Ich komme gerade aus Bayreuth und habe schreckliches Jetlag!
Text: Anton Waldt aus De:Bug 135

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Deutschland im Sommer der Krise: Arschbacken zusammenkneifen, schwitzen und bloß nicht entspannen! Alte Menschen behaupten, dass das alles genau wie im letzten Sommer vor dem letzten Krieg sei, was natürlich Blödsinn ist, trotzdem greift Paranoia in der Sommerfrische um sich und die Heimkehrenden sprechen Bände: “Ich komme gerade aus Bayreuth und habe schreckliches Jetlag!”

In der Krise suchen die Leute ja intuitiv die Gesellschaft draller Weiber, aber die Kanzlerin bleibt zugeknöpft. Was bleibt den Leuten da noch groß, außer dem beherzten Griff in den Weltkulturbeutel, Jetlag hin oder her? Zum Beispiel die Woodstock-Wochen bei Möbel Middellhof! Weil Middellhof die Top-Preise hat und natürlich mit Doppel-De und Doppel-El geschrieben wird, im Gegensatz zu Dr. Thomas Midellhoff, dem Urulogen, dem die Top-Manager vertrauen, der sich mit Doppel-El und Doppel-Ef schreibt.

Vor Oktober 2010 kriegt man aber sowieso keinen Termin, denn der Doktor hat selbstredend alle Hände voll zu tun im Sommer der Krise. Und was das für Hände sind! So kräftig und doch so feinfühlig! Wenn die Spekulationsblase drückt, massiert das Dr. Thomas Midellhoff einfach weg mit seinen famosen Prachthänden. Und dieser Tage drückt die Spekulationsblase ja andauernd, schließlich heißt Arschbacken zusammenkneifen für Top-Manager auch: Trostessen statt Hostessen. Forscher der Uni Mainz haben nämlich herausgefunden, dass zur Fettleibigkeit neigt, wer hohe Schulden hat.

Unklar ist dabei allerdings noch, ob Verschuldete schneller fettleibig werden oder ob sich Dicke schneller verschulden, und ob überhaupt eine direkte Kausalität zwischen beiden Merkmalen besteht. Welche Rolle das Finanzfrühstücksfleisch spielt, ist ebenfalls noch Gegenstand reiner Spekulation. Klar bleibt also nur, dass sich die Dicken im Minus einen Termin bei Dr. Thomas Midellhoff abschminken können. Wenn ihnen noch eine gültige Kreditkarte geblieben ist, können sie es mit den Woodstock-Wochen bei Möbel Middellhof versuchen, auch wenn das irgendwie nicht das Gleiche ist.

Das Gleiche oder dasselbe? Verwirrende Zeiten auch für Thomas Middelhoff mit Doppel-De und Doppel-Ef, der ja von der Universität Bayreuth mit dem Vorbildpreis ausgezeichnet wurde und zwar 2007, als nach der Gesellschaft draller Weiber kaum Nachfrage herrschte und noch nicht jeder dahergelaufene Helfershelfer der Missmanager aus Bayreuth kommend über Jetlag klagte. Heute benutzt Thomas Middelhoff mit Doppel-De und Doppel-Ef jedenfalls mit Vorliebe seinen Vorbildpreis, um sich am Kopf zu kratzen, wenn die Zustände überhand nehmen.

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Zum Beispiel neulich im Billigdiscounter: Napsterwürstchen für 99 Cent! Neunundneunzig Cent? Für den Laden hätte Middelhoff um ein Haar mal 85 Millionen gezahlt und damals stand der Dollar noch im Saft! So oder so, 99 Cent für ein großes Glas Napsterwürstchen – das ist total unterbewertet, kaufen, kaufen, kaufen! Middelhoff raffelt seinen Einkaufswagen voll und hechelt zur Kasse, wo das böse Erwachen lauert und 25 Cent Pfand pro Glas Napsterwürstchen kassiert: Viral ist, wenn man trotzdem lacht! Was zur Hölle? Klarer Fall: Unser wackerer Ex-Top-Manager ist zum Opfer des großen Schwundpfandschwindels geworden, der realökonomischen Entsprechung des Sockenhimmels nach dem Prinzip “Schwund ist immer”.

Hier wie dort geht der Schaden in die Millionen, man macht sich keine Vorstellung. Nur um mal eine Idee von der Größenordnung zu bekommen, eine Beispielrechnung mit Bier: Pro Jahr werden in Deutschland etwa 100 Millionen Hektoliter weggezischt. Wenn der gesamte Bierumsatz in Nullkommafünfliterflaschen abgewickelt würde, wären das 2 Milliarden Flaschen, für die 160 Millionen Euro Gesamtpfandsumme fällig würden.

Wenn aber nun Pi mal Daumen jede zwanzigste Flasche versehentlich in den Altglascontainer wandert oder von Vandalen zerdeppert, als Behelfsgießkanne entfremdet oder auf tausendundeine weitere Masche dem Pfandsystem entzogen wird, lösen sich satte 8 Millionen Euro Pfand in Luft auf. Und das ist dann die Schwindelpfandsumme. Klar, nicht der gesamte Bierumsatz wird in Nullkommafünfliterflaschen abgewickelt, aber andererseits gibt es ja jede Menge Nichtbiergetränke, auf die ebenfalls Pfand fällig wird und zwar meistens deutlich mehr als die lumpigen 8 Cent Standardbierflaschenpfand.

