Text: burkhard järisch aus De:Bug 27

Überschrift eins??? Geert Lovink malt die Zukunft des Internet aus. Geert Lovink studierte in Amsterdam, wo er auch geboren wurde, erst einmal harmlos – wie viele – Politische Wissenschaften. Aber dann wurde er zum Medientheoretiker und Ðaktivist und es gibt kaum eine Ecke in der europäischen Landschaft der neuen alternativen digitalen Medien, an der er nicht in irgendeiner Form beteiligt ist: Er gehört zu Adilkno (Foundation For The Advancement Of Illegal Knowledge), Agentur Bilwet, einem freien Zusammenschluss von Intellektuellen aus dem Medienbereich; er war eine zeitlang Herausgeber des Medienkunstmagazins Mediamatic, ist einer der Mitbegründer der Digitalen Stadt, (UmsonstProvider (Freenet) in Amsterdam) und der beiden ContentProvider Desk.nl (Kultur und Kunst) und Contrast.org (Politik). Obendrein ist er auch noch ÔKulturbotschafterÕ für ÔDe WaagÕ, einer Gesellschaft für alte und neue Medien. Seit 1991 lehrt Lovink regelmässig Medientheorie in osteuropäischen Ländern und gründete 1995 gemeinsam mit Pit Schulz “Nettime”, eine internationale Plattform für Netzkritik von der wir schon berichtet haben. Wenn er dann noch Zeit hat, organisiert er bei Events wie Next Five Minutes, Metaforum (Budapest), Ars Electronica (Linz) und Interface 3 (Hamburg) mit. Wie gesagt: Wenn es um eine europäische Theorie und Praxis des Netzes geht, ist Geert Lovink eigentlich immer dabei. Debug: Die Infrastruktur-Betreiber, neue und alte Telekommunikationsanbieter (Telcos), bewegen sich immer mehr in Richtung Content, gleichzeitig werden Content-Provider und Software-Hersteller immer mehr auch in Richtung Infrastruktur/Hardware aktiv. Welchen Einfluss hat das auf die Entwicklung des Internet? Geert Lovink: Fast alles gerät zur Zeit ins Schwanken. Die Internet-Service-Provider (ISPs) waren bisher die einzigen, die richtig Geld gemacht haben. Jetzt aber werden sie von zwei Seiten angegriffen: Der Trend zum freien Netzzugang – Freeware in Grossbritannien zum Beispiel – nimmt ihnen zahlende Abonnenten weg. Auf der anderen Seite können Breitband-Provider (z.B. @home) auf der Basis neuer Technologien wie Kabel oder ADSL zu Konkurrenten werden. Die Preisgestaltung in dieser Branche ist lustig und sehr chaotisch. Ein Kabel-Zugang in Europa kostet derzeit in Europa rund 40$, aber das wird noch runtergehen. Das heisst, es gibt derzeit drei Kategorien: umsonst, 5-15$ für die ãold school ISPsÒ und die Kabel- und ADSL-Provider bei 30-40$. debug: In Palo Alto kostet ADSL unbegrenzt ca. 30$ im Monat. Bei ca. 2 GBit. GL: Davon bemerken Benutzer in Deutschland bisher nicht viel, aber irgendwann wird die Dominanz von T-Online gebrochen sein. Billige Standleitungen werden dem deutschen Netz den entscheidenen Schub geben. debug: Sind die grossen Player wie Microsoft oder Bertelsmann, die sich einkaufen und ihre eigene Version von Online-Content durchsetzen wollen, nicht eine weitere Gefahr für die alten ISPs? GL: Nun, das hängt von der Abschätzung bezüglich des Content ab. Da gibt es zwei Schulen: Old-school-ISPs und -Telcos wollen damit ja gar nichts zu tun haben. Das ist die alte UNIX-Engineering-Clique, die behauptet, sie gebe ja nur das Signal weiter, sonst nichts. Völlig entgegengesetzt ist die Service- und Medien-Struktur, die bis auf die BBS-Systeme, Compuserve und Prodigy zurückgeht. Die haben von Anfang an Inhalte angeboten. Es sind aber