Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 16

Mit dem Traktor ins Web: Future Farmers Vicky Tiegelkamp vicky@snafu.de INTRO Traktorfahrend kommen die daher, die FutureFarmers. Einige Jungs sagen, das Design sei Mädchendesign. Sicher. Pastelltöne, niedliche Retro-Formen und kleine 3D-Phantasiegestalten bevölkern Futurefarmers.com und machen es für stahlharte Kerle anscheinend zur Girl-Site. Die kleine Agentur aus San Francisco besteht nur aus wenigen Farmern: Amy Franceschini, die Chef-Farmerin, gründete die Firma 1995 mit der Vision, kreatives Potential von verschiedenen Leuten zu bündeln und so Experimente zu versuchen. Stella Lai als Designerin und Programmiererin arbeitete als Angestellte für die FutureFarmers. Sie hat sich kurz nach dem Interview von der Firma getrennt. Amy dazu: “Wir haben in der letzten Zeit versucht, als gleichberechtigte Gesellschaftspartner zu arbeiten. Ich glaube, es war einfach noch zu früh. Momentan bin ich wieder allein.” Außerdem gibt es verschiedene Programmierer und Sound-Designer, die die Projekte unterstützen. Neben kommerziellen Arbeiten für Weiden & Kennedy (Nike), NEC, Autodesk, MSNBC, Dreamworks und Levi’s ist gerade eine freie Arbeit erschienen: die CD-Rom “Stimuli of Wonder”. Die CD-Rom ist über das Online-Magazine “Shift” für circa 15 $ zu bestellen. HIER COVERTEXT ENDE. BITTE ABER DIE ÜBERSCHRIFT NOCHMAL “Mit dem Traktor ins Web” AUFNEHMEN. Ein Bauernhaus auf dem Land und im Netz arbeiten Taketo Oguchi von Shift Magazine führte das E-mail Interview, das in der Shift Ausgabe 21 erschien. INTERVIEW De:Bug: Könntet ihr euch kurz vorstellen? Amy: Ich heiße Amy Franceschini. Ich bin inmitten der Felder und Bauernhöfe von Kalifornien geboren. 1990 zog ich nach San Francisco, um Fotografie an der State University zu studieren. Eine Zeitlang habe ich für ein Fotomagazin gearbeitet, dann schrieb ich mich für eine Design Schule ein, weil ich dachte, ich müßte mehr – was auch immer das sein sollte – lernen. Ich verließ die Schule und fing mit eigenen Projekten an. Ich habe viele Low-Budget Jobs für eine Kunstgalerie gemacht. 1995 gestaltete ich “Atlasmagazin”, daß ich später zusammen mit Olivier Laude, Michael Macrone leitete. Im gleichen Jahr gründete ich “FutureFarmers”. Stella: Mein Name ist Stella Lai. Geboren wurde ich in Hongkong, auf einer kleinen Insel namens Cheung Chau. 1993 bin ich nach San Francisco gekommen und begann mein Studium am California College of Arts and Crafts. Zwischen 1996 und 1997 arbeitete ich bei Posttool Design und seit 1997 bin ich ein Farmer. De:Bug: An wen richtet sich eure Website? Amy: Wir benutzen die Site als Vehikel – hier können Leute Sachen sehen oder lesen, die ihnen sonst nicht zugänglich wären. Wir hoffen, mit Gewohnheiten zu brechen. Wir nutzen die Site, um neue Wege für Interface Design und Webtechnologien zu erforschen. Stella: Wir versuchen eine Navigation zu erfinden, die wie eine Geschichte ist. Das Ziel ist, die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen und sie durch die Erzählung zu navigieren, ohne das wir ihnen unser Konzept aufzwängen. Es soll immer noch genug Raum sein, damit sie ihre Erfahrungen verarbeiten. De:Bug: Wie kooperiert ihr, wenn ihr eine Site oder andere Projekte gestaltet? Amy: Kooperieren? Mmmm? Hmmmmn?? Aaaaaaaah.. Wir arbeiten nicht nach speziellen Regeln. Es ist