Statt funky Menschen wird funky Technik verehrt, bewundert und emotional überhöht.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 128


Foto: ***claire*** (away)

Die Zeit der Popstars ist abgelaufen, im Mittelpunkt der Popkultur stehen jetzt Maschinen. Statt funky Menschen wird funky Technik verehrt, bewundert und emotional überhöht. Die neuen Über-Geräte werden Gagdets genannt, das iPhone ist der Elvis des Gadget-Kults und der Computer-Streber das coole neue Role-Model.

Gadgets sind die neuen Popstars, höchste Zeit also, sich einmal darüber zu verständigen, was Gadgets eigentlich genau darstellen? Gadgets sind technische Spielereien, Werkzeuge oder Geräte, die besonders verehrt werden. Natürlich von Menschen mit besonders ausgeprägten Emotionen gegenüber Maschinen, also vor allem von Männern.

Gadget-Fans pflegen so die besondere Beziehung von Männern zu Technik und während sie die Tradition fortschreiben, zerstören sie etablierte männliche Rollenbilder. Das ist natürlich harter Tobak: das iPhone als Angriff auf die Männlichkeit? Madonna, Bono und Michael Jackson werden von einem Handy überflügelt? Hört sich irgendwie nach Seemannsgarn an.

Ist aber ernst gemeint, sogar bierernst. Also noch einmal von vorne. Als Gadgets bezeichnet man technische Spielereien, Werkzeuge oder Geräte, die besonders handlich sind, mit originellen Funktionen aufwarten und sich in einem ansprechenden Design präsentieren. Des weiteren ist elementar, dass Gadgets gleichzeitig praktisch und verspielt sein sollen. Gadgets sind immer dual-use, sie müssen unterhaltsam und nützlich sein, sie sollen gut aussehen, sie sollen sich gut anfühlen und dabei mächtige Werkzeuge liefern.

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In dieser Unentschiedenheit sind Gadgets typische Produkte des digitalen Zeitalters, in dem Maschinen tendenziell Meta-Maschinen sind, deren Funktionen erst durch den Programmcode entstehen. Man könnte auch sagen: Man muss mit den Maschinen in ihrer Sprache sprechen, um ihnen eine konkrete Funktion zu geben. Und je nachdem, wer da spricht, wird aus dem Handy eine mobile Datenbank oder ein Jambafrosch. Was wiederum darauf hinweist, dass die Programmiererkaste nicht ewig wie Parias behandelt werden kann. Menschen, die so elementare Aufgaben erledigen wie die Code-Hacker, steht jede Menge Sozialprestige zu. Gadgets sind symbolische Vehikel dieser Nerd-Aufwertung.

Dingsbumms
Der Gadget-Kult, der Handys und MP3-Player, Digicams und Game-Konsolen zu Popstars befördert, nimmt seit vier Jahrzehnten Gestalt an, erst ziemlich gemächlich, aber in der letzten Dekade mit zunehmender Dynamik. Direkte Vorläufer und Wegbereiter des Gadget-Kults finden sich im Umgang mit technischen Medien wie der Fotografie, beim Amateurfunk oder Modellbauern.

Aber in der Hauptsache geht es um Computer. Vereinfacht gesagt, sind Gadgets nämlich die knuddelige Inkarnation der Digitalisierung, die sonst so schwer fassbar ist: Mit dem Internet kann man nicht Cruisen, eine Website kann man nicht aufs T-Shirt drucken, ein PC eignet sich denkbar schlecht als lässiges Accessoire und Laptops sind definitiv nicht die neuen Gitarren. Gadgets geben der Digitalisierung ein freundliches Antlitz und eine handschmeichelnde Form, Gadgets sind gut aussehende Repräsentanten der letzten technischen Revolution. Passend zur extravaganten Rolle der Gadgets in der Kulturgeschichte liegt die Herkunft des Namens “Gadget” weitgehend im Dunklen.