Für ein besseres Morgen: Die Maultiere nur mit Qualitätsweb füttern, herzhaft in den Weltkulturbeutel greifen, Massenphonehaltung meiden und nachhaltigkeitsfrei Raven.


Text: Anton Waldt aus De:Bug 92

Für ein besseres Morgen

Unser DSL ist schneller als die Server, unser Bausparvertrag kommt vom Ich-du-er-sie-es-Berater, dafür heißt unser Kopfdoktor “Shrink”, weil “Es” sonst beleidigt und desorientiert wäre. Oder eher noch desorientierter als es ohnehin schon ist: Kaum noch ein Penis-Spam verirrt sich in die Mailbox und das gibt mächtig was zu grübeln, denn entweder sind jetzt alle Schwänze groß genug, oder die richtig guten Methoden werden ab sofort geheim gehalten. Oder aber der Trend geht klammheimlich zu ganz kleinen Schwänzen. Vielleicht sogar eine neue Intrige der Ayurveda-Clique, die laut der Tante ZEIT auch in der Post-Tsunami-Ära nicht darauf verzichten möchte, “unsere weißen Ärsche zu massieren”. Das ist die Sorte knallharter Wellness-Journalismus, der die Jugend in Scharen in die Kirchen treibt: “Man gibt mehr Trinkgeld, um im Kleinen zu helfen”, und – jetzt kommts ganz dick: “Es ist schön, beim Yoga die aufgehende Sonne zu spüren.” Was aber erst richtig so in vollen Zügen genossen werden kann, weil daheim das “intelligente Haus” via WLAN die Jalousien rauf und runter fährt: Das vereinfacht doch schon einiges. Neoliberalismus bedeutet demnach, die Unübersichtlichkeit flächendeckend zu maximieren. Bangaloring wohin man auch schaut und wenn beim Naseputzen Rotz, der auch gleichförmiger Kopfbrei sein könnte, rausschaut, dann ist das Maß endgültig voll: “Sind die Zeiten so verwirrend oder ist mein Gehirn bloß schon so abgenutzt?” fragen sich die Trolle und wenn sie zum Verdauungsnickerchen den Bürostuhl in Kippstellung bringen und das Am-Bart-Kauen mal wieder nicht die erwünschte, beruhigende Wirkung hat, überkommt sie ein Alb: Vielleicht ist das Hirn verschlissen UND der Gang der Dinge undurchschaubar. Zwar gibt es noch die guten Wissenschaftler, die von Objektivität gar nicht genug kriegen können, und versichern: “Von alleine eiert im Weltraum gar nichts.” – Aber die Konsequenzen en Detail auszuklabüstern ist oft viel zu mühsam, weshalb Metaphysik das Ding 2005 werden soll, am besten im Zusammenhang mit großen toten Vorbildern, die viele schlaue Sachen gesagt, viele gute Taten vollbracht und insgesamt schon mal vorgepeilt haben, was so geht: “Nach dem Gesetz der Schwerkraft steht nur das gerade, was hängt”, hat beispielsweise das Top-Rolemodel des Jahres seinen Jüngern als Mantra hinterlassen, und allein damit lässt sich schon die eine oder andere mittelschwere Sinnkrise bewältigen. Für die harten Fälle hat Harald Juhnke neben seinem schriftlichen aber auch ein ausführliches Filmwerk hinterlassen, wobei zuvörderst an “Allotria in Zell am See” erinnert werden muss: Unübertroffene Haltungsnoten für Herrn Juhnke, der im kompletten Film der bäuerlichen Kulisse mittels einem weißen Smokingjackets und einem Aktenkoffer mit integrierter Minibar trotzt. Innenminister Schily hatte in dem Alpenthriller ja eine Statistenrolle als lokaler Lausbub inne, die angeblich maßgeblich bei der Entstehung seines Größenwahns war, wegen dem er sich jetzt gleich an den ganz großen Brocken orientiert: Graffiti-Vandalen gehören laut Otto zukünftig mittels Hubschraubern ausgemerzt, denn sie “beschädigen unsere Häuser, zerstören unser Stadtbild, machen nicht einmal vor Denkmälern halt.” Ein Schelm, wer da nicht an Winston Churchills Kriegspathos denken muss: “We shall defend our island, whatever the cost may be, we shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender.” Die jugendlichen Taugenichtse mit den Spraydosen wird das allerdings kaum kratzen, denn die Jugend, die verkommene, steht ja angeblich auf den Papst: “Beweg deinen Hintern. Und tanz den Jesus Christus.” Oder so. In echt sind die meisten Junglümmel aber wohl viel zu faul zum pilgern, sprayen oder Hintern bewegen, echter Mainstream sollte dagegen der neue “Pimp-my-Couch”-Trend sein, der durch die praktischen Tischgeschirrspüler aus dem Homeshopping-Kanal noch mal ordentlich an Dynamik gewonnen hat. OK: Die leidige Vaterfigur ist futsch und der Tischgeschirrspüler aus dem Homeshopping-Kanal dürfte es auch nicht mehr lange machen, da keimt Hoffnung auf ein Ende der Furzlangweiligkeit des vielgeschmähten Nachwuchses. OK, OK: Und wenn euch das nächste mal jemand so blöd zulabert und die Sau hat nicht das Glück sich hinter einer Magazinseite verstecken zu können, dann schmettert ihm trocken entgegen: “Klappe zu!” Für ein besseres Morgen: Grusel-Wusel aus dem Weg gehen, den Glauben an Plastik, Beton und Chemie unter keinen Umständen verlieren, den Dispo schonen und grobkörnige Lines ziehen, um Feinstaub zu vermeiden.

