Text: ingrid arnold aus De:Bug 12

Warum DNS-Broker der Beruf der Zukunft ist GATTACA- der genetische Fingerprint kommt im Juli ins Kino Ingrid Arnold arnold@dwelle.de Neben all den Weltuntergangs- und Monsterfilmen, die uns, je näher wir und Hollywood dem Millennium rücken, vermehrt heimsuchen, ist GATTACA ein Versuch, die schöne Science Fiction-Film-Spielart der Anti-Utopie wiederzubeleben (wir denken jetzt kurz an FAHRENHEIT 451, 1984 oder BRAZIL). ”In a not too distant futureÉ” É entwirft GATTACA ein Szenarium, in dem die genetische Manipulation von Menschen gang und gäbe ist und den natürlich Gezeugten, mit leichtem Schaudern “Gotteskinder” genannt, der Zugang zu höheren sozialen Schichten verwehrt wird. Mit der Aussicht, daß das “Human Genome Project” bis zum Jahr 2005 alle 64 Millionen Kombinationen der DNS-Bausteine (G, A, T und C Ð klingelt’s?) in den menschlichen Genen geknackt haben wird, kann sowas wie die Speichelprobenentnahme der Männer ganzer Regionen wirklich erst der Anfang einer genetischen Datenbank der kompletten Bevölkerung gewesen sein. Die schlaue Anzeigenkampagne, die parallel zum US-Start letzten September geschaltet worden war, spielt mit dem zukünftigen Eltern nicht fernliegenden Wunsch, eventuelle schwere Krankheiten und Behinderungen ihres Nachwuchses ausschließen zu können (und wenn man schon dabei ist, warum nicht gleich noch die Augenfarbe mitbestimmen?): “Children made to order”. Die angegebene Telefonnummer war dann zu einem Band geschaltet: ”Welcome to Gattaca” Vincent Freeman (!) ist noch auf natürliche Weise in diese genoistische Gesellschaft hineingeboren. Er will unbedingt Astronaut werden Ð leider ein aussichtsloser Traum, stehen doch teure Ausbildungsprogramme nur sogenannten “Validen” zur Verfügung und keinesfalls Vincent mit seiner genetischen Minderwertigkeit, die sich in Kurzsichtigkeit und einem Herzfehler niedergeschlagen hat. “Bezahlen Sie jetzt, oder Ihr Kind muß später bezahlen!” Ð hätten seine Eltern doch nur schon bei ihm und nicht erst bei der künstlichen Befruchtung seines kleinen Bruders auf diesen Rat gehört. Vincent bringt es so zunächst nur zur Reinigungskraft im Gebäude der Gattaca Corporation, einem großen Raumfahrtsunternehmen É Der Untertitel “There is no gene for the human spirit” hat eine einseitige Konnotation: der Plot von GATTACA dreht sich primär um Vincents Kampfgeist und ist insofern wieder ur-amerikanisch: “Hey, du kannst alles schaffen, wenn du nur willst!”. Deshalb kann sich Vincent (Ethan Hawke) bei einem DNS-Broker die Identität des genetisch bestens ausgestatteten, aber durch einen Unfall querschnittsgelähmten Jerome (Jude Law, genial) kaufen Ð und tatsächlich schafft es “Jerome” ins Ausbildungsprogramm von Gattaca. Bald beherrscht der ambitionierte Junge nicht nur perfekt die Computersimulation der Navigation zum Saturn-Mond Titan, sondern auch das Hantieren mit Blut, Urin, Haaren und Hautschuppen von Jerome, um die regelmäßigen genetischen Gesundheits- (und damit auch Identitäts-) Checks zu passieren. Vincents Besessenheit zahlt sich aus: “Jerome” wird ausgewählt, am nächsten Flug zum Titan teilzunehmen. Doch dann geschieht ein Mord in Gattaca, es wimmelt plötzlich von Gen-Polizisten, und die genetischen Tests häufen sich É Brave New World Während jetzt die American Dream-Story in einen Film Noir mit smartem Detective und schöner Frau (Uma Thurman), einem Bruderzwist und allem drum und dran umschlägt, hat man endlich Zeit, denjenigen Anteil des Films bezüglich seiner Glaubwürdigkeit unter die Lupe zu nehmen, den man als Science Fiction bezeichnen kann. Es braucht beispielsweise gar nicht so viel guten Willen, die zunächst hahnebüchend erscheinenden Einfälle zum System der Genomanalyse als genial ausgedacht zu begreifen, etwa bei den Fingerkuppen-Pieksern: