Chicago Hope ist keine Krankenhausserie, sondern vor allem der Kosename von Gemini, der in den frühen 90ern der windigen Stadt neue Houseperspektiven schenkte Mittlerweile lässt er an Swimming Pools in SanFran das Ortophon System hüpfen. Hier hat jemand immer noch Spass an der Musik, am besten im Rhythmus der Ampellichter.
Text: jan joswig [janj@de-bug.de] aus De:Bug 38

/house Der Mittelbau des Party-Jetset Gemini ”FlyinÕ hi U know how I feel, up in the sky U know how I feel, driftinÕ on by U know how I feel” (U know how I feel, Gemini 1994). Spencer Kinsey aka Gemini driftet immer noch, und das fühlt sich sehr (mit breitem, ja, noch etwas breiterem Grinsen) gut an. Die Vögel auf dem Feld, Gott ernährt sie doch. Kinsey ist von einer eineinhalbsilbigen Tiefenschichtzufriedenheit und einem Weltvertrauen, das jeder Kaffeekonsument ohne Milch und Zucker geradezu als Affront auffassen könnte. Lieblingseinwurf in seinen Kommentaren: “I donÕt know”, nicht als Gewahrwerden einer vielleicht beunruhigenden Wissenslücke, sondern als feste Zuversicht, dass einen Gehirnentspannung viel weiter bringt als Anspannung, yeah. Gemini ist die Raving Freizeitgesellschaft in einer Person, der empirische Glücksfall für Technosoziologen. Die Welt ist mein Zuhause, die Arme sind ausgebreitet. Kreatives Überleben im 21. Jahrhundert unterhalb der New Economy. 24 Std. Rotationsselbstausbeutung? “Ich lasse es wirklich ruhig angehen dieser Tage. Ich verschicke nicht viele Tapes an Label. I donÕt know, ich vereinbare es zwar immer am Telefon, komme dann aber aus irgendwelchen Gründen, I donÕt know, nicht dazu. In gefestigten Phasen (breites Grinsen) kann ich gut von meiner Musik leben. Solange man bei der richtigen Plattenfirma bleibt und 3000 bis 5000 Kopien verkauft, kann man Überleben und Produzieren.” Aber wer guckt denn schon täglich in sein Portemonnaie? Den Partyadresskalender, den muss man im Blick behalten. “Ich brauche ein Lebens- und Arbeitsumfeld, das mich zum Feiern animiert. Ich fühle die Energie jeder Art von Party. Als ich Anfang der Neunziger mit Derrick Carter, Glenn Underground, Mark Farina, dem ganzen Cajual-, Relief- und Guidance-Umfeld in Chicago die zweite Housewelle losbrach, da haben wir gebadet im Vibe, 1991… 92…93…94. Irgendwann, I donÕt know, fühlte ich mich abgekappt von den Chicago-Ereignissen. Aber irgendwo ist der Vibe immer. Also zog ich vor eineinviertel Jahren nach San Francisco – Vibeseeking. Die Stadt mit den meisten DJs der Welt, Montag, Dienstag, Mittwoch, na, vielleicht Mittwoch nicht ganz so viele, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag, Poolpartys noch und noch, jede Musik, 700 Leute um den Pool, 40 im Pool.” Tagsüber, wenn aus unerklärlichen Gründen keiner so recht Party machen will, feiert er eben mit seinen Maschinen weiter. Nachts macht er aus dem stillsten Pool als DJ ein Wellenbad. “Ich liebe es zu Dj-en, die Leute in eine Stimmung zu bringen, in der sie keine Schwimmflügel mehr brauchen.” Existentiellste Krisensituation: “Manchmal springe ich so sehr hinter dem DJ-Pult auf und ab, dass die Plattenspielernadel springt.” Und ganz hinten, da piesackt ihn auch noch ein Skandal: Wer lädt ihn endlich mal nach Ibiza ein? Ansonsten gilt uneingeschränkt: “Bin ich Teil einer bestimmten Gemeinschaft? Yeah, ich bin Teil der Weltgemeinschaft. Ich hänge just so rum, freue mich an Menschen und Orten. Vielleicht sollte ich mal einen Ausgehführer herausbringen: GeminiÕs Global Go-Out Guide, GGGG?” Das Auffangkissen ist weich. Kommt er nach Berlin, verlässt er die Stadt eineinhalb Wochen später nicht, ohne mit Steve Bug zwei Tracks aufgenommen zu haben. Gekannt hat er ihn vorher nicht. Die Label, die seine Tracks herausbringen, nachdem Cajual/ Relief träge geworden oder ganz eingeschlafen ist, sind vielfältig, namhaft und willig: Peacefrog, Distance, Disko B, Planet E, Minifunk… Gemini hängt die Augenlider auf Halbmast: “Ich bin grundlegend zufrieden mit meiner Situation, in den nächsten