Endlich ist es vorbei mit den 80er-Referenzen in der Mode. Das Mittelalter kommt.
Text: dennis dorsch aus De:Bug 99

Die Silhouette dieses Winters

2005 stand ganz im anschleichenden Zeichen der Röhrenjeans. Männers wie Frauens. Nicht von ungefähr eröffnete Acne, die schwedische Röhrenjeans-Marke par exellence, Ende dieses Jahres ihre erste Boutique außerhalb Skandinaviens (und zwar in Berlin, wenn’s jemanden interessiert). Ging es bis jetzt vom Urreferenzmodell Levi’s 501 immer weiter in die schluffige Breite und Weite, wirkt die 501 selbst in der Badewannen-angegossenen Variante wie ein Kartoffelsack gegen die aktuellen Röhrenmodelle. Das sieht punkig oder prollig aus, je nach Heroin- oder Burger-Figur. Auf jeden Fall würde die Röhre allein noch keinen Ausweg aus dem 80er-Retro-Dilemma weisen. Aber – wir verraten es schon vorweg -, 2006 kommt die Kombination, die den ganz großen historischen Bogen schlagen wird, Jahrhunderte statt Jahrzehnte werden ins Visier genommen. Die Röhrenjeans wird ergänzt durch die dick gefütterte Kurzjacke. Und zwar schon ab diesem Winter. Der viertellange Parka tritt ab, die aufgepumpte Jacke endet auf der Hüfte. Das ergibt die typische Fernsehturmsilhouette.
Und woher kennen wir das? Aus dem ausgehenden Mittelalter im 15. Jahrhundert (siehe Abbildung). Aus der Zeit vor der Renaissance, vor dem Siegeszug der Wissenschaften. Als die Erde noch ein Fixstern und der Schöpfer der Schöpfer war, alles eine Ecke simpler also (im Klischee-ergebenen Rückblick zumindest). Wenn die aktuelle Mode mit ihrer Silhouette auf diese Epoche verweist, greift sie mit der Intuition eines Künstlers eine Tendenz auf, der der MIT-Direktor John Maeda mit seinem Projekt ”Simplicity“ nachspürt (siehe Artikel Seite 56) und die auch die immer Laien-freundlichere Internetsoftware von Blogs und Vlogs bestätigt. Alles muss wieder einfacher werden. (Das Simplifizierungs-Phänomen wieder erstarkte Religiosität bis hin zum Kreationismus will ich gar nicht berühren …)
Mit ihrer mittelalterlichen Silhouette ist die Mode an der Wende 2005/06 also weitaus näher an den technologischen Trends der Zeit als alle bisherigen Wearable-Versuche zusammen.

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Elektronische Lebensaspekte.