Debug goes Science Fiction. Heute stehen RFID Chips und biometrische Daten drohend vor der Tür. Und wo stehen wir 2016? Wir haben vorausgesponnen und präsentieren euch die Überwachungsgadgets und ihre Gegen-Gadgets aus der nahen Zukunft. Ausreißen, aufbewahren und 2016 nachprüfen.
Text: Walter Opossum aus De:Bug 101

“Früher war alles besser” und “Meinen Klonen soll es einmal besser gehen” halten sich auch 2016 noch die Waage: Debug Nummer 210 hat wieder mal KLF auf dem Cover, weil sich die Redaktion nach einem dritten Eurotrash-Revival sehnt, außerdem wird der Ludditen-Hype noch einmal aufgekocht. In Deutschland heißt das persönliche Kommunikationsgerät hartnäckig “Medy”, die Piratenhochburg Osttimor wird von der Kim-Jon-il-Gang kontrolliert und die frisch gekürte UNO-Generalsekretärin Merkel macht neben der Beendigung des Wasserkriegs, der seit 2013 den nahen und mittleren Osten destabilisiert, Daten-Balance zum zentralen Punkt ihres Programms. Populäre Gadgets und Tools lassen sich 2016 wie gehabt in zwei Kategorien einordnen: Einerseits muss man auf unvorhergesehene Dynamiken der technischen Entwicklung und Anwendung reagieren, was 2006 die Firewall am PC war, ist jetzt die Dose IDSlam aus dem Drogeriemarkt oder die in Agenturkreisen obligatorische fTube. Andererseits machen Gadgets das Leben nach wie vor bunter, angenehmer oder luxuriöser: Villenbesitzer geben mit ihrem VSS an, die letzten Ehen werden mit iMS gerettet und pazDef schont unsere Nerven.

pazDef: Die verlorene Generation
2008 schwappte die erste Hikikomori-Welle von Japan um die Welt: Jugendliche Totalverweigerer, die sich in ihren Zimmern einsperren, ihre Tage verschlafen und die Nächte mit Videospielen oder Comics vertrödeln. Elternverbände und Sozialpolitiker trafen sich ausgerechnet im Sommer 2011 zum ersten Hikikomori-Weltgipfel – zeitgleich kündigte Ohropax die vollständige Umstellung der Produktion von den klassischen Wachsstöpseln auf pazDef-Implantate an, was dem deutschen Traditionsunternehmen allerdings nichts mehr nützte, weil Lenovo mit seinem pazDef-Verkaufsschlager “MyZone” den Markt bereits fest im Griff hatte. Die “Personal acoustic zone Defense”-Technik (pazDef) eliminiert sämtliche Umgebungsgeräusche durch den alten Phasenverschiebungs-Trick: Duplizierte, aber exakt um eine halbe Amplitudenlänge verschobene Schallwellen heben sich praktisch auf, wodurch Stille entsteht. Und weil 7,5 Milliarden Menschen sich gegenseitig mit Medy-Blastern und vWVC (siehe Seite 51) gehörig auf die Nerven gehen, wurde pazDef schnell zum Verkaufsschlager – beschleunigt durch den für Ohropax letztendlich ruinösen Preiskampf, in dem Lenovo seine Stellung behaupten konnte. Inzwischen benutzt außer den Ludditen eigentlich jeder regelmäßig pazDef, Ausnahmen stellen nur Singapur und Norwegen dar, wo angesichts des zweiten Hikikomori-Booms schon der Besitz von MyZone mit der Todesstrafe geahndet wird. In anderen Ländern sind entsprechende Gesetze allerdings durchweg gescheitert, obwohl die pazDef-Hikikomori weltweit ein ernsthaftes Problem darstellen: Konservativ geschätzt verweigern sich rund 15 Prozent aller Jugendlichen seit mehr als einem Jahr der Akustik ihrer natürlichen Umgebung, was in der Regel mit der Dauerbeschallung durch J-Sphere-Soundscapes einhergeht. Die verheerenden Auswirkungen dieser Kombination sind spätestens, seitdem chinesische Wissenschaftler die erste Langzeitstudie zum exzessiven J-Sphere-Landscape-Konsum vorgelegt haben, nicht mehr zu leugnen: Die meist auf 24 Stunden angelegten, extrem lieblichen und psychoaktiven Soundlandschaften fördern demnach eindeutig asoziales Verhalten und Autoaggressivität. In den meisten Ländern kann man sich trotz dieses Befundes nicht zu einem Verbot von pazDef und J-Sphere-Landscapes durchringen, weil fast niemand auf den gelegentlichen Gebrauch verzichten will. In Europa wurde stattdessen 2015 “natürliches Hören” als Pflichtfach ab der ersten Klasse eingeführt. Die erste Bilanz dieser Maßnahme ist durchwachsen, die meisten Erwachsenen werten es aber schon als Erfolg, wenn Kinder für vier Stunden in der Woche ohne MyZone auskommen müssen.

