Die Bunzsche Vorrausschau auf den WM/Kunstkluster von André Heller mit Schröders Gnaden. Gnade uns.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 83

Kunst und Fußball
EM? Nein, WM!

Im Juni steht ja die Europameisterschaft an und wir alle freuen uns schon darauf, endlich ein Fernsehprogramm zu bekommen, bei dem man wenigstens mal zwei Wochen lang voller Begeisterung die Kiste anschmeißt: Fußball. Ohne Zweifel wird die deutsche Mannschaft natürlich schlecht spielen, was nicht so schlimm wäre, würden sie dabei nicht auch noch so unglaublich schlecht aussehen. (Oh Mann, Völler, sei doch nicht so verdammt loyal und setze diese verbrauchten alten Säcke immer wieder ein. Stilvoll loosen kann man viel besser mit dem Aufbau eines jungen Teams.) Wir richten unsere Augen jedoch mal voraus auf nichts Geringeres als das Fußballfest, das danach kommt: Weltmeisterschaft. 2006. In Deutschland. Da hat sich der Franz Beckenbauer und der Gerhard Schröder mal zusammengesetzt und beide haben was Lustiges ausgetüftelt: Kunst muss her. Und die künstlerische Leitung dieses Festivals, die geben wir dem Andre Heller. Der Andre Heller hat einen Kunstbegriff, da kommen alle mit und Kultur kann man es trotzdem noch nennen.
Wahrscheinlich ist Herr Heller sogar der Richtige für den Job, dennoch haben wir vor seinem Kunstverständnis Angst. Denn alle Errungenschaften der Avantgarde kullern bei Heller mal eben den Abhang runter. “Kritik?”, fragen wir. “Wir brauchen Fantasie!”, antwortet Herr Heller. “Reflexion?”, setzen wir nach. “Staunende Kinderaugen!”, hält er uns entgegen und schwärmt von Labyrinthen, Lunaparks, Zirkus und Feuerwerk. “Ein Fest für die Welt – die Welt zu Gast bei Freunden”, so der Heller-Konzeptionsslogan der WM.
Nicht genug, dass Andre Heller begeistert im Schutz staunender Kinderaugen der Volkskunst fröhnt, er hat auch zwei (2!) Lieder (Duette!) mit Xavier Naidoo gesungen. (Ratet mal, wer im Vorprogramm der WM auftreten wird. Na?)
Das Gute an Heller ist dafür, dass er seinen Kunstgeschmack nicht mit einem universal geltenden Anspruch durchrattert und auch nicht das Bedürfnis hat, überall seine Signatur raushängen zu lassen. Deshalb hat er lauter Leute eingeladen, die mit ihm zusammen mal so richtig zeigen, dass wir hier keine grauen Bürokratenkorinthenkacker sind.
Vorne dran räumt erstmal die bildende Kunst das Spielfeld auf. Darin war sie schon immer gut. Harald Szeeman kuratiert eine große Kunstausstellung zu “Fußball in der bildenden Kunst” – im Fachjargon schon “Fußball-documenta” genannt. Kluger Schachzug, so wird aus der real-prolligen Männerdomäne gleich ein Spektakel für alle. Das Goethe-Institut zeigt eine Fotoausstellung “Weltsprache Fußball”, und auch das übrige Drumherum wird gut besetzt: Unsere Malerfürsten Georg Baselitz und Markus Lüpertz dürfen die Plakate gestalten. Quentin Tarantino soll einen Fußball-Kurzfilm beisteuern, der in einem Fußball-Kurzfilmwettbewerb auf der Berlinale laufen wird – wenn das keine Win-Win-Situation ist. Und kein Geringerer als Brian Eno soll das Musikprogramm zusammenstellen – Debug-Mitarbeiter Thaddi Herrmann freut sich schon auf Musik für Fußbälle. Seltsames Aufgabengebiet für den Herrn Eno, denn ein Fußballstadion ist definitiv der absolute Gegensatz zu Ambient. Hoffentlich denkt er daran, Scooter auf jeden Fall den Eröffnungssong singen zu lassen! Und auch wenn wir Kulturspießer der kühlen Zurückhaltung, mit der Design-Altmeister Otl Aicher 1972 die deutsche Olympiade gestaltete, sehr laut nachweinen werden (Wir versprechen: Wir werden auf so vielen Logoplakaten mit dämlich lachenden Bällen wie möglich herumtrampeln), freuen wir uns jedoch auf eines: Jean-Luc Godard soll (will!) die Bildregie eines Fußballspieles übernehmen. Gezeigt werden soll das dann auf ARTE.

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Elektronische Lebensaspekte.