die Angebote, die die vernetzten Massen interessieren, nicht die Programmiersprachen, unter denen das Ganze läuft. Die Frage “NT oder Linux” ist da belanglos. Hauptsache, die Inhalte stimmen und die Abrechnungs- und Kontrollsysteme funktionieren. Ich bin der Meinung, dass das Internet nur ein Medium sein wird, und dass der Hackertraum der Content-Neutralität längst weggelaufen ist. Das Netz wird eine Plattform für eine Multi-Medienstruktur sein und sich sowohl den Print-Radio-Fernseh-Medien als auch den Popmusikbranchen annähern. debug: Sind im Internet die nationalen Player auf Dauer nicht sowieso unwichtig gegenüber den grossen internationalen Anbietern? GL: Nein, so einfach ist das nicht. Telefonica zum Beispiel wird auch in Zukunft ein wichtiger Player in Spanien und Lateinamerika sein. Wer in Japan Business macht, hat mit NTT zu tun. Die Namen und Koalitionen ändern sich, wie in der Luftfahrtindustrie. Es gibt ein ungeheures Übernahmefieber, eine Sucht nach Koalitionen, aber die Basis liegt in der Region, ist verwurzelt in der Infrastruktur, den Kabeln im Boden. Das wissen alle Telcos, auch die neuen wie GlobalCrossing, die versuchen, gegen die Übermacht von MCI Worldcom anzugehen. debug: Was hat das für Auswirkungen auf die Offenheit der Netze? Werden die Leute immer weniger ins “wilde” Internet gehen und den Content bei ihrem geschützten ISP abholen? Wird das Internet also ein Inselstaat, bei dem nur Piraten noch auf offener See segeln? GL: Ja, der öffentliche Teil wird vergleichsweise immer kleiner und langsamer. Das hat mit der Peering Policy der Backbones zu tun. Das Usenet beispielsweise gehört ja niemandem, warum sollen die grossen Telcos dafür noch zahlen? Allgemein gibt es immer mehr geschlossene Intranets. Das Netz entwickelt sich in der Tat in Richtung eines Archipels, wobei die Shopping-Insel mit dem wachsenden Business-to-Business-Anteil wohl die grösste sein wird. Wild ist da vielleicht noch der Kult um die Start-ups, verbunden mit dem Börsenfieber, das jetzt wohl mit dem Fall “Freeware” auch in Europa angekommen ist. Warten wir also gelassen den einen oder anderen Crash ab. Die erste Netzrezession aber wird die Konzentration in wenige Hände nur noch vorantreiben. Vor allem die kleinen Firmen, die heute wegen ihrer angeblichen Innovationskraft bejubelt werden, werden eingehen. Bei dieser Entwicklung ist zu befürchten, dass Content über Werbung finanziert wird – wie beim Fernsehen. debug: Ist das nicht die Logik der “alten” TV-Medienlandschaft, bei der nur derjenige seine Anzeigenkunden halten kann, der ein Massenpublikum bedient? Das Internet ist ja nicht unbedingt ein Massenmedium, sondern hat das Potential, ein hochspezialisiertes und -individualisiertes Medium mit völlig anderer Marketingstrategie zu sein. GL: Nicht für alle Nutzer, aber für die grosse Mehrheit ist das so. Die Hälfte der Internet-Nutzer ist erst im letzten Jahr dazukommmen. Was finden die vor? Die bleiben irgendwo hängen – am ehesten innerhalb von AOL. Die Entwicklung in Richtung WebTV plus E-Commerce wird also stärker. Das wiederum heisst: weniger Anbieter, die gleiche Infos und Services anbieten, und mehr Web-Konsumenten. Die eigene Homepage und generell die Kommunikationsaspekte des Internet werden gegenüber den Konsumaspekten marginalisiert und verschwinden als haardünner Rückkanal: Immer mehr E-mails teilen sich immer weniger Bandbreite. debug: Ist