Websters Enzyklopädie der englischen Sprache munkelt etwas vom französischen Begriff “gâchette”, der den Schnapphahn eines Waffenschlosses bezeichnet. Damit würden Gadgets auf Schusswaffen zurückgehen, was durchaus passt, schließlich pflegen Männer auch zu Colt und Knarre gerne neurotisch überfrachtete Beziehungen. Eine andere Theorie besagt, dass der Begriff im 19. Jahrhundert unter britischen Seeleuten für ein nicht weiter spezifiziertes Werkzeug stand. Demnach wäre ein Gadget ein technisches “Dingsbumms”, was mindestens genauso stimmig ist wie die Begriffsableitung aus der Waffenmechanik.

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The Machine is the Message
Woher auch immer der Begriff stammt, fest steht, dass der Gadget-Kult gerade aus der Nische in den Mainstream vordringt. Vorreiter, Katalysator und Hauptnutznießer dieses Trends ist der Computerhersteller Apple, der sich inzwischen fast ausschließlich auf die Vermarktung putziger Design-Geräte konzentriert, weil sich mit dem popkulturellen Mehrwert phantastische Renditen erzielen lassen.

Letzteres übrigens der nächste Hinweis auf die Verschiebung von der Musik in die Pop-Konsumelektronik, denn iPod und iPhone zeigen, wie lukrativ das Geschäft mit der Popkultur immer noch sein kann. Um die Pop-Rendite zu realisieren, muss man sich allerdings auch so vorbehaltlos der Marketing-Religion hingeben wie Steve Jobs und sein Konzern: Schon die Idee eines neuen Produktes muss gänzlich auf die Gefühle ausgerichtet sein, die den Konsumenten beim Anblick des Über-Gerätes überwältigen. Beim Kauf des Gadgets sollte der Kunde dann schier vor Glück platzen, anschließend wird er nach Hause eilen, um die Neuerwerbung auszupacken und in Betrieb zu nehmen.

Apple beherrscht diesen Mechanismus inzwischen aus dem FF, das Schimmern des Apfel-Logos auf einem neuen Produkt-Fetisch bringt die Massen zuverlässig zum Speicheln. Was in den 60er Jahren die Beatles auf Welttournee waren, ist heute die global gestaffelte Markteinführung des iPhones. Hysterische Fans kampieren tagelang im Dreck, um als Erstes kaufen zu dürfen. Gadgets von Apple sind inzwischen so populär, dass sie schon als Gerücht zum Thema werden: Ein chinesischer Blog kolportiert das Gerede südkoreanischer Sweatshop-Investoren, die angeblich mit Apple über die Fertigung eines Handys verhandeln? Das sind Major-News in der Gagdet-Blog-Welt!

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Und genau wie in der westdeutschen Provinz einmal nur aufgrund vager Gerüchte über eine Band namens “Sex Pistols” dutzende Punkkombos gegründet wurden, geisterten schon lange vor der offiziellen iPhone-Ankündigung alle möglichen und unmöglichen Photoshop-Phantasien durchs Netz. Die Hysterie war also schon groß, als Steve Jobs im Januar 2007 endlich seine frohe Produkt-Botschaft verkündete: Eure Gebete wurden erhört, erklärte er seinen Jüngern, schon bald dürft ihr alle das iPhone kaufen, hieß seine Prophezeiung.

Das Jesus-Handy
Der Marketing-Blitzkrieg, den Apple Anfang 2007 entfesselte, folgte zunächst dem Muster religiöser Heilsversprechungen: Steve Jobs gibt im schwarzen Rollkragenpulli den Priester und verspricht allen Erlösung, die auf seinem Pfad in die Zukunft wandeln.

Die Ankunft der Erlöser-Maschine sei nahe, schon im Juni werde sich das Jesus-Handy den Geplagten offenbaren, lautete Jobs Verheißung. Und tatsächlich ereigneten sich in der Folge zwei handfeste Wunder: Die redaktionelle Berichterstattung zum iPhone bescherte Apple Aufmerksamkeit im Wert von 400 Millionen Dollar, soviel hätte die Sendezeit und die Druckfläche jedenfalls zu Werbepreisen gekostet.