Diese gewährleisten eben, anders als ein Retina-Scannen nicht nur überhaupt eine, sondern über die Blutentnahme eine genetische Identifizierung. Und die dramaturgische Bedeutung der redundanten Urin-Tests wird am Ende auch noch klar. Eine schöne Idee auch, daß das auf allen Monitoren eingerichtete “Fahndungsfoto” des “In-Validen” Vincent Makulatur ist; das Aussehen wird in dieser Gesellschaft kaum mehr überprüft, und niemand erkennt ihn in “Jerome” wieder. Der Film weidet sich an Vincents zeremoniellen Abschrubben aller (aller?) abgestorbenen Hautzellen, in Makro-Aufnahmen abgeschnittener Fingernägel, von Wimpern und Kontaktlinsen, die zu Boden fallen, ausgerissenen Kopfhaaren, die im Wind davonwehen É Vincents Fälschung seiner Herzfrequenzmessungen mit Hilfe eines winzigen Tonband(?)geräts, das er sich auf die Brust pinnt, ist aber schon etwas gewagt. Die klinische Atmosphäre jedenfalls läßt sehr gut die Gefahr genoistischer Überwachung erahnen. There must be a gene for Stylishness GATTACAS Ästhetik ist passend kühl, gelbstichig und sehr, sehr stylish. Der glückliche Autor und Regisseur Andrew Niccol, Neuseeländer mit Werbefilmerfahrung in England durfte seinen Debütfilm gleich mit Kieslowskis Kameramann Slavomir Idziak und Michael Nyman machen. Das Ergebnis aus diesem Zusammenspiel ist erwartungsgemäß glatt und perfekt. Production Designer Jan Roelfs (fast alle Greenaway-Filme) hat für jede Location einen eigenen Farbschlüssel festgelegt, vom Bauhaus-Stil in betonfarben-schwarz-chrom-rot in Jeromes Haus bis zu diesem unglaublichen dunkelblau-grün-gelb im Gattaca-Gebäude – klingt eklektizistisch, ist aber immer fast spartanisch-schlicht umgesetzt. Das gelbe Licht erinnert an Nicholas Roegs Kamera in FAHRENHEIT 451. Es gibt keine futuristischen Dekorationen, das Design hat stattdessen einen latenten 50er Jahre-Touch (vor allem die Autokarosserien, in denen dann aber ein Elektromotor schnurrt), ohne dabei allzu retro zu wirken. Die Architektur erinnert wiederum an italienische 60er Jahre-Filme Ð man weiß nicht, ob sie Ursache oder Effekt der Beziehungslosigkeit ihrer Bewohner sein soll (GATTACA wurde tatsächlich in Kalifornien in einem Frank Lloyd Wright-Gebäude gedreht). Die Kostüme: schwarzer Anzug, weißes Hemd. Diese Stylishness kann man kritisieren, der Film verfolgt nicht wirklich ein soziales Anliegen (und Vincent rettet diese Welt nicht), pfui, aber angenehm an GATTACA ist gerade, daß einem thematische Tiefe nicht dauernd unter die Nase gerieben wird. Wer sich schonmal für drei Pfennige mit den Konsequenzen von Genmanipulation auseinandergesetzt hat, wird diesen Film nicht nur für seinen Schauwert lieben. ZITATE: Angenehm an GATTACA ist gerade, daß einem thematische Tiefe nicht dauernd unter die Nase gerieben wird. GATTACA Produktion: Columbia/Tristar, USA 1997 Drehbuch und Regie: Andrew Niccol Kamera: Slavomir Idziak Production Design: Jan Roelfs Musik: Michael Nyman mit Ethan Hawke, Uma Thurman, Jude Law, Loren Dean, Alan Arkin, Gore Vidal, Ernest Borgnine Deutscher Kinostart: 9.7.1998 ZITATE: Bezahlen Sie jetzt, oder Ihr Kind muß später bezahlen! Websites: Die amerikanische: http://www.spe.sony.com/Pictures/SonyMovies/movies/Gattaca/home.html http://www.gattaca.com mit “Design-a-child”-Feature! Die englische: http://www.gattaca.co.uk mit “Besucher-DNS-Test” – leider seit Monaten “under construction” Die deutsche: http://www.columbiatristar.de/filme/gattaca/welcome.html nur eine ausführliche Inhaltsangabe, mit Link zur US-Site É Human Genome Project http://www.er.doe.gov/production/ober/hug_top.html http://www.ornl.gov/TechResources/Human_Genome/home.html The Human Cloning Foundation http://www.humancloning.org/ Roslin Institute (Dolly!) http://www.ri.bbsrc.ac.uk/

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.