Auf den Spuren der gebrochenen Beats
Text: Wenzel Burmeier aus De:Bug 176

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Sie heißen FKA twigs, Jessy Lanza, Kelela und SZA. Sie vereint die Liebe zu Soul und seiner Dechiffrierung. Wir stellen eine neue Generation von Künstlerinnen vor, die, dem zwanzigjährigen Modezyklus folgend, auf den Spuren von Timbaland & Aaliyah wandeln und im eigenen Schlafzimmer experimentellen R&B mit modernster Soundästhetik machen. Drake und Frank Ocean schubsen sie dabei locker vom New-Soul-Thron. Mit Hang zum großen Pathos, super selbstreflektiert, jeder Menge Eklektizismus und ohne Angst vor dem Mainstream. Nach über einem halben Jahrhundert aggressiver Körperlichkeit materialisiert sich ein neuer R&B als Nebel im Fliederduft.

Als die millionenschwere R&B-Prinzessin Brandy die Bühne betritt, hat sie so wenig Publikum vor sich wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Als wären die neunzigtausend Besucher des “Nelson Mandela Sport and Culture Day” geflohen, vor den großen Scheinwerfern des Stadions, hinaus in die kalten Straßen von Soweto. Allein vierzig Leute stehen an diesem Abend im August noch vor der Bühne, sie sind wohl die einzigen, die über den Special Guest des Abends informiert wurden. Brandy muss über zwei Tracks lang dabei zusehen, wie sich die schillernde Popwelt früherer Tage vor ihren Augen auflöst. Nach zehn Minuten reicht es ihr und sie geht.

Brandy gehört zu der Gruppe von Sängerinnen, die in diesem Jahr von ihrer eigenen musikalischen Vergangenheit überholt wurden. Sie ist ein Kind der 80er, aufgewachsen mit Gospel im Elternhaus, HipHop auf dem Pausenhof und schwarzem Pop à la Marvin Gaye, Michael Jackson und Sade auf den ersten Highschool-Partys. Den Status “Star” fest im Blick, machte sie sich mit Kolleginnen wie Aaliyah und Mary J. Blige Mitte der 90er-Jahre auf, um die amerikanischen Hitlisten zu erklimmen. Ihr Erfolgsrezept hieß R&B, ein Konglomerat aus HipHop und Soul, das auf beiden Seiten gleichermaßen verschmäht wurde, der Schwarzen Musik jedoch einen riesigen kommerziellen Höhepunkt bescherte. Nicht ganz ohne Nebenwirkungen wohlgemerkt. Schon der Namensvetter Rhythm & Blues aus den 40er-Jahren war kein gutes Omen – schließlich sah sich der junge Ray Charles mit dem Vorwurf konfrontiert, Gospel mit Hilfe von blasphemischer Erotik zu verunstalten. Die Anklage gegenüber der 90er-Generation lautete nun, die afroamerikanische Popmusik endgültig korrumpiert – ihr den letzten Rest Soul entzogen, in glitzernde Schale geworfen und billig verscherbelt zu haben.

Neues Selbstbewusstsein
Inzwischen ist die nächste Generation herangewachsen. Sie weiß wie es um R&B wirklich steht. Sie ignoriert die ewig gleiche Kritik am Soul von der Stange, denn sie kennt das Potential des Pathos von Brandy und Co. Schließlich ist sie damit aufgewachsen, es ist für sie fester Bestandteil einer identitätsbildenden Popkultur. Vor allem aber weiß sie um das eigentliche Problem ihrer Vorgängerinnen, das weniger das fehlende Gesangstalent als vielmehr die fehlende Selbständigkeit war, die das große Pop-Business ihnen einfach nicht bieten wollte. Zu häufig waren Künstlerinnen weniger Künstlerinnen denn austauschbare Puppen, die dem Track eines Produzenten als Hülle dienten. Selbst im Fall der posthum zur “Queen of R&B” gekrönten Aaliyah ist es letztlich die Hand von Über-Produzent Timbaland, die ihrer Musik bis heute zu hohem Ansehen verhilft.

