Was passiert eigentlich hinter der Ordnung? Wenn man seine eigenen Regeln erfindet, der Spielordnung trotzt und das Ziel verschiebt? Warum soll Widerstand nicht auch in Spielen funktionieren? Eben. Entwickle deinen eigenen Spielstil! Ein paar Vorschläge zum Start.
Text: Carsten Görig, B. Rumm aus De:Bug 79

Mach dein Freispieler-Abzeichen!
Freestyle Gaming

Du spielst. Du möchtest springen und hüpfen, du musst schneller und stärker sein als erlaubt, mit der Waffe, einem Wagen oder deinem Willen. Du willst simulieren und stimulieren, willst gut, böse und immer der Beste sein. Du sehnst dich danach, deine Initialen im Highscore zu sehen, willst entdecken, was möglich ist, brauchst immer neue Welten, Räume, Levels, willst Stil, willst Grenzen sprengen, kurz: Das tun, was sonst nicht sein darf. Und doch bist du nichts als ein Sklave. Diener von Herren, die nicht nur deine Spiele entwickeln, sondern auch dich. Die Grenzen setzen, Regeln aufstellen, dich im Griff haben. Die sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Das ist gut. Das ist böse. Das ist böse und bringt dir Punkte, deine Belohnung für Wohlverhalten. Alles hat seine Ordnung und du folgst ihr blind. Doch was passiert hinter der Grenze? Nichts? Schwärze? Höhen oder Tiefen? Was lauert da? Was wartet? Was geschieht, wenn du nicht dem Offensichtlichen folgst, auf hohe Highscores verzichtest oder eine Jagdpause einlegst? Vielleicht nichts. Vielleicht etwas, das du nicht erwartest. Auf jeden Fall etwas, das dir hilft, ein Spiel besser kennen zu lernen – und dabei seine Erschaffer. Denn wer eine Welt erdenkt, muss mit dem Unerwarteten rechnen: mit Widerstand. Leiste Widerstand! Mach das Spiel zu deinem Spiel. Denn das hat Stil. Das sprengt Grenzen. Das ist gut für dich, auch wenn es dafür keine Pokale gibt. Gleich liest du ein paar Vorschläge von uns. Das sind keine Regeln, also halt Dich nicht daran. Dir fällt bestimmt etwas Besseres ein. Spiel mit deinen eigenen Gedanken! Und dann mach dich daran, den Highscore zu knacken, der Schnellste zu sein, der Beste! Alles andere wäre doch sinnlos.

1. Finde Ruhe. Teste die Geduld des Spieles. Was macht es, wenn du nichts machst? Schau Conker an seinem “Bad Fur Day” einfach zu. Warte – bis er auf die Uhr schaut, einen Gameboy aus der Tasche holt und mit einem Jojo spielt. Irgendwann quengelt er und fragt, ob du tot bist. Halte aus, lass dein Leben nicht von einer Spielfigur bestimmen. Sie ist von dir abhängig, nicht du von ihr. Und dann sieh zu, wie Manni Calavera in “Grim Fandango” eine Zigarette nach der anderen raucht, während er auf dich wartet. Das macht ihm nichts aus, er ist schon tot.

2. Erfinde dein eigenes Spiel. Ein Spiel sind viele Spiele. Warum nicht wie früher vor den Münzen in “Mario 64” wegrennen, die dir so großmütig zugedacht sind? Wer schafft es, ihnen am längsten auszuweichen? Keine Angst: Sie werden dich trotzdem finden. Parke in “GTA III” möglichst viele Autos hintereinander und versuche, Evil Knivel zu sein. Spiele danach mit den geparkten Wagen Explosionsdomino. Oder schau, in welche Höhe du die Fahrzeuge in “Halo” sprengen kannst – zu irgendwas muss die Entfernungsanzeige doch gut sein.

3. Entdecke das Land hinter der Grenze. Glaube deinem Spiel jedes Wort. Wenn es Dir sagt, seine Welt sei unendlich – stell es auf die Probe. Wenn da eine Stadt ist, schau, ob sie irgendwo aufhört. Wenn nicht, lass dich in der Vorstadt nieder und gründe eine Familie. Wenn da ein Meer ist und du schwimmen kannst, probier aus, wie weit das Meer ist. Gibt es einen Horizont und fällst du da runter? Vielleicht gibt es dort etwas unerhört tolles zu entdecken. Vielleicht wirst du aber auch nur von einer Seeschlange gefressen.