wie bei einem Super Ball – diese Dinger, die immer wie verrückt auf und ab springen. Ich bombardiere Stella ständig mit verrückten Ideen, sie dagegen schreibt ihre Ideen immer ordentlich auf. Für mich scheint es so, daß du, wenn du Ideen verbalisiert oder aufschreibst, sie irgendwann realisierst. Deswegen reden wir viel über unsere Ideen. Stella macht ständig Tiere und kleine 3D Sachen, aber wenn sie gemacht sind, ist die Idee auch schon wieder verglüht. Stella ist technisch orientierter als ich – sie kennt immer die neuesten Entwicklungen. Mit der Website wollte ich etwas schaffen, daß einfach ist aber trotzdem intelligent. Ich gestaltete das Interface Design und Stella die Figuren und Charaktere, die sie selber programmiert hat. Als wir unsere CD-Rom “Stimuli for Wonder” gemacht haben, blieben einige 3D Figuren übrig, und so habe ich sie bei unserer Site eingesetzt. De:Bug: Was ist eure Grundidee hinter der Atmosphäre, die ihr mit 50er und 60er Jahre Design erschafft? Amy: So habe ich das nie gesehen. Es sieht zwar irgendwie retro aus, aber meine Inspiration kommt viel mehr von indischer und pakistanischer Kunst. Ich mag die funky Formen der 6oer. Mein Vater war ein begeisterter Slalom-Skifahrer in den 6oern. Er reiste oft nach Europa und brachte diese coolen Ski Sticker mit. Ich denke, auch das hat mich inspiriert. Er hat Industriedesign studiert und deshalb hat er ständig gezeichnet und gemalt. Er war außerdem ein Motorcross-Fahrer und verbrachte viele Stunden damit, die Tanks der Motorräder zu airbrushen. Das war dann wohl in den 70ern???? De:Bug: Eure Site ist sehr erfolgreich, alleine dadurch, daß ihr dort eure Arbeiten zeigt. Nach welchen Prinzipien geht ihr bei der Gestaltung vor? Amy: Mich interessiert ein starkes Interface Design als eine gute Basis für Bilder und Inhalte. Ich glaube, es ist wichtig, die graphischen und inhaltlichen Elemente so zu integrieren, daß alles zusammen ein harmonisches Ganzes ergibt. Durch die Site zu navigieren, sollte genauso viel Spaß machen wie der Inhalt selber. De:Bug: Ich finde eure CD-Rom sehr gelungen. Sie ist sehr unterhaltend und interaktiv. Amy: Das Thema von “Stimuli of Wonder” ist ein visueller Vorgeschmack auf das Design von FutureFarmers. Die CD-Rom ist als eine Art Studie über die Form und die Geschichte des Reizes zu verstehen. Wir benutzen Referenzen zu ägyptischen Hieroglyphen und ganze frühe Schriften, um so Parallen zu heutigen Programmierscripts und Programmierern zu zeigen. ich wollte immer mit meinen Lieblingssounddesignern, -programmierern und -3D-Künstlern arbeiten – bei diesem Projekt habe ich das geschafft. “Stimuli for Wonder” war allerdings nur das Sprungbrett dafür, daß wir alle in Zukunft mehr gemeinsam an Projekten arbeiten wollen. De:Bug: Wie kamst du zu dem Onlinemagazin “Atlasmagazine”? Amy: 1995 fragte mich der Fotojournalist Oliver Laude, ob ich eine Site gestalten könne, die die Arbeiten von Fotografen, Multimedia Künstlern, Designern und Illustratoren zeigen würde. Ich hatte bis dahin noch keine Website gesehen, aber hatte an interaktiven Projekten gearbeitet. Bei der ersten Ausgabe war meine Intention, ein sehr graphiklastiges Interface zu gestalten. Ich arbeitete zusammen mit Michael Morton, einem Programmierer, der mir zeigte, wie eine Website funktioniert. Schon nach einem Monat schrieb Wired einen Artikel