wir haben trotzdem unseren eigenen Stil entwickelt. Und: Wenn keiner von keinem beeinflusst würde, dann gäbe es keinen musikalischen Fortschritt.” Musik aus Strom – Melodien für Millionen? Durch den Vertragsabschluß mit K7 ist für Funkstörung der Terminkalender nicht gerade leerer geworden. Dennoch wird es auch in Zukunft noch Veröffentlichungen auf ihrem Musik aus Strom Label geben. Es ist auch im Gespräch, daß K7 den Vertrieb für “Musik aus Strom” übernimmt und so eine zusätzliche Entlastung schafft. Ein weiterer Effekt der Funkstörung-Hausse ist, daß die rosenheimer Postangestellten mit den Paketsendungen ins Funkstörungs Office bald Überstunden leisten müssen, denn Demotapes aus den entlegensten Winkeln der Erde trudeln in steter Regelmäßigkeit ein. Außer Australien und Fernost sind so ziemlich alle Regionen vertreten, vor allem aber besticht die große Zahl an Dats aus Amerika, obwohl Funkstörung dort nicht mal vertrieben wird. Vom lästigen Tagesgeschäft befreit, kann Funkstörung nun die Weichen voll auf die musikalische Weiterentwicklung stellen. Außer dem anstehenden Faustremix ist eine Kooperation mit einer Münchner Sängerin bereits in Arbeit, einer Arbeitsweise, die seit dem Björk Remix Chris und Michael in den Köpfen herumspukt. Auch einen Rapper will man zukünftig in Funkstörungtracks integrieren, schließlich hat sich die Fusion von Beatprogramming und Rap bei dem Wu Tang Clan Remix schon bewährt. Mit einem Popfaktor ist also zu rechnen, die Sorge allerdings, daß dies zu gefällig geraten könnte, ist unberechtigt. Denn wie ist es bei Funkstörung so schön: Je süßer die Melodien, desto extremer die Beats.

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Text: gregor wilderman aus De:Bug 13

FUNKSTÖRUNG Wie aus Wasser Wein und aus Strom Musik wurde von Gregor Wildermann gregorw@berlin.snafu.de ”The brandname “AlephÒ has no intention of association with any existing product, place or person! (MAS 7.01) So steht es geschrieben im siebten schwarzen süddeutschem Vinyl von Musik aus Strom, eingeritzt für alle Ewigkeit oder vielleicht auch nur bis zur nächsten Reformation. Trotzdem ist die Nachricht so klar wie eine Botschaft, die ein biblischer Jünger mit Feuer an der Wand geschrieben sieht. Wir sind nicht gleich irgendeiner anderen Person, Band oder Projekt. Dies ist Musik, die nur Musik sein will! Wo ist also der Anfang dieser Geschichte, und könnte man dabei auch nicht subito die Mitte erzählen und vielleicht das Ende erfinden? Und wer überhaupt ist wir? Die Rede ist von Chris de Luca, schon damals und auch heute noch DJ und emsiger Verkäufer im Delirium, München. Der andere Mitstreiter ist Michael Fakesch, und auf einer seiner ersten selbstveranstalteten Technoparties (anno 1992) in und um Rosenheim lernte man sich kennen. Dieses, altdeutsch auch Duo genannte, Gespann teilte fortan Interessen, Geschmack und auch Geldbeutel, mit dem dann die üblichen verdächtigen Gerätschaften mit einer Null in der Mitte gekauft wurden. Wie gesagt, man schreibt das Jahr 1992 und Techno ist noch jungfräulich, alles geht und Technik kann begeistern. Der von Natur aus florierende Tourismus in der Technobranche führt zum altbekannten Spiel Tapeaustauch gegen überraschenden Labeldeal beim Besuch vom holländischen Kollektiv Unit Moebius im Ultraschall. Eh man sich drei mal bekreuzigt, pilgert man schon im Wagen nach Den Haag und produziert über so manche Sonnen und Monde 6 LPs und eine Single, was damals auch ganz locker von der Hand geht. Es folgen aber eher dürre Tage, und so manche Nächte überlegt man sich, wie es mit Techno weitergeht. Durchaus