4. Fühl dich zuhause. Das Spiel ist dein. Fahre oder laufe durch die Gegend. Genieße die Umgebung, die extra für dich gemacht wurde. Höre die Musik, genieße die Aussicht von einem besonderen Ort. Schaue in jede Ecke. Springe über Mauern, die du eigentlich für zu hoch hälst. Du wirst sehen, dass viel mehr möglich ist, als du denkst. Nur dann wirst du manchmal jemanden treffen, der größer ist als du – einen, der an alles gedacht hat: “You werent supposed to be able to get here you know” (sic) spricht er zu dir in einem Hinterhof in “GTA III”. Du bist da gewesen, wo nur er zuvor gewesen ist. Und das ist schon ein kleiner Sieg.

5. Breche die Regeln. Wenn du ein Rennen fährst, fahr deinen Gegnern entgegen – und du wirst sehen, dass dort ein neues Spiel auf dich wartet. Wenn du Fußball spielst, schieß auf dein eigenes Tor und achte auf den Kommentar. Wenn dir ein Spiel sagt, was richtig und was falsch ist: Mach es falsch! Erst nur ein wenig, dann etwas mehr. Benimm dich daneben. Manchmal passiert dann etwas viel spannenderes, ungeplantes. Aber was du auch machst, es darf niemals sinnvoll sein.

6. Sei stimmungsvoll! Musik ist dir doch wichtig. Warum also solltest du dir bei Xbox-Rennspielen immer wieder dumpfen Schweinerock und bei Shootern pathetische Streicher anhören? Wie wäre es mit einem eigenen Radiosender bei “Burnout 2” – mit deinen Moderationen und deiner Musik? Oder “True Crime” mit der Musik der Peanuts, “State of Emergency” mit Mozarts Zauberflöte? Oder “Conflict Desert Storm” vs. Lennons “Imagine”? Was nicht passt, kann passen.

7. Sei dein eigener Endgegner. Du bist deine größte Herausforderung. Versuche, “Quake” durchzuspielen, ohne deine Gegner zu töten. Weigere dich, bei “Resident Evil” etwas anderes als das Messer zu benutzen. Erledige alle Missionen in “Vice City” zu Fuß. Gewinne “Mario Kart” im Rückwärtsgang. Natürlich ist das unmöglich. Aber im Spiel kannst du versuchen, das Unmögliche möglich zu machen.

8. Mach Dich unsichtbar. Spiel Gott. Denk nicht an Coolness und Style. Benutze bei jedem Spiel alle Cheats, wenn du es durchgespielt hast. Wandle zwischen deinen Gegnern herum, ohne dass sie dich sehen. Lass sie auf dich schießen, während du nur spazieren gehst. Sei neugierig, geh durch pixeldünne Wände, verlass das Spielfeld, leg das Gerüst offen – und tauche wieder auf, wo dich niemand erwartet. Dir kann nichts geschehen, niemand erwartet dich, außer ein paar Entdeckungen.

9. Reize die Hardware aus. Spiele den Sammler. Sortiere deine Spiele alphabetisch, nach Konsolen oder nach Packungsgröße. Das macht nicht nur bei Platten Spaß. Benutze deine Gameboy-Gamepaks als Dominosteine. Übe dich mit der Xbox im Gewichtheben. Spiele-CDs an den Autospiegel hängen, um damit Radarfallen abzuwehren, ist dagegen doof. Dein Auto mit einem Controller zu steuern, könnte aber Spaß machen – zumindest im God-Mode (siehe Vorschlag 8).

10. Schalte die Konsole aus, und lass das Spiel weiter wirken: Lauf in der Stadt gegen Parkbänke und wundere Dich über deine schlechte Steuerung. Wenn dich jemand anrempelt, sei nicht böse – die KI ist meistens ein Problem. Schau dich in deinem Zimmer um: Könntest du an dem Leveldesign nicht noch etwas schrauben, und seien es auch nur neue Texturen an den Wänden? Und wenn du abwaschen musst: Nimm es als neue Mission. Dann wird vieles einfacher. Dann wirst du dich vielleicht irgendwann mal an einer Stelle wiederfinden, an der du nichts zu suchen hattest. Wer weiß, was sich dort finden lässt? Mehr als du vielleicht denkst. Spiel dich frei!

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Elektronische Lebensaspekte.