Ernsthafter Kunstanspruch als wüstes Durcheinander von Elektronik, Rock und - ja - Weltmusik
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 127


Ernsthafter Kunstanspruch als wüstes Durcheinander von Elektronik, Rock und, ja, Weltmusik, in dem sich die verschiedenen Einflüsse nicht mehr klar zuordnen lassen – Gang Gang Dance klingen auf ihrem neuen Album “Saint Dymphna“ wild und anstrengend. Und ziemlich großartig.

“Oh shit! Gang Gang!“ – so könnte bald der offizielle Erkennungsruf der New Yorker Truppe lauten, die man hierzulande kaum kennt. Noch. Für Gang Gang Dance dürfte dies ein großer Herbst werden, und genauso seltsam wie das Shouting von Grime-Rapper Tinchy Stryder, mit dem der Song “Princes“ vom neuen Album beginnt, klingt ihre gesamte Musik. Dabei ist die Band, deren Songs beim Improvisieren entstehen, auf “Saint Dymphna“ so strukturiert wie nie zuvor.

Dem Warp-Label ist zu verdanken, dass Gang Gang Dance bald auch in Europa ein paar Leuten mehr als den üblichen Insidern bekannt sein dürften. Immerhin spielt das Quartett schon seit dem Jahr 2000 zusammen. Zunächst noch mit Sänger Nathan Maddox, doch der “hat diese Welt verlassen“, so Gitarrist Josh Diamond, als er 2002 auf dem Dach eines Hauses ein Gewitter beobachtete und vom Blitz getroffen wurde. Maddox, den seine früheren Kollegen als “Mystiker“ oder “Schamanen“ bezeichnen, scheint über den Tod hinaus sehr gegenwärtig. “Im Geiste ist er immer noch Teil der Band“, so Diamond.

Die Anfangsgeschichte von Gang Gang Dance klingt so chaotisch wie ihre Musik. Mit Keyboarder Brian DeGraw und Schlagzeuger Tim DeWitt hatte Diamond kurzzeitig als “Death and Dying“ gespielt, bevor sie das neue Projekt starteten. “Wir waren keine Band, sondern eine reaction force. Wir haben nicht geübt, sondern uns auf der Bühne getroffen und einfach gespielt“, beschreibt Sängerin Liz Bougatsos ihre frühere Arbeitsweise.
Mittlerweile treffen sich Gang Gang Dance schon mal zum Proben, ein Effekt des Todes von Maddox:

“Nachdem er gegangen ist, sind wir als Band ernster geworden“, so Diamond. Bougatsos stimmt ihm zu: “Ich denke, wir haben das für ihn gemacht.“ Brav klingen Gang Gang Dance noch lange nicht, dafür kommen auf “Saint Dymphna“ zu viele Dinge zusammen. Sei es die Elektronik, die mal im Hintergrund rumort, im nächsten Moment aber mit Ethno-Samples um die Ecke kommt, die Gitarre, deren Riffs genauso nach Krautrock wie nach Brasilien klingen können, sowie das Schlagzeug mit seinen ritualistischen Mantra-Mustern, bei dem kontrollierte Ausbrüche keine Seltenheit sind.

Und dann ist da der Gesang. Bougatsos’ Stimme dürfte für manchen gewöhnungsbedürftig sein. Ihr Spektrum reicht von klarem Singen über heiseres Meckern bis zu teilartikuliertem Schreien, hin und wieder verschwindet ihre Stimme komplett in Effektverschaltungen. Selbst wenn der Gesangspart mal ein wenig schrill gerät, fügt er sich irgendwie in den Klang der Band ein.

Trotz all des Durcheinanders wirkt das Album sehr konzentriert, sogar bei “Princes“, dem Akustik-Grime-Jam mit Tinchy Stryder. Das Geheimnis dieser Einheit in der Differenz liegt weniger im Produktionsaufwand als im Miteinander der Musiker: “Unser größter Einfluss sind wir selbst. Wenn sich die Leute untereinander mehr vertrauen würden, wie wir es tun, gäbe es mehr individuelle Musik“, ist sich Diamond sicher.

Geschlossenheit bedeute ihnen viel, sie schrieben nicht einfach einzelne Songs, sondern nähmen ihre Alben als Ganzes ernst. Und eigentlich möchten sie gar nicht besonders exotisch rüberkommen, so Bougatsos: “Wir haben den Wunsch, Popsongs zu schreiben und Musik zu machen, die in Clubs gespielt werden kann. Unserer Vorstellung nach tun wir das auch.“ Hochspannungsgeladener Kandidat für das Album des Jahres.

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Elektronische Lebensaspekte.