das Internet das allumfassende Info-Paradies oder eine Medien-Parallelwelt, die uns Informiertheit und Kompetenz vorgaukelt, indem sie ihre eigene Komplexität schafft, aber in Wirklichkeit extrem steuerbar und manipulativ einsetzbar ist? GL: Das Internet ist so dumm wie seine Redakteure, und davon gibt es ja bekanntlich wenige. Der Einfluss auf Firmen in Form von Gerüchten und Gegeninformationen ist jetzt noch gross, aber das liegt nur daran, dass die grossen Unternehmen ihre PR-Strategien immer noch nicht angepasst haben. Deren ‘perception management’ ist immer noch auf die alten Medien ausgerichtet. Diese Wissenskluft nutzen die Netzaktivisten derzeit noch aus, aber der Vorsprung wird bald verschwinden. Dann wird der Infowar einen Schritt näherkommen. Jetzt ist das Ganze noch ziemlich harmlos, wie auch während der Kosovo-Krise klar wurde. Die Pentagon-Site für ein paar Minuten zu hacken, das bedeutet ja nicht viel. Da könnten wir uns noch viel einfallen lassen und erproben. debug: Wird denn der Internet-Content auf Dauer so ungeordnet bleiben, wenn die Internet-Infrastruktur sich weiterhin so stark ordnet und konzentriert? Schlägt nicht die Form und die Struktur eines solchen Mediums auf Dauer auf den Inhalt durch? G.L.: Natürlich. Genauso wie es heute die abgestorbenen Gopher-Bäume gibt, wird es demnächst auch HTML-Wüsten geben – gutgemeinte Anfänge von Konzepten, die sich aus Geldmangel nicht weiter durchgesetzt haben. Das ist aber gar nicht so schlimm. Diese traurige Einschätzung sollte niemanden davon abhalten, eine Homepage zu öffnen oder gar eine Computerfirma zu gründen. Besuch doch mal die Gutenbergarchive, davon gibt es ja viele. Davon sagt auch niemand, ach, das war alles vergebens, was die Leute damals, im 19. oder 20. Jahrhundert, zu Papier gebracht haben. Diese Vision ist nur deshalb so schrecklich, weil wir glauben, die digitalen Speichermedien würden alles, was wir schreiben, für die Ewigkeit aufbewahren. Das ist aber noch nicht bewiesen. Digitale Informationen könnten sehr wohl in 10 oder 20 Jahren unlesbar geworden sein. Es bleibt nur präsent, wenn wir die ausgewählten Daten immer wieder erneuern, ansehen, manipulieren. debug: Können räumliche und soziale Metaphern wie die Digitale Stadt Komplexität in der Benutzung und der Wahrnehmung des Internet reduzieren? GL: Die digitale Stadt Amsterdam (dds) hat ihre Arbeit getan, die Leute ins Netz einzuführen. Das Projekt verwandelt sich jetzt in einen Experimentierplatz für Webcasting, einen Servergarten für Kultur aller Art und Webspace für alle. Sie ist damit aber noch lange nicht Geschichte. Die Konflikte um geocities.com sollten allen Nutzern eine Warnung sein. Wenn dein Server verkauft wird, geht auch deine Arbeit mit, inklusive Copyright. Das ist eine reale Gefahr. Die Freenets wie dds wurden ja gerade zu dem Zweck gegründet, gegen die Kontrolle des Internet-Content durch Unternehmen und Staat anzugehen. Raummetaphern dienten dabei nur als Einstieg. Jetzt gibt es andere Navigationsmittel, wie servergebundene Suchmaschinen, eigene Browser und Databases. Der Demokratisierungkampf aber geht weiter, auf vielen Ebenen. Der Raum ist dabei zwar ein wichtiger Anhaltspunkt, aber nicht meine Religion. debug: “Unternehmen, deren interne Prozesse langsamer sind als die Prozesse des Marktes, sind zum Untergang verurteilt”. Müssen Organisationen externe Zeitlichkeiten in sich abbilden, um zu