Geht es um Gadgets, regieren Weblogs die Welt. Der Kampf der Titanen, Engadgte vs Gizmodo, ist dabei unerbittlich und führt schon mal zu Umzügen, Hausverboten und Einbrüchen. Gewonnen hat der, der mit mehr Page-Impressions nach Hause geht.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 128


Der 14. Oktober war ein besonderer Tag für das Gadgetblog Engadget. Als wäre es eine magische Zahl, hatte das Blog an jenem Tag 14 Millionen Pageviews. Eine Zahl, die viele große kommerzielle Webseiten grün vor Neid werden lässt. 14 Millionen Pageviews, um die Liveberichterstattung von Josh Topolsky über die vorgestellten Macbooks mitzuverfolgen.

Ein Meilenstein in der Gadgetblogwelt. Vor allem, wenn man weiß, wie relativ unspektakulär die vorgestellten Neugeräte am Ende geworden sind. In einer Rundmail an die Mitarbeiter ist von einem “Big Event” die Rede. Ein Tag, auf den man noch lange zurückblicken werde.

Gadgets sind in der heutigen Wahrnehmung weitaus mehr geworden, als noch vor einigen Jahren gedacht. Auf der einen Seite kann man davon sprechen, dass die Produkte selbst einen erweiterten Fetisch-Status erlangt haben. Das wissen wir aber eigentlich seit Karl Marx.

Jedoch: Stars sind nichts ohne ihre Medien und die führenden Technik- bzw. Gadgetblogs haben in gewisser Form das Zweipunktnull zu dem ausformuliert, was das Heilsversprechen einer neuen Medienkultur einlösen wollte. Blogs wie Gizmodo und Engadget rangeln sich um die Plätze der beliebtesten Blogs weltweit.

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Foto: powerbooktrance

Sie sind das Medium für das Phänomen ”Technik als Popstar“, wo zuvor Medienkonvergenz dazu führte, dass die Inhalte nicht mehr greifbar sind und eine mit HighTech-gespickte Hülle benötigt wird, um eine Repräsentationsebene zu finden. Der iPod beispielsweise ist das, was früher neue Platten von Rockbands waren. Heute, wo Musik und Filme ubiquitär vorhanden sind, kann eine Erwartungshaltung und eine Euphorie dieser Art eher durch Technikprodukte produziert werden.

Und der technische Fortschritt hat auch dazu beigetragen, dass auch die bislang technologisch unaffine Gesellschaftsschicht, nämlich die der Frauen, ebenfalls Teil des Geschäfts wird. Bei der Berliner Elektronikmesse IFA dieses Jahr wurden nicht umsonst zum ersten Mal Haushaltsgeräte ausgestellt. Nicht nur, weil Kühlschränke heute mehr können als Hochleistungscomputer von vor 15 Jahren, sondern auch, weil der Featurewahn in ihrem Maßstab an Usability auch die Zielgruppen merklich erweitert hat. Frauen spielen mehr Videospiele, iPhones sind für alle interessant, Konsum hat sich von kulturindustriellen Produkten in den Bereich der Consumer Electronics verschoben.

Das Geld, das die Musikmajors vermissen, fließt in die Kassen der Kamera-, MP3-Player- und Handyproduzenten. Die Grundidee der Weblogs Engadget und Gizmodo, ein persönliches digitales Tagebuch zu führen, wurde zum Archetypen des Mediums schlechthin, in dem der Inhalt der Blogs nicht Befindlichkeiten ausdrückt, sondern zum kritischen Liveticker der Welt der elektronischen Dinge, der Gadgets, geworden ist.

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Foto: powerbooktrance

Rewind
Die Geschichte der beiden großen Protagonisten Gizmodo und Engadget beginnt ein bisschen wie andere große Mythen der Markenwelt. Wie die Gebrüder Dassler, die in Franken zuerst gemeinsam Turnschuhe entwarfen, um dann getrennt mit ihren Firmen Puma und Adidas Sportwarengeschichte zu schreiben, wurde Gizmodo im Jahr 2002 von Peter Rojas gegründet.

