Will Ozanne über sein Debüt "The Keychain Collection"
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 160

Dieser junge Mann ist weit mehr als ein romantischer Blubstepper. Gang Colours dirigiert schleppende Beats, flirrende Synthies und melancholische Pianochords wie ein ganz Großer. Und hat obendrein eine traurige Stimme. Jetzt ist er zu Mama aufs Land gezogen.

Will Ozanne ist ein waschechter Romantiker. Daran lässt schon das Artwork seines vorliegenden Debüts “The Keychain Collection” keinen Zweifel. Man sieht ein Monington&Weston-Klavier mit Familien- und Hochzeitsfotos, dazu ein Notenheft mit Beethovens “Für Elise”. Bei der Wahl des Titels hat den Briten dann Kindheits-Nostalgie gepackt, denn der bezieht sich auf eine Sammlung von Schlüsselanhängern, die er sich in seinen Sommern auf der Isle Of Wight zusammengeklaubt habe: “Bis heute hebe ich sie in der Zigarrenkiste meines Großvaters auf. Ich fand es als Titel ganz passend, schließlich haben diese Anhänger alle ihre Geschichte, genau wie meine Songs.”
Das kann man natürlich kitschig finden. Wills Sound ist es trotzdem nicht. Der kommt deutlich schlichter daher und findet auf “The Keychain Collection” mühelos sein Gleichgewicht zwischen House und R&B. Die UK-Garage-Referenzen haben sich seit seiner noch äußerst tanzbaren EP “In Your Gut Like A Knife” vom letzten Sommer merklich gelichtet. “Ehrlich gesagt interessiert mich dieser Kram nicht mehr so. Ich möchte lieber etwas Persönlicheres schaffen”, erklärt er. Also rückt zu den schleppenden Beats und flirrenden Synthies erstmals seine eigene Stimme in den Fokus, und die verleiht Gang Colours in Verbindung mit den filmreif-melancholischen Pianochords ganz einfach: ein bisschen Pop. Den hat Ozanne schon immer geliebt: “Ich möchte mich nicht für meine Schwäche für R. Kelly schämen müssen. Für mich ist auch ganz klar: wie sich die Rolling Stones von klassischem Rhythm & Blues inspirieren ließen, beziehe ich mich jetzt eben auf gegenwärtigen R&B.”

Heavy Petting
Dass ihn aber nicht die Glossiness, sondern die Sinnlichkeit des Guilty-Pleasure-Genres interessiert, erklären eigentlich schon die Titel seiner Songs. “Heavy Petting” nennt sich der Album-Opener, ein kurzes R&B-Instrumental. Gegen Albumende singt Will dann in “Fancy Restaurant”: “I know you don’t care that much about money / But I’m going to make some and take you out”, als müsste er sich von den mit Schmuck wedelnden Hohlköpfen auf MTV noch mal explizit abgrenzen. Dabei gab es R&B-begeisterte junge Musiker, die mit dem daran angeschlossenen Stereotyp wenig gemein hatten, schon letztes Jahr, am prominentesten wohl James Blake. Ein Vergleich, den Will Ozanne nicht scheut: “Natürlich gibt es bei Gang Colours hier und da Verweise auf ihn. Interessant ist doch aber, warum wir ausgerechnet jetzt diese Musik produzieren. Ich persönlich bin nach dem ganzen Dubstep-Hype und all dem Dance in den Charts einfach übersättigt von dieser Art funktioneller Musik. Ich möchte, dass die Leute meine Musik zu Hause hören. Und James Blake habe ich ehrlich gesagt noch nie als kitschig wahrgenommen.”

Was Will dann aber von besagtem Blubstep-Posterboy unterscheidet, ist vor allem die Organik seines Sounds. Gang Colours klingen dichter, vielschichtiger und weil er seine Beats weder zerhackt noch seine Stimme pitcht wie Blake, wirkt “The Keychain Collection” eine ganze Spur vertrauter. Es ist ein ruhigeres Album geworden, das sich auch wunderbar aus Wills persönlicher Geschichte erklärt. Die begann mit dreizehn in der Southampton-Filiale des Elektronikfachhandels PC World. “Nachdem ich mit musikalisch sehr interessierten Eltern großgeworden bin, wollte ich irgendwann mehr als nur zuhören. Also bin ich losgezogen und habe mir irgendeine Software gekauft”, erklärt er. Um sich eine Gitarre oder einen Synthesizer zuzulegen, habe ihm damals neben dem nötigen Kleingeld vor allem das Selbstbewusstsein gefehlt. “Das stellt sich eigentlich erst jetzt allmählich ein”, lacht Ozanne. Erst einmal schloss sich seinem Equipment eine Loop-Machine an, die er von ein paar HipHop-DJs kannte. Damit habe er aber schnell eigene Loops aufgenommen, statt sich mit fremden aufzuhalten. Irgendwann habe er sich dann in Logic reingefuchst – und dabei sei er bis heute geblieben, um eine gewisse Organik zu simulieren.

Blubstep vom Land
Seine EP, die vergangenen Sommer ordentlich Wellen schlug, überzeugt Will rückblickend überhaupt nicht mehr. “Ich glaube, ich war damals einfach noch nicht am richtigen Punkt meiner Produktionen angelangt. Das Album gibt einen viel besseren Eindruck davon, wo ich gerade bin und was ich machen möchte”, resümiert er und erteilt Dance fortan eine Abfuhr. Beim Blick auf sein Facebook-Profil will man ihm den introspektiven Romantiker dann aber doch nicht ganz abkaufen: Da zeigt sich Will nämlich hauptsächlich als Partyboy mit Sonnenbrille im Club.
Am Video zu “Fancy Restaurant”, der ersten Single aus dem Album, kann man aber mit Leichtigkeit ablesen, was ihm in der Zwischenzeit widerfahren ist: Will ist einfach wieder aufs Land gezogen. Im Video zeigen retrofarbige Bilder die Berge, das Meer; Rückspiegel, die schmale Straßen entlangflitzen und zum Schluss ein verschwommenes Karussell. “Nach der Uni bin ich jetzt wieder bei meinen Eltern in Botley eingezogen. Darum auch das Stück ‘Botley In Bloom’. Mir fällt jetzt erst auf, wie schön Südenglands Natur ist. Und ein voller Kühlschrank”, witzelt Ozanne. Nach dem Rückzug aus den Clubs also ein Rückzug aus der Stadt. Will scheint das glücklich zu machen. Und solange Gang Colours seine Jane-Austen-Phantasien so locker mit digitalem Vogelgezwitscher auf den Arm nimmt wie in “Rollo’s Ivory Tale”, das sein Debüt beschließt, sind wir es auch.

Fotos: Jasper Clarke