Seitdem die Games Convention sich in Leipzig etabliert hat, liegt die Stadt zumindest für einen Moment neben Tokio oder London. Gameredaktion Nils und Heiko verschafften sich zwischen 92 000 anderen Besuchern durch tapferes tagelanges Daddeln den Überblick über das, was da so kommt.
Text: Nils Dittbrenner aus De:Bug 75

Mehr von allem Teil 2
Die Games Convention

Der oben zitierte, zugegebener Weise dämliche Spruch war zwar nicht offizieller Leitspruch der zweiten Games Convention, doch immerhin, Fachbesucher sollten mit ihm im Vorfeld zur Anreise nach Leipzig bewegt werden. Scheinbar mit Erfolg: Diese wie auch das gemeine Fußvolk kamen zahlreicher als noch letztes Jahr nach Sachsen (92.000 Besucher, 6.000 vom Fach wurden gezählt), um sich über den aktuellen Spiele-Markt auf dem Laufenden zu halten. Neuerungen trugen u.a. dem novellierten Jugendschutzgesetz Rechnung, wie die Altersnachweis-Plastikbändchen für Teenage-Besucher und der eigene Bereich “GC Family”, welcher in verschiedenen Foren vor allem Medienkompetenz-Schulungs-Potenziale im Edutainment-Bereich beschwor und einen Kindergarten für den kleinen Nachwuchs bereitstellte.

Leipzig neben London
“Mehr von allem” hieß in den beiden Messehallen: Mehr Aussteller, mehr dB, mehr Masse, mehr Goodies, GIGA- und VIVA-Liveübertragungen vom Puls des Geschehens und das Frohlocken vieler Branchenvertreter, Leipzig neben London, Los Angeles und Tokio im Weltmarkt der Spielemessen etabliert zu haben.
Die drei Konsolenfirmen waren jeder in seinem Marktsegment dank Powerpoint am Führen und kamen mit überraschend wenig Neuem daher. Die Marketingteams von Microsoft und Sony haben scheinbar inzwischen mal zusammen vor der Konsole gesessen und verabschiedeten sich in Leipzig von ihren auf Eskapismus basierenden Claims “Play more – the Xbox Xperience” und “The third Place” zugunsten von – höchst originell: “It’s good to play together” oder “Fun, anyone?”. Vor allem wohl um das Daddelvergnügen zu mehreren mit Eye Toy bzw. dem angekündigten Karaoke-Dienst der Gates-Firma neu zu besetzen. Bei Sony wird die kleine Kamera, die mit für den lustigsten Messestand sorgte, als Killerapplikation ins Weihnachtsgeschäft ziehen, gleichzeitig soll alles ein wenig alberner werden, um, tja, den “Fun” in den Vordergrund zu stellen.
Das Microsoft-Imperium will mit dem Music Mixer spaßige Karaoke-Partys endlich auch in deutschen Wohnzimmern etablieren. Der Clou: Die Software soll aus beliebigen AudioCD-Tracks die Gesangsspur rausfiltern können, um diese dann mit eigenem Gesang zu ersetzen. Hauptsache wohl: In jedem steckt ein Superstar. Über den Live!-Dienst soll dann auch ein Voice-Chat-Dienst und gemeinsames, vernetztes Krakelen von verschiedenen Party-Standorten aus möglich sein, it’s good to – wir sind gespannt.
Nintendo – in diesem Jahr erstmals auf der GC – baut auf Game Boy, Pokémon und “Connectivity”, also den Link zwischen Konsole und Handheld. Sowohl die von der Idee geniale PacMan-Umsetzung (ein Spieler spielt Pacman auf dem GBA, drei Geister jagen diesen am Cube-Screen in jeweils kurzsichtigen Ausschnitten) als auch der Sequel-Titel Mario Kart: Double Dash (“Multiplayer Game der Show”-Award-Gewinner) zeigen, dass die Mehrspieler-Spaß-Verheißungen im Mario-Wohnzimmer schon mitgedacht wurden.