überleben, oder müssen sie sich im Gegenteil adiabatisch von diesen Prozessen entfernen? GL: Das hört sich nach Papa Kelly (Mitbegründer des Wired) an. Adopt or die. Weder noch, würde ich sagen. Wer so reich ist, dass er sich eine solche Entfernung leisten kann, dem würde ich unbedingt empfehlen, sich zu entfernen. Vernetzung wird allmählich identisch mit der Arbeitswelt. Das Bild des PC im Hobbyzimmer, wo am Abend gesurft wird, ist von den grossen, bewachten Intranets der Firmen, Schulen und Krankenhäuser abgelöst worden. In Deutschland hat das alles ein wenig gedauert, und es gibt immer noch komische Situationen des Nicht-Vernetztseins, vor allem im Kunst- und Kulturbereich. Oder sogar an Universitäten, wo das Internet viel zu lange in den Händen der Informatiker war. Bald wird es das aber in jedem Klassenzimmer geben und von allen Disziplinen benutzt werden. Die Linuxnetze der Bürger sind ja auch schwer im Kommen. Niemand braucht sich dabei grosse Sorgen zu machen über Wettbewerbsprobleme. Deutschland ist das drittreichste Land, hypermodern und hochtechnologisch bis in die Knochen. Es wird also eine typisch deutsche Netzkultur geben, so wie in Japan, die sich nicht unbedingt an den USA messen muss. Auch nicht an Finnland, Grossbritannien und Holland. debug: Welchen Einfluss hat das Internet auf gesellschaftliche, produktbezogene und strukturelle Innovationen? Wird die Entwicklung in Richtung eines monokapitalistischen System Innovationen hemmen, oder wird eine Entwicklung zu pluralistischen, offenen Netzwerken und Ökonomien stattfinden? GL: Nein. Die Entwicklung wird alles andere als offen und pluralistisch sein. Das Netz geht haargenau den gleichen Weg wie die Printmedien in den Siebzigern und das Fernsehen in den Achtzigern: Kahlschlag, Fusionen, Werbungsmüll, Trash – also viel Vergnügen! Am Arbeitsplatz passiert die gleiche Geschichte. Mehr Produktivitätsdruck, mehr Kontrolle am Arbeitsplatz. Die e-mails werden gelesen, der Tastaturanschlag gemessen, Bildschirminhalte kontrolliert, es wird Filter geben, Verbote, Tricks, geheime Spiele. It’s all in the ball game. Die Kommunikationslust, dieser Antrieb, etwas mit Freunden, Geliebten, Fremden zu teilen, wächst aber mit, und sucht nach klugen Aus- und Umwegen. Ja, es wird diesen Produktionsboom geben, aber auch gigantische Krisen. Netze können diese Krisen nicht vorausahnen oder gar eliminieren. debug: Gibt es Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken? Ein grosser Unterschied zum Fernsehen ist ja die theoretisch unbegrenzte Bandbreite. Im TV wird Qualität der Quantität geopfert, da die guten Sendeplätze und Kanäle knapp sind. GL: Was zählt, sind die taktischen Eingriffe, die beispielsweise im Satellitenbereich abzusehen sind. Vor kurzem war ein Kanal auf Astra noch unbezahlbar. Auch heute kann er noch viele 10.000 Mark im Jahr kosten. Für Medienfirmen sind das Peanuts. Wie aber erobern wir digitale Breitbandkänale für Netzradio-Initiativen, um beispielsweise Clubs so zu vernetzen, dass Sound und vielleicht sogar Bilder ausgetauscht werden können? Wie demokratisieren wir die Breitbandnetze? Darum wird es gehen – wenn die Leute überhaupt dazu bereit sind, sich zu organisieren, nicht mit der üblichen Vereinsmeierei, sondern als Bewegung, die geprägt ist durch lose, technisch orientierte Koalitionen.

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Elektronische Lebensaspekte.