Die Games Convention ist das erste Exemplar ihrer Spezies in Deutschland. Unsere Spieleredaktion Heiko und Nils erstromerte dort einen Überblick über das, was so auf uns zukommt: Von Linux auf der XBox oder doch nicht, kommenden Ego-Shootern und anderen Entwicklungen, die uns bis zum traditionellen Höhepunkt jedes Game-Jahres, Weihnachten, erwarten werden.
Text: Nils Dittbrenner, Heiko Gogolin aus De:Bug 64

Lautstärkedarwinismus galore – nach stundenlanger Anreise durch überflutete Terrains schallt es einem bei Betreten der Hallen sofort auf allen Frequenzbändern penetrant entgegen. Entsprechende Phon-Limits wie auf anderen Messen kennt man hier ohrenscheinlich noch nicht. Die wären beim musikalischen Rahmenprogramm von Brooklyn Bounce bis Jürgen Drews aber durchaus angebracht; gerade letzterer wirkt mit seinem Lattenkracher “Sechs mal Sex am Tag” doch reichlich deplaziert. Anyway, die Games Convention, Messe für Computer- und Videospiele, ist das erste Exemplar ihrer Spezies in Deutschland, da ist der Rabatz verständlich, gilt es doch den argen Schiffbruch der Ce-BIT-Home zu vermeiden. Einige erinnern sich vielleicht noch an den gescheiterten Versuch, einen Consumer-Elektronik-Ableger der weltgrößten Computermesse zu etablieren, um das ausschließlich nach Postern und Aufklebern gierende Massenpublikum “auszugliedern”. Sowohl Japan als auch Amerika haben bereits ihre relevanten jährlichen Spieleschauen, nur Europa hinkt wie so oft im Game-Biz etwas hinterher. Die bisherige Ausnahmeerscheinung ECTS in London kämpft zudem mit sinkendem Zuschauerinteresse, da packt man doch gern die Gelegenheit beim Schopfe, um in einer strukturschwächeren Gegend neue Akzente zu setzten. Mit 80.000 Besuchern an vier Tagen ist es dann auch zumindest quantitativ ein gelungenes Debüt. Die Stimmung in der Branche scheint exzellent, kein Wunder bei den prognostizierten Gamer- und damit Umsatzzuwächsen. Leider findet man sich, wie zu befürchten, auf einer unverblümten Männerveranstaltung wieder, garniert mit Sexismen und Arsch- und Tittenmarketing à la Tomb Raider Promo-Tussen in Hotpants oder Chicks in knappem Atari-Merchandise, die den erhofft-hippen Relaunch der traditionsreichen Marke verkünden. Trotzdem eine freudige Randbeobachtung: Unter den BesucherInnnen der Alterstufe von 10-15 Jahren gibt es, allein oder in Grüppchen, einen erkennbar hohen Girlsanteil. Vielleicht ein Anzeichen von sich endlich wandelnden Sozialisationsmechanismen der schönen neuen Genderwelt.

Big S und Big M

Im Konsolenbereich dominieren natürlich die beiden anwesenden Big Player, Sony und Microsoft. Nintendo glaubt scheinbar, sich seine Abstinenz leisten zu können. Schade, denn so ist von einigen der lang erwarteten Hits wie Mario Sunshine und Konsorten leider nix zu sehen. Schon einen Tag vor offiziellem Messebeginn läuteten Pressekonferenzen die nächste Runde im Preisclash der Titanen ein: Sowohl bei der PS2 als auch bei der XBox stehen fortan 50 Euro weniger auf dem Kassenzettel, also summa summarum je 249 Euro. Microsoft wurde dabei nicht müde zu betonen, dass ihre Preissenkung nichts mit dem Konkurrenten zu tun habe. Wie weit da bis Weihnachten noch Spielraum nach unten ist, bleibt Spekulation. Sony könnte am ehesten ohne Schulterzucken mit dem VK runtergehen, da der Break-Even bei der Hardware längst erreicht ist. Allerdings hätte bei solchen Dumpingpreisen für einen DVD-Player deren eigene Inhouse-Konkurrenz vom Hifi-Segment wohl noch ein Wörtchen mitzureden. Außerdem scheint der aktuelle Preis dem Anwender auch nicht zu hoch zu sein.
Die Krone des Marktführers sitzt weiterhin eindeutig und unangefochten auf dem Kopf der Japaner, nicht ohne negative Auswirkungen. Viele Titel werden zunächst für die PS2 entwickelt und dann einfach und kostengünstig, quasi handwerklich und vor allem ohne Nutzung der entsprechenden Hardwarestärken portiert. Das technisch schwächste Glied der Kette determiniert so den Standard bei Multiplattformentwicklungen, die aufgrund ihrer Lukrativität einen immer größeren Anteil am Softwareangebot einnehmen. Sega released nach dem Abschied vom Hardwaregeschäft bereits für alle Systeme, und auch der Yamauchi-Nachfolger an der Spitze von Big N überraschte neulich mit seiner Aussage, dass der GameCube eventuell die letzte eigene Nintendo-Konsole sein könnte, den Handheldbereich mal ausgenommen.
Großes Thema, zumindest auf Vorguckerseite, ist natürlich auch der Online-Launch auf PS2 und XBox. In den USA und Japan funzt es bereits dieser Tage, für uns Euros bleibt zunächst nur das Warten. Wann was nun genau an den Start geht, ist noch unklar. Die XBox dürfte schneller drin sein, da alle dafür benötigten Hartwaren bereits an Bord sind, ein nicht zu unterschätzender Vorteil, sind doch Konsolenspieler in der Regel eher upgrade-unlustig. Bei der PS2 muss der Online-Gamer in spe zusätzlich in die Tasche greifen, um den nötigen Netzadapter samt Festplatte zu erstehen. Ob im Softwarebundle oder als Stand Alone, es wird sich erst noch zeigen, wie sehr die Sofapotatoes Bock auf Online haben. Selbst wenn die Infrastruktur freigeschaltet ist, bleibt als Eintrittsbedingung dann immer noch der Breitbandanschluss. Unter dem rollt auf beiden Plattformen nichts, no way.