über uns, die Firma NEC stand vor der Tür und fragte, ob wir nicht den internationalen Auftritt machen könnten. Daraufhin entstand diese Partnerschaft, und in gemeinsamer Arbeit machten wir fünf Ausgaben von Atlas. Außerdem entwickelten wir Sites für Nike, Autodesk, MSNBC und andere. Atlas gewann einige Preise, und es erschienen Artikel von Eye bis Time Magazine. Im letzten Jahr nahm das San Francisco Museum of Modern Art Atlasmagazine in die permanente Sammlung mit auf. De:Bug: Wie ist es momentan in San Francisco? Was interessiert euch dort im Moment am meisten? Stella: Ich würde sagen, die alternative Kunstszene. Es gibt eine Menge kleiner Galerien, die junge, lokale Künstler ausstellen. Ich finde es sehr inspirierend, mir diese Sachen anzuschauen. Amy: Mariachi Bands, Straßenmusik, Akkordeon Spieler. Viele Künstler engagieren Straßenmusiker für Vernissagen, Parties etc. De:Bug: Ist es für euch wichtig, in San Francisco zu arbeiten? Stella: Mir ist es eigentlich egal, wo ich arbeite. Aber ich bevorzuge Orte mit vielen verschieden Kulturen und einer guten Won Ton Noodle Suppe! Amy: Nein. Aber ich denke, es ist einfacher, an der sich ständig wechselnden Technik dranzubleiben, wenn man in der Nähe von Silicon Valley wohnt. Und wir wohnen hier auch schon eine ganze Weile – somit ist es für uns einfach hier und wir haben Zugang zu allem, was wir brauchen. De:Bug: Stella, du würdest gerne in Japan arbeiten. Warum? Wie stellst Du dir Japan vor? Stella: Nun, ich bin in Hong Kong groß geworden und wurde sozusagen mit japanischen Cartoons und Comics erzogen. In Japan zu leben war mein Kindertraum. Später, auf der Highschool, habe ich mein ganzes Mittagessen-Geld und chinesisches Neujahrsgeld gespart, damit ich nach meinem Abschluß nach Japan fahren konnte. Ich war die meiste Zeit in Tokio und Kioto- und es war eine tolle Erfahrung. Für mich ist Japan visuell stimulierend – von der TV-Werbung bis zur Süßigkeitenverpackung. Alles ist so künstlich lustig und verspielt. Meine 3D Figuren und mein Design sind sehr von japanischer Popkultur beeinflußt. De:Bug: Wer sind eure Lieblingsgraphiker und/oder Multimedia Designer? Stella: Matt Owens, Groovisions, Donal Roller Wilson (amerikanischer Maler), Sixth Street (das Ghetto, in dem ich lebe), Amy Franceschini (Farmer), Jay Otto (amerikanischer Illustrator) Amy: Lari Pitman (amerikanischer Maler), Mathew Barney (amerikanischer Konzeptkünstler), Chris Johanson (amerikanischer Hipster), Andrea Zittel (Konzeptkünstler/Skulpturen), Herman Hesse (deutscher Schriftsteller), Vincent Gallo (amerikanischer Filmemacher) De:Bug: Wie sind eure Pläne für die Zukunft? Amy: Der kleine Plan: Das FutureFarmers eine Art internationaler Ort des Ausstausches wird – wie eine Galerie oder ein Workshop. Der mittlere Plan: Ein Bauernhaus auf dem Land zu kaufen und via Internet zu arbeiten. Der große Plan: Ins All zu reisen – oder andersherum?!? KONTAKT: Future Farmars 1201B Howard St. San Francisco CA 94103 http://www.futurefarmers.com email: ame@futurefarmers.com ZITAT: Kooperieren? Mmmm? Hmmmmn?? Aaaaaaaah.. Ich bevorzuge Orte mit vielen verschieden Kulturen und einer guten Won Ton Noodle Suppe Mit freundlicher Genehmigung des japanischen Online Magazins “Shift” und übersetzt von Vicky Tiegelkamp.

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Elektronische Lebensaspekte.