Größer, Kleiner, Schneller
Omnipräsent auf der Messe zeigte sich Nokia, jugendlich und fest entschlossen mit dem im Oktober erscheinenden Spielehandy N-Gage eine selbst entdeckte Marktlücke im Segment Portable und Online zu füllen. Inwieweit das N-Gage zum Preis einer “großen” Konsole mit kleinerem Display als die portablen Mitstreiter und als Telefon-Zwitter bestehen wird, wird die nähere Zukunft zeigen, gerade das “online” will auf Game-Seite noch nicht überzeugen, müssen wir uns doch auf eine “Arena” zum Austausch von Geist-Daten im Internet beschränken. Trotz des hohen Preises und der zum Telefonieren eigenartigen Form (abgedrängt auf die Seite) könnte durch die bei Handys üblichen Bundle-Angebote dem N-Gage ein gewisser Erfolg beschert werden. Der Markteintritt in Europa des aus Korea stammenden Gamepark 32 (für DEBUG die Hardware der Show) dürfte den Nokia-Managern dennoch Schweißperlen auf die Stirn zaubern, kommt es doch als Feature-Riese mit 320×240 Pixel großem Display, Open Source OS samt jetzt schon riesiger Online-Software-Bibliothek, USB-Link, MP3- und DivX-Player sowie weiteren Gimmicks, voraussichtlich zur Hälfte des N-Gage-Preises und zur selben Zeit in den Handel und könnte dem Nokia im angepeilten Altersgruppensegment (ohne Telefonoption) ein unerwarteter Konkurrent werden. Der Gameboy Advance / SP bleibt auch dank Pokémon unangefochten Marktführer beim portablen Gaming, ihn wird es ab sofort, dem Erfolg Rechnung tragend, in zwei weiteren Farben geben. Den schmucken Nintendo-Handheld durften sich Interessierte einen Messetag lang gegen Abgabe eines Pfandes ausleihen und so vom ganzen Drumherum gebührend Abstand nehmend den Tag verdaddeln. Eine Randnotiz noch: Von Sonys PSP (Playstation Portable) war noch nix zu sehen und zu hören.

