Um in Gegenden, in denen es eine starke rechte Szene gibt, so etwas wie einen jugendkulturellen Gegenpol zu etablieren, braucht es Zeit. Spontanaktionen sind zwar löblich, können aber auch ins Auge gehen, wie die Tour deutscher HipHopper durch Ostdeutschland kürzlich zeigte. Das "Fusion"-Festival am Müritzsee geht da den kontinuierlich anderen Weg. Mit Erfolg.
Text: sven von thülen | svenvt@debugos.de aus De:Bug 48

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Ein Technofestival mit vielen Effekten

Vor nicht allzu langer Zeit zog unter dem Slogan „Die Leude wollen, dass was passiert” eine Karawane deutscher HipHopper (unter anderem Stylewarz, Blumentopf, Nina MC und Torch) durch fünf ostdeutsche Kleinstädte, um den Jugendlichen vor Ort zumindest einen Abend lang die Möglichkeit zu geben, die alltägliche (sub-)kulturelle Wüste zu verlassen. So waren dann auch die häufigsten Ansagen, die man von den HipHop Acts hören konnte, Beistandsbekundungen à la „Heute nacht sind wir euretwegen hier. Wir wollen euch zeigen, dass ihr nicht allein seid.”
Während in Dessau, Eberswalde, Neustadt an der Orla und Bad Salzungen alles ohne Zwischenfälle ablief, konnte man in Wurzen beobachten, wie Nazis in aller Seelenruhe und mit dem Selbstbewusstsein, keinerlei Repressionen befürchten zu müssen, Sprayer erst verbal bedrohten, um dann per Handschlag die örtlichen Polizisten zu begrüßen. Sheriffs unter sich eben. Dass sich in vielen Orten (Ost-) Deutschlands eine rechtsextremistische oder zumindest dumpf nationalistische Szene entwickelt hat, die teilweise vollständig die Sozialisation der Jugendlichen dominiert, ist nichts Neues mehr. Auch nicht, dass der rechte Mainstream von der Öffentlichkeit, der Politik und den Medien so lange ignoriert, beziehungsweise toleriert wird, bis die Nazis (zu) gewalttätig werden. Daran hat auch die letztjährige, oftmals lächerlich opportunistische Sommerlochshysterie kaum etwas geändert.
Dass es vor allem auf kontinuierliche Arbeit und Auseinandersetzung ankommt, wenn man dem rechten Mainstream vor Ort wirksam begegnen und ihm alternative Identifikationsmodelle und Sozialisationen entgegensetzen will, ist eine Tatsache, die oftmals an fehlenden finanziellen Mitteln, gepflegtem deutschen Desinteresse und Misstrauen gegenüber so etwas wie Gegenkultur oder gerade in den sogenannten “national befreiten Zonen” (hallo Wurzen) an den gewalttätigen Übergriffen der örtlichen Nazis scheitert.

Kulturkosmos und U.Site
Es geht auch anders. Seit 1997 findet auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz zwischen Hamburg und Berlin das mittlerweile wohl größte unkommerzielle Festival Deutschlands statt. Veranstaltet wird die “Fusion”, so der programmatische Name des Festivals, von dem eigens dafür gegründeten Verein “Kulturkosmos Müritzsee”, der aus der Veranstaltergruppe “U.Site” hervorgegangen ist, die seit Jahren Parties in der Prärie zwischen Hamburg und Berlin veranstaltet. Dem wachsenden Interesse, dem eigenen politischen Anspruch auch auf den eigenen Veranstaltungen gerecht zu werden, und verschiedene kulturelle Szenen, sei es elektronische Musik, Theater, Performances, Installationen und experimentelles Kino etc, zusammenzubringen, kam das ca. 25 Hektar große Gelände genau richtig. Ein riesiges Experimentierfeld, das mit seinen nahezu uneingeschränkten Möglichkeiten die perfekte Basis für ein auf langsames Wachsen angelegtes kulturelles Projekt wie die Fusion darstellt. Über die Jahre hat sich das Festival nicht nur zu dem kulturellen (Groß-)Ereignis der Region entwickelt, sondern auch zu einem regen Austausch zwischen den Veranstaltern und den Jugendlichen der anliegenden Dörfer geführt. So arbeiten die U.Siteler eng mit einigen der örtlichen Jugendclubs zusammen. Unter anderem wurde vom Kulturkosmos ein Font eingerichtet, der den Jugendclubs, die jede Mark umdrehen und noch die winzigste Anschaffung beantragen müssen, die Möglichkeit geben soll, relativ unabhängig von der langsamen Bürokratie agieren zu können. Mittlerweile arbeiten viele Jugendliche gegen freien Eintritt an der Realisierung der Fusion oder anderen Veranstaltungen auf dem Gelände mit. Dabei geht es den U.Sitelern weniger darum, mit pädagogischem Eifer ideologische Überzeugungsarbeit zu leisten, und einen Dialog mit potentiell rechten Kids zu initiieren, sondern eher darum, etwas zu schaffen, an dem die Jugendlichen teilnehmen wollen, das gleichzeitig aber durch die konzeptionelle und politische Ausrichtung der Fusion die Auseinandersetzung mit rechten Ideologien und Vorurteilen einfordert und polarisiert. Nazis müssen eben auch in Zukunft draussen bleiben. Dazu ein Auszug aus dem Konzept des Kulturkosmos Müritzsee e.V.: „Die Sozialisation von Jugendlichen, in der, neben der Familie und Schule, die Freizeitgestaltung die wohl wichtigste Rolle spielt, ist abhängig von Vorbildern, Idealen und dem Erlebnisspektrum in ihrem Alltag. Weltbilder werden geprägt durch Information, Wahrnehmung und Kommunikation.(…) In der Veränderung der Wahrnehmungsrealitäten von Jugendlichen durch Information und Auseinandersetzung liegen Chancen der Bewusstseinsförderung und –veränderung. Durch integrative Einbindung von Jugendlichen in die kulturellen Aktivitäten sollen Toleranz und Weltoffenheit gefördert werden. (…) Der Kulturkosmos bietet so Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzungen über eine Zivilgesellschaft, die in der Lage ist, Fremdenfeindlichkeit und rechtsradikaler Gewalt entgegenzuwirken.”

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Elektronische Lebensaspekte.