inspiriert vom Sündenfall ‡ la Aphex Twin oder Autechre gründen Fakesch und deLuca ihr Label “Musik aus Strom”, nennen sich als Duo “Funkstörung” und transportieren damit ihre alten Namen auf den Pfad der Selbstinitiative, wodurch sie nicht die Letzten wurden, weil sie bei ersterem blieben. Bruder Michael leugnet dabei vehement, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen, oder gar Kunst zu erschaffen: “Das ist 100% Musik, und man sollte diese Musik so nehmen, wie sie ist und nicht anfangen, sie in irgendwelche Ebenen reinzuheben. Vielleicht würde sich unsere Musik besser verkaufen, wenn wir von uns selbst behaupten würden, daß wir total abgedrehte Spinner sind! Wenn schon eine Grundlage für unsere Musik gesucht werden muß, dann sind das Geschichten. Die eine Melodie ist die Hauptperson, und dann lernt die eine andere Melodie kennen, dann passiert aber was ganz Schreckliches, weil dann die ganz böse Melodie kommt!Ò Ihre technischen Grundlagen erweiterten beide im Laufe der Jahre, und ihr Eintritt ins Zeitalter des Computers stellte dabei noch den radikalsten Wandel im bisherigen Klangbild dar. “Früher haben wir ja nur mit einem ganz billigen 150 Mark-Sequencer gearbeitet, und da hingen dann unsere Drumcomputer dran, die auch alles Stand-Alone-Geräte waren. Später wurde es aber immer komplexer, und deshalb haben wir uns vor ein paar Monaten einen Computer gekauft und schreiben darin alle Beats, die dann mittels Harddisc-Recording und dem Soundforge-Programm nochmals zerstückelt und neu kombiniert werden. Du kannst so ziemlich alles machen! Wir haben beim Rhytmus des FatCat-Remix aus einem einzigen Ton, einem simplen Beep vom Original, dann die Bassdrum, die Snare, drei verschiedene Hi-Hats, die Bassline und ein Scheppern gemacht. Einfach alles ist möglich, und das ist irgendwo unsere Idee vom Remix!Ò Von eben diesen Remixen haben Funkstörung nun schon eine illustre Kollektion zusammengestellt, die kaum alle auf einem Gabentisch Platz haben: Finitribe, East Flat Bush Project auf Ninja Tune, der für alle überraschende Wu-Tang-Clan-Track, ein Mix der Berliner Various Artists auf Fat Cat-Records, für Andrew Weatheralls Two Lone Swordsmen auf Warp und vor allen Dingen Björks “All Is Full Of LoveÒ, das seine ganz eigene Geschichte hat. Dazu liest uns Chris de Luca aus dem unendlichen Buch Gudmundsdottier: ÒFür den Björk-Remix haben wir von der Plattenfirma “One Little Indian” zwei Stunden Musik auf DATs bekommen, wobei vieles davon gar nicht im Original vorkam. Am Anfang hat uns das total irritiert, weil ich das Stück gar nicht kannte, und Michael es plötzlich auch nicht mehr wiedererkannt. Wir haben uns am Ende dann natürlich für die Stimme entschieden!Ò MF: ÒAußer der Stimme haben wir noch eine Fläche verwendet, die man im Originaltrack nur sehr leise heraushört. Im Ganzen sollte das Stück sehr minimal klingen, aber das war uns dann doch zuwenig, und deshalb ist der Beat so krass geworden. Wir haben ihn reversed, gepitched, Hänger eingebaut, die Stimme gestreched, und allein am Rhytmus haben wir fünf Tage herumgemacht; das war richtig Arbeit, und bei jedem weiteren Track wird es mehr. An dem Remix für Fat Cat saßen wir jetzt zwei Wochen! Dazu kommt nochmals die Arbeit an den Effekten, bei Björk waren es 100, beim Fat Cat-Remix dann schon 300. Das ist nicht schwer zu machen, kostet aber auch eine Menge Zeit, und irgendwo haben wir auch ein wenig Angst, daß wir nur noch alles kaputt machen. Aber jetzt haben wir nun mal dieses neue Spielzeug und wollen es ausreizen, denn jeder hat schon mit einer 909 oder einer 808 gearbeitet, aber unsere Platten klingen eben wegen dieser Nacharbeit einfach anders. Jeder könnte sich ja die Programme kaufen, und Viele arbeiten ja mit Harddisc-Recording, aber ich glaube, daß viele sich einfach nicht die Mühe machen, z. B. 50-60 Stunden an einem Beat zu arbeiten. Irgendwann wird es aber auch bei uns wieder weniger, weil ein Track wird nicht unbedingt besser, wenn er 300 oder 500 Effekte mehr hat!