Die fehlende künstlerische Freiheit also ist der Feind, um den die R&B-Jüngerinnen wissen. Also nehmen sie sich nun dem Erbe ihrer Vorgängerinnen an. Um das fortzuführen, was Frank Ocean und The Weeknd vor zwei Jahren bereits losgetreten haben: das marode Genre im eigenen Schlafzimmer unter den Vorzeichen einer selbstreflektierten – wenn auch nicht immer heiteren – Zukunft einmal kräftig umzukrempeln.

Dabei sollen aber nicht die letzten brauchbaren Essenzen des R&B auf ironisch reflektierte Art und Weise herausgefiltert und für einen eingeweihten Kreis an Kulturkritikern aufbereitet werden. “Fuck the underground!” brüllte Kelela kürzlich im Guardian. Kelela Mizanekristos ist vor drei Jahren ihrer Heimat, den Suburbs von Washington DC entflohen, um in Los Angeles nach einem Jahr Selbstzweifel zuerst im Studio der hocherotischen R&B-Brüder Inc. und anschließend auf dem aktuellen Album von Teengirl Fantasy zu landen. Nun steht Kelela an der Front dieser neuen Girlpower im R&B, die ein ziemlich schizophrenes Verhältnis zur Massenkultur pflegt. Zusammen mit ihren Produzenten – oder besser: Kollaborateuren – aus dem “Fade To Mind”-Umfeld aus Los Angeles bastelt Kelela an Tracks, die im großflächigen Black Music Club etwa so gut aufgehoben sind wie David Guetta in der Panoramabar. Ihr Sound ist eine Symbiose von Witch-House, Grime, UK Bass und souligen Vocals – letztere gingen bei Ella Fitzgerald und Aaliyah gleichermaßen in die Schule und bilden die Antithese zu den glitchig-düsteren Produktionen von Nguzunguzu, Kingdom, Fatima Al Qadiri, Bok Bok und Co.

Ähnlich eklektisch und weird ist auch der Entwurf von Solana Rowe alias SZA, der 23-jährigen Sängerin aus New Jersey: dunkle, verhallte Bass-Monster mit dreckigen Südstaaten-HipHop-Drums treffen bei ihr auf schmierige Flächen und zuckersüße Vocals. Future-R&B, für den nun passenderweise auch noch Clams Casino und der gesichtslose Tri-Angle-Produzenten Holy Other angeheuert wurden.

Dass ihr Sound obskur ist, ist den beiden Damen bewusst. Wenn sie den Leuten im Club damit vor den Kopf stießen, mache sie das erst so richtig glücklich, erzählte Kelela kürzlich in einem Interview mit Radiohost Benji B. Und wenn das letztendlich gar nicht so viele fühlen? Auch egal. Aber indie sein? Auf gar keinen Fall!

 
Das Ende des Underground
Womöglich ist es der längst überholte Mythos des Undergrounds, den die selbstbestimmten Sängerinnen entlarvt haben. Lange schon sind auch die kleinsten Ausformungen der großen Spielarten, die einmal als Subkulturen verstanden wurden, in einem feingliedrigen Netz der Industrie aufgegangen und kommerziell erschlossen. Anders gesagt: Die Subkultur ist eh der viel bessere Mainstream. Die neue Generation hat das erkannt. Eine Abgrenzung vom Pop für die Massen haben sie überhaupt nicht nötig.

Da pflichtet auch die Kanadierin Jessy Lanza bei. Sie verabscheut den Begriff “Indie R&B” und das, obwohl sie gerade erst bei der britischen Trendmaschine Hyperdub untergekommen ist. Dass auch Lanza die große Öffentlichkeit eher sucht als scheut, macht sie nun mit ihrem Debüt “Pull My Hair Back” deutlich – glatter und offensiver Pop, der das Morgen aberwitziger Weise aus der großen Retrospektive schöpft. In Zusammenarbeit mit Jeremy Greenspan von den Junior Boys vermählt sie 70er-Disco, 80er-Electro-Funk, House und Dubstep mit dem R&B der späten 90er und läutet selbstbewusst dessen Zukunft ein: “Ich möchte, dass Leute mein Album als R&B-Platte wahrnehmen. Aber eher als Fortsetzung, nicht als Revival”, sagt sie im Guardian-Interview.