Die New-Economy-Blase hatte noch immer Laugenreste auf den hellen Parkettböden der StartUps hinterlassen und von 2.0 wollte auch noch so keiner richtig reden. Rojas war zwei Jahre später für die Gründung von Engadget verantwortlich, kurz nachdem er Gizmodo verließ. Ab diesem Zeitpunkt, wo sich zwei Wettbewerber face to face um die aktuellsten News duellieren konnten, boomte auch die Aufmerksamkeit um die mittlerweile sehr mächtigen Kanäle der Unterhaltungselektronik. Peter Rojas ist ein Nomade, wie Engadget-Chefredakteur Ryan Block scheinbar auch.

Block kündigte im Sommer 2008 seine Engadget-Posten, um mit Rojas gemeinsam eine neue Plattform im Markt zu etablieren. Gespannt schaut die Welt seitdem auf vier Buchstaben, die eine gänzlich neue Gemengelage in der Gadgetblogosphäre versprechen könnte: GDGT. Noch ist die Relevanz von GDGT nicht auszumachen, wenn allerdings zwei Big Player der Szene, und dort sind sie so was wie Stars, sich zusammentun, um ihren alten Arbeitgebern Dampf zu machen, dann dürfte für einigen Rummel gesorgt sein.

Konkurrenz und die globalen Player
Es herrscht einerseits also ein ziemliches personelles Gefilze zwischen den beiden Weblogs, die in ihrer mittlerweile internationalen Aufstellung nicht mehr als kleine Seiten betrachtet werden können. Andererseits herrscht zwischen den beiden ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft, deren einzige Währung die massenwirksame Aufmerksamkeit, kurz Seitenaufrufe sind.

Gleichzeitig ist es ein Konkurrenzkampf zwischen zwei rivalisierenden Blog-Konglomeraten. Gizmodo ist Teil von Gawker Media, wozu auch Fleshbot und Kotaku gehören. Engadget gehört seit 2005 indes Weblogs Inc. von AOL Time Warner, wo auch Autoblog, Joystiq und The Unofficial Apple Weblog zu finden sind. Bei Gawker und Weblogs Inc. sind sowohl Gizmodo als auch Engadget die jeweils großen Zugpferde.

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Foto: powerbooktrance

Online-basiertes Publishing erlaubt eine direkte, weltweite Verbreitung von Nachrichten und Bildern, ohne an klassische Nachrichtenmedien gebunden zu sein. Da sind wenige Minuten der Richter darüber, ob ein Post heiß oder nicht heiß ist. Die Prinzipien, nach denen eine Entscheidung für oder wider eine Seite gefällt wird, ähneln ethischen Überzeugungsfindungen.

Als Steve Jobs einst verkündete, dass er Fan von Gizmodo sei und dass es die einzige Seite wäre, die er regelmäßig verfolgt (außer der eigenen wahrscheinlich), sorgte dies für einen immensen Popularitätsschub. Wohl wissend, dass gerade Apple jede Website, die sich auch nur annähernd mit Betriebsgeheimnissen oder kommenden Produkten auseinander setzt, mehr oder weniger uncharmant aus dem Netz zieht, so wie es mit der Seite “Think Secret” geschehen ist, die im Winter 2007 offline ging.

Auf der anderen Seite ergriff Bill Gates Partei für Engadget, seitdem ist das Bild “guter Geek und böser Geek” erneut verrückt. Die Mittel und Bandagen, mit denen hantiert wird, wirken von Europa aus betrachtet teils wie ein Possenspiel. Wohnungen werden verlegt, um in der FedEx-Route noch vor der Konkurrenz zu liegen.

Schleichende Digicamler schmulen in Kartons am Abend vor einer Messeeröffnung: Wo ist der größte Plasma, wer hat das erste Bild, wer landet den großen Scoop? Hotels werden Jahre im Voraus gebucht, um den kürzesten Weg zu den Messehallen zu bekommen. Gang Signs markieren die Territorien der rivalisierenden Blogger-Crews. Dennoch: Die Objekte, um die es geht, sind Teile einer starken und prosperierenden Industrie. Dass es da um mehr geht als nur um Spielzeugberichterstattung, sollte spätestens jetzt klar sein.