Konsole als Heimrechner

Den aktuellen Bestrebungen, Linux auf der XBox zum Laufen zu bringen, misst Microsoft offiziell noch wenig Bedeutung bei, obgleich die Version 0.1 schon am Start ist. Spannende Sache, da die XBox damit der dickste Low Cost-Heimcomputer ever wäre: 8GB HD, Dolby 5.1-Sound mit DigitalOut, Grafikpower für die ganz Großen und alles zum Preis einer mittleren GeForce-Karte. Kein Wunder, dass aus Präventionsgründen selbst für den Online-Service XBox-Live keinerlei PC-like Zusatzperipherie wie z.B. Tastatur oder Maus in Planung ist. Sony gibt sich da entspannter und zeigt neben einem bereits rund laufenden PS2-Linux-Kit (von Kollege HAL 9000 präsentiert: it works!) noch ein neues Interface namens “Eyetoy”, bei dem der Spieler webcamgleich aufgenommen und in den Bildschirm gepastet wird, um dort in Minigames Fenster zu putzen oder Digitalitäten zu verhauen – ein bisher recht kurzer Spaß, aber bei vernünftigen Spielideen und -umsetzungen kann da noch was kommen. In Zukunft herrscht zudem wohl freudige Kompatibilität zwischen Konsole und Sonys bekanntem Memory-Stick. Konvergenz rules, ein weiterer Schritt zum Alleskönner im Wohnzimmer, der auch in Form der, erneut abwärts-kompatibel geplanten, Schaltzentrale PS3 die Kassen mächtig klingeln lassen soll.

Sequels statt Sensationen

Auf Spieleseite gibt‘s massig nette Titel zu bestaunen, aber nahezu nichts, was einen wirklich umhaut: Tonnen von Sequels (z.B. “Tomb Raider”, “Rayman”, “Turok” und viele viele Sporttitel), meist qualitativ voll in Ordnung, aber doch gänzlich ohne neue Standards. Zudem fehlen einige lang erwartete Smasher, neben vielen Nintendo-Highlights leider auch der GTA III-Nachfolger “Vice City” im retro-eighties Neon-Look samt Miami-Setting. Auf der XBox begeistert zumindest das innovative “Blinx”. In diesem cartoonigen Jump’n’Run spielen wir Blinx, die Katze, in deren Abenteuer wir mittels einer Videorekorder-Funktion die Zeitachse manipulieren dürfen – die Festplatte macht’s möglich. Mit der fröhlichen Rekorderamatur löst man einige altbekannte Rätsel durch geschicktes Aufnehmen und Rumspulen. Steht Blinx z.B. vor einer leeren Wippe, nehmen wir unser Drauftreten auf einer Seite mit dem Rekorder auf, spulen ein wenig zurück, gehen erneut in die Aufnahme rein, stellen uns auf die andere – schwups und ab nach oben!
Auffallend ist ein großes Shooter-LineUp zum Weihnachtsgeschäft. Ob nun “Unreal Championship” (XBox) zum fraggen, “XIII” (multi) als hipper Cel-Shader, “Time Splitters 2” (multi) oder “Splinter Cell” (multi) als eher sneakiger Vertreter des Genres: Geballert werden darf über den Winter, was das Zeug hält, trotz der von allen Seiten zu hörenden neuen Töne der “pädagogisch wertvollen” Titel im LineUp. Electronic Arts zeigt sich ganz Major. Für das Fest der Liebe wird nicht weniger als 50 % Marktanteil propagiert – erinnert irgendwie an den Versuch der Self-Fulfilling-Prophecy im gelben Wahlkampf.

Ein nettes Rahmenprogramm rundet das Messe-Wirrwarr angenehm ab. Neben einer schönen Ausstellung zur Geschichte der Videospiele mit vielen Exponaten lauschen wir Vorträgen und Präsentationen an den Ständen der beiden inländischen Gamedesign-Kaderschmieden Games Acadamy und it-Akademie Ostwestfalen. Unterm Strich also ein vielversprechender Start für die Games Convention: We’ll be back.

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Elektronische Lebensaspekte.