New Order klagen über das neue Shopping-Manchester, Tee-Unkultur außerhalb der Insel, Produzenten mit eigenem Kopf, freuen sich aber über deutsche Schnellzüge und deutsche Herrscher auf dem englischen Thron. Ein neues Album haben sie auch.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 91

Gelasssenheit ist eine Zier
New Order

Ort: Die Nicolai-Suite eines Berliner Nobel-Hotels. Schwere Sofas, auf dem Couchtisch eine Installation aus anfangs sechs, später acht vollen Teetassen.

Anwesende: Bernhard Sumner (Jeans, Superstars, Brille), Stephen Morris (ganz in Schwarz, schweres Schuhwerk), ein Mitarbeiter der deutschen Plattenfirma (verschwindet schnell) und ein junger Engländer vom Management der Band (taucht immer wieder aus dem Nichts auf und zählt die verbleibende Interviewzeit runter).

Bernhard Sumner: Hallo, ich geh grad noch schnell pinkeln …
Stephen Morris (schaut aus dem Fenster): Heute Abend fahren wir nach Hamburg, mit dem Zug!

Debug: Aha! Seien Sie auf einiges gefasst. Es gibt Menschen, die vergleichen die Deutsche Bahn mittlerweile mit Virgin Trains in England.

Morris: Aber wir nehmen diesen schnellen Zug!

Debug: Verkürzt die Reisezeit nach Hamburg ungemein, durchaus. Was machen denn die englischen Hochgeschwindigkeitszüge?

Morris: Ich wohne in Macclesfield bei Manchester. Neulich haben sie den Bahnhof komplett renoviert. Es sollte ein neuer Zug halten. Schneller und bequemer. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, der Bürgermeister steht auf dem Bahnsteig. Dann kommt der Zug. Nur leider hatte niemand gemerkt, dass der Bahnsteig für den neuen Zug viel zu kurz ist. So geht das bei uns …

Bernhard Sumner kommt vom Klo, hat Teebeutel und eine neue Tasse dabei, nimmt im Schneidersitz vor dem Couchtisch Platz.

Sumner: Tee, seit zwei Stunden versuche ich mir einen richtigen Tee zu machen, ergebnislos. Kann man Tee wirklich nur in England trinken? Herrgott nochmal!

Morris: Bernhard is on a mission ….

Englischer Jungspund öffnet die Tür und haucht: Noch 15 Minuten …

Debug: Sie lassen sich auf Ihrem neuen Album sehr viel Zeit, die Stücke sind deutlich länger und klingen fast wie Jams. Wie kommt’s?

Sumner (lässt den Teebeutel nichts aus den Augen): Der grundlegende Unterschied ist, dass die Songs des neuen Albums komplett fertig waren, als wir ins Studio gingen. Bei “Get Ready” hatten wir die Lyrics und die Akkorde … fertig. Dieses Mal hatten wir eine viel genauere Vorstellung dessen, was wir wollten. Die Produzenten hatten keine Chance gegen die Band … argh! Das ist doch kein Tee! Also: Man vergisst gerne, wieviel Macht ein Produzent hat. Dagegen haben wir uns bei der neuen Platte geschützt. Das neue Album: Das sind wir!

Morris: Rühr’ den Tee doch mal um!

Sumner: Hab ich doch! Stephen Street hat den Großteil der neuen Platte produziert, er hat einfach nur unsere Ideen verfeinert, war sehr respektvoll unserem Material gegenüber. Als der Großteil des Materials aufgenommen war, haben wir gemerkt, dass jetzt mal Schluss sein musste mit den Rock-Songs, also haben wir bei den verbleibenden Stücke mehr Synths eingesetzt und das Material dann von anderen Leuten produzieren lassen. Die Platte sollte mehr zum Tanzen sein.

Debug: Egal ob elektronisch oder rockig … New Order bleibt New Order. Haben Produzenten nicht eine harte Zeit, wenn sie mit Ihnen arbeiten?

Sumner: Produzenten sollen ja auch nicht den Sound färben, sie sollen vor allem die persönlichen Abgründe innerhalb der Band auffangen.

Morris: Außerdem hat der Produzent noch nicht so lange Zeit mit den Stücken gelebt, es fällt ihm leichter zu sagen: Hier müssen acht Takte raus, da vier neue rein, was soll dies, warum macht ihr das …

Debug: Herr Sumner, Sie reisen viel, singen aber auf dem neuen Album über einen jungen Mann aus Moss Side, Manchesters Ghetto. Wie wichtig ist Manchester heute noch für die Band?

Sumner: Ehrlich gesagt, möchte ich umziehen.

Morris: Das musste ja kommen.