fTube: Lass dich nicht mossen
Mike Skinner aka The Streets (siehe auch: Seite 26) befürchtete schon 2006, dass ihm das gleiche Schicksal wie Kate Moss widerfahren wird: Irgendwo ist immer ein skrupelloses Arschloch, dass seine Handykamera zückt, wenn ein A-, B- oder C-Promi sich mit einer Prise Koks vergnügt. Ausgerechnet ein gefeuerter Sun-Journalist hat Skinner und Co 2010 aus dieser Bedrouielle befreit und fTube (Flashing Sniff-Tube) erfunden, das unter dem Markennamen “A-Sniff” heute an jedem besseren Zeitungskiosk für 2.000 Euro zu haben ist: Unterdruck im Röhrchen löst einen 360-Grad-Blitz aus, der hell genug ist, um das Fotografieren des Sniffenden wirkungsvoll zu sabotieren.

D-Cam: Das Erbgut wird zur Plage
Während man sich 2006 noch darüber echauffierte, dass Einbrecher und Verkehrssünder in Großbritannien in der polizeilichen DNA-Datenbank landen, bekommt man 2016 über die üblichen illegalen Osttimor-Connections den genetischen Fingerabdruck von rund 80 Prozent aller siebeneinhalb Milliarden Menschen zum Standardpreis von fünf Euro (Inflations-bereinigt etwa 20 Cent). Unterdessen ist die Analyse von einer zeitaufwendigen, mehrere hundert Euro teuren Operation zum Standard-Feature jedes Taschenmessers oder Medys geworden. Die Auswirkungen sind selbstredend äußerst lästig und zwar nicht nur für Straftäter: Eine zeitlang war es en Vogue, beim Betreten einer Wohnung oder eines Büros zuerst zu checken, wer sich zuletzt in den Räumen aufgehalten hat, wodurch zahlreiche Ehen, Beziehungen und Freundschaften sich in DNA-Brösel auflösten, in einigen Ländern stieg die Scheidungsrate sogar auf mehr als 90 Prozent (in großen Teilen Lateinamerikas sind Eheschließung inzwischen einfach abgeschafft worden). Den entscheidenden Impuls bekamen DNA-Datenbanken durch die umstrittene “EU-Richtlinie zur Verbesserung des Wohlbefindens” von 2009, die eine durchgängige Registrierung aller EU-Bürger und die Zusammenlegung der nationalen Datensammlungen vorschrieb. Zwei Jahre später landete die Kim-Jon-il-Gang den Coup, der ihre Stellung als führende Hackercrew begründete und das nötige Kapital für den Ausbau Osttimors zum uneinnehmbaren Bunker brachte: der legendäre Crack der zentralen EU-DNA-Datenbank. Seit 2014 gibt es allerdings Abhilfe vor neugierigen Freunden, Geschäftspartnern und nicht zuletzt Polizisten: Sprühdosen mit D-Cam (DNA-Camouflage) enthalten Millionen unterschiedliche DNA-Schnipsel, die die eigenen Spuren wirkungsvoll vor einer einfachen Analyse schützen. Nach dem prompten, globalen Verbot von D-Cam konnte die Kim-Jon-il-Gang sich mit “f*** CSI” ein zweites lukratives Standbein aufbauen, wodurch heute so gut wie alle Gebäude flächendeckend mit DNA-Müll kontaminiert sind und Interpol in eine schwere Krise geriet.