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Text: Anton Waldt aus De:Bug 86

Dann dümpeln wir mal in den Herbst. In dieser absolut lässigen Jahreszeit sollte es die eine oder andere freudige Freude geben und alle, die dagegen was haben, sollen Molch genannt werden. Das würdigt übrigens nicht nur schleimige Ungustl von Zeitgenossen zu Fug und Recht herab, es trägt auch zur sofortigen Stimmungsaufbesserung beim Titulierenden bei: Besserwisser, die andere ständig zurechtweisen oder für unpassendes Verhalten bestrafen, werden nämlich nach Erkenntnissen von klugen Forschern aus der Schweiz vom Hirn mit der Ausschüttung von wohltuenden Stoffen belohnt. Die Neunmalklugen aus den Bergen müssen sowas natürlich wissen. Gesicherte Erkenntnis ist ebenfalls, dass unser TV-Programm durch Sparefrohs, die nicht mal die lumpigen Taler für gute US-Sitcoms locker machen, immer unverdaulicher wird, was dem Herbst, dieser absolut verehrenswürdigen Jahreszeit, jede Menge extralange Sonderspaziergänge eintragen wird, die der Verdauung und dem Grübeln zuträglich sein werden – wobei ersteres leider eine zweischneidige Sache geworden ist: Menschen in den Industriestaaten werden ja immer länger und fetter, was auch dazu führt, dass deutsche Soldaten immer untauglicher werden und das ist hochgradig begrüßenswert, weil eine Armee, die lieber ein ausgiebiges Nickerchen neben der Gulaschkanone hält, statt die Haubitzen in Stellung zu bringen, eine feine Sache ist. Nach dem Mittagsschlaf dürfen deutsche Soldaten oder Soldatinnen jetzt sogar noch andere deutsche Soldaten oder Soldatinnen bürsteln, wenn sie dabei keinen ungebührlichen Lärm machen, der die Kameraden, die lieber weiter dösen, statt mitzubürsteln, aufwecken könnte – eine vorbildliche Reform. Völlig schleierhaft ist dagegen, ob die immer längeren und fetteren Menschen auch klüger oder wenigstens abgefeimter werden, ob also mehr Biomasse auch mehr Hirn beheimatet. Auf der Hand läge in diesem Zusammenhang eigentlich, dass die expandierenden Menschen wenigstens freundlicher werden, was man allerdings so von Jungspunden hört, staucht die Erwartungen leider gehörig. So erklärte ein besonders dickes und faules Exemplar unlängst im öffentlich-rechtlichen Bildungsfernsehen, warum er seiner angestammten Bildungseinrichtung fern bleibt, folgendermaßen: “Ich hab da irgendwie hingekotzt und da wollte die Fotze, dass ich das aufwische, da hab ich ihr gesagt, sie soll sich den Finger in den Arsch stecken und es selbst auflecken. Weiß nicht mehr so genau, jedenfalls hatte ich auch noch anderen Ärger da.” Wahrscheinlich sind Michael Moore und der Rock’n’Roll Schuld: “Bush würde ich nicht mal in die Fresse pissen, wenn seine Zähne brennen würden”, ließ unlängst Lemmy von Motörhead hören, als er gefragt wurde, was er denn so von “der Reform der europäischen Sozialsysteme” hielte. Lemmy und der dicke Schulschwänzer zusammen ergeben dann wohl die “labile Demokratie”, in der die einen Paul van Dyk hören und die anderen eine Durchführungsverordnung dagegen erlassen: “Aus gegebenem Anlass sieht sich die Gruppe Blumfeld zu folgender Stellungnahme zum Thema ‘Deutschland. Nation. Heimat und Popmusik’ verpflichtet.” Worauf man eigentlich nur mit dem Ami in sich antworten kann: “And I was like – oh my god.” Was bleibt, ist der Verdacht, dass alles mit dieser Werbung angefangen hat und daher muss hier noch einmal betont werden: Verschwendung ist der geile Scheiß und nicht andersrum. Für ein besseres Morgen: Rekruten füttern, Einbeinigen den Platz anbieten, Zähne niemals in Brand setzen und keine freudige Freude verpassen.

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