Muallem: Oldschool-Beats & Signature-SneakerMuallem ist Teil des internationalen Hipster-Jet-Sets. Freunde, Musik, Sneaker, alles reif für die atemlose Reportage auf Seite drei. Sein Oldschool-Funk-Hop transportiert das brillant.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 101


München, 1995. David Muallem erklimmt die Leiter. Er ist fünfzehn. Und er will da rauf. Das DJ-Pult, hoch über dem Trubelmoloch des Nachtwerks, es wird nun ihm gehören. Er kann gar nicht anders, als über all dem zu stehen und seine im Primanertempo ermauserten Platten rotieren zu lassen. Hiphopfunkdisco-Schmankerl. Muallem macht sich in diesem Moment erstmals größer. Er reckt sich. Überspringt einige Klassen. Seiner Mutter kann er fortan einen triftigen Grund nennen, mit den älteren Freunden von Donnerstag bis Montag am Ausgeh-Spiel teilzunehmen. Er hat Arbeit zu verrichten. Im selben Jahr schenkt ihm der große Bruder jene MPC, die den Muallem-Horizont ganz klar macht. Da geht was. Heute ist der Bruder, der Wegweiser, ultrareligiös. Zugegeben, David Muallem gewissermaßen auch: ”Ich freue mich noch immer auf den Donnerstag“, sagt er. Aber das allein wäre zu wenig.

Café, 2006. Es ist ein Bauchgefühl, das David Muallem elf Jahre später vermittelt. Auf den ersten Blick sowieso, wie er sich gemütlich-massig in die Polster fläzt. Da bin ich, wieder, immer noch. Die Strickpulloverkinder, die mit klebrigen Fingern am Tisch sitzen, hängen ihm an seinen umbarteten Lippen, starren auf seinen Ohrring. Muallem erzählt in seiner argen Oldschool-Anglizismen-Art Schwänke, sein Märchen. Das ihn weg aus der Isarmetropole führte, in der er jetzt eigenartig haltlos erscheint. Gleichwohl man mit ihm sofort einen Schweinsbraten mit dicken Klößen verdrücken könnte, um dabei zu erörtern, warum Sneaker totgetragen sind. Früher hat er sich die wichtigsten Modelle aus Übersee bestellt und sie später archiviert. Heuer gibt es sie überall. Es passiert nichts mehr und wenn, dann zu viel. Gleiches gilt für den HipHop, der langweilt Muallem. Unser Mann in Stylistan: “Frankie Splits“. So heißt das erste Album, entworfen und kollaboriert in den letzen vier Jahren. Es sagt viel aus über diesen Mann, sein Trackpacker-Leben, aber ebenso über den Status Quo Seinesgleichen. Es geht um den Begriff des modernen Slackers. Als ein solcher ist Muallem auf dem Cover zu sehen. Hut, Brille, Fluppe, in motion. “Style ist nicht alles“, sagt Muallem. “Es gehört auch Humor dazu.“

Dabei würde man es gerne ernst nehmen, all das. Denn das Erbauenste an “Frankie Splits“ ist die Illusion, sich in seiner Sehnsucht nach Italodisco-Räuschen verstanden zu fühlen. Die Welt liegt uns zu Füßen, zumindest balancieren wir auf den Synthiefäden, die die Welt bedeuten. Muallem könnte der erneute Beleg für den Alles-geht-wieder-Konsens sein, doch er erzeugt dank seines Unwillens, sich stilistisch zu beschränken, zuvörderst den beruhigenden Gedanken, dass auch in zwanzig Jahren noch verstanden wird, worauf es beim Produzieren ankommt: Erregung und Befriedigung. Es sind die Achtziger, das New York der Achtziger, wo Cowboys schon immer schwul waren, die Muallem zitiert. Klingt ein bisschen nach Mocky auf “Planet Rock“. Von der Sorglosigkeit her: wie die Chicken Lips seit geraumer Zeit. Muallem sagt: “Das Album ist voll mit meinen Favorites, meinem vielfältigem Geschmack.“ Es ist durchaus HipHop, das verraten allein die Lyrics von Amazon, Shawn Lee oder Beans. Aber es ist die funky Nachgeburt von HipHop. Mitsamt Claps und Pads, die einst erschallten, als David Muallem noch nicht geboren war. Sie sind das Ergebnis einer Obsession, ob während der Sprayer-Jahre oder beim Massive-Attack-Hören. Aber damit das mal klar ist, es geht hier nicht um Retro. Es geht um Liebe.