W-Con: Quanten gegen die GEZ
Die Geschichte der WLAN-Hacker und -Schnorrer ist genauso alt wie die der Funknetze selbst: Das 2006 gängige WEP wurde spätestens 2009 völlig obsolet, als das FuckWEP-Tool einen Verbreitungsgrad von 80 Prozent erreichte – ausgelöst durch die Publicity des Prozesses gegen den philippinischen FuckWEP-Coder vor einem US-Gericht, der zuerst durch die Schwierigkeiten des Richters, das F-Wort in der Verhandlung zu unterbinden, internationale Aufmerksamkeit erfuhr. Zwar standen zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche WEP-Nachfolger wie Fast Packet Keying oder das Extensible Authentication Protocol zur Verfügung, aber auch diese Maßnahmen wurden bald umgangen und als 2011 die Quanten-Funk-Modulation (QFM) ernsthaft praktikabel wurde, war die Zeit für eine grundlegende Lösung der Sicherheitsfrage bei Funknetzen reif. QFM wurde zunächst von so gut wie der gesamten wissenschaftlichen Community als esoterische Lachnummer abgetan, inzwischen gilt ihr Entdecker Hu Jintao als heißer Kandidat für den Physik-Nobelpreis 2017. QFM erlaubt es, die Ausbreitung von Funknetzen räumlich exakt einzugrenzen, wodurch das WLAN da bleibt, “wo es hin soll: in Ihrem Büro oder Ihrer Wohnung”, wie es der Claim des Marktführers W-Shape treffend beschreibt. Very beliebt ist W-Shape auch bei den GEZ-Verweigerern: Seit 2007 gilt jeder Rechner mit Internet-Anschluss als TV-Gerät und den GEZ-Schnüfflern reicht seit dem Urteil des europäischen Gerichtshofs von 2010 der Nachweis eines Funknetzes in der Wohnung, um abzukassieren. Mit W-Shape zieht jetzt wieder die Ausrede, dass man Luddit sei und daher gar keinen Rechner besitze.

rtVoiM: Wenn Frau Merkel anruft
Die “real Time Voice Modulation” gilt als Nebenprodukt der Spracherkennungsforschung koreanischer Geheimdienste, allerdings ist diese Verbindung nie offiziell zugegeben worden. Die bis dahin völlig unbekannte Firma Hyndai-Mobile brachte jedenfalls aus dem Stand 2012 die erste fast ausgereifte rtVoiM-Software auf den Markt und gewann innerhalb eines Jahres alle großen Handy- bzw. Medy-Hersteller als Kunden. rtVoiM ermöglicht es, beliebige Stimmprofile in Echtzeit zu nutzen, also beispielsweise mit der Stimme von UNO-Generalsekretärin Merkel ein Telefonat zu führen: Gewohnt ins Mikro sprechen und beim Gesprächspartner kommen die eigenen Worte in der Stimme Merkels an. Die ersten Versionen der Software hatten noch Kinderkrankheiten, vor allem bei der korrekten Umwandlung von Lachen oder anderen nonverbalen Gesprächselementen, aber seit dem letztjährigen CeBIT-Knaller Hyndai-Mobiles mit rtVoiM 7.0, das als “xVoice” vermarktet wird, gelten diese Probleme endgültig als gelöst. Inzwischen ist xVoice eine ähnliche Teenager-Plage wie 2006 das Klingeltonunwesen: Kein Jugendlicher, der als halbwegs “lesbisch” (2006 hätte man wohl “cool” gesagt) gelten will, telefoniert noch mit der eigenen Stimme, wobei natürlich die aktuellen Stars Wins Lu, Spanking George oder Cinderella am Start sein müssen. Der wahrscheinliche Geheimdienstursprung der Software wird auch dadurch bestätigt, dass von Beginn an akustische Wasserzeichen integriert waren, die dem normalen Nutzer zeigen, dass hier mit fremder Zunge gesprochen wird und Ermittlungsbehörden darüber hinaus die individuelle rtVoiM-Seriennummer verraten. Vor allem in Callcentern ist xVoice äußerst populär, fast alle Konzerne haben Bollywood-Star-Stimmen exklusiv für ihre Mitarbeiter lizenziert.