Mit dem zweiten Wunder ließ Apple dann die religiösen Vorbilder hinter sich, indem das erlösende Mobiltelefon tatsächlich unter die Menschen kam. Denn im Gegensatz zu traditionellen Religionskonzepten hält sich der Produktfetisch mit der Erfüllung im Hier und Jetzt nicht zurück, nur dass diese nicht besonders lange anhält und daher immer wieder erkauft werden will. In der Konsequenz geben die besonders Trend-sensiblen Jungkonsumenten immer mehr Geld für elektronische Geräte und deren Betrieb aus, auch wenn sie dafür auf CDs und Zigaretten verzichten müssen.

Aber in der Gadget-Kultur geht es nicht ausschließlich um Konsum, traditionellerweise hat sie sogar eine ziemlich schizophrene Haltung zu den Firmen, die Gadgets produzieren. Neben der kultischen Verehrung auserkorener Marken und Produkte ist in der Gadget-Kultur nämlich auch das DIY stark verwurzelt, das Basteln, Schrauben und Tunen von Industrieprodukten.

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Schrauber-Tradition
Unter den Gadget-Urahnen sollten allen voran das Auto und die E-Gitarre erwähnt werden. Mit dem Automobil-Kult haben Gadgets immer noch viel gemein, angefangen von der Faszination für technische Details über die Rolle des Designs und die Bastelpraxis, mit der Pflege, Reparatur und Modifikation der verehrten Maschine zur ewigen Vollbeschäftigung werden. Genau wie der fanatische Auto-Fan ist der Gadget-Jünger an allen Details der Entwicklung und Produktion neuer Modelle brennend interessiert.

Und genau wie die Schrauber die oberste Kaste der Auto-Fanatiker darstellen, sind Lötkolben-bewanderte Programmierer die Speerspitze der Gadget-Bewegung. Die Masse der Gläubigen zelebriert ihre Zugehörigkeit unterdessen durch die Lektüre der Fachpresse, Diskussionen mit Gleichgläubigen und dem ungehemmten Konsum von Zubehör. All dieses Gewese ermöglicht es, die eigene Identität über eine Maschine zu definieren, auch wenn man diese Maschine nicht einmal selbst besitzt. Alleine die heftige Bewunderung der Maschine, in der Regel mit dem Wunsch diese eines Tages doch noch irgendwie erwerben zu können, hat das Auto für Millionen Menschen zum zentralen Identifikationsobjekt gemacht.

Nun entstanden die Mechanismen, das Automobil zum Fetisch zu erheben, bereits in den 20er Jahren, jedenfalls in den USA: Fords brachial rohes Modell T hatte den Autofahrer zur Norm gemacht, jetzt drängten Fords Nachahmer mit Design und Extras in den Markt. In der Folge wurde aus dem Erwerb einer Transportmaschine ein identitätsstiftend überhöhter Kultakt und das eigene Auto zum Fetisch der Industrie-Gesellschaft. Mit dem Auto konnte und kann der einzelne Konsument an der automatisierten Produktion in ihrer höchsten Vollendung teilhaben.

Elektrische Männer
Warum das Auto und nicht ein anderes Gerät zum kulturell und sozial überfrachteten Technikfetisch wurde, muss hier nicht erörtert werden, wichtig ist allerdings, dass dem Auto nicht zwangsläufig seine besondere Rolle zufiel. Neben einer gehörigen Portion Zufall wird die Geschichte der massenhaften, und doch individuellen Mensch-Maschine-Liaison nämlich auch durch kulturelle Verwerfungen beeinflusst, die alles andere als rational sein müssen. Was schon alleine daraus ersichtlich wird, dass sich vor allem Männer so stark über Technik-Besitz und -Gebrauch definieren.