Wesentlicher Bestandteil von Jessy Lanzas Zukunftsentwurf ist ihre künstliche Inszenierung. Während Kelela und SZA ihren verschrobenen Sound mit geradezu Erykah-Badu-artiger Natürlichkeits-Attitüde präsentieren, ist das Bild der Lanza weitaus diffuser. Als verhalltes Säuseln schwebt ihre Stimme über das ganze Album hinweg, nur schemenhaft zeigt sich die Sängerin, häufig bleibt sie im Hintergrund, wie ein Geist, der über die Produktionen fliegt. Dazu kommt das Auftreten der Kanadierin, die in ihrem herauspolierten Kleidchen und der perfekt anliegenden Dauerwelle geradezu gecastet wirkt. Diesem “Florence + the Machine”-Verschnitt würde man das große Erbe der schwarzen Musiktradition nun wirklich nicht freiwillig anvertrauen.

Wenn Lanza also gar die identitätslose R&B-Puppe ist, die in ihrem geisterhaften Moment den längst fälligen Kommentar zur Industrialisierung der Frauen im R&B liefert, dann darf sie auf Unterstützung von FKA twigs bauen. Die neueste britische Hoffnung aus dem Hause Young Turks ist schließlich die Inszenierung in persona. Eine zierliche Puppe, glaubt man dem Video zu “Water Me” – der Nahaufnahme ihres hin und her wippenden Kopfes mit den filigran geflochtenen Zöpfen, den Hasenzähnen, den knallroten Lippen ihres viel zu kleinen Mundes und den hochgeschlagenen Wimpern ihrer viel zu großen schwarzen Augen, denen eine diamantene Träne entrinnt. Dazu gibt es ein paar Textzeilen über das Verhältnis von Materialität und Liebe, die schon in ihrer gleichmäßigen Wiederholung total surreal wirken. Spätestens mit dem Einsatz der mehrfach gedubbten und gepitchten Stimme von twigs sind die Vocals an Künstlichkeit kaum noch zu übertreffen. Serviert wird das ganze auf einer dunklen und schleppenden Produktion von Arca, der zuletzt durch seine Mitarbeit an Kanye Wests krankem Album “Yeezus” auffällig geworden ist. Für twigs’ neue EP hat er bei Massive Attacks “Mezzanine” mindestens genau so gut hingehört wie bei Janet Jacksons “Velvet Rope”.

Es ist die spielerische Gradwanderung zwischen funktionellem Pop und noisy Produktionen, die in twigs’ Musik so zentral ist und die R&B seinen Weg in eine selbstbestimmte Zukunft ebnet. Diese ganze Generation reflektiert ihr musikalisches Erbe, sie nimmt den Überkitsch ernst und weiß im gleichen Moment so spielerisch damit umzugehen, dass den Grazien der 90er-Jahre schwindlig werden dürfte. Diese Frauen haben von Beyoncé gelernt. Sie greifen nicht nur ihre moderne Version von Soul auf, sondern bieten vor allem auch ihrem feministischen Engagement eine würdige Fortsetzung. Während Beyoncé als Ehefrau und Mutter in einer HBO-Reality-Show nämlich auf erschreckende Weise in den konservativen Strukturen der Unterhaltungsindustrie aufgeht, nehmen sich diese Frauen ihrer Inszenierung selbstbestimmt an.

Sie alle entwerfen ihr ganz eigenes Future-R&B-Hybrid und wissen dabei aus den glitzernden Pop-Momenten ihrer Vorgängerinnen zu schöpfen, ohne dem industriellen Marionettenspiel auf der großen Bühne zu verfallen. Der R&B der Zukunft braucht keine neunzigtausend Zuschauer. Er ist in seiner selbstbewusst inszenierten Pose schon so groß, dass er auf die vielen grellen Scheinwerfer getrost verzichten kann.

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Elektronische Lebensaspekte.

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