text
Text: jörg sundermeier aus De:Bug 31

/buch Future Pop Ohne Ich, mit Handlung: Der andere Poproman Hoppla, andere Zeiten! Eine Lehrerin steht ihrer Klasse gegenüber und die Schülerinnen und Schüler sind sauber und adrett, denken ordentlich und gieren nach Führung. Für ihre Lehrerin ist das alles andere als ein feuchter Traum. Sie fühlt ihre linksbürgerlichen Ideale in Gefahr. Und die Klasse merkt, dass sie einen neuen Feind hat. “Future Pop” von M.G. Burgheim erzählt nicht – wie man nun erwarten kann – vom ewigen Konflikt ‘Hippie vs. Yuppie-Kinder’, und auch arme Bürgerrechtler, die von der SED verführte Spitzel-Kids belehren müssen, sind nicht das Thema dieses Buches. Es spielt vielmehr in der nahen Zukunft. Die Lehrerin unterrichtet in Brandenburg. Dort – wie im Rest der Republik – treten plötzlich Kids auf, die sich einerseits zu Ordnung und Sauberkeit bekennen, andererseits jedoch gerade damit auf der Höhe der Popkultur sind. Sie nennen sich “Pioniere”, nach einer Popgruppe, die musikalisch wie optisch irgendwo zwischen Rammstein und Rosenstolz steht, aus einem Ossi und einer Wessi besteht und Mann und Frau mit ihren jeweiligen Rollen perfekt widerspiegelt. Die Band ruft zu Gruppenabenden auf und versucht, ihre Fans “von der Strasse” zu holen. Insofern hat sie mit der gleichnamigen Jugendorganisation viel gemein. Nur dass sie eben nicht vorhat, ihre Fans auf den Sozialismus einzuschwören, sondern sie mit Esoterik und Erfolgspropaganda zu funktionierenden Elementen des Systems ausbildet. Je mehr diese Band Erfolg hat, desto mehr fühlt sich die Erzählerin unbehaglich. Als im weiteren Sinne Unangepasste, die – wenigstens rudimentär – auf einer unabhängigen Meinungsbildung besteht, gerät sie bei ihren völkisch erwachten Zöglingen ins Visier. Schliesslich muss sie sogar abtauchen, da sich ihr Verdacht erhärtet, dass hinter den Pionieren und der sie betreuenden Marketingagentur eine überparteilich agierende Organisation steht. Sie wähnt sich verfolgt. Hier endet der Roman. Da man von der Lehrerin eine verlässliche politische Analyse nicht erwarten mag, könnte es sein, dass sie und ihre Freunde hysterisch reagieren. Ob “Die Pioniere” also tatsächlich zentraler Teil einer neovölkischen Kampagne sein könnten, bleibt offen. Über die Stossrichtung seines passabel geschriebenes Buches lässt Burgheim allerdings keine Zweifel. “Future Pop” sei “ein Buch über die Neue Mitte, über die neoliberale Konsum- und Kontrollgesellschaft im Zeichen von POP. Es ist ein Buch über Manipulation, über Marketing, über Integration und Machterhalt.” Das reicht – bei aller Uneindeutigkeit – schon, um Leser gegen sich aufzubringen. In dem E-Mail-Diskussionsforum, das der Verlag auf seinen Web-Seiten eingerichtet hat, findet sich der altgediente Vorwurf, Burgheim missverstehe Kunst, indem er ihr eine politische Bedeutung unterstelle, die sie gar nicht haben könne – weil sie ja nur Kunst sei. Das ist natürlich ein Käse, der bereits wie Gottfried Benn riecht. Und Burgheim macht den Fehler, diesen Vorwurf ernstzunehmen, insofern, als dass er ihn komplett wendet. Aus der Verzahnung von Politik und (Pop-)Kultur, also etwa VIVA-Gornys SPD-Engagement, erwächst sich ihm eine umfassende Bedrohungswelt, in der allerdings eine Nachricht allein schon das Unheil darstellt. Wie immer sind es aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, die einem kommerziellen Erfolg zugrundeliegen. Und die muss man sich näher anschauen. Alte Sache, gähn, klar. In seinen Antworten auf der Website geht Burgheim leider nicht weit genug. Er stakt dort in einer ätzend zähen Kunstbetrachtung. Sein Roman “Future Pop” aber weist gerade wegen seiner vielen Unzulänglichkeiten und Uneindeutigkeiten sehr deutlich auf die bestehende Verhältnisse und auf deren Ausnutzbarkeit hin. Das Buch ist also im besten Sinne ambivalent: Nämlich gut. M.G. Burgheim: Future Pop. Eichborn Berlin, 1999,. 207 Seiten 34,00 DM

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.