Und dann kommen sie mit dieser fragwürdigen Konstruktion auch noch erstaunlich gut und lange durch: Männer behaupten einfach hartnäckig, sich die Eigenschaften “ihrer” Maschinen aneignen zu können, und schon gilt jeder Hansel, der sich eine E-Gitarre um den Hals hängt, als verwegenes Individuum mit unbändiger Libido. Und vor diesem Hintergrund muss man auch den Aufstieg von Gadgets zum neuen Technik-Fetisch betrachten. Denn die Gadgets wandern nicht aus dem luftleeren Raum in den Mainstream, sie kommen vielmehr aus einem in der Nische gewachsenen Biotop.

Und wie immer, wenn die Kultur einer kleinen, verschworenen Szene massenkompatibel wird, kommt es zu den oben erwähnten Verwerfungen: Für die Nischenbewohner wird es plötzlich ziemlich ungemütlich, denn ehe sie es sich versehen, verlieren sie die Kontrolle über die weitere Entwicklung “ihrer” Kultur. Gleichzeitig scheren sich die neuen Fanmassen nicht für fünf Pfennig um die Geschichte der Subkultur, von der sie sich nur die gerade passend erscheinenden Teile aneignen.

Nerds & Geeks
Bei den Nischenbewohnern handelt es sich im Fall der Gadget-Kultur mit Nerds und Geeks um Männer mit denkbar schlechtem Sozialprestige. Unter Nerds versteht man nämlich im allgemeinen Außenseiter und Sonderlinge mit Hang zu Wissenschaft und Technik. Die einzige positive Eigenschaft, die Nerds gemeinhin zugeschrieben wird, ist ein überdurchschnittlicher Intelligenzquotient und ein Händchen für Computerprobleme.

Stil, Coolheit oder Sex-Appeal gehören dagegen zu Nerds ebensowenig wie zur verwandten Gruppe der Geeks. Deren Eigenschaften decken sich weitgehend mit denen der Nerds, nur dass bei den Geeks der Akzent eher auf einem Faible für Science Fiction und Phantasy liegt. Nerds und Geeks führen nach dem gängigen Klischee ein mäßig aufregendes Sozialleben, dafür kennen sie sich umso besser mit realer und fiktiver Technik aus. Aber das Abziehbild des Nerds hat schon länger Risse bekommen und seit dem New-Economy-Hype wird hart um die soziale Neupositionierung der Nerds gerungen.

Schließlich war plötzlich ein bleicher Spasti mit Brille der reichste Mann der Welt und Computer mussten als Quelle des neuen Reichtums ja irgendwie sexy sein. In der zähen sozialen und kulturellen Praxis zieht sich so ein Transformationsprozess natürlich, schließlich gilt es aus bislang jämmerlich geschmähten Strebern neue Role-Models und aus Maschinen mit einem denkbar miesen Image die Nachfolge von Auto und E-Gitarre zu formen.

Das trendfühlige Hollywood hat diese Transformation übrigens schon einmal vollzogen: Gerade als die Internet-Blase endgültig in ihre hysterische Phase kam, zeigte die Traumfabrik einen Computerprogrammierer als Action-Helden mit Jesus-Qualitäten. Aus dem “süßen” Jungen, den Matthew Broderick 1983 im Hackerepos “Wargames” gab, wurde 1999 in “Matrix” der ganze Kerl Keanu Reeves. Und dieser Traummann und seine Kumpels sind waschechte Nerds, die mit Hilfe von selbst gebauten Gadgets gegen das sinistre Regime wild gewordener Maschinen kämpfen. Denn auch wenn das Apple, Motorola und Sony nicht gefällt, sind Nerds eben keine tumben Konsumenten, sondern Maschinen-Freaks auf Borderline-Patrouille zwischen Produkt-Ekstase und subversivem Hacker-Ethos.

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Elektronische Lebensaspekte.

11 Responses

  1. Technik-Fetischismus « holzmeister

    […] oder PC ist da noch eine alttestamentarische Glaubensfrage. Wir durchleuchten die neue Analogie derGadgets als Popstars, erklären eine gänzlich neue Mediensituation , die durch Gadgetblogs wie Gizmodo und Engadget […]