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Foto: powerbooktrance

Wie von Paparazzis geschossen, huschen die Bilder und das erste Hands-On in die Blogs. Hands-On ist wie das Unboxing ein Bild-/Videoformat, das sich im Internet als vermeintliche Verifizierungsquelle von neuen Produkten und einer ersten Meinung etabliert hat. Hands-On ist das Dokumentieren von ersten Berührungspunkten mit dem Objekt der Begierde. Wie fühlt sich das an, was lässt sich auf den ersten Blick zu dem Produkt sagen?

Das Unboxing ist das Filmen des ersten Auspackens. Man kann also daran teilhaben, was andere erwachsene Menschen seit ihrer Kindheit gerne machen: ein Paket aufmachen. Was vormals randgruppige Erquickung und bestenfalls subrelevantes Wissen war, ist heute soziales und kulturelles Kapital zeitgenössischer Prägung. Nicht das Wissen über irgendwelche Popplatten ist der heutige Softskill-Kredit, tatsächlich ist es das Wissen oder das Erwähnen von halben Fakten über iGott und den Rest, die selbst in zwischengeschlechtlicher Kommunikation Diskurse schaffen kann.

Das große Ganze
Das macht die mediale Bedeutung dieser Blogs aus, von denen es mittlerweile Hunderte im Netz gibt. Wissensvermittlung in Häppchenform von News, die Diskursmaterial schaffen können. Kommunikation funktioniert nicht mehr nur durch Technik, sondern auch über Technik. Man sollte sich davor hüten, von einem Revival der Geeks und Nerds zu reden, weil diese bereits viele Bereiche des Alltags fest in ihrer Hand haben.

Nun befinden wir uns einer Zeit, wo eine mediale Sprache jenseits von Schaltkreisen und Kommandozeilen etabliert wird. Dass aufgrund dieser gewachsenen Bedeutsamkeit auch Topstories ihren Judasweg wie in anderen klassischen Medien gehen können, bewies der populärste Post des Jahres von Gizmodo. Mit dem Untertitel “The Meanest Thing Gizmodo Did At CES” wurde ein Video gezeigt, wo ein Mitarbeiter mit der Universal-TV-Ausmachfernbedienung “TV B Gone” auf der wichtigsten Unterhaltungselektronikmesse Amerikas CES in Las Vegas nicht nur die Motorola Keynote sabotierte, sondern auch alle möglichen Plasmawände und Messestände außer Gefecht setzte.

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Foto: powerbooktrance

Aufmerksamkeit war dieser Geschichte gewiss, mehrere Millionen User schauten sich das Video an, wie hilflose Menschen an Messeständen versuchen, ihre Ausstellungsstücke wieder zum Laufen zu bringen. Dieses Ereignis ging als Gizmodogate in die Bloggeschichte ein. Die Resonanz war zwiegespalten. Der zuständige Redakteur erhielt Hausverbot für alle kommenden CES’ und im Oktober wurde bekannt, dass der Konkurrent Engadget ab 2009 offizieller Blogpartner in Las Vegas sein wird.

Eine bewusstes Statement der Messeleitung gegen den “TV B Gone”-Streich. Im wörtlichen Sinne ein Schuss, der nach hinten losging. Die Verhältnisse können sich im fluiden Netz dennoch schnell ändern. Fest steht aber, auch für die Zukunft, dass Gadgetblogs zum einflussreichsten Kernmedium einer mehreren hundert Milliarden schweren Consumer-Electronics-Industrie geworden sind. Die Welt der Gadgets hat hier nicht nur ein Sprachrohr gefunden, durch diese Blogs wurden die Aspekte Hysterie, Pop und Meinungsbildung für Technologie erst vervollständigt.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Technik-Fetischismus « holzmeister

    […] Wir durchleuchten die neue Analogie derGadgets als Popstars, erklären eine gänzlich neue Mediensituation , die durch Gadgetblogs wie Gizmodo und Engadget entstanden ist und erfahren vonEngadgets Senior […]