Ein Mathematiker gibt sich prollig

Tel Aviv, 1999. Die Heimat seines Vaters. Kurz vor Beginn der nächsten Intifada erlebt Muallem nach dem Abi als Sprachschüler in der Stadt des schönen Widerspruchs eine verdammt gute Zeit. Er veranstaltet Partys, bastelt Drum and Bass. Nur Platten gibt es kaum zu kaufen. “Ich brauchte dann wieder neue Eindrücke, ich musste weiter“, sagt Muallem. “Don’t you know that I’m a lucky one”, heißt es im Hook-Reigen “Cheerleader”. Und: “I wanted to be free, instead I got bored.”

London, 2000. Muallem studiert unter anderem Mathematik. Er tut manchmal nur so prollig. Jedoch ist er als Musiker – und Musik ist bei allem sein “Main-Ding“ – das Gegenteil eines Mathematikers. Es ist nichts berechnet. London ist natürlich großartig, wenngleich teuer und gnadenlos. Wochenlang ackert Muallem für Examensprüfungen, hat dann wieder Zeit und Muße zum Aufnehmen. “Aber der Gedanke, mit meiner Musik später irgendwie durchzustarten, der war nie da.“ Also kein Masterplan. Und dies ist nun sehr symptomatisch für den Helden und Stil verehrenden Nachwuchs, zu dem Muallem gehört – das globalisierte Networking. “Egal, in welche Stadt ich bislang kam, ich hatte immer 20, 30 Telefonnummern von den richtigen Leuten.“ Muallem ist der Igel, wenn wir der Hase sind. Egal, wen man erwähnt, er sagt dann: “Ah, cool, einer meiner besten Freunde.“ Aufgewachsen mit dem Oschi Oskar, in dessen Berliner Weekend-Club Muallem gerne mal auflegt. Ganz eng mit dem Kaos, klar, der macht ja fast dasselbe. Und das ist nur der nationale Standard. Es wäre zu platzraubend, die Protagonisten der zeitgenössischen Frontmusik aller Kontinente aufzuzählen, welche Muallem mal zufällig bei Starbucks getroffen hat oder mit denen er fleißig neuen Sound umhermailt. “Name-Dropping bringt wirklich nichts“, sagt er. Allerdings erscheinen Buben wie Muallem doch wieder ein wenig verzogen, so einfach wie sie es offenbar haben. Alles scheint sich ergeben zu haben. Selbst ihre Beats haben sich immerhin schon vor Jahrzehnten so ergeben. Und fast wie eine Rechtfertigung tönt deshalb Muallems Pathos-Zitat: “Von nichts kommt nichts.“

New York, 2005. Es musste so kommen. Muallem musste hierher kommen. Er liebt die Leichtigkeit, sagt: “In Deutschland hängen alle in ihrer eigenen Ecke.“ Ist es die Stärke Muallems, in der Mitte des Raumes zu sitzen? Stellenweise. Der mieseste Vorwurf, den man ihm schließlich machen kann, ist Beliebigkeit. Denn nach 15 Stücken “Frankie Splits“ ist die Blüte seines Retrofuturismus sehr wohl erkennbar. Die Aktualität. Muallem gehört zur Spitze der extravaganten Funktronics. Und Leute wie er sind ein Indikator für den Stand der Dinge, haben sie doch alles aufgesogen von frühem Rap über Detroit bis Electroclash. “New York 2006 ist nur New York 2006“, sagt Muallem, “natürlich nicht New York 1981.“ Hört sich logisch an, ist aber wichtig: Stagnation ist nicht, dafür ein vitaler Medley. Eigentlich genau das, was ein gutes DJ-Set verspricht. Selbstredend ist der fortwährende Stilrundlauf nicht einfach, aber als Muallem vom neuen Shop der New Yorker Lifestyle-Posse ”Anything“ berichtet, ist das Verheißungsvolle daran erkennbar. “Da stehen in den Regalen Graffiti-Utensilien neben Focault-Schriften.“

Aus dem Büro, in dem David Muallem als Freelancer für ein Label seine Dollar verdient, wurde vor wenigen Wochen sein Laptop geklaut. Es existieren kaum Backups. Annähernd sein gesamtes musikalisches Schaffen ist verschwunden. Erst war er verzweifelt: “Jetzt sehe ich die Chance darin, das Reinigende daran.“ Er ist wiederum zur Neuerfindung gezwungen. Muallem wird sich weiter hochspielen, hochschwindeln, also: Bis uns schwindelig wird. Immer eine Sprosse weiter.

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Elektronische Lebensaspekte.