VSS: Glotz nicht blöd, Satellit
Nachdem Google-Earth ab 2009 die klassische Internet-Navigation endgültig abgelöst hatte und sowohl bei Firmen als auch Privatpersonen die althergebrachte Postadresse wieder zur ersten Anlaufstelle für alle eingehende Kommunikation avancierte, ist der Satellitenblick zum alltäglichen Standard geworden. Natürlich haben dadurch auch die Services von Google-Earth und der auf Nischen spezialisierten Konkurrenz eine neue Dynamik erfahren, so dass die Bilder von populären Gegenden inzwischen höchstens eine Woche alt sind und eine Mindestauflösung von fünf Zentimetern haben. In der Konsequenz wurde der Sichtschutz gegen neugierige Blicke von oben immer virulenter, zuerst bei Firmen und Bollywoodstars, inzwischen aber auch bei jedem Balkonbesitzer, der auf sich hält. VSS (Virtual Satellite Shield) heißt die Lösung des Problems, wobei die Abkürzung verwirrenderweise zwei ganz verschiedene Techniken beschreibt: Das militärische VSS erzeugt eine Art Hologramm über dem zu schützenden Gelände und ist somit ein wirklich sicherer Schutz gegen Satellitenobjektive, allerdings ist die Technik astronomisch teuer in Anschaffung und Unterhaltung, vor allem durch den immensen Energiebedarf. Daher leisten sich nur einige Dutzend Privatpersonen “echtes” VSS – die üblichen Angeber vom chinesischen Silicon-Hill und Aufschneider aus der Doom-Weltliga. Nachdem die militärische VSS-Variante im Zuge des ersten Wasserkrieges Lieblingsthema der Medien wurde, erwachte die übliche Google-Gier und ein in diesem Fall wirklich virtueller Satellitenblickschutz unter dem Markennamen “MyEarth” wurde lanciert: Dabei wird das Google-Earth-Bild einfach geblurrt, die Kosten richten sich nach der Größe der zu blurrenden Fläche und dem Grad der Verwischung. Seit der Service 2013 eingeführt wurde, sind jedenfalls die besseren Vororte weltweit im Satellitenbild noch mieser dargestellt, als sie es 2006 in der Betaphase von Google-Earth waren – das System hat allerdings seine Tücken: Für eine Hand voll Euros bietet die Kim-Jon-il-Gang aktuelle, scharf gestochene Aufnahmen fast aller MyEarth-Abonnenten an, jedenfalls solange diese nicht ein Zusatz-Abo bei den notorischen Datenpiraten aus Osttimor buchen.

iMS: Ein Sofa, zwei HHDTV-TV-Programme
Zwei Techniken, die schon 2006 bekannt waren, wurden 2012 endlich zu einem schlagkräftigen und wahnsinnig sinnvollen Produkt zusammengefasst: iMS (Individual Media Space) verbindet den Monitor, auf dem je nach Blickwinkel ein anderes Bild zu sehen ist, mit der Punkt-isolierten Schallerzeugung. Im Effekt wird dadurch endlich der Konsum zweier unterschiedlicher HHDTV-Programme (Hyper-HDTV, seit 2014 etabliert) in der traditionellen Sofalage möglich – vor allem bei Pärchen eine äußerst beliebte Funktion, entsprechend heißt das marktführende Produkt auch “HappyMarriage”. Vorsicht ist allerdings an der medialen Kante geboten, also am Übergang zwischen beiden Medienzonen, hier kann es zu optischen und akustischen Interferenzen kommen, die schlimme epileptische Anfälle auslösen, ein entsprechender Musterprozess befindet sich gerade in der zweiten Instanz vor einem japanischen Gericht, für 2023 wird die Entscheidung in letzter Instanz erwartet.