Ò Doch gerade im Brechen der Hostie namens Beat und in dieser akribischen Arbeit am Detail liegt der Reiz ihrer Platten und Tracks, die immer weitere Kreise ziehen, wobei sie sich mal solo oder in Neukombination mit Musikern wie z. B. André Estermann alias Moellhoven begeben, aber auch auf dem eigenen Label Musik aus Strom (MAS) neuen Talenten, wie Jan Brunket alias Electric Sheep, eine neue Weidefläche geben. Andere Namen sind dann Aemic oder Aleph und immer wieder Funkstörung, unter dem sie erst kürzlich eine EP auf Compost-Records herausbrachten. “Eigentlich macht es gerade im Moment keinen Sinn, solo zu arbeiten, und trotzdem hat jeder diese Freiheit. Bei meinen Sachen ist es eher der Breakbeat-Einfluß, bei Chris geht es in eine eher langsamere Richtung. Compost-Records ist nicht wirklich unser Sound, und lediglich die “Future Sound of JazzÒ-Compilations gehen in unsere Richtung. Alles andere mag ja gut sein, aber ich kann das nicht beurteilen. Bei Compost hat uns Michael (Reinboth) halt eine Menge Freiheiten gelassen; er bezahlte das Coverdesign, die Trackauswahl lag bei uns selbst, und am Ende zählt nicht, ob Warp oder Compost draufsteht. Das Endprodukt muß gut sein, und da lief alles sehr fair!Ò Genauso wie ihre Compostplatte und die MAS-Standardcover unterstreicht das Design aus dem Schoß von Designers Republik diesen eigenen Sound und Style. Der Kontakt zur kreativen Hochburg in Sheffield enstand über die gleiche Schiene wie schon die musikalische Kooperation mit Jega oder Boards of Canada. “Vor zwei/drei Jahren haben wir Simon Pyke alias Freeform kennengelernt, und als ich (Fakesch) ihn in England besuchte, habe ich auch seinen Bruder Matt Pyke getroffen, der mir da auch seine ersten Designentwürfe gezeigt hat. Zwei Monate später bekam er dann ein Angebot von Designers Republik, zog nach Sheffied und wurde da einer der vier Designer. Wir lassen ihm bei der Gestaltung völlige Freiheit, und deshalb kniet er sich da auch jedesmal tief rein. Bei der Compostplatte haben wir ihm die Tracknamen erklärt, und daß die von der Seite für Sonderdienste der Telekom stammt. Das hat er dann aufgenommen und umgesetzt, und er wird auch die zweite EP sowie eine Remixplatte gestalten.Ò Neben dem schweren Kreuz der Erwartungen bezüglich dem Björk-Remix ist der unterschriftsreife Albumdeal mit One Little Indian ein gigantischer Streifen am Horizont der Karriere, wobei Michael Fakesch die Vorteile erklärt: “Wir können endlich davon leben, jeden Tag Musik machen und demnächst dann auch auf Tourneen gehen. Wir haben jedenfalls unseren Sound gefunden; ich denke, wir sind jetzt gut genug, und wir sind auch selber ein sehr gutes Team. Das Album wird vielleicht poppiger werden, ohne dabei gleichzeitig konventioneller zu klingen, und bei unseren kommenden Live-Auftritten wird es gelten, den hohen technischen Standart auf die Bühne zu transportieren. Das ist erst einmal der nächste Schritt! So schreiten sie also weiter auf dem dornigen Weg dieser doch intelligenten Musik, und das Label Mask ist vielleicht ihr einziges Golgata. Mögen die vormals Letzten nun die Ersten sein, in 33 oder 45 Umdrehungen. Amen!

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