fünf, sechs Jahren werde ich nicht aufhören, in fact, ich fange gerade erst an”, und mit der ganzen entwaffnenden Autorität seiner Aura: “In Housemusik ist der Funke von Liebe und Freiheit noch da. Ich sehe nicht viele Menschen, die konservativ geworden wären.” Der elektronische Hippie weltweit. Und das Beste: Er produziert keinen Goa-Trance. Musi entsoziologisiert 1993 war Chicago-Stomp in deftigster Blüte, und jeder wollte auf Green Velvets Label Relief den anderen bei dem Versuch ausstechen, autodestruktiven Humor mit Brechstangenschunkeln zu verbinden, Paul Johnson, Green Velvet, Gene Farris, selbst Boo Williams. “Is it your place or mine”, unmotiviertes Stakkato als Antwort, hiess es im rostigen Zahnschmerzgeschabe bei Gemini, und man hört genau, warum Green Velvet sich grüne Saugnoppen auf den Kahlkopf setzt, good clean fun geht anders. Gleichzeitig differenzieren Produzenten wie Boo Williams ihr Vokabular auf dem Relief-Schwesterlabel Casual gen fragil-introspektiven Deephouse aus, die seriöse Bank. Und auch Gemini setzt auf Casual mit einem Langzeitarbeitsprogramm an, das als Instrument eher die Pinzette als die Brechstange erfordert. Bei ihm sind es aber nicht deephousige Klang-, sondern techhousige Rhythmusspezifika, die er 380¡ untersucht. Auf Derrick Carters Classic-Label ist er damit sicher am kongenialsten vertreten. “Meine Stücke seien mit UK Techhouse verwandt? Das hat mir schon einmal jemand gesagt…” Kommentar zu diesem Bezug zuende. Aber ansonsten, sicher, “ich liebe das Gefühl von kleinen Löchern im Herzen eines Stückes. Offene Texturen mit viel Twist, rhythmische Energie mit Tchic (Fingerschnalzen).” Dieses “Tchic” setzt Gemini in einer groovedynamisierenden Feinstgliederung zusammen, die sich ganz auf Details konzentriert. Die sich in Details verliert, behaupten Skeptiker, die nach einer übergeordneten Steigerungsdramarturgie verlangen. Der weitgehend skelettierte Millimeterpapierfunk, der seine Synkopen bis ins Breakbeatige steigert, lebt nicht im Fernrohrpanorama, sondern in der Lupenperspektive. Aber da lebt er vollzeit-agil. Die breakscharfe Rhythmik in einen rundlaufenden, versteckt jazzigen Swing zu treiben, ist ihm auf seinem aktuellen Album für das Cyclo-Label, “The Music Hall”, dank des kalifornischen Umfeldes, die Poolpartys und so, ihr erinnert euch, so Hawaihemd-freundlich (mitten im Epizentrum der Mode) wie noch nie gelungen. “San Francisco wird auf “The Music Hall” reflektiert, es ist weicher, mehr kalifornisch. Ich konnte in San Francisco keinen tracky Stuff aufnehmen, ich habe es nicht gefühlt.” Was er stattdessen noch gefühlt hat, ist HipHop, die Tür zu seinem zweiten Minor-Hit nach dem fünf Jahre zurückliegenden “Le Fusion”: das ursprünglich als Classic-EP erschienene, aber auch auf die CD-Version von “The Music Hall” aufgenommene “Swimming wit Sharks”. “”Swimming wit Sharks” war ein Spassprojekt. Ich habe ein bisschen HipHop verstanden, das tief in House versenkt und damit rumgespielt.” Der Track erfüllt mit Gesangsrefrain und rhythmischen Additionen von Verquerklängen in jeder Strophe alle Ansprüche an eine übergeordnete Dramaturgie mit links, ohne das rhythmische “Tchic” aus dem Blick zu verlieren, und greift auf technisch subtiler Ebene auf den Humor der Relief-Tracks zurück. Ein Synthese-Glücksfall, eine momentane Chicago-Quintessenz wie Rolandos “Jaguar” für Detroit. “Ich kehre nach Chicago zurück, ich fühle es wieder. Es ist die Essenz dort, man sieht es in den Bewegungen der Tänzer, an den Clubs, an den Rhythmen der Ampellichter.” Mit seinem jetzigen Produktionslauf und der wachsenden Hörer-Akzeptanz gegenüber Tech- und Minimalhouse hat Gemini noch alle Chancen, zur Konsensfigur auf der nächsten Miami Winter Music Conference zu werden und endlich eine Einladung nach Ibiza zu erhalten. Wie er das trotz seines “IÕm just taking everything pretty slow right now, yeah!” erreicht, I donÕt know.

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Elektronische Lebensaspekte.