Debug: Warum umziehen?

Sumner: Sonne. Ich möchte Sonne. Ich habe mein ganzes Leben in Manchester verbracht und kann den Regen nicht mehr sehen. Obwohl es sicher einer der Gründe dafür ist, dass so viele Bands aus Manchester kommen. Wenn du clever bist, verlässt du in Manchester von Oktober bis April nicht das Haus. Das ganze Leben spielt sich drinnen ab. Das muss sich für mich dringend ändern. Dummerweise würden mich meine Kinder umbringen, wenn ich ihnen jetzt eröffnen würde, dass wir umziehen. Sie gehen in Manchester zur Schule, haben ihre Freunde da … ich muss mich also damit abfinden. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich hin soll. Das Album haben wir in Bath an der Südküste Englands aufgenommen. Dort war es einfach wunderbar. Ich mag es, wenn man zwischen den Studiozeiten einen Spaziergang macht und schöne Dinge sieht, man von toller Architektur umgeben ist. Wenn ich hier jetzt aus dem Fenster schaue … da ist diese wundervolle alte Kirche und auf der anderen Straßenseite ein hässlicher Wohnblock. Was möchte man sich lieber anschauen?

Debug: Manchester hat sich in den letzten Jahren aber auch sehr verändert … Was fühlen Sie, wenn sie am alten Hacienda-Grundstück vorbeifahren oder an der aufgemotzten Dry Bar?

Sumner: Ich war Weihnachten wirklich geschockt über die neuen Gebäude und Geschäfte. Man kann gar nicht mehr parken!

Morris: Eigentlich wie Berlin. Wir haben in Manchester bestimmt so viele Baustellen wie in Berlin vor drei Jahren.

Sumner: Vielleicht gewöhne ich mich ja auch ans Einkaufen und kann die Stadt wieder mehr schätzen. Eigentlich wünsche ich mir das.

Morris: Die Stadt hat aber auch viel Charakter verloren, der immer sehr wichtig war. Manchester ist heute nicht mehr so grimmig wie früher. Es ist alles viel europäischer. Früher war es die pure viktorianische Grimmigkeit.

Sumner: Hab ich nie gemocht.

Morris: Nee, ich auch nicht, aber es war auch charmant … irgendwie.

Sumner: Manchester ist architektonisch sehr viktorianisch geprägt. Kein Stil, auf den man stolz sein könnte. Die Architektur unter George III. war deutlich imposanter.

Morris: War das der Verrückte?

Sumner: Der Deutsche. Er sprach kein Wort Englisch. Dann kam Königin Victoria …

Morris: Die konnte dann ein bisschen Englisch …

Sumner: Manchester ist von ihrem Stil beeinflusst … viktorianisch.

Morris: Victorian Gothic, um mal ganz genau zu sein.

Sumner: Die Industrialisierung war allgegenwärtig. In dieser Umgebung bin ich aufgewachsen. Deshalb habe ich auch meine Probleme mit der Stadt. Als ich groß wurde, war Manchester kein schöner Ort für Kinder. Ob es wohl noch Teebeutel gibt? Ich möchte ungern aufgeben …

… Der Engländer haucht: fünf Minuten! …

Debug: Wir müssen uns ein bisschen sputen, Sie haben offenbar noch einige Termine heute. Im Vorfeld des Albums war zu lesen, dass Sie bewusst tanzbarere Stücke veröffentlichen wollten. Konnte man zu “Get Ready” nicht tanzen?

Morris: Doch, wenn auch mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Tanzbar heißt für uns: elektronischer. Wir haben das bei Konzerten gemerkt, die Kids möchten mehr Elektronik. Es ist einfach mal ein anderer Schwerpunkt, den wir auch gleich mit “Working Overtime” wieder auffangen. Das ist ein fast schon punkiger Track

Sumner: Wir machen schon so lange gemeinsam Musik, dass es ganz wichtig ist, immer wieder neue Sachen auszuprobieren. Sieben Monate haben wir an der neuen Platte gearbeitet. Das ist für unsere Verhältnisse zwar schnell, aber wir sind mit dieser Prämisse ins Studio gegangen und haben so die Tracks geschrieben. Elektronischer, grader. In unserem Sound können sich immer wieder solche Nuancen ergeben, von Platte zu Platte. Wir möchten wie unsere Plattensammlungen sein … universell.

Debug: Vielen Dank!

Der Engländer winkt das Interview ab, Bernhard betrachtet das Arrangement der Teetassen und schüttelt den Kopf, Stephen schaut wieder aus dem Fenster. Er freut sich auf den Zug nach Hamburg, soviel ist klar.

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Elektronische Lebensaspekte.