Die Games
Das Haupthema 2003 war anders als letztes Jahr jedoch weniger die Hardware, sondern selbstredend die Games. Und denen ist es grundsätzlich egal, auf welcher Plattform sie laufen. Viele Toptitel wie das lange erwartete Soul Calibur 2 erscheinen von vornherein auf allen drei Konsolen, ebenso der grafisch imposante Sequel zu Prince of Persia, der Cel-Shooter XIII oder der Genremix Beyond Good & Evil (alle von Ubi Soft, die Franzosen hatten eines der besten Line-Ups vorzuweisen). Letzteres erhielt nebenbei zusammen mit Konamis Pro Evolution Soccer 3 die Auszeichnung “bestes Gameplay” der Show. Auch Activision setzt mit Tony Hawks Underground sowie dem brutalen Gangsterepos True Crime (welches GTA ernsthaft Konkurrenz machen könnte) weiterhin auf die größtmögliche Plattform-Abdeckung, ebenso wie Mega-Publisher Electronic Arts.
Sowohl Atari als auch Vivendi Universal haben sich aufs Thema Hollywood eingestochen, im Großen und Ganzen dürften diesem Trend aber keine Klassiker entspringen. Das Rohmaterial für die Lizenzen können wir ab frühestens nächstem Jahr in Peter Molyneux’ jüngstem Spiel “The Movies” selbst produzieren, auch bei dieser Filmstudiosimulation ist die Plattform egal und das Gameplay viel versprechend, auch im Hinblick auf die sogenannte Machinimas (Spielfilme in Computerspielengines) dürfte das Spiel ein interessanter Titel werden. Auf Sonys Konsole stach neben der späten und grafisch spartanischen Online-Rollenspiel-Umsetzung “Everquest” besonders der kuriose Titel “A Dog’s Life” (nomen est omen: die Simulation eines Hundelebens aus der Wauwauperspektive, “Innovativstes Produkt der Show”-Award inklusive) aus dem Gezeigten heraus. Microsoft präsentierte die ersten Titel vom aufgekauften Ex-Nintendo Hausteam Rare: das aufpolierte N64-Eichhörnchen Conker (wir freuen uns) ebenso wie das witzige Grabbed by the Ghoulies und (mal wieder) Kameo: Elements of Power. Darüber hinaus wurden mit Amped 2 und TopSpin zwei anspruchsvolle Sportspiele für den Live-Dienst vorgestellt. Für Gamecube gab es neben den oben genannten Multiplayer-Hits vor allem den grafisch beeindruckenden Superstar-Plattformer “Viewtiful Joe”, den neuen F-Zero-Racer und das langerwartete “Pikmin 2” (endlich mit 2-Spieler-Modus) zu sehen. Die für den PC erwarteten Blockbuster “Half Life 2” und “Doom 3” gab es leider nicht zu sehen, auch die “Sims 2” wurde uns vorenthalten. Dafür gab es als Premieren den neuen, vierten “You don’t know Jack”–Teil mit erwartungsgemäß zotigem Humor sowie eine wahre Flut an Ego-Shooter- und Strategietiteln und ein wirklich bahnbrechendes, weil neues Spielkonzept in Form von “In Memorian” zu sehen. “In Memorian” versetzt den Spieler in die Rolle eines Detektives, der ein gutes Paket von auf CD mitgeliefertem medialen Footage durch eigene Analyse-Skills und darauf folgenden RealLife-Google-Recherchen, Minispielchen und (“wirklichen”) Emails zur Lösung einer Serienkiller-Angelegenheit geschickt miteinander kombinieren muss. Laut der französischen Entwickler Lexis Numérique wurden für das auf Mac wie PC im Oktober erscheinende Spiel in den vier Jahren Entwicklungszeit über 300 Fake-Webseiten online gestellt. Mit einer Vielzahl von Lösungswegen und einer intelligenten “Lösungs-KI” dürfte das Spiel selbst für Neulinge interessant sein, scheinbar wurde von den Fehlern aus EAs “Majestic” gelernt. In Memorian gehört auf jeden Fall zu den innovativsten und interessantesten Produkten der diesjährigen GC. Ob die E-Mails vom Game nicht im Spam der Inbox untergehen, wird sich dabei noch zeigen. Ein weiteres PC-Highlight stellt “Tron 2.0” da, welches gut 20 Jahre nach dem ersten Tron-Film demnächst erscheint und wie der Film schon einige interessante Ansätze zur Visualisierung bzw. Verstofflichung der Computerwelt ausführt.

Games statt Steinkohle
In den Messehallen versteckten sich neben den großen und kleinen Publishern mit ihrem multimedialen Popanz außerdem Case-Modding-Spezialhändler, die Dreamcast-Freaks der gleichlautenden Petition sowie die Games Academy mit einem interessanten Vortrags-Programm. LAN-Partys gab es ebenso, und – ganz ernst und ein wenig deplaziert wirkend – Stände vom Arbeitsamt und der Bundeswehr.
Auf einer GC Germany dürfen die Diskussionen zu Deutschland als (oder gerade nicht) Entwickler-Land nicht zu kurz kommen, weitaus mehr Diskussionen als im letzten Jahr gab es im Vorfeld der eigentlichen Messetage auf der Developer–Konferenz GC/DC sowie im Dunstkreis der Game-Face-Initiative, die anstehende Novellierung des Gesetzes zur staatlichen Filmförderung auf den Bereich der Computerspiele auszuweiten. Die Initiatoren versprechen sich von dieser Games-statt-Steinkohle-Lösung, lenkend auf Qualität und Inhalt von in Deutschland produzierten Titeln Einfluss nehmen zu können. Ein in Detailfragen kritisch diskutierter Beitrag, der aber grundsätzlich unterstützenswert ist, gerade wenn wir uns im europäischen Ausland umschauen.
Mehr von allem – Teil 2. Was bleibt? Die Vorfreude auf eine von der digitalen Unterhaltung her gesicherte kalte Jahreszeit und die Gewissheit, dass sich die Games Convention als wichtigste europäische Fachmesse für digitales Entertainment etabliert hat. Dieses Jahr war es Content-bezogen und abseits der messetypischen Kommerz-Sonderbarkeiten spannender und vielfältiger in Leipzig. Das finden wir, ist schon was.

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Elektronische Lebensaspekte.