CC-Cam: Fresse hinhalten war gestern
Die CCTV-Camouflage, also die Tarnung vor Überwachungskameras, hat bereits eine lange, schmutzige Geschichte, inzwischen hat CC-Cam aber trotz des praktischen Verbotes der Technik für weite Teile der Bevölkerung einen Verbreitungsgrad von rund 80 Prozent in den Industrienationen. Die ersten CC-Cam-Modelle tauchten um 2008 in Wien und London auf, allerdings waren die kombinierten Abschirm- und Sendeantennen noch Regenschirm-groß, so dass sie nur von hartnäckigen Datenschützern genutzt wurden – wobei ein herkömmlicher Regenschirm fast den selben Blickschutz-Effekt hatte, nur dass CC-Cam eben nicht nur das eigene Gesicht verbirgt, sondern den neugierigen Kameras auch das Bild eines möglichst unauffälligen Passanten vorgaukelt. Richtig durchstarten konnte die Technik allerdings erst 2012, als die Antennen unter der Kopfhaut implantiert wurden, heute wird dies in jedem Kellerlokal der Osttimor-Mafia mittels minimalinvasiver Chirurgie in zehn Minuten erledigt. Seit 2014 ist der Einsatz von CC-Cam fast weltweit durch strenge und kostspielige Genehmigungsverfahren geregelt, wobei neben den Sicherheitsdiensten eigentlich nur Schwerreiche oder Mitarbeiter großer Konzerne eine Chance auf das legale CC-Cam “FaceIt!” der gleichnamigen Firma aus Singapur haben. Natürlich hat die Kim-Jon-il-Gang auch diese Marktlücke erkannt und bietet nicht nur die – für sich genommen legalen – Implantate in ihren Filialen an, sondern vor allem die nötigen (illegalen) Updates der Durchschnittsgesichter, die noch nicht in Polizeirechnern als Hacker-Ware gelten. Derzeit sieht es so aus, als ob die Behörden den Kampf gegen die unkontrollierte CC-Cam-Verbreitung weitgehend aufgegeben haben und die Kim-Jon-il-Gang im Gegenzug kooperiert, wenn es um die Entdeckung wirklich übler Tunichtguts geht. Das Einlenken könnte übrigens durchaus mit dem tragischen Fall des pensionierten Schweinezüchters mit dem bezeichnenden Namen John Smith zusammenhängen, der aus Minnesota nach Florida zog, um sich seinen Lebensabend am Strand zu vertreiben, aber dortselbst nach wenigen Wochen von einem SQUAD-Team erschossen wurde, weil ein kasachischer Topterrorist sein Gesicht als CC-Cam-Tarnung nutzte.

vWVC: Akustischer Straßenmüll
Die “virtual Window Visiting Card” ist ein typisches Produkt der unvorhergesehenen Interaktion zwischen technischer Entwicklung und sozialer Praxis: Seit dem bahnbrechenden Erfolg von Nokias 300.000bX im Jahr 2012, der übrigens auch als Beginn des “Medy”-Zeitalters gilt, ist die einfache Laserschwingungsanalyse (LSA) ein Standardfeature jedes Gadgets vom eZahnstocher aufwärts. Mittels LSA können jedenfalls über die Fenster Geräusche und Gespräche in den dahinter liegenden Räumen abgehört werden, für kurze Zeit eine beliebte Beschäftigung vor allem in den Großstädten. Allerdings konnte man die “WinBlur”-Gadgets, die den 300.000bX-Nutzern ein weißes Rauschen statt kompromittierender Gespräche liefern, schon wenige Monate nach dem erste Hype in jedem Supermarkt für schlappe fünf Euro kaufen. Nach einer kurzen Phase, in der sowohl die Medy-Ausstatter als auch die WinBlur-Hersteller sich eine goldene Nase mit Produkten verdienten, die sich gegenseitig obsolet machten, kam ein polnischer Pizzakettenbetreiber auf die Idee, statt Rauschen seine Speisekarte über die Fenster zu kommunizieren: Die “virtual Window Visiting Card” (vWVC) war geboren und wurde unter dem Produktnamen “TellTheWorld” ein weltweiter Hit. Inzwischen ist die akustische Visitenkarte vor allem bei Geschäften, Restaurants und Büros obligatorisch und vWVC-Designer ist ein genauso verbreiteter Beruf wie Webdesigner im Jahr 2006, übrigens mit einem ähnlich zweifelhaften Image (“Würden Sie ihren Klon einen vWVC-Designer heiraten lassen?”). Privatwohnungen verwenden heute in der Regel immer noch das einfache WinBlur oder TellTheWorld-Sonderangebot aus dem Baumarkt mit prolligen Standardsprüchen (“Hier gibt’s nix zu glotzen, Alter!”).

