Felix Kubin führt seit NDW-Tagen den Klangkrieg auf allen nur denkbaren Guerillapfaden. Daguerreotypen für den Plattenspieler bauen und den Korg-Synthie von hinten anfallen gehört da noch zu seinen entgegenkommenden Ausfällen.
Text: Jörg Clasen aus De:Bug 40

Kunstpionier oder Musikquerulant?

Felix Kubin

Schräg oder was? Über ein House-Label zu schreiben oder über Udo Jürgens ist in den meisten Fällen einfach, weil von vornherein definiert ist, worum es geht. Die Schubladen eben, die so gern verleugnet werden und doch hilfreich sind zur Strukturierung des Wirrwarrs in der Musik. Wenn aus der Überschrift bereits klar wird, Achtung: jetzt eine halbe Seite Hiphop, dann aktiviert der Leser die abgespeicherten Informationen und Vorurteile über das gegebene Thema, noch bevor er überhaupt den ersten Satz gelesen hat. Für Felix Kubin, Gagarin Records und Klangkrieg gibt es natürlich auch eine Schublade, die mit der Aufschrift „strange”. Nur erstens ist diese Lade riesengroß, weil alles darin liegt, was in die anderen nicht hineinpasst (auch wenn sie nach der Erfindung von „Indietronic” etwas leerer geworden ist) und zweitens kann schräg als Beschreibung genauso gut alles und gar nichts bedeuten.
Auch die klassische Bewertung ist eigentlich unmöglich. Da es sich in den meisten Fällen um eine Art moderner Avantgarde handelt, greifen die üblicherweise gebräuchlichen gut/schlecht-Charakteristika nicht. Da groovt oder rollt nichts, und es werden auch keine Basslines gedroppt, die dann unheimlich kicken. Bei Felix Kubin und Gagarin Records ist das herausragende Charakteristikum: anstrengend, und das im positivsten Sinne – wirkliches Zuhören ist der Weg des Zugangs. Bei den folgenden Projekten ist Musik gleich Kunst!

Klangkrieg brachte eine sehr untypische Neuerscheinung: „Radionik”. Auf dieser CD, die vor einigen Monaten beim jungen belgischen Label CLING-Film Records [CF 08] erschienen ist, versammeln Tim Buhre und Felix Kubin aka Felix Knoth elektroakustische Stücke aus bearbeiteten Klängen von Gasleitungen, Heizungsgeräuschen, Kühlschränken, Elektroleitungen und Morsetönen. Erstaunlich ist der musikalische Unterhaltungswert, den sie damit erreichen. Nicht bloß Geklonge und Geschepper erwartet den Hörer, obwohl die Bausteine selbstverständlich das erwartete Geklonge und Geschepper sind, sondern tatsächlich strukturierte, einnehmende Stücke Musik. Andere jüngere Veröffentlichungen aus der Feder Felix Kubins zeigen seine musikalische Vielfalt. „Jane B. ertrinkt mit den Pferden” [diskono 012] erinnert wieder mehr an ältere Klangkrieg-Platten und ist im Grunde genommen wohl eine Art auf Vinyl gepresste Vergewaltigung seiner Korg-Orgel. Mabusemäßige, abgehackte Wände aus Lärm in gnadenlosen Loops. Stücke wie „Vater muss die Stute peitschen” geben schon allein durch ihren Titel mit etwas Phantasie einen Einblick in das, was einen klanglich erwartet.
Beinahe Kraftwerk-artig klingt eine bei Pop’eclectic erschienene 7″ mit dem Titel „Schnitzler / Groscher Lausangriff”, auf der Kubin zahlreiche Aufnahmen Conrad Schnitzlers verwendet und verfremdet. Im Gegensatz zu den beiden vorher angesprochenen ist sie richtig poppig, elektropoppig eben, eigentlich sogar tanzbar.

Wenn die Orgel mit dem Radio…

Im Oktober erscheint als Zusammenarbeit von Felix Kubin und der Sängerin Pia Burnette „Tesla’s Aquarium” [Storage 005], eine Mischung aus Kurzwellenelektronik, sirrenden Farfisaklängen, dissonanten Streichern, atmosphärischen Geräuschen, Krach, Orgel-Begleitautomatik und handgespielten Rhythmen, die mithilfe einer präparierten elektrischen Gitarre vor 15 Jahren von Max Goldt in seinem Wohnzimmer aufgenommen wurden. Pia Burnette, mit der Felix Kubin vor einigen Jahren für „Filmmusik” [A-Musik A13] zusammengearbeitet hat, singt dazu englisch, deutsch und japanisch ihre mystischen Texte, während Kubin das macht, was er am besten kann: synthetisch-akustische Irre verbreiten.

Die Vielfalt Felix Kubins erstreckt sich jedoch nicht nur auf seine Arbeit als Musiker. Neben Hörspielen (demnächst wieder beim Deutschlandradio, genaue Termine erfragen unter gagarin@iworld.de) und Schreibertätigkeit wird bei Kubin auch gern gebastelt. Die nebenstehende Skizze zeigt einen 33rpm Cinematographen, bei dem in ein auf die Platte aufzusetzendes Rundteil mit vertikalen Lochstreifen Filmstreifen einzusetzen sind, die bei laufendem Plattenteller dem Betrachter ein kleines Heimkinoerlebnis bescheren. Das ganze war Beilage einer Plattenbox, die bei dem kleinen Label „rund um den Watzmann” mit Sitz irgendwo in Süddeutschland erschien, dessen Haupttätigkeit die Veröffentlichung aufwendiger Produktionen in kleiner Auflage ist.
Wer Interesse hat, etwas über die Anfänge Felix Kubins zu erfahren, kann unter http://home.germany.net/100-94713 einen autobiographischen Text über seine ehemalige Band „Die Egozentrischen 2″ finden.
Felix Kubin ist wohl einer der auffälligsten, wandlungsfähigsten und vielseitigsten Künstler im Moment, der manchmal Anstrengendes, bisweilen auch schwer Nachvollziehbares auf seine Hörerschaft loslässt, mit seinen schrägen Ausbrüchen aber auch immer wieder neue Akzente setzt. Mit Gagarin Records schafft er eine Plattform für Gleichgesinnte und sorgt damit auch auf dem Labelweg für den nötigen Einfluss durch mitteilsame Querdenker seiner Art.

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Elektronische Lebensaspekte.