Rip De Cologne
Nach der großen Ölkrise 2008 verschwand zu Weihnachten 2009 das letzte Vinyl in Kölns Elektronik-Emporium Kompakt und die eben fertig gestellten zusätzlichen Stockwerke des Kompakt-Towers gingen in den Rückbau – Downloads und CDs (zu diesem Zeitpunkt bereits für 80 Prozent des Label-Umsatzes verantwortlich) brauchen eben wenig Lagerraum. Flexibel und geschäftstüchtig wie gehabt wandelte Wolfgang Voigt Parkplatz und Erdgeschoss in Kölns ersten Bio-Biergarten um (“Die Schaumkrone”). Die ernsthafte Bedrohung für Kompakt machte sich allerdings erstmalig 2012 bei der Eröffnung der KalkArena (das Amusementcenter des neuen hippen Studentenviertels) bemerkbar: Die Abschlussklasse der mit den Informatikern zusammengelegten Musikhochschule von Dr. H.c. Thomas Brinkmann präsentierte die von 4711 gesponsorte Software MiniRip (Minimal-CD-Ripper), die Minimal-CDs beim Rippen in urheberrechtsfreie Tracks umwandeln kann, die täuschend echt kölsch, aber ebenso minimal anders klingen, dass bisher kein Rechtsanwalt gegen die Software eine Handhabe finden konnte. Von Kompakt abgelehnte Acts und umtriebige A-Musik-Improvisationskünstler brachten die Chefetage des Parfumkonzerns dazu, weiter in die Open-Source-Software zu investieren, dessen anfänglich verwirrendes Konzept (Stockhausen- und Cage-Zitate in Hackerdeutsch sind halt nicht jedermanns Sache) so eine zunächst zögerliche Aufmerksamkeit vor allem unter den neuen DSL-Kunden von 4711 gewann. Das Potential der Software, von der 4711-Marketing “Rip De Cologne” getauft, wurde aber schlagartig beim Karneval 2013 auch einer breiteren Masse klar: Hinter dem Wagen von Prinz Ink tauchte plötzlich der der Klasse Brinkmann auf, der aus einem überlebensgroßen punktförmigen After frisch gerippte Kompakt-CDs auf die Kamelle brüllende Masse spuckte. Die dazugehörige Single von De Räuber mit der Hookline “Rin, russ, isch hänn ding Ding jebützt” chartete in den pan-rheinischen Regionalcharts sofort von Null auf Eins und machte Rip De Cologne endgültig zum ersten wirklichen Massenphänomen des im Spätwerk von Brinkmann vorzüglich als parasitäre P2Popökonomie definierten Wirtschaftszweigs, der in den 2010ern zum Kölner Exportschlager schlechthin werden sollte.

IDSlam: Unsichtbar kann jeder
Wie es dazu kommen konnte, dass nahezu jedes Ding mit einem RFID-Chip ausgestattet wurde, ist heute nicht mehr ganz klar. Wenige denken überhaupt noch darüber nach, die Vorteile einer “Volltext-Suche” in der realen Welt sind einfach zu offensichtlich – Ganz abgesehen von dem für jede Industrienation unersetzlichen Wachstumsmotor der Anonymisierungs-Ökonomie. IDSlam (RFID-Slammer) wurden anfänglich noch in einer Retro-Wiederbelebung des technoiden Street-Styles der Cyberideologen verortet (Gott, dieses Alu überall), der Stil der Anonymisierungs-Gadgets wandelte sich aber grundlegend, als man die elektrostatischen Qualitäten der Nanoflys in den Griff bekam und “ID-Fog” als erstes IDSlam-Massenprodukt die Drogerien eroberte. Die damals noch elend unhandliche Sprühdose mit ihrem primitiven Nano-Nebel, der relativ wetterunfest war (eine einzige Briese und man war praktisch nackt) bot eine erste geruchslose und transparente Möglichkeit, jegliche Auslese von Daten durch ein statisches Rauschen zu ersetzen. Ob seiner Erschwinglichkeit führte er auch nicht zu den zunächst befürchteten Überfällen, denn es lohnte sich einfach nach wie vor für die Taschen-PC-Diebe mittels einer gehackten Wert- und Risikoanalyse willige, geeignete, lohnende Opfer zu finden. Am Erfolg vermutlich nicht ganz unschuldig war der sofort ins Massenunterbewusstsein verankerte Marketing-Claim von ID-Fog: “Unsichtbar kann jeder”, der Procter & Scramble jedoch ebenso schnell zum Verhängnis werden sollte, als die ersten Nanoflys komplexere Datenanalysen vornehmen konnten und es nicht mehr darauf ankam nichts wiederzuspiegeln, sondern zu sein, was man an Daten von sich zu lesen gibt. Über den RFID-Datenraum legte sich der so genannte CFID-Layer (von C wie Chameleon), der nicht nur große Teile der Kosmetikindustrie schlucken sollte, sondern auch die Markenindustrie quasi zugleich umstülpte und verdoppelte, denn von nun an konnte man sich zwei Carhartt-Jacken kaufen, die, die man anzog und die anderen sagte, dass die Jacke, die man trägt, eine Carhartt-Jacke ist, und die, die man nicht anzog und die anderen trotzdem sagte, dass die Jacke, die man anhat, eine Carhartt-Jacke ist, egal wie laut das Sakko von Comme Des Garcons, das man wirklich auf der Haut trägt, protestiert.

bSpecs: Deine Welt ist besser als die echte
Schon als in den frühen Zweitausendern die erste Wellnesswelle durch die Welt fegte, hätte man wissen können, dass bSpecs (better World Spectacles) irgendwann zu einem Renner werden müssen. Die “Rosa Brille”, wie sie im Volksmund hierzulande hartnäckig heißt, war der definitive Durchbruch für die Computer-gestützte Optik und führte zum jähen Aus anderer Produkte des mobilen Entertainments wie Handys, Palmtops oder iPods. bSpecs rechnen je nach zugekauftem Softwarepack alles aus dem Bildfeld, was man nicht sehen will, und ersetzen es durch Dinge, die man gerne sieht. Für nahezu jede Zielgruppe gab es auch sehr schnell spezielle Packages (einer der Renner war lange Zeit das No-Logo-Pack, das selbst hartnäckigste Neonreklamen von Fassaden, Klamotten und sonstigen Bildern radierte, beliebt auch Touristenpakete, mit denen man Städte in ihren verschiedenen historischen Zuständen durchlaufen konnte, und natürlich bei den Kids die Doom-Variante, die direkt bei Markteinführung von bSpecs die Verschmelzung mit der Spieleindustrie vorwegnahm). Es dauerte nur wenige Monate, bis der bSpecs-Hersteller NiceWorld (zu 51 Prozent im Besitz von Google) der größte Medienkonzern der Welt war und bis zur Einführung von kompletten Serien- und Movie-Packs (die Menschen in der eigenen Umwelt tragen die Gesichter deiner Lieblingsserienstars) dauerte es nicht mal ein Jahr. Versuche, mittels bSpecs diversestes Suchtverhalten zu kurieren (nach dem Motto: Was man nicht sieht, kann man auch nicht Schlucken) scheiterten allerdings grundlegend, da niemand eine völlig schmerzfreie und gesundheitlich unbedenkliche sowie leicht rückgängig zu machende Verschmelzung der Bügel mit Nase und Ohren hinbekam.